47/Pöbel/ Prosa: Eine Menschenmenge begehrt Einlass...: Falk A. Funke

Falk Andreas Funke
Eine Menschenmenge begehrt Einlass in Krauses Haus

Eine Menschenmenge begehrt Einlass in Krauses Haus. Wochenendausflügler in Freizeit-kleidung und mit winzigen Mobiltelefonen, die sie auch zum Fotografieren verwenden. Ein gewichtiger Mann, den Krause nicht kennt, bahnt sich den Weg zur Tür. In der erhobenen Hand hält er einen Schlüssel. Ein überdimensioniertes Exemplar, wie man es anlässlich offizieller Feierstunden verwendet. Zu Einweihungen oder zu Hausübergaben, denkt Krause während eines letzten Blicks durch den Spion. Dann Bewegung im Türschloss. Krause weicht ein paar Schritte zurück. Mühelos sperrt der gewichtige Mann die Türe mit dem Riesenschlüssel auf, und – wie Krause befürchtet und zu seinem Schrecken – strömt die Menschenmenge herein. Sie haben jetzt, sagt der Schlüsselmann, eine Stunde Zeit, um alles in Augenschein zu nehmen. Ich bitte, die Absperrungen zu respektieren, also die Zonen hinter den rot-weiß-gestreiften Bändern. Sie finden alles im Originalzustand. Bitte entschuldigen Sie den unvermeidlichen Staub. – Krause steht im Gang, steht im Weg, wird bald schon weitergeschoben, auf die Seite gedrängt. Er möge doch bitte, sagt ein Mann in geblümtem Hemd, sich nicht so breit machen. Schließlich sei er hier nicht zu Hause. Oder? Doch, sagt Krause und entschuldigt sich mit einem Augenniederschlag. Entzückungsrufe dringen aus Krauses Schlafzimmer. Seine Bilderkollektion wird bewundert. Die Motive aber über dem Bett, also sind das nicht? – Unerhört! Da wird einem einiges klar, hört Krause eine Frauen-stimme ausrufen, eine hysterische Frauenstimme. Allgemeines Gelächter. Liegt in diesem Gelächter aber nicht schon die gereizte Stimmung eines Pogroms? Aus der Küche Porzellangeschepper, Geklirr. Als würden Teller und Tassen zerschlagen, Messer und Gabeln aus dem Besteckkasten geräumt. Krause versucht sich zum Ausgang zu drängen, doch die Schubkraft der gegenströmenden Menge ist einfach zu stark. Ob er nicht spüre, dass er im Wege stehe?, herrscht man ihn an. War es der Herr im geblümten Hemd? Krause schwitzt. Die drängenden Leiber schieben ihn weit in seine Wohnung zurück, tiefer hinein, als er selbst jemals gelangte. Und dennoch sind ihm die düsteren Zimmer, in die er hineingerät, nicht völlig fremd. Sie scheinen für zwielichtige Zwecke eingerichtet. Szenenbilder aus Krauses geheimstem Gedankentheater. Foltergeräte! Überzogen von Spinnweben. Frauen kreischen auf, als ein offenbar fachkundiger Mann die Funktion einer gestachelten Streckbank erläutert. Eine Erklärung! Der Mann im geblümten Hemd fordert eine Erklärung. Von Krause. Er drängt ihn mit harten Händen in eine Ecke. Doch bedenken sie, sagt ein Richter in roter Robe, der plötzlich direkt neben Kraus steht: Alles, was Sie von jetztan sagen, wird vor der Menschenmenge gegen sie sprechen.

Falk Andreas Funke
Geb. und geblieben in Wuppertal 1965. Sachbearbeiter für Rehabilitation in der Arbeitsverwaltung. Schreiber und Leser. Buchtitel: Tier und Tor, Miniaturen 2004, Ballsaal für die Seele, 2010, jeweils im Turmhutverlag. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. 2001-2007 Mitarbeiter des Wuppertaler Satire-Magazins Italien.
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47/Pöbel/ Prosa: Ein unerhörter Aufschrei. Bülent Kacan

Bülent Kacan
Ein unerhörter Aufschrei

Wir wollen ehrlich sein, nichts ist von Grund auf förderlicher für das Vergessen schmerzhafter Wahrheiten – und sei es auch nur ein vorübergehendes Verdrängen derselben - als das Eintauchen in den reißenden Menschenstrom unheimlich tiefer Großstadtschluchten.

Wir tauchen ab, vergessen also vorübergehend, dass wir kurz zuvor, daheim, in trauter Zweisamkeit und ohne ersichtlichen Grund, das Herz eines geliebten Menschen gebrochen haben und machen uns auf die Suche nach all jenen verlockenden und verführerischen Süßigkeiten, die unsere bis zum Zerreißen und Zerbersten angespannten Sinne für den ekstatischen Bruchteil einer Ewigkeit betören und beschwichtigen werden.

Und während wir kleinen Fische uns – und was sind wir anderes als kleine, zitternde und zappelnde Fische, die im gewaltigen Netz des Lebens gefangen sind und unentwegt nach unsere flüchtige und vergängliche Existenz transzendierenden narkotischen, närrischen Verheißungen suchen? – ohne ersichtlichen Grund – und die Angst ist und bleibt die größte unbewusste, weil unsichtbare Antriebskraft im Menschen - zu großen Schwärmen zusammenrotten, übersehen wir hierbei, ohne uns die Bedrohung in ihrer brutalen Folgerichtigkeit vor Augen zu führen, dass wir selbst es sind, die seit undenklichen Zeiten von einem Rudel weitaus räuberischer und gefräßiger Hechte gejagt, gefangen und ausgenommen werden. Räuber, die in den Untiefen des Großstädte lauern oder aber an den brüchigen Rändern der wie verwirrt und ziellos dahinströmenden Masse mit weit aufgerissenen, zähnestrotzenden Mäulern nur darauf warten, dass sich das ein oder andere Opfertier aus der schützenden Obhut seiner Gemeinschaft löst.

Nur manchmal halten wir - sobald uns durch das endlose Treiben schwindelig und schlecht wird - inne und lassen den mächtigen Strom der Beutetiere geradewegs an uns vorüberziehen. Wir halten dann inne und lauschen dem Mark erschütternden Raunen und Rumoren der sich selbst wie zum Fraß dahingeworfenen Massen.

Bisweilen kommt es auch vor, dass wir einen großen Schritt zur Seite machen und uns die tobende Brandung der unaufhörlich anströmenden Wellen an hektischen, aufgewühlten, hin und hertreibenden Menschenleibern erschaudern und erschrecken lässt.

Mitunter geschieht es auch, dass wir uns unweigerlich von diesem Trauerspiel abwenden, wir wenden uns dann ab und starren anschließend mit weit aufgerissenem Mund und sperrengelweit geöffneten Augen in den glitzernden Spiegel eines glänzend aufgemachten Schaufensterladens, starren hinein und wundern uns über das große Fischmaul und die glitschigen Fischaugen dort drinnen und über die vergeblichen Versuche des Tieres lauthals aufzuschreien, schließlich hören wir hier draußen auf dem Pflaster nichts anderes, als das ständige Raunen und Rumoren der Masse.

Bülent Kacan
Geboren 1975 in Minden/Westfalen (Deutschland). Student der Germanistik und Geschichtswissenschaften mit dem Ergänzungsfach Philosophie Aphoristiker, Prosaist und Lyriker. Lebt in Bielefeld. www.kacan.eu
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46/ arbeits-los/ Prosa: Horst Fuchs. Ekaterina Heider

Ekatarina Heider
Horst Fuchs

Auf dem Tisch: eine offene, fettige Pizzaschachtel vom Vortag. Unzählige leere Bierflaschen von den letzten Wochen, ein eckiger, prall gefüllter Aschenbecher, Tabak, Zigarettenfilter, eine Schachtel Mexalen und meine Füße, gepackt in rosa Wollsocken mit Hasenköpfen dran. All meine Gedanken konzentrieren sich auf das kleine, nutzlose, ausgelaugte Ding, gegen das ich meine Persönlichkeit eingetauscht habe. Ohne Garantie und Rückgaberecht, da Privatgeschäft.

Der Tag beginnt. Innerhalb der ersten 1,5 Stunden trinke ich vier Tassen Kaffee, schmeiße eine davon um, schneide mich zweimal beim Rasieren, checke meine Mails ab, merke, dass ich niemanden interessiere, ziehe mich an, finde mich fett, male mir Glück ins Gesicht und gehe zur Arbeit. Ich hasse sie, und auf dem Weg dorthin wird mir das von Minute zur Minute klarer. Der Bus stinkt, der Fahrer ist unfreundlich, die Leute hässlich, arrogant und ein paar davon definitiv zu stark einparfümiert. Beim Busfahren wird mir außerdem übel.

In der Hölle angekommen, begrüße ich drei Arbeitskolleginnen. Zwei nicht. Setze mich auf meinen Platz, schalte den Computer ein und lächle die nette Steffi an, die gegenüber von mir sitzt, stets pastellfarbene Tops trägt und sich bereits um acht Uhr morgens ein Thunfischtramezzini in den Mund stopft. Verlegen richte ich meinen Blick woandershin. Erstens um nicht kotzen zu müssen, zweitens um nicht aufzufallen.

Ich logge mich im hauseigenen Computerprogramm ein, bei dem jeder Mitarbeiter eine vierstellige Nummer hat, nur der Statistik wegen versteht sich, und öffne das Call off – Fenster, in dem 176 Leute alphabetisch aufgelistet sind. Leute, die ich heute versuchen werde telefonisch zu erreichen, um sie über das neue Vier Pfoten-Projekt aufzuklären, und bestenfalls einen Abbuchungsauftrag mit ihnen abzuschließen.

Besetzt. Person nicht da. Besetzt. Aufgelegt. Nicht interessiert. Definitiv nicht interessiert. Zurzeit keine Spende. Erlagschein-Spende.

„Ja, schönen guten Tag, mein Name ist Katharina Lenz von den Vier Pfoten, spreche ich mit der Frau Brigitte Hirtzer? Schön, dass ich Sie persönlich erreiche, Frau Hirtzer!“

Ich versuche alles um mich herum auszublenden. An nichts zu denken, damit ja kein bisschen Persönlichkeit in das Telefonat durchsickern kann. Lese ab. Automatisch. Ich bin ein Roboter. Frau Hirtzer hat keinen Bock. Weil sie erstens kein Geld hat und zweitens eh schon für jeden Scheiß spendet.

„Dennoch, vielen Herzlichen Dank!“, sage ich freundlich.

Frau Hirtzer legt auf. Zurzeit keine Spende. Noch 6 Stunden, 14 Minuten und 163 Leute.

Ich sollte Veränderung in mein Leben bringen. Sollte mich weiterbilden, neue Orte besuchen. Sollte endlich meine Küche aufräumen und das Brian Molko-Poster im Vorzimmer gegen eine Weltkarte austauschen. Neue Glühbirnen kaufen und meinen Kleiderschrank ordnen. Sollte aufwachen.

Stattdessen telefoniere ich weiter vor mich hin und starre dabei mal auf den Computerbildschirm, mal auf die Steffi. Ich gehörte nämlich zu den Menschen, die nie ein Hobby hatten und als Kind nicht etwa Zahnarztbesuche oder schwierige Rechenaufgaben hassten, sondern einzig und allein die beliebteste aller Fragen: „Was willst du später mal werden?“

Ich würde ja gern etwas anderes machen, aber irgendwie kann ich nichts.

Später liege ich essend vor dem Fernseher und sehe kurz zu, wie sich die schönsten Mädchen Deutschlands gemeinsam mit Heidi zum Deppen machen, nachdem Stefan Raab in engen weißen Hosen und mit angestrengtem Gesicht versucht hat einen Football zu fangen. Auf einem anderen Sender läuft eine Dauerwerbesendung, bei der sie den Leuten zuerst eine routierende Profi – High Tech – Haarbürste, und später ein „so sensibles Hörgerät, dass Sie sich sogar ihre Lieblingsfernsehsendung anschauen können, während Ihr Partner friedlich schläft“, andrehen wollen. Der Hörgerät-Typ sagt mit einem begeisterten Lächeln, „dass Sie mit Ear Zoom ALLES hören, was in ihrer Umgebung geschieht“, wobei er die R‘s in den Wörtern „hören“ und „Ihrer“ rollt. Beide Weltneuheiten geben mir mehr Sicherheit, Selbstvertrauen, Flexibilität, Gewissheit, Schönheit, Freizeit, Stabilität, Komfort, Zufriedenheit, Glück… und sorgen für eine bessere Lebensqualität, mit Geld-Zurück-Garantie. Und wenn ich SOFORT bestelle, bekomme ich ganz viele tolle Sachen, wie zum Beispiel einen Kamm, der mein äußeres Erscheinungsbild derart verändert, dass ich endlich einen perfekten Job, einen Traumpartner und auch den Rest, den ich immer schon haben wollte, GRATIS dazu bekomme.

Nach weiteren zehn Minuten, in denen Horst Fuchs mir das ultimative Messerset, das selbst Ananas in der Luft zerschneidet, präsentiert, greife ich zum Telefon und stelle mir voller Euphorie vor, wie ich in nur zwei Wochen das nette Paketchen mit meinem neuen, harmonischen, einfachen, sauberen Leben öffne, das mir per Post zugeschickt wird. Mit einem Messerset gratis dazu, sozusagen. Geil, denke ich.

Später ruft meine fürsorgliche Mutter am Handy an, um mich daran zu erinnern, wie viel besser es für mich wäre, mir endlich einen vernünftigen Typen zu suchen, als mir ständig irgendeinen Scheiß im Fernsehen anzusehen. Die letzten zwei Minuten des Telefonats lege ich das Handy neben den Kopfpolster, lasse sie reden, öffne eine Bierflasche und trinke auf mein neues, schönes Leben.

Ekaterina Heider
Geb. 1990 in Irkutsk, Russland; kommt mit elf Jahren nach Wien, wo sie heute als Autorin lebt.

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