46/ arbeits-los/ Prosa: Ein Tag aus dem Leben eines Arbeitslosen. L. St.

L. St.
Ein Tag aus dem Leben eines Arbeitslosen

„Mmh, noch ein paar Minuten“, dachte er sich und wälzte sich im Bett auf die linke Seite. „Hab’ ja ohnehin nichts zu tun. Bin ja arbeitslos!“, schoss es ihm in den Kopf. Außerdem wollte er noch nicht aus dem warmen Bett in die kalte Wohnung. Denn in diesen Tagen, kurz vor Weihnachten hatte der Winter voll zugeschlagen und das Land mit eisigen Winden im Griff. Und das Durchheizen seiner kleinen Wohnung, oder besser gesagt seiner Wohnungsruine, konnte sich der Arbeitslose nicht mehr leisten. Deswegen, und weil die Behausung auch nicht ordentlich isoliert war, stieg das Thermometer nie höher als auf 17 Grad. Aber gut angezogen ließ sich das aushalten. Der Mensch gewöhnt sich ja an sehr vieles, vor allem wenn er muss. Denn an einen Umzug war aus Geldmangel auch nicht zu denken.

Mühsam versuchte sich der Mann an die heutigen Erledigungen zu erinnern, doch sein schlaftrunkenes Gehirn driftete immer wieder in Gedanken an seine triste Situation ab.

Selbstkündigung wegen Burn-out, seit fast einem Jahr arbeitslos, kein Geld, keine Perspektiven, keine Aussicht auf einen neuen Job, schon gar nicht in dem Bereich, den er sich vorstellte und keine Chance auf Weiterbildung. Denn niemand braucht einen abgehalfterten Gastronomen mit Pflichtschulausbildung. Und, obwohl der Sozialminister im Rundfunk von sich gab, Pflichtschulabsolventen hätten einen Bildungsdefizit und bedürften einer dringenden schulischen Ergänzung, sind die vom Staat bereitgestellten Mittel zur Unterstützung eines zweiten Bildungsweges zum Leben nicht ausreichend.

Kurzfristig drang Hass auf die völlig unfähigen und teilweise sogar böswilligen Politbonzen in das dösige Gehirn des Aufwachenden, doch war dies nur ein Aufblitzen im rasanten Wirbel seiner Gedanken. Gleich taumelte er hinüber zur Rekapitulation seiner bisherigen, eher glücklosen Existenz und der schwarze Mahlstrom der Gedanken, die zur Depression führen, begann sich schneller zu drehen.

Die Gefährlichkeit des schwarzen Fahrwassers erkennend, und fast dankbar über das polternde Aufstehen der Nachbarin in der Wohnung über ihm, riss es den Mann förmlich aus dem Bett. Er erhaschte einen Blick auf seinen Wecker, merkte, dass wieder nur knappe zehn Minuten seit seinem Aufwachen vergangen waren, torkelte aufs WC und war, als seine Oberschenkel die kalte Klobrille berührten, schlagartig hellwach.

„Schön, der Tag kann beginnen!“, sagte er laut zu sich.

Dann ließ er sämtlichen Müll vom Vortag aus sich heraus. Als das Wasser im Kocher zu blubbern begann, schaltete er ihn aus, goss sich seinen Instantkaffee auf, machte das Radio an und nahm seine täglichen Antidepressiva ein, die er nun schon seit Jahren brauchte, um überhaupt gesellschaftsfähig zu sein.

Seit er begonnen hatte, über sich selbst zu reflektieren, begleiteten ihn dunkle Gedanken durch seine Existenz, verstärkt noch durch seine unmögliche Berufswahl als Kellner und später als Einzelhandelskaufmann. Tabletten gegen die Depressionen nahm er aber erst seit ein paar Jahren. Sie halfen, mal besser, mal schlechter. Nur in schweren Krisen, wie der jetzigen, schien die Wirkung komplett zu verblassen.

Er nahm sie trotzdem weiter, aus reiner Gewohnheit. Aus dem gleichen Grund steckte er sich auch eine Zigarette an, die ihm zwar nicht schmeckte, aber ohne sie bekam er unglaubliche Aggressionen, mit denen er nicht umgehen konnte. Da rauchte er lieber. Dann ging er seine heutigen Termine durch und ihm fiel auf, dass um 9 Uhr wieder ein Besuch in einem dem AMS beigefügten Beratungsinstitut fällig war. Er hasste diese für ihn demütigenden Ausgänge in die Öffentlichkeit, noch dazu, wo er sie als völlig sinnlos empfand. Denn seine erste Erfahrung bei der Jobsuche war, nicht der, der die besten Qualifikationen für die jeweilige Stelle hatte, bekam sie, sondern der, der sich am billigsten verkaufte, machte das Rennen.

Trotzdem übte der Mann sich bei den Treffen in Geduld. Erstens brauchte er das Geld und was hatte er auch sonst zu tun? Er war ja arbeitslos!

Das Radio, in dem gerade Frühnachrichten gesendet wurden, riss ihn aus seinen Gedanken. Unter all den Meldungen von Naturkatastrophen, Selbstmordattentaten und diversen wirtschaftlichen Krisen, die ihn nicht mehr wirklich berührten, verlas der Sprecher auch, dass wieder soundso viele neue Jobs in Österreich geschaffen worden waren. Höhnisch dachte er: „Ah, ja! Und wo sind diese Jobs? Ganz sicher nicht in St. Pölten! Wer verzapft nur so einen Schmarrn! Und was hab´ ich von einer Stelle, von der ich zwei annehmen muss, um einmal davon leben zu können?“

Wütend drückte er seine Zigarette aus und holte sich ein Buch. Er begann zu lesen und beruhigte sich wieder. So war es schon immer gewesen. Sobald er ein Buch in Händen hielt, konnte er seine ihn anwidernde Umgebung vergessen und sich ganz darin verlieren. Er erinnerte sich an seine Lehrzeit, als er, von seinen Kollegen drangsaliert, mit dem Lesen seine strapazierten Nerven beruhigte. Das aus seiner Privatbibliothek angeeignete Wissen nutzte ihm im Berufsleben jedoch gar nichts, denn da er nie maturiert oder gar studiert hatte, folglich auch keine dies beweisenden Dokumente vorlegen konnte, waren ihm sämtliche Arbeitsstellen in diese Richtung verschlossen.

Nach Leerung seiner Kaffeetasse begann der Mann das morgendliche Ritual der Körperpflege. Er erledigte es schnell, gründlich und gedankenverloren. Nur einmal, als er sein Gesicht im Spiegel bewusst wahrnahm, erschien es ihm alt, krank und müde. Andererseits verwunderte ihn dies nicht, denn er war seiner Existenz schon mehr als müde. Fertig angekleidet, die Gunst der freien Stunde bis zum Pflichttermin nutzen wollend, beschloss der Mann das Ärgernis seines wöchentlichen Einkaufs auf sich zu nehmen. Er verabscheute dieses lebenswichtige Muss, da es dabei zwangsläufig zu Kontakten mit anderen Menschen kam und er das Panoptikum ihrer Charakterschwächen in seinen bisherigen Berufen bis zur Genüge kennengelernt hatte. Deshalb erledigte er öffentliche Ausgänge so früh wie nur irgend möglich, um zu den Hauptverkehrszeiten wieder in der schützenden Wohnung sein zu können.

So sah man den Arbeitslosen mit hochgezogenen Schultern, gesenktem Kopf und überaus angewiderter Miene eiligst durch den Supermarkt gehen, hier einen Preis vergleichend und dort die Qualität einer verbilligten Ware prüfend. Kurz darauf, an der Kassa, vermied er jeden Augenkontakt, blieb mürrisch und begab sich sofort nach Hause in seine Wohnung. Beim Verstauen seiner Einkäufe stellte er mit Befriedigung fest, wie wenig der Mensch eigentlich zum Leben braucht, wenn er genügsam ist. Der einzige Luxus, den er sich leistete, waren sein mittäglicher Apfel, dessen Geschmack er liebte und hie und da einen Kanten verbilligten Käses. Ansonsten lebte er von Butterbroten, zwei, drei Stück jeden Tag. Sonntags gönnte er sich eine dicke Suppe, allerdings nur während des Winters, denn im Sommer war ihm auch das Kochen zu heiß. Überhaupt hatte ihm seine Karriere in der Gastronomie sämtliche Küchentätigkeit verleidet, obwohl er sich erinnern konnte, früher ganz gern den Kochlöffel geschwungen zu haben. Für eine Person zu kochen war auch unnötiger Zeitaufwand, so empfand er.

„Und haben Sie schon in Erwägung gezogen, ein arbeitsloses Grundeinkommen zu beziehen und stattdessen ihr Leben sinnstiftend einzurichten?“, fragte die ihm gegenübersitzende junge Frau, eine Magistra (FH), die ihm vom Institut als Betreuerin zugewiesen war.

Diese Aussage ließ den Mann aufhorchen. Nachdem das bisherige Gespräch eher an ihm vorbei geplätschert war, zeigte ihm dieser Satz plakativ sein totales Versagen als Arbeitnehmer und er fühlte sich mit seiner „Schande“ aufs Schärfste konfrontiert. Sofort nahm er eine Abwehrhaltung ein.

„Aber, das kann es doch auch nicht sein!“, entgegnete er, „Ich bin noch nicht mal vierzig und will und kann ja arbeiten! Es ist doch nicht möglich, dass es in dieser Stadt keine Stelle gibt, die meinen Vorstellungen nahe kommt.“

„Naja, offensichtlich schon, Herr S., zumal man für eine Stelle, so wie Sie sie sich denken, Beziehungen braucht, die Sie nicht zu haben scheinen.“

Diese Antwort verärgerte ihn immer wieder neu, obwohl er sie schon kannte und genau wusste, dass für einen Job seiner Wahl nur Beziehungen und das richtige Parteibuch vonnöten sind. Qualifikationen gelten da nur als Nebensache.

„Ich weiß, ich kenne nur die falschen Leute.“, seine Stimme kippte ins Sarkastische, „Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als wieder einen mies bezahlten Sklavenjob anzunehmen. Was anderes gibt es ohnehin nicht für einen minderqualifizierten Pflichtschulabsolventen.“

„Nun seien Sie nicht gleich so pessimistisch!“, entgegnete ihm seine Betreuerin, „Irgendwo wird sich schon was finden lassen, das Ihnen entspricht, Herr S.!“

Ein Gefühl tiefster Resignation machte sich in dem Mann breit und er antwortete nur mit einem stumpfen: „Ja, ich weiß.“

Als der Mann die Straße betrat, schlug es vom nahen Rathausturm gerade Dreiviertel. Wieder hatte er nur eine gute halbe Stunde in dem Institut verbracht, obwohl eigentlich eine ganze Stunde vorgesehen ist und von diesem dem AMS auch in Rechnung gestellt wird. Zur Mittagsstunde fand man den Arbeitslosen, einen Apfel essend, vor seinem Computer und seine E-Mails durchsehend. Die tägliche Wohnungsentstaubung war geleistet, die Post durchgesehen, wobei natürlich wieder keine Antworten auf seine postalischen Bewerbungen der letzten Wochen dabei waren. Zum Glück forderten nicht mehr viele Firmen eine schriftliche Bewerbung an, denn solche Sendungen kosteten immer einiges Geld und zu einer Kontaktaufnahme kam es in den seltensten Fällen, ganz zu schweigen von einer Retournierung seiner Unterlagen. Auch auf telefonische Nachfragen wurde nur ausweichend oder überhaupt abweisend reagiert, so dass er es sich abgewöhnt hatte, Bewerbungen per Post abzuschicken.

Hier bot das Internet eine gute Alternative, denn wofür er früher oft ganze Vormittage hatte aufwenden müssen, vollbrachte er mittlerweile in einer guten halben Stunde. Dann war eine fertige Bewerbung abgesendet. Und die meisten Stellenanbieter reagierten sogar auf die Nachrichten! Auch wenn bisher alle Antworten abschlägig waren. Negativ blieb allerdings die geringe Qualität und Quantität der Stellenangebote.

Auch heute war es dasselbe. Nach eineinhalbstündiger Recherche hatte der Arbeitslose gerade mal 12 freie Stellen gefunden, die seinen Anforderungen entsprachen und nachdem diese ausgefiltert waren, blieben noch drei Firmen übrig, mit denen er Kontakt aufnehmen könnte. Alles andere war auf Fachhochschul- oder Studienabsolventen zugeschnitten und für ihn nicht geeignet. Und auch die ausgesuchten Firmen verlangten neben sehr guten EDVKenntnissen die perfekte Beherrschung zumindest einer Fremdsprache.

Bei der Kontaktaufnahme mit den Firmen stellte sich der altbekannte Frust beim Arbeitssuchenden sofort wieder ein, denn die vorgesehene Entlohnung entsprach in keinster Weise den Anforderungen, wie es dem Mann schien. Geboten wurden nicht einmal 1000 Euro netto, was auch für einen Alleinstehenden zum Leben zu wenig ist. Trotzdem schickte er, wenn auch mit wenig Hoffnung auf Erfolg, die drei Bewerbungen ab und widmete sich dann der weit befriedigenderen Aufgabe seiner Hobbies.

Die Möglichkeit, sich öfter seinen Vergnügungen widmen zu können, stellte einen sehr positiven Aspekt seiner langen Arbeitslosigkeit dar. Nun konnte er seinen kreativen Neigungen, die während der Arbeit immer mehr verschüttet gingen, wieder mehr Zeit und Raum geben und hatte im Allgemeinen mehr neue Ideen als früher. Sogar seine Bücher las er nun mit mehr Aufmerksamkeit, was seinem Allgemeinwissen sehr zugute kam.

Diese Stunden des Tages, in denen er seinen Gedanken freien Lauf lassen konnte, liebte er und wollte sie sich auch von seiner miesen Lage nicht verderben lassen. Das Telefon klingelte. Ein Freund rief an, lud ihn zum abendlichen Ausgehen ein. Er lehnte dankend ab, schob terminliche Gründe vor. In Wahrheit war es ihm peinlich, sich von seinen Freunden aushalten lassen zu müssen und er scheute größere Menschenansammlungen, hatte sogar Angst davor! Es graute ihm vor den abschätzigen Blicken seiner Bekannten, wenn er wieder und wieder gefragt wurde, „Und, was machst jetzt?“ und er nur sein arbeitsloses Dasein bestätigen konnte. Die Verachtung, die er dann aus ihren Gesichtern zu lesen vermeinte, schreckte ihn ab. Als weit schlimmer empfand er es aber, wenn man ihm Mitleid entgegenbrachte. Sein Versagen als nützliches Element der Gesellschaft schien nun so offensichtlich zu sein, dass er vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre. Deshalb vermied er es, so gut es ging, sich in Gesellschaft zu begeben. Die daraus folgende Vereinsamung störte ihn nicht besonders. Er war sein ganzes Leben allein gewesen und hatte sich daran gewöhnt.

Durch den unvermittelten Anruf von seinen „Freizeitaktivitäten“ weggerissen, und weil der Tag ohnehin schon fortgeschritten war, schmierte der Arbeitslose sich ein paar Butterbrote, wusch ab und holte sich danach sein Buch, um den Rest des Tages lesend zu verbringen.

Als er den allabendlichen Toilettengang seiner Nachbarin über ihm hörte, beschloss er, diesen weiteren, fast sinnlosen Tag zu beenden. Er zog sich den Pyjama an und begab sich zu Bett.

„Es hat mich wieder niemand gebraucht“, seufzte der Arbeitslose, brachte sich in Einschlafposition und driftete mit einem Gefühl tiefster Resignation hinüber.

L. St.
Geb. 1971 in Purgstall (Niederösterreich); Ausbildung in der Gastronomie mit langjähriger Praxis, danach Buchhändler;

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44/ Prosa: Mitten unter dir. Claudia Tondl

Mitten unter dir
Claudia Tondl

Ein Gefühl von Ohnmacht durchdringt meinen Körper. Ich zupfe in regelmäßigen Abständen an der Watte, die mir aus den Ohren quillt. So nach und nach. Das Dazwischen ist dumpf. Wird immer dumpfer. Nur ab und zu fährt mir ein stechender Schmerz zwischen die Augen, der mich erinnert. Ich bin da. Ich bin da irgendwie. Ich bin da irgendwie dazwischen. Und dazwischen ist ein Loch. Ein tiefer Graben. Niemandsland. Da sitze ich. Das ist meine Aufgabe. Muss es wohl sein, sonst wäre ich nicht da. Das denke ich mir. Oft. Denn meistens werde ich nicht wahrgenommen. Einfach abgetan. Was will sie? Was sagt sie? Nein, ich spreche diese Sprache nicht. Spreche sie nicht, diese Sprache. Diese fremde Sprache. Was will sie? Was sagt sie? Woher kommt sie? Was meint sie?

Ich höre zu. Höre so lange zu, bis sich ein frostwarmes Gefühl meine Eingeweide hochwindet. Unendliche Möglichkeiten drücken mir auf den Magen, schnüren mir die Kehle zu. Räuspern. Ich. Räuspern. Ich. Räuspern. In mir drinnen rattert und steckt es. Rattert und steckt es. Rattert und steckt es. Aus mir wirbelt es. Wort um Wort um Wort. Satz um Satz um Satz um Satz. Beginn. Nur Anfänge, sind bloß Anfänge und kein Ende in Sicht. Wo ist das Ende? Das Ende. Was will sie? Was sagt sie? Woher kommt sie? Was meint sie? Wohin starrt sie? Mit wem redet sie?

Meine Hände zittern. Wie ein Motor rotiert meine Gestik. Anlasser. Ich brauche Starthilfe. Ich kurble und kurble und kurble, bis meine Beine vom Boden abheben. Und meine Sätze mit mir. So fühlt es sich zumindest an. Nein, so wird es mir angefühlt. Was will sie? Was sagt sie? Woher kommt sie? Was meint sie? Wohin starrt sie? Mit wem redet sie? Wo will sie hin?

Fragende Blicke durchkreuzen den Raum. Kurz. Ganz kurz. Dann kippen viele hoffnungslose Gesichter nach vorne. Weg sind sie. Wo sie sind, weiß ich nicht, aber sie sind nicht mehr bei mir. Und das Schweigen wird zur Stille. Sprachlosigkeit macht sich breit. Greift nach mir. Schlingt sich um mich. Um meine Beine. Um meinen Hals. Um mein Herz. Raubt mir den Atem. Zuschnüren. Fester und fester. Was will sie? Was sagt sie? Woher kommt sie? Was meint sie? Wohin starrt sie? Mit wem redet sie? Wo will sie hin? Warum kann sie nicht sprechen?

Der Druckausgleich schlägt fehl. Der Motor stottert immer weiter. Gleich explodiert mein Kopf. Gleich. Gleich. Jetzt. Überall im Raum stehen zerborstene Gedanken. Splitter. Sie stehen da und lauschen. Steif. Angespannt. Sie wollen gehört werden. Das wollen sie. Und sie wollen neu zum Schwingen gebracht werden. Anstoß. Meine Wörter warten auf Reaktionen. Was meinst du? Ich sammle meine Wörter wieder ein. Was meinst du? Dabei begutachte ich jedes einzelne. Was meinst du? Vielleicht habe ich die falschen auf Reisen geschickt? Das passiert. Kann passieren. Manchmal. Oft. Meistens. Und ich habe Angst davor. Immer. Ich will dazugehören. Dabei sei. Mitreden. Das kann ich nicht. Werde ich nie können. Was meinst du?

Ich meine, es gibt da ein Gefühl. Sein. Ganz leicht. Fühlst du‘s? Es ist. Es ist da und ich gehe damit um. Muss. Ich muss mit diesem Gefühl umgehen. Fühlst du‘s? Fühl doch. Ich teile gerne eine Idee. Einen Gedanken. Meinen. Hör ihn dir an. Hör doch. Hör hin. Machst du aber nicht. Kannst du nicht? Stattdessen siehst du mich an. Und ich sehe an deinem Blick, wie deinen Gedanken vorbeiziehen. Einer nach dem anderen. Ich kenne diese Gedanken, habe sie schon oft gehört, kann sie aber selbst nicht denken. Fühlst du’s nicht? Fremde Gedanken.

Sieh mich nicht so an. Sieh mich nicht so an. So bin ich allein. Ich bin einsam, wenn du mich so ansiehst. Von dort drüben, von der anderen, Seite. Deiner. Du bist viele. Du umzingelst mich. Du bist mächtig. Du urteilst. Du brauchst mich. Daumen hoch. Daumen runter. Ich bin deine Sicherheit. Ich bin deine Integration. Ich bin deine Überlegenheit. Du oder ich. Fühlst du‘s? Fühlst du‘s? Wie fühlt sich das an? Fühl doch.

Ich bin allein. Du machst mich dazu. Weil du mich nicht verstehst. Mich nicht verstehen willst. Mir den Rücken zukehrst. Und ich? Ich kann nicht weg. Nicht vor mir selbst. Du gibst mir das Gefühl fremd zu sein. Dennoch bin ich da. Hier. Sag mir das. Sag mir, dass ich da bin. Zeig es mir. Denn ich weiß es nicht. Manchmal. Oft. Immer wieder. Dein Schweigen negiert mich. Sag zumindest, dass du mich nicht verstehst. Sag es. Sprich es aus. Aber schau mich nicht so an. Schau weg. Hör zu. Hör mir einmal zu. Ich klinge. Ich habe eine Stimme. Nein, nein, keine Angst. Meine Stimme tut dir nichts. Sie tut nichts. Lass sie schwingen. Spüre sie. Sie lässt deinen Körper vibrieren. Sie bewegt dich. Und dann sehe ich dich an. Du bewegst dich. Du bewegst dich zu meiner Stimme. Meine Stimme bewegt dich. Ich bewege dich. Wir tanzen.

Ich schließe meine Augen. Schließe meine Augen und rede. Rede, bis mir nichts mehr über die Lippen kommt. Stille. Doch dein Körper tanzt. Tanzt immer weiter. Berührt mich. Ich spüre mich.

Claudia Tondl
Geb.1980 in Wien. Arbeitet als freie Texterin und Autorin. Schreibt Dramatik und Prosa. Wurde mehrfach für ihre Stücke nominiert und ausgezeichnet. Erhält derzeit das Wiener Dramatikerstipendium. Publikationen u.a. im Wiener MONO Verlag und in „entwürfe“.
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44/ Prosa: Achtundachtzig: Susanne Morawietz

Achtundachtzig
Susanne Morawietz

Wenn Sophie fällt, und es ist Nacht, dann ist Micha bei ihr. Eigentlich soll er aufpassen, dass sie sich nicht die Zunge abbeißt oder den Kopf blutig schlägt oder so was, aber er hat es sich angewöhnt, einen Stift zu zücken, sobald es los geht. Und ein Notizbuch.
Den Stift kann ich ihr notfalls zwischen die Zähne schieben, rechtfertigt er sich vor sich selbst. Denn oft packt ihn das schlechte Gewissen. Meist jedoch überwiegt die Neugier.

Und das Staunen.
Sophie zuckt nämlich nicht nur, sie redet. Besser: Sie stammelt.
„Wenn man sich ein bisschen rein hört,“, sagt er zu Ulf, in dessen verfallener Altbauwohnung er hockt, vor sich ein leeres Weinglas, „dann versteht man sogar was.“
„Ach.“, sagt Ulf skeptisch. Er greift nach der Flasche Rosenthaler Kadarka und schenkt Micha nach.
„Doch.“, beharrt Micha. „Ich habe schon was verstanden.“
„Ach nee.“, erwidert Ulf und füllt sein eigenes Glas. „Was denn?“
„Jahreszahlen.“, behauptet Micha. Ulf bläst die Backen auf.
„1989 zum Beispiel.“, fährt Micha ungerührt fort. „Und 1990.“ Ulf schüttelt den Kopf, doch Micha zählt weiter.
„Fünfundneunzig, sechsundneunzig. Sogar 2008. Stell dir das mal vor! 2008, ist das nicht irre?“
„Sicher.“ Ulf prustet los.
„Ich meine“, sagt Micha und leert sein Glas, „Sophie erzählt, wenn sie weggetreten ist, von der Zukunft.“
Ulf verdreht die Augen, aber Micha stört sich nicht daran. Er kennt Ulf, seit sie zusammen im Kindergarten gespielt haben, und weiß, der ist ein merkwürdiger Typ. Hat seine Lehre geschmissen und diese Wohnung besetzt, trotz der kindskopfgroßen Löcher im Putz und lebensgefährlicher Elektrik, und dann hat er sich als Hilfskraft anstellen lassen in der größten wissenschaftlichen Bibliothek der Hauptstadt. Dort hockt er täglich im Magazin, vernachlässigt die Bestellscheine, die mit Zischen und einem Plopp per Rohrpost bei ihm eintreffen, denn er liest Schopenhauer.
Da kann man’s aushalten, sagt er jetzt öfter, und dass er jetzt doch nicht mehr unbedingt rüber will.
„1989, was ist das schon.“, fährt Micha fort. Langsam steigt ihm der süße Wein zu Kopf. Dennoch hält er Ulf sein leeres Glas hin. „Das ist nächstes Jahr, da ändert sich doch nichts, bei uns. Nur für die drüben, doch das interessiert mich weniger. 2008 aber, das sind zwanzig Jahre!“
Sein Freund reißt die Flasche weg, die schon über Michas Glas geschwebt hat.

„Was soll sich denn drüben ändern?“, fragt er misstrauisch.
Micha zückt sein Notizbuch, so eines aus Pappe, das in die Hosentasche passt, und blättert.
„Also hier: Neunundachtzig gibt es einen Riesenaufstand. Aus dem wird aber nichts, weil neunzehnneunzig schon wieder alles beim alten ist, CDU gewinnt Wahlen und so weiter. Irgendwelche Länder vereinigen sich, das hab ich nicht so ganz begriffen, fand ich aber auch nicht so spannend. Dann kommt das Übliche, Turbokapitalismus, Betriebe schließen, massenhaft Arbeitslose. Ganze Regionen gehen kaputt. Kannste dich frisch machen, wenn du da hin willst...“
Er grinst Ulf an und nimmt ihm sanft die Flasche aus der Hand. Schenkt sich nach. Blättert weiter und liest: „Die Abstände werden dann größer, sie lässt ganze Jahre weg, eventuell kommt das auch noch, sie geht ja nicht chronologisch vor. Oder es ist einfach uninteressant, tut sich offenbar nicht mehr viel.“
„Und das alles erzählt sie so runter?“ Ulf sieht nicht überzeugt aus.
Micha legt das Notizbuch beiseite. „Sag ich doch. Sie stammelt, und zu Anfang habe ich auch nichts verstanden. Erst seit ich mir Notizen mache, ergibt es einen gewissen Sinn. Seitdem kann ich mir denken, wovon sie spricht.“
Er steckt das kleine Buch wieder ein. „Leider erzählt sie immer nur vom Westen. Ich möchte ja gern mal wissen, wie das bei uns wird in der Zeit. Im Jahr 2008. Aber ich weiß nicht, wie ich sie dazu kriegen soll, sich auf die DDR zu konzentrieren.“
„Bring sie in Stimmung.“, schlägt Ulf vor. „Sing ihr ein Lied vor. Was Richtungweisendes.“
Schwankend erhebt er sich, stampft mit dem Fuß einen erstaunlich regelmäßigen Takt und grölt:
„Da sind wir aber immer noch, und der Staat ist noch da, den Arbeiter erbaun, das Land, es lebt, es lebe hoch...“
„Ruhe!“ schreit einer aus der Nachbarwohnung und hämmert gegen die Wand.
„Spießer!“, schreit Ulf zurück, setzt sich aber wieder.
„Gute Idee!“, sagt Micha. „Funktioniert nur leider nicht. Habe ich alles schon probiert, sie hört aber weder, noch sieht sie was. Sie ist komplett weg, verstehst du?“
„Ich versteh schon.“, erwidert Ulf. „Aber ich glaube dir nicht.“
Micha nickt. „Sie selber wollte erst auch nichts glauben. Ich doch nicht, hat sie gesagt. Ich bin doch Agitator. Wenn, dann würde ich doch was über uns erzählen. Sonst klingt das, als wollte ich abhauen, hat sie gesagt.“
„Ja.“, sagt Ulf. „Ein bisschen klingt es so.“
Beide sitzen und starren vor sich hin.
„Ganz schön verrückt, deine Schwester.“, meint Ulf schließlich.
Sie seufzen und prosten sich zu. Der Kadarka rinnt durch ihre Kehlen und Micha ahnt, dass er morgen in der Berufsschule wieder einschlafen wird.
„Aber hübsch.“, sagt Ulf. Micha wirft ihm einen scharfen Blick zu.
„Lass die ja in Ruhe.“, sagt er. „Die ist was Besonderes. Nichts für einen wie dich. Außerdem ist sie erst sechzehn.“
„Na und.“, sagt Ulf, „Ich bin auch was Besonderes.“ Er denkt nach. “Wetten...“, sagt er schließlich langsam, als sei der Gedanke, den er aussprechen wolle, noch nicht ganz fertig. „Wetten, ich krieg sie dazu, was über uns im Jahr 2008 zu erzählen? Soll ich mal probieren?“
„Du willst dich nur an sie ran machen.“, sagt Micha. „Gibt’s davon eigentlich noch mehr?“ Er zeigt auf die leere Flasche.
„Aber ich könnte das.“, beharrt Ulf, während er schwerfällig aufsteht. „Ich würde das raus kriegen.“
Micha schaut ihn an. Ulf steht da wie einer, der einen Moment innehalten muss. Der sich sehr konzentrieren muss, um nicht umzufallen. „Lass mal.“, sagt er. „Ich könnte das.“, wiederholt Ulf. „Im Ernst.“ Er wartet.
„Nein.“, sagt Micha fest.
Ulf zuckt die Schultern. Schwankend geht er zur Tür, wo der Beutel mit der letzten Flasche liegt, und kurz verschwindet er aus Michas Gesichtsfeld, weil Micha zu faul ist, den Kopf zu drehen. Weil sich sowieso schon alles dreht. Und was das Schlimmste ist, Micha hat eine Ahnung. Von dem, was Ulf nach einer Nachtwache bei Michas Schwester am nächsten Morgen erzählen würde.
Das ist der Hammer, würde er rufen, rat mal, was sie gesagt hat.
Alles geht den Bach runter?, wird Micha fragen.
Woher weißt du das?, wird Ulf entgeistert erwidern. Und ein bisschen enttäuscht. Micha weiß es nicht, aber er kann es sich denken, dass Ulf nichts anderes sagen wird. Nichts anderes sagen kann, weil er nicht verzweifeln will. Wann?, wird Micha fragen. Bald, wird sein Freund antworten, schon sehr bald. Vielleicht schon nächstes Jahr.
„Scheiße!“, ruft Ulf, und Micha zuckt zusammen.
„Issn los?“, fragt er mit schwerer Zunge.
„Korken kaputt. Nicht mal vernünftige Korken kriegen sie hin. Saftladen.“
Micha muss kichern.
„Egal.“, sagt Ulf. Brutal drückt er den Korken mit dem Daumen in den Hals, tiefer und tiefer.
Sie trinken, bis alle Flaschen leer sind und die Sonne fast schon wieder aufgegangen ist. Dann sagt Ulf, er geht heute nicht hin, und fällt um. Micha betrachtet ihn.
„Du nicht.“, sagt er leise. „Du bestimmt nicht.“ Er deckt Ulf ein zerknittertes Laken über und legt sich auf den Boden. Bevor er einschläft, denkt er noch, was für eine unerträgliche Vorstellung: Ulf, wie er Sophie einen Stift zwischen die makellosen Zähne rammt.

Susanne Morawietz
Geb. 1969 in Berlin. Bibliotheksfacharbeiter, Sinologin, seit 2009 Pflegehelferin. Gründerin des Autorentreffs „Berliner Federlesen“. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Anthologie Santa-Claus-Preis 2009, Podium 153/154 (2009), Wienzeile 56 (2010), Wortwerk 05/01 (2010).
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