Nicole Makarewicz
Im Spiegel
Ich suche den Park ab. Schatten muss sein. Aber die Schattenplätze sind alle besetzt. Ich will, ich muss alleine sein. Abgeschirmt. Sie sollen mich nicht sehen. Doch die anderen sind überall. Ich kann ihnen nicht entkommen. Sie verfolgen mich mit ihren Blicken.
Endlich! In der Nähe eines Mistkübels ist unter einem Baum mit ausladender Krone eine freie Fläche. Zum Weg hin sichtgeschützt durch eine Hecke. Es ist heiß, schon seit ein paar Wochen, um den Abfalleimer wabert eine Wolke aus Verdorbenem, Verfaultem, Vergessenem. Der Gestank ist mein Freund. Er hält mir die anderen vom Leib. Ich setze mich ins Gras, das nicht mehr grün und saftig und dicht, sondern müde und gelb und verdorrt ist. Ein Ast bohrt sich in meinen Hintern. Möglichst unauffällig versuche ich, ihn zu entfernen. Ich will keine Aufmerksamkeit erregen. Ein Windstoß bläst eine Ekelwolke in meine Richtung. Es reckt mich, aber ich bleibe sitzen. Ich sehe mich um. Zwei Freundinnen schieben Kinderwägen an mir vorbei. Sie ignorieren mich. Ihre Unterhaltung über Beikost plätschert vorbei und lässt mich unsichtbar werden.
Langsam packe ich meinen Rucksack aus. Den Kornspitz zerbrösle ich zwischen meinen Fingern. Ich kann mich nicht überwinden ihn zu essen. Also den Apfel. Ich will abbeißen, halte inne. Ein alter Mann nähert sich. Erst als ich merke, dass er den Blick nicht vom Boden hebt, kann ich weiteressen.
Endlich bin ich mit dem Apfel fertig. Lange überlege ich. Ein wenig Kornspitz? Ich lasse es bleiben. Ich genieße den Hunger, der sich wie ein Tier in meinen Eingeweiden verbeißt. »Reiß Stücke aus mir heraus«, bitte ich ihn stumm. Ich will kein Freak mehr sein, keine Monstrosität. Alles in mir schreit, dass ich fett bin, zu fett, widerwärtig fett. Mein Bauch ein schwammiger Ballon, der Hintern eine Kraterlandschaft, die Hüften unnatürlich weiblich. Meine Oberarme schlackern wie Segel im Wind, das Gesicht ist aufgequollen, unförmig rund. Selbst meine Zehen sind fett. Ich wuchte mich auf. Ich muss in die Vorlesung. Ich bin früh dran, setze mich in die letzte Reihe. In die Mitte, ich will nicht aufstehen müssen, mich den Blicken der anderen preisgeben. Ein paar Handgriffe, dann ist alles, wie ich es haben möchte. Der Collegeblock mittig am Pult, parallel dazu zwei Kugelschreiber – einer in Reserve – , ein Lineal, Taschentücher, die Wasserflasche. In den nächsten beiden Stunden werde ich mich so wenig wie möglich bewegen, alle Geräusche vermeiden. Ich werde den Kopf gesenkt halten, kein Augenkontakt, schon gar nicht mit dem Professor oder seinen beiden Assistenten. Ich versuche mit der Einrichtung zu verschmelzen. Ich bin unsichtbar.
Ein Mädchen setzt sich neben mich. Beneidenswert schlank. Als sich der Hörsaal zu füllen beginnt, rückt sie näher. Zu nahe. Ich erstarre. Trotzdem spricht sie mich an, fragt, ob sie sich einen Kugelschreiber ausborgen darf. Ihrer hat den Geist aufgegeben. Zum Beweis streckt sie mir ihre blaugefleckte Hand entgegen. Ich zucke zurück, weiche der unbeabsichtigten Berührung und ihrem Blick aus. Ich will keine Abscheu in ihren Augen sehen, keine Verachtung und vor allem kein Mitleid. Den Kugelschreiber schiebe ich ihr hin, ich bin nicht unkollegial, nur fett. Ihren Dank nehme ich nickend zur Kenntnis, den Rest der Vorlesung ignoriere ich sie. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, zu groß sind mein Selbstekel, meine Scham. Ich schwitze vor Nervosität, und die Vorstellung zu stinken, verstärkt mein Unbehagen. Immer wieder bin ich versucht, verstohlen an meinen Achseln zu riechen, doch die Angst, bemerkt zu werden, hält mich davon ab.
Endlich ist es vorbei. Ich zwinge mich, sitzen zu bleiben, bis die meisten den Saal verlassen haben. Als auch das Mädchen fort ist, packe ich, so schnell es mir möglich ist, zusammen. Ich haste aus dem Gebäude, würde rennen, wenn ich könnte. Das Atmen fällt mir zusehends schwerer. Erst als sich die U-Bahntüren hinter mir schließen und mit »Zugfäährtap!« das Kommando zum Losfahren ertönt, verlässt mich das Gefühl, flüchten zu müssen. Die Episode an der Uni hat mich so mitgenommen, dass es mir fast schon egal ist, was die anderen Fahrgäste über mich denken. Es dauert drei Stationen bis mir bewusst wird, wie lächerlich mein rotheiß-verschwitztes Gesicht wirken muss. Ich verfluche meine Unsportlichkeit, meine mangelnde Kondition, meine unsägliche Figur. Den Blick gesenkt, harre ich die restlichen Stationen aus, bis ich, von Verlegenheit getrieben, erneut die Flucht ergreife.
Zum Studentenwohnheim ist es nicht weit, der Lift ist da. In der Sicherheit meines Zimmers breche ich zusammen. Mir ist schlecht, ich fühle mich hässlich und widerlich. Könnte ich, würde ich weinen, aber Selbsthass erlaubt keine Tränen. Mein Telefon klingelt, ich reiße mich zusammen. Sie merkt sofort, was mit mir los ist. »Ich komme«, sagt sie, und legt auf. Kaum zehn Minuten später ist sie da. Sie nimmt mich in den Arm, murmelt Beruhigendes. Trotz meiner Übelkeit lächle ich. Sie ist die einzige, die mich berühren darf. Ich weiß, dass sie sich nicht vor mir ekelt. Meine große Schwester liebt mich. Früher hat sich mich vor anderen in Schutz genommen, jetzt beschützt sie mich vor mir selbst.
Sie ist wunderschön. Ich kann nicht glauben, dass wir Geschwister sind, uns einen Genpool, die Eltern teilen. Sie ist selbstbewusst, energiegeladen, in allem das Gegenteil von mir. Ich liebe sie. Und hasse sie. Das hat sie nicht verdient. Sie ist, sie war immer für mich da. Ich lehne meinen Kopf an ihre Schulter, atme ihren Duft ein und fühle mich zum ersten Mal seit langem wieder geborgen.
Plötzlich wird mir flau. Das Zimmer beginnt sich zu drehen, meine Finger, meine Hände werden taub. »Mir ist schlecht«, flüstere ich, dann wird alles schwarz.
Als ich zu mir komme, liege ich auf einer Bahre im Krankenwagen. Sirenengeheul, Blaulicht, eine surreale Szenerie. Es dauert einige Sekunden, bis ich begreife, dass etwas nicht in Ordnung ist. Mit mir nicht in Ordnung ist. Ich sterbe. Habe mich totgefressen. Tod durch Verfettung. Ich konzentriere mich auf meine Umgebung, versuche herauszufinden, was passiert ist, was geschieht. »20 Jahre«, höre ich, »extrem untergewichtig, vermutlich magersüchtig, Kreislaufkollaps, bewusstlos.« Ein Gesicht schiebt sich in mein Blickfeld, ein Sanitäter, kaum älter als ich. »Er kommt zu sich«, sagt er. Und ich verstehe nichts.
Nicole Makarewicz
Geb. 1976 in Wien, studierte Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Psychologie. Seit 1994 als freie Journalistin und Redakteurin tätig. Gewinnerin des „Forum Land Literaturpreises 2009“ mit der Erzählung Vergissmeinnicht sowie der „12. Münchner Menülesung“ mit der Erzählung Heißhunger. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Debüt-Roman Tropfenweise. Seifert Verlag 2009. Im September 2010 erscheint ihr Erzählband Jede Nacht. www.nicolemakarewicz mehr...