41 / Prosa: Der Geist von Unna: Egyd Gstättner

Egyd Gstättner
Der Geist von Unna

Aus meinem versiegelten Tagebuch Ein herrlicher Start, ein herrlicher Flug. Ein Schwenk, und dann der Wörthersee hoch oben, noch höher der Ossiacher See, der Millstätter See, da hinten, das muß das Drautal sein, und da unten das Mölltal, der da muß der Glockner sein. Noch am ersten Mai sind alle Gipfel angezuckert. Von hier oben schauen die Alpen wie eine Salzburger-Nockerl-Wüste aus. Ein prächtiges Bild! Solche Heimatkunde lob ich mir! Jeden Tag möchte ich im Himmel sein. Na gut, am Himmel. Heute ist die Sicht sonnenklar, und die Alpen hören überraschend auch nach Salzburg nicht auf, weil wir nicht in Richtung Nürnberg oder Stuttgart weiterfliegen, sondern Kurs entlang der Nordkette nehmen, sodaß sich die Grenze zwischen Tirol und Bayern, zwischen Österreich und Deutschland tief unter uns dahinzieht. Und da kommt auch schon ein großer graublauer Fleck ins Gesichtsfeld: Tatsächlich! Der Bodensee! Der Pfänder! Bregenz. Lindau. Konstanz. Die Heimat des lieben Augustin! Wie hübsch! Und wie majestätisch sich von hier oben gesehen die Rheintalautobahn durchs Rheintal schlängelt! Seltsam ist bloß, daß die Rheintalautobahn direkt in den Bodensee mündet. Zu ebener Erde ist mir das nie so aufgefallen. Wenn da bloß ein Unglück geschieht! Es passiert aber keine Verkehrstragödie, und des Rätsels billige Lösung lautet: Das ist gar nicht die Rheintalautobahn. Das ist der Rhein!
Wir landen in Köln. Dann geht es mit dem Zug weiter durch Wuppertal, Oberbarm, Schelm, Hundhausen und Hagen nach Unna ein paar Kilometer nördlich von Dortmund: Ein nettes Städtchen mit vielen Fachwerkhäusern und einem Senfspezialitätenladen mit über 300 verschiedenen Senfsorten, zum Beispiel Maronisenf. An die Fenster mancher Fachwerkhäuser sind Fachwerkvogelhäuser montiert. Schräge Vögel sind das hier! Auf einer Hauswand steht in Riesenlettern WIR SIND METROPOLE. Das ist lustig. Aber wirklich ist Unna Europäische Kulturhauptstadt 2010, nicht allein natürlich, sondern im Verbund mit Essen und dem gesamten Ruhrgebiet. Unna zelebriert jetzt innerhalb des Glocal Heroes Year gerade die Local Heroes Week – und dazu gehört die Literaten-Fußball-Europameisterschaft.
Aus allen Teilen unseres schönen Landes sind die spielenden Schriftsteller angereist, aus Innsbruck, aus Graz und die meisten natürlich aus Wien, die einen mit dem Zug, die anderen mit dem Flugzeug, jetzt treffen sie sich hier zur Bruderkussorgie im Katharinenhof, dem Mannschaftshotel. Der deutsche Tormann Albert Ostermaier sagt bei der Eröffnung, für einen über vierzig Jahre alten Mann sei eine Schriftstellerexistenz und die Einberufung in die Autonama, die Autorennationalmannschaft, die einzige Möglichkeit, jemals ein Nationaltrikot überzustreifen. Alle Nationen treten übrigens wirklich in den Original-Nationaldressen mit Wappen und pipapo an. Nur auf unseren Shirts fehlt der Bundesadler, und statt „Österreich“ steht auf der Brust „Kelag“. Land am Strome aus dem Bundeslande. In unserem Beruf braucht man als Nationalspieler viel Fantasie. Nach der Eröffnung die Auslosung: Die größten, stolzesten Nationen des Kontinents sind nach Unna gekommen, und uns, der Austroautonama, werden prompt die größten der Großen und die stolzesten der Stolzen zugelost: die Schweden, die Weltmeister sind, die Türken und die Engländer. (In der anderen Gruppe spielen die Deutschen, die Italiener und die Ungarn).
Mein persönliches Ziel ist es, ungeschoren und unverletzt davonzukommen und gegen niemanden zweistellig zu verlieren. Ich selbst bin mit meinen 48 Jahren mittlerweile leider zu fett, zu unbeweglich und behäbig, um ein Spiel an mich reißen zu können. Ich schaffe es beim besten Willen nicht, gutes Essen und Abnehmen miteinander zu vereinbaren. Ein österreichisches Schicksal. Und ein paar einer fußballspielenden Schreibkollegen können ganz einfach nicht Fußball spielen. Zwar versuchen sie diese unerfreuliche Tatsache mit großem Ehrgeiz und manchmal noch größerem rhetorischen Aufwand zu kaschieren und zu verheimlichen, und es muß etwas zwischen Höflichkeit, Freundlichkeit und Wurschtigkeit sein, daß man die Inkompetenz untereinander durchgehen lässt und den Willen des jeweils anderen fürs Werk nimmt. Unser legendärer Coach, der große Willi Kaipel, war vorsichtshalber gleich auf Krücken erschienen.

Statt der Nationalhymne summe ich vor dem Anpfiff mein Fußballgedicht:

Fürs Vaterland ein Gurkerl schieben,
das macht mir großen Spaß.
Fürs Vaterland die Knochen brechen?
Das wär dann nicht so klass.

Trotzdem erreichen wir das Ziel, das ich mir gesteckt habe, souverän. Das durchaus akzeptable 0:5 gegen die hünenhaften Schweden hätte sogar noch niedriger ausfallen können, da der Ball gleich bei drei Treffern die Torlinie im Schritttempo zu passieren sich erlaubte, und wäre Kaipel noch selbst zwischen den Pfosten gestanden, hätte er die Bälle wohl mit seinen Krücken arretieren können. Aber dazu hätte er halt vorher ein Buch schreiben müssen. Absoluter Höhepunkt des Spiels war aber, daß mir der schwedische Verteidiger Pontus Lindt, der Hünenhafteste der Hünenhaften, beim Begrüßungsabschreiten ein Döschen Kronan Svenskt Snus (Original Portion) zum Geschenk machte. Als Beweis, daß ich nicht schwindle, hier ein bisschen Schwedisch: „Denna tobaksvara kann skada din hälsa och är beroendeframkallande.“ Danke, Pontus, ich werde darauf zurückkommen, falls es mir gelingt, dieses geheimnisvolle Döschen in die Heimat zurückgekehrt irgendwie zu öffnen, und falls sich darin eine Gebrauchsanweisung findet, die nicht bloß auf Schwedisch geschrieben ist. Der arme gelbblaue Hüne mit dem Beckham-Gesicht, zehn Jahre jünger und dreißig Kilo leichter als ich, der sozusagen noch seine ganze Literatur vor sich hat, quält sich fortan mit einer Arthritis durch das Turnier.
Dem undramatischen Debakelchen folgte ein geradezu niedliches 0:2 gegen die lustigen Türken und dann – Trara! Trara! Ladies & Gentlemen! – spielten wir gegen England! Gegen das Empire! Gegen die Queen! Trommelwirbel! Noch mehr Trommelwirbel! Da waren sie in ihren lilienweißen Trikots, die Conan Doyles von heute. Andere Menschen! Das muß man wirklich sagen: Andere Menschen! Und sie hatten nicht mehr oder weniger als the defeat of the Austrian Armada im Sinn! Noch nie in meinem Leben habe ich gegen eine Mannschaft gespielt, die sich vom Anpfiff an so lautstark aufgeputscht und ohne Unterbrechung mit sich selbst unterhalten hätte. Der Stopper, der auch Kapitän ist, ruft von hinten aus der Verteidigung nach vorne: „England, let`s win this kick!“ „Come on, England!“ oder „England, relax!“ Interessanterweise heißt jeder einzelne der elf gegnerischen Spieler am Platz “England”, sodaß jeder jeden mit “England” anspricht. „England, look left!”, “England, come back!” “England, go forward!” England, England, England. Das kann schon einmal zu Verwechslungen führen. Sich selbst feuern die Briten also die ganze Zeit an. Ihren Gegner ignorieren sie komplett, behandeln ihn wie Luft und gehen dementsprechend hochnäsig und hart an den Mann. Nur wenn der Gegner (Clemens Berger) auch einmal hart an den Mann geht, sagen sie ganz indigniert: „Motherfucker!“ Den Ball berühre ich selten. Dafür mache ich geschickt die Räume eng. Das ist mit meiner Figur nicht schwer. Da ich auf meiner Position der zurückhängenden Spitze („Spitze“ also im übertragenen, nicht im eigentlichen Sinn zu verstehen) dem englischen Einpeitschlibero am nächsten stehe und er mir seine stereotypen Parolen „England, let`s win this kick!“ oder „England, you are the better team!“ nolens volens am lautesten ins Ohr hämmert, beschließe ich, weil ja sonst nicht viel zu tun ist, Mitte der ersten Halbzeit akustisch zu kontern, und brülle plötzlich aus Leibeskräften über den Platz: „Österreich, erhebe dich!“ Der kleine, knochige Brite sieht mich fassungslos an. Ich glaube, er fühlt sich parodiert, und sein Gefühl trügt ihn nicht. Mein Schrei, ja mein patriotischer Urschrei ist, wie die Mannschaft, die Schriftstellerschaft, die Austroautonama später unisono bestätigt, die Geburt des „Geistes von Unna“.
Rein fußballerisch ist das Bripotea (British Poet`s Team) genauso zurückgeblieben wie seine großen Vorbilder aus der wirklichen Fußballwelt: Kick & rush ist so sicher wie das Amen im Gebet und der Essig auf den Pommes Frites. So gelang uns zu unserer eigenen Verblüffung sogar der Führungstreffer, und mit ein ganz klein bisschen Glück schafften wir am Ende ein triumphales Unentschieden: 1:1 gegen England! Das Ergebnis bleibt uns für die Ewigkeit! In jeden einzelnen Grabstein von uns Helden wird man dereinst dieses Endresultat meißeln können: Name. Geburtsdatum. Todesdatum. Besonderes Merkmal: Beim 1:1 gegen England dabei gewesen.
Unmittelbar nach dem Schlusspfi ff, der das Ausscheiden Englands aus dem Turnier bedeutete (unseres übrigens auch), mutierten die Briten aber sofort wieder zu perfekten Gentlemen: Es gab ein herzliches Shake-hands, ein Schulterklopfen und elf Mal hintereinander: „Thank you very much! Great game!“ Nur zum Dressentausch kam es nicht, weil man in London mit dem Begriff kelag leider nicht viel anfangen kann. Und dann gingen die müden Recken ins Mannschaftshotel und bestellten Tee mit Milch. Ich liebe die Engländer.

Sämtliche Nationen fahren mit dem Shuttlebus geschlossen von Unna nach Dortmund ins Westfalenstadion und sehen hoch oben unter dem Stadiondach Borussia Dortmund gegen Wolfsburg. Die Türken skandieren im Bus enthusiastisch „Österreich! Österreich! Österreich!“, weil wir ihnen durch das Remis gegen England zum Semifinalaufstieg verholfen haben. Die Ungarn beschweren sich über den Modus, der nicht dem internationalen Reglement entspricht, außerdem über die Türken, weil die viel zu jung und lebenslustig für Dichter seien. Wahrscheinlich waren alle Rocksänger. Gute Rocksänger auch die Schweden, zum Beispiel Martin Bengtsson mit der Nummer 86 und Rossschwanz, ein begnadeter kleiner Fußballer, der angeblich einmal bei Inter Mailand gespielt und ein Buch mit dem Titel „Im Schatten von San Siro“ geschrieben hat. Ob es ins Deutsche übersetzt ist, weiß ich nicht, und ich werde auch nicht recherchieren. Vielleicht ist Martin Bengtsson erst vom Fußballer zum Schriftsteller geworden, der über Fußball schreibt. Egal.
Ein als Clown verkleideter Italiener aus Napoli, der jetzt in Torino lebt, erzählt im Bus, daß ihm Peter Andke (ich verstehe den Namen erst beim dritten Mal) ein Vorwort geschrieben und daß er eine Freundin in Pinkafeld hat. Da schau her! Am meisten an Pinkafeld scheint ihm aber nicht die Freundin, sondern der Wein zu imponieren. Der Kinderbuchautor Christoph „Panda“ Mauz erklärt vor dem letzten Spiel in der Kabine seinen Rücktritt, worauf der Buchhändler Rudi Lindorfer gleich zwei Nachrufe verfasst. Kurt Leutgeb spielt das schöne Spiel „Wie Kurt Leutgeb die Welt erschuf und was dann passierte“. Im Bus sagt Gerhard Ruiss einmal volle zehn Sekunden lang ohne Unterbrechung nichts, weshalb ich einen Moment lang allen Ernstes fürchte, er könnte gestorben sein.
Als das Finale angepfiffen wird (qualifiziert hatten sich die Deutschen und die Türken) sitze ich – ganz Spitzendichterprofi – bereits wieder im Flugzeug nach Hause. Erst später habe ich erfahren, daß Deutschland im Elferschießen gewonnen hatte. Diesmal war es stark bewölkt, so daß ich nichts von der Erde sehe, sondern beim Flugzeugfenster hinaus auf eine auf den Kopf gestellte Küstenlandschaft blicke: Der Himmel tiefblau, das Meer strahlend weiß.

Egyd Gstättner
Geb. 1962, lebt in Klagenfurt; schreibt seit etwa einem Vierteljahrhundert im Feuilleton von Süddeutscher Zeitung, Die Presse, Standard u.v.a. sowie regelmäßige Kolumen in der Kleinen Zeitung. Bisher 25 Bücher, zuletzt “Der Untergang des Morgenlands” (Picus, Wien 2009) sowie ein literarisches Stadtportrait von Klagenfurt (Carinthia, 2010, eben erschienen). Ausfl üge ins Theater (Volkstheater Wien, Borchert-Theater Münster). Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, zuletzt Otto Stössl-Preis 2009.
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40/ Prosa: Warten. Nicole Mahal

Nicole Mahal
WARTEN

 

Sie war der Bitte des Mannes nur nachgekommen, weil sie davon überzeugt gewesen war, dass es sich um eine Aktion mit versteckter Kamera handeln würde, und sie der Gedanke, nach diesem missglückten Vormittag ins Fernsehen zu kommen, tröstete. Doch nun stand sie seit mindestens zehn Minuten vor dem Supermarkt, in der rechten Hand eine Leine, an deren Ende sich eine dunkelbraune Dogge befand, in der linken eine volle Einkaufstasche.

„Bitte stellen Sie die Tasche nicht ab“, hatte der Mann gesagt und sie hatte sich ein Lächeln verkneifen müssen. Schade eigentlich, denn lächelnd sah sie auf Fotos besonders gut aus und sie nahm an, dass das auf Filme ebenso zutraf. Doch sie hatte getan, als wisse sie nicht, was hier gespielt wurde und „Geht in Ordnung“ geantwortet.

Diesen Satz bereute sie mittlerweile. Die Sonne brannte ihr die Haut auf Stirn und Schultern auf. Sie schaute auf die öffentliche Uhr, die traurig aus der Mitte des Platzes ragte. Vor ungepflegten Sträuchern und einem Beet mit verwelkten Tulpen saßen ein paar Pensionistinnen und Jugendliche auf Parkbänken herum und schauten ins Leere.

Sie erwartete jede Sekunde, dass der ältere Mann zurückkehren, sich Brille und Bart abnehmen und als Moderator zu erkennen geben würde. Sie probierte gedanklich ein paar Gesichtsausdrücke und Sätze für diesen Moment durch und hoffte, sympathisch, originell, intelligent und gut aussehend zu wirken. Sie fantasierte sogar kurz von einer Fernsehkarriere, die sich dadurch ergeben könnte. Doch als nichts passierte, beschloss sie, sich die Zeit mit Telefonieren abzukürzen. Sie musste dazu die Schlaufe der Leine um ihren Unterarm hängen, um eine Hand freizubekommen.

Mit abgewinkelter Hüfte stehend und zunehmend entnervt durchwühlte sie ihre Handtasche. Wie um ihren ungeduldigen Bewegungen etwas entgegenzusetzen, hatte der Hund sich hingelegt und seine riesige Pfote auf ihren Schuh gebettet. Sie bemühte sich nicht, den Fuß wieder hervorzuziehen. Sie hatte den Eindruck, als würde der Hund sich wohl fühlen und sie wollte ihn auf keinen Fall reizen. Sie hatte großen Respekt vor Doggen. Sie fand ihr Handy nicht. Na toll.

In dieser Gegend war sie noch nie gewesen und sie fand sie auch nicht einladend. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ihr Vorstellungsgespräch, das in einem Zeitungsverlag zwei Gassen weiter stattgefunden hatte, ziemlich mies gelaufen war. Sie war gut vorbereitet gewesen und hatte sich zu Hause noch unbesiegbar gefühlt. Doch schon als sie aus der Straßenbahn ausgestiegen war, war ihr Mut gesunken. Seltsam war es hier. Es fuhren kaum Autos und sie war auf dem Weg von der Straßenbahnstation zum Verlag lediglich an einem Supermarkt und einem Gasthaus vorbeigekommen.

Sonst sah sie keine Geschäfte.

Eine schweigende Assistentin hatte sie ins Redaktionsbüro geführt und sie war hinter ihr hergetrottet. Sie hatte zu wenig, zu unsicher und zu unkonzentriert geredet und der Redakteur hatte sie mehrfach aufgefordert, auf den Punkt zu kommen. Wenn sie als Journalistin arbeiten wolle, müsse sie das draufhaben. Der Redakteur hatte ihr dann statt eines Werkvertrags eine dreimonatige unbezahlte Praktikumsstelle angeboten und sie hatte angenommen, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, die nächsten Wochen in dieser Gegend verbringen zu müssen.

Der Mann war jetzt schon seit gut fünfzehn Minuten weg und sie begann ernsthaft an ihrer Versteckte-Kamera-Theorie zu zweifeln. So lang würde man die Opfer nicht in die Irre führen. Sie wusste, dass jede Drehminute beträchtliche Summen verschlang. Und auch wenn hier die Mitwirkenden wie sie nicht bezahlt wurden, so kosteten zumindest die Leute hinter den Kameras Geld. Sie schaute sich um. Versuchte, ohne den Hund aufzuschrecken, sich so weit wie möglich Richtung Supermarkt zu drehen, um nach dem Mann Ausschau zu halten. Vielleicht war eine Kasse ausgefallen und er stand in der Warteschlange. Vielleicht hatte er eine Bekannte getroffen, die ihn voll quatschte. Sie beschloss, noch ein wenig zu warten, obwohl sie sich immer unbehaglicher fühlte. Eine alte Frau ging an ihr vorbei und tat, als würde sie sie nicht bemerken.

Die Einkaufstasche fühlte sich von Minute zu Minute schwerer an. Welchen Sinn hatte es, dass sie sie nicht abstellen sollte? Der Mann war also kein verkleideter Moderator. Er hatte sie verarscht. Vielleicht waren Drogen in der Tasche. Koks. So wie es sich anfühlte waren es mindestens fünf Kilo. Sie stellte es sich luftdicht verpackt in zwei dutzend durchsichtigen Tiefkühlsäckchen vor, aber sie schaute nicht nach.

Die Bedeutung des Satzes „Bitte stellen Sie die Tasche nicht ab“, wurde ihr erst jetzt bewusst. Sie sollte so lang darauf Acht geben, bis jemand anderer kommen und sie ihr abnehmen würde. Sie war eine bewegungslose Drogenkurierin, ein menschlicher Umschlagplatz. Gleich würde der magere Typ von der Parkbank da drüben aufstehen, an sie herantreten und ihr mitteilen, dass er den Einkauf abhole.

Er würde nach der Tasche greifen und sie würde sagen, dass sie einem Herren versprochen habe, auf Hund und Tasche aufzupassen. Was so ein wenig übertrieben war, weil der ältere Mann sie nur gebeten hatte, kurz Hund und Tasche zu halten, er hätte vergessen, Butter zu kaufen und er wolle den Hund in diesem Viertel nicht unbeaufsichtigt vor der Tür lassen, er käme gleich wieder und sie solle bitte die Tasche nicht abstellen. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte er das mit wenig Nachdruck gesagt. Vielleicht wollte er einfach nicht, dass die Unterseite schmutzig würde. Und wenn sie sich den Boden hier anschaute, konnte sie seine Besorgnis nachvollziehen. Also alles ganz harmlos? Ein gestresster, älterer Herr, der die Butter fürs Frühstücksbrot vergessen und einen kleinen Reinlichkeitstick hatte? Aber wo blieb er? Die Pfote der Dogge lastete auf ihrem Fuß und die Einkaufstasche in ihrer Hand. Sie war eingekeilt zwischen Hund und Tasche und der diffusen Angst, ihr könne hier etwas zustoßen.

So kannte sie sich nicht. Ihre Freundinnen nannten sie „eine Frau der Tat“. Wieso stand sie also herum und tat nichts? Und auch wenn sie immer schon fantasiebegabt gewesen war, so hatte sie doch nie paranoide Züge an sich bemerkt. Was war also los mit ihr? Stieg ihr die Hitze zu Kopf? Das demütigende Angebot des Redakteurs? Sie war versucht, ihr befremdliches Verhalten auf die Gegend hier zu schieben.

Sie schaute auf die Uhr. Achtzehn Minuten. War es möglich, dass jemand so lang für den Kauf einer Packung Butter benötigte?

Sie überlegte, Hund und Tasche kurz wem anderen zu überlassen und im Supermarkt nach dem Mann zu suchen.

Oder überhaupt zu gehen. Hund und Tasche einfach stehen zu lassen. Was hatte sie schließlich damit zu tun? Niemand konnte von ihr verlangen, dass sie Stunden lang hier stand und wartete.

Sie spürte einen Ruck in der linken Hand und schaute zum Hund hinunter, der nach einer Fliege schnappte. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass er keine Sehnsucht nach dem Mann zu haben schien. Er machte einen zufriedenen Eindruck. Eigenartig. Vielleicht war er auch nur erschöpft von der Hitze.

Er schaute sie nicht an. Er hatte die Fliege erwischt und geschluckt und den Kopf wieder zwischen die Vorderpfoten gelegt. Die Augen hatte er halb geschlossen. Die Tatze auf ihrem Fuß. Sie konnte ihn unmöglich allein zurück lassen.

Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Natürlich wurde sie gerade gefilmt! Es ging hier nur nicht um die harmlose Version der Versteckten Kamera, sondern um ein neues Sendeformat, über das sie vor einigen Wochen einen kritischen Artikel für die Unizeitung geschrieben hatte. Ein Privatsender testete junge Leute mit versteckten Kameras auf Eigenschaften wie Durchhaltevermögen, Willen und Verlässlichkeit. Diejenigen, die diese Tests bestanden, erhielten die Möglichkeit, in internationalen Unternehmen zu arbeiten. Sie fasste es nicht, dass gerade sie und gerade heute und hier …

Sie wollte es gar nicht, aber sie straffte den Rücken, stellte den linken Fuß ein bisschen weiter nach außen, damit sie breitbeinig stehen konnte und sie hätte sich die Haarsträhne aus dem Gesicht geblasen, wenn die nicht schweißig an ihrer Stirn festgeklebt wäre. Sie würde der Welt zeigen, von welchem Format sie war. Dem Redakteur würde es noch leid tun, dass er sie mit einem Praktikum abgespeist hatte.

Sie hielt die Einkaufstasche, die sich mittlerweile tonnenschwer anfühlte, mit scheinbarer Leichtigkeit und sehr würdevoll. Sie hoffte, dass die liegende Dogge ihr ein königliches Aussehen verlieh, und versuchte zu verdrängen, dass ihr der Hund den Schuh nass hechelte. Eine Mücke umkreiste sie. Doch ein Insekt würde sie nicht einmal ein Zucken kosten. Sie würde so lang still und erhaben stehen, bis das Filmteam applaudierend aus seinem Versteck käme. Auf einen Job in einem Konzern konnte sie verzichten. Aber sie wollte eine Anstellung bei einer Zeitung. Und die würde sie bekommen, wenn sie hier mitspielte. Sie würde eine Reportage über ihre Erfahrung als Teilnehmerin dieser Sendung schreiben. Sie würde sich rasch etablieren. Nach ein paar Monaten als freie Mitarbeiterin würde der Verlag sie als Redakteurin anstellen. Vierzehn Monatsgehälter und ein Monat Kündigungsfrist, Urlaubsanspruch und Krankenstand.

Sie reckte den Hals.

So stand sie. Doch nichts passierte. Ab und zu schlurfte jemand an ihr vorbei. Eine Pensionistin schaute von einer Parkbank zu ihr hinüber und ein Jugendlicher zeigte auf sie und lachte. Scheiß-Viertel, dachte sie. Nichts Spannendes hier, was meinen Blick fesseln könnte. Sie hatte zunehmend Mühe, ihre aufrechte Haltung zu bewahren. Sie war so erschöpft und durstig, dass sie nicht einmal mehr auf die Idee kam, ihre Fantasien zu überdenken.

Alles fühlte sich statisch an. Es lag möglicherweise an der Hitze, dass sie den Eindruck hatte, als würde sich nichts bewegen. Oder vielleicht lag es daran, dass sie sich seit gut vierzig Minuten nicht bewegt hatte. Was sie auf den Beinen hielt, war nur die eine absurde Vorstellung: Ich werde getestet und muss bestehen. Gleich kommt die Auflösung. Die Sonne brannte heiß auf ihren Kopf.

Da wankte plötzlich der Mann auf sie zu. Als er vor ihr stehen blieb, roch sie seine Alkoholfahne. Er sagte, es tue ihm leid, dass er erst jetzt komme, ein Bekannter sei ihm über den Weg gelaufen und sie hätten schnell ein paar Schnäpse gekippt und er hätte die Zeit vergessen, sie könne ihm Hund und Tasche jetzt wieder geben, danke schön.

Delirierte sie? Sie schüttelte den Kopf, um zur Besinnung zu kommen. Sie hoffte, dass das ein schlechter Scherz war. Wenn der Kerl schon kein Moderator der einen oder anderen versteckten Kamera war, sollte er wenigstens ein Dealer sein. Aber dass sie hier wirklich fast eine dreiviertel Stunde lang gestanden war, weil ein Fremder im Suff vergessen hatte, dass sie mit seinen Sachen auf seine Rückkehr wartete, konnte sie einfach nicht fassen. Wohin war sie hier geraten? Sie hätte ihm am liebsten ein Messer in die Brust gerammt, aber sie brachte vor Wut und Enttäuschung kaum ein Wort heraus. Er griff nach der Tasche und dem Hund. Sie presste ein „Nein, die bekommen Sie nicht“ heraus. Doch als sie losgehen wollte, vergaß sie, dass ihr Fuß noch unter der Hundetatze lag und weil ihr anderes Bein vom langen Stehen zu schwach war, ihr Stolpern aufzufangen, fiel sie hin. Sie hatte im Fallen weder Leine noch Tasche losgelassen. Sie lag im Dreck und dachte: Scheiß-Tag, Scheiß-Viertel.

 

Nicole Mahal:

Geb. 1968 in Wien, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften und Germanistik, Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften. mehr...

40/ Prosa: Valse Triste. Herbert Binder

Herbert Binder
VALSE TRISTE

 

„WIE LANGE haben sie das schon?“. „Wie bitte?“.
„Na, diese besondere Art, zu sprechen …“. „Was hab ich?“.
Die Therapeutin artikuliert beherrscht angestrengt jeden Konsonanten, jeden Vokal:
„Sie sprechen ständig im Dreivierteltakt!“. „Tu ich das? Gibt´s doch nicht!“.
Dass er zunehmend schwerhörig wurde, scheint ihm, wie nicht wenigen in seiner Lebensphase, kaum bewusst zu sein. Und wie er jetzt ins Krankenhaus Bad Ischl gekommen ist, weiß er eigentlich auch nicht.
„Überhaupt weiß ich nichts. Offenbar steckt´s ihr mich eh bald ins Narrenhaus“.
Herrn Mitterer treibt es aus den Stromschnellen widerständigen Aufbegehrens in die ruhigen, dunklen Gewässer apathischer Resignation.

 

EINEM FRÜHWACHEN WINTERTOURISTEN aus Dresden war er im Morgennebel schon länger aufgefallen. Wie er sich da in sonderbaren Girlanden am Bootsanlegeplatz nahe dem „Weißen Rössl“ in St. Wolfgang bewegte. Nein, kein Torkeln, eher ein entschlossen wiegendes Getrieben sein - bis zu jenen plötzlich einsetzenden Wechselschritten und der überraschenden Linksdrehung, mit der M. dann über die Kante kippte, zunächst ohne Gegenwehr unter der Wasseroberfläche verschwand, um nach wenigen Sekunden, bis zur oberen Brust im eiskalten See stehend, mit fast erstauntem Blick die Fassade des berühmten Operettenhotels zu mustern.

 

ZU HAUSE hatte es schon seit längerer Zeit Ärger gegeben im Operettenverein, korrekt der „Vereinigung der Freunde der Wiener Operette“, den Mitterer noch während seiner späten Jahre als Sparkassenbeamter - er legte auf diese Berufsbezeichnung wider alle moderne Human-Ressources-Terminologie großen Wert - in seiner Heimatstadt ins Leben gerufen hatte. Nicht nur, dass die Jungen, natürlich inzwischen alle auch schon Pensionisten, subversiv unterstützt vom städtischen Kulturamt, zunehmend darauf drängten, ins Programm des festlichen Jahreskonzertes des gastspielenden Kurorchesters auch ausländische Walzerformen wie Musette, Furiant, ja sogar Bolero aufzunehmen, sogar Berliner Walzer von Benatzky bis Linke standen zuletzt zur Diskussion! Er war es zuletzt müde geworden, der ständigen „Durcheinanderrederei“, wie er es nannte, überhaupt folgen zu wollen. Bis vor einiger Zeit hatte er bei ihren Zusammenkünften auch immer noch den einen oder anderen gefunden, der ihm geduldig zuhörte, wenn er ihm seine Lesefrüchte über die Geschichte des Wiener Walzers nahe brachte. Immer weniger wurden sie halt, die zuhören wollten. Und einsamer wurde er, der Herr Obmann, von Mal zu Mal. Aber brauchte er sie denn letztlich überhaupt? Hatte er nicht seine Musik in sich? Seinen klassischen Dreivierteltakt vor allem anderen …

 

IN MEDIZINISCHER HINSICHT sind sie mit ihrem irreparablen Innenohr“, meinte sehr laut und sehr deutlich, aber in bemüht sedativer Absicht der HNO-Primarius, „da sind sie wirklich kein Einzelfall. Schon Kant hat ja irgendwie treffend formuliert, dass uns die Blindheit von den Dingen, die Taubheit aber von den Menschen separiert. Vielleicht ist es für sie sogar ein kleiner Trost, dass sie da nicht allein sind. Ihre Arrhythmien im Sprechduktus allerdings, die ja eigentlich tolle Rhythmen sind, die sind wissenschaftlich einzigartig! Ich hab mir gestattet - selbstverständlich absolut anonymisiert - über ihr bislang völlig unbekanntes Phänomen des intuitiven Sprechens im Dreivierteltakt einen Aufsatz zu publizieren. Wenn sie´s interessiert, ich hab mich für die Bezeichnung „Daktylus-Syndrom“ entschieden. So gehen sie nun tatsächlich in die Wissenschaft ein, Herr Mitterer. Gratuliere!“.

 

FÜR DIE BERGRETTUNG St.Gilgen ist es ein eher leichter Einsatz, ob der Begleitumstände allerdings ungewöhnlich: An einem Vorfrühlingsvormittag wird von Wanderern in einem Tunnel der seit Jahrzehnten aufgelassenen Salzkammergut-Lokalbahn ein älterer Herr aufgefunden. Quer liegt er über dem früheren Schienenstrang und reagiert, wiewohl offensichtlich bei vollem Bewusstsein, auf keinerlei Zuruf. Nur mühsam und mit auffallend starker Gegenwehr lässt sich der Mann von den fiktiven, längst entfernten „Schienen“ zerren. Immer wieder murmelt er, er hätte „den Zug“ doch schon ganz deutlich kommen gehört: Eins, zwei, drei - eins, zwei, drei – eins, zwei, drei …

 

Herbert Binder:

Geb. 1937 in St. Pölten, Studium der Wirtschaftswissenschaften in Wien. Beruflich bis zur Pensionierung 2001 als Verleger tätig (u.a. Präsident des Verbandes Österreichischer Zeitungen). Parallel dazu regelmäßig Glossen und Feuilletons für verschiedene Zeitschriften, Beiträge für Sachbücher. Essayband „Zwischen Gipfel und Abgrund“ 1995. Bis 2009 Obmann des Fördervereins Kulturbezirk St. Pölten. mehr...