32/ Prosa: Avocado, Martin Kubaczek

AVOCADO
Martin Kubaczek

Es war ein heißer Sommertag gewesen, ich hatte verschiedene Gemüse und Salate eingekauft und nach Hause gebracht in ihre Wohnung. Sie war von der Arbeit heimgekommen, müde vom Anwaltsbüro, hatte sich in der Küche niedergesetzt, mit diesem schwarz-weißen Fliesenboden, ein hoher, leuchtender Raum, sie saß auf dem hohen Stuhl, blau lackiert, Griechenlandblau, und ich sah ihr Blond dazu und dahinter Felsenküste und Meer auf dem Poster an der Wand. Unter dem seidenen Kleid leuchteten kurz ihr Schenkel auf, als sie die Beine übereinander schlug und sagte, erschöpft, sie müsse zuerst was essen, bevor sie zu etwas zu gebrauchen sei, sie habe den ganzen Tag noch nichts in sich gehabt. Sie sah sich kurz und zerstreut um, zog die Lade auf, holte ein Messer hervor, griff nach dem Berg mit Salatherzen, nahm eine runde Avocado in die Hand, wog sie kurz und drückte, ob sie reif sei, ich sah das Spiel in ihren Kiefern.

Sie begann mit dem Messer die Avocado zu häuten, langsam zu schlitzen und abzuschälen, sie legte einen Schnitt über die feste Schale, sie hob die beiden Hälften voneinander ab, indem sie leicht drehte und plötzlich fest zudrückte, fett lag darin der Kern im gelben Fruchtfleisch eingebettet, cremig am Rand, ins Dunkelgrün zu schmierig, im gelben Inneren aber kernig weich, und die Advokatin löffelte nun langsam und schnitt Spalten, legte sie grün auf eine dunkle Scheibe Vollkornbrot, schob sie in den offenen Mund zwischen die weißen Zähne, die zubissen und sie zermalmten, und sie fragte: Na, wie war dein Tag? Kauend und murmelnd, mampfend sprach sie wenig, dann stand sie auf, ging leicht vorgebeugt, die Schultern, von denen der Stoff gefallen war, und die schmalen Hüften im feinen Papayakleid, zum Kühlschrank, und schüttete sich den Rest vom Champagner vom Vorabend in eine Flötenglas. Willst du auch etwas? Fragte sie über die Schulter, ohne sich nach mir umzusehen, eher in den halb leeren Kühlschrank, aus dem das Licht strahlte, als wäre er der Zugang in eine andere Welt.

Jedes Mal, wenn ich eine Avocado sehe, nehme ich sie in die Hand, wiege sie wie ihre Brust, als ich sie liebte in der Küche, an einem heißen Tag auf dem kühlen Fliesenboden. Sie schmeckte noch nach Avocado, während ich mein Zunge in sie tauchte, cremig matt und weich schälte ich sie aus ihrem Kleid, aus dem Büstenhalter, streifte ihr die Klarsicht-Plastikträger der Pushups über die Schultern, tastete über den hellen Flaum auf ihren Armen und die Dellen, die Hautfalte in den Achseln über dem Brustansatz, sie aß noch dieses gelblichgrüne Fruchtfleisch und kostete und langte hinauf nach dem Vollkornbrot auf der Tischplatte, während ich sie liebte, und ich sah vor mir plötzlich eine helle, weite Landschaft, Farmland in Michigan, Iowa, Urbana, Nebraska. Später hörte ich ein Schubertlied aus einem Nebenraum, und als ich aufsah vom kühlen Fließenboden, stand die Advocatin lächelnd über mir, mit einer großen blau glänzenden Forelle im Arm.

Kurzbiografie: Martin Kubaczek
Geb. 1954 in Wien, unterrichtete lange in Japan, lebt und arbeitet jetzt wieder hauptsächlich in Wien. Veröffentlichungen u.a. Poetik der Auflösung, 1992, Somei, 1998, Strömung 2001, Amerika 2002, und Kritiken und Aufsätze zuletzt vor allem in „Kolik".
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31/Prosa: Zuckerbrot, Annemarie Schmid-Schmidsfelden

ZUCKERBROT
Annemarie Schmid-Schmidsfelden

Die Aura ist aus dem Fenster gesprungen. Aus dem ersten Stock, und das war ziemlich hoch. Spring auch, Wassilje, spring auch! Aber ihr Mann getraute sich nicht. Er war schwer.
Sie aber leicht, geschickt und wie eine Katze. Der Hausbesitzer, Fahrrad und Spielwarenhändler, half ihr und versteckte sie.

Sie waren auf der Flucht vor der Polizei. Der eigene Schwager hatte sie verraten. Er war neidisch auf sie, hauptsächlich auf ihre Ehe. Und eigentlich war er davon besessen, seine eigene Frau, die Lilly, mit ihrer Schwester, der Aura zu betrügen. Und die Aura für sich zu haben. Vielleicht hatte er auch Lust, den Wassilje umzubringen.

Er war in dem ganz wüsten Kommunismus in Rumänien aufgewachsen. Und das Umbringen und das Betrügen, das war ihm nichts besonderes. Wieso auch? Warum auch? Am Schluss, was ist denn der Mensch? Am Schluss, seien wir ehrlich, die meisten sind Schweine.
Das wichtigste, waren ihm, dem Schwager, seine eigenen Begierden. Die waren Realität, die spürte er. Die wollte er befriedigen, wie man sagt.
Und alles andere ging ihn nichts an.

Einmal, einmal wenigstens, wollte er mit der Aura schlafen, das hat er oft gesagt. . Und dieses Begehren verwandelte sich allmählich in eine Art Besessenheit, und die verleitete ihn zu allem möglichen. Und er wurde natürlich nicht glücklich dabei und kam nicht voran. Aber das Hetzen gefiel ihm auch. Das war so eine Ersatzbefriedigung. Es gab ihm etwas, die Polizei auf die Spur von Wassilje und Aura zu locken. Ja, das gefiel ihm. Ihr Aufenthalt war illegal. Er aber besaß sogar die Staatsbürgerschaft, er hatte Rechte, sogar Recht auf Arbeitslosengeld.

Und damals, als er nicht aus dem Fenster gesprungen war und nicht den Mut hatte sich auf diese tolle Weise in Sicherheit zu bringen, damals nahm die Polizei den Wassilje mit. Obwohl sie wahrlich mit der Securitate in Rumänien nicht zu vergleichen ist. Aber es war ihre Pflicht, sie mussten ihn mitnehmen.

Sie sperrten ihn zwei Tage ein, und dann schoben sie ihn ab.
Er war nicht aus dem Fenster gesprungen und war nicht davon gekommen. Und so hatte der, welcher sie angezeigt hatte, das ihm wichtigste erreicht. Der Wassilje war weg.
Und die Aura war da geblieben. Jetzt würde er auf seine Rechnung kommen! Jetzt würde er sie einladen, jetzt würde er sich als Gentleman erweisen, jetzt würde er Staat mit ihr machen, mit der Art wie sie ging, wie, ohne dass sie es wollte ihr Busen sich zeigte, so, dass die Männer ihn beneiden mussten. Ausgehen, zum Essen, zum Tanzen, und so weiter. Jetzt würde er ihr zeigen, dass er Geld hatte. Und er hatte Geld! Er war kein Idiot! Er hatte Zigaretten geschmuggelt. Er hatte ein Auto, er konnte ihr Schuhe kaufen, Kleider, was sie wollte! Er war ein Mann und er verstand sich auf die Liebe. Und er hatte die Huren satt. Er hatte die Lilly immer betrogen. Sie hatte die sexuelle Anziehung nicht auf ihn. Da war nichts zu machen. Er hatte allerhand flüchtige Bekanntschaften. Aber am öftesten betrog er sie doch mit den Huren. Und er hatte sich allerlei geholt dabei. Das hatte er auch satt. Waren schon rechte Weiber, die Huren. Dreckige Weiber.

Er setzte jetzt alles daran, die Aura für sich zu gewinnen. Aber so viel er auch daran setzte, er erwischte sie nicht.
Sie entkam ihm immer. Lebte einmal da, einmal dort, färbte sich die Haare. Färbte sie selbst um zu sparen, so dass es lächerlich war, so ungeschickt ist es gewesen. Rot, gelb, tintenschwarz, aber was machte das?
Kaufte riesige Sonnenbrillen, und so erkannte nicht einmal er sie, der Schwager.
Aber sie selbst war durch seine Anzeigen Polizei und Amts kundig geworden. Und man verfolgte sie.

Eines Tages, kam man ihr auf die Spur. Trotz fremdem Haus, trotz fremder Wohnung,. Sie saß unter dem Tisch, verborgen durch das Tischtuch, die Schuhe der Polizisten vor Augen. Die Wohnungsinhaber schützten sie, gingen das Risiko ein, logen, sagten, na, die, die ist längst dahin! Die ist zurück, die ist in Rumänien! Und sie wurde wirklich nicht gefunden.

Das war schon was! Gehetzt sein, rechtlos sein, ein Niemand sein. Keine Sicherheit, nur Angst. Angst vor dem Gefängnis, Angst vor der Abschiebung.

Aber geschehen Wunder auch für die durch das Schicksal Gehetzten? Geschehen Wunder auch für die vom Schicksal Verfolgten?
Ja, manchmal nimmt die Gerechtigkeit sie in den Arm.
Die Aura bekam einen Brief!
Das musste der schriftliche Befehl für die Abschiebung sein!
Sie lässt ihn ungeöffnet liegen. Einen Tag und noch einen.
Aber dann, dann sagt man, du musst, Aura, du musst ihn öffnen!
Das Kuvert enthält ein drei Seiten langes Schreiben.
Und auf jeder Seite die Versicherung, dass ihr, der Aura, dem Flüchtling, dem Nichts, dem Niemand, die Aufenthaltsbewilligung in Österreich zugesprochen wäre.
Aufenthaltsbewilligung, Stempel der Bezirkshauptmannschaft!
Was war das!
Das war mehr als das Fest aller Feste! Das war ein riesiger Schwall von Gesang, von goldenem Licht, das nahm die Besinnung, das brachte das große Weinen, das Schluchzen, den lange nicht gekannten Schlaf.

Und langsam das Erkennen: Die Gefängnistür ist offen!
Der Brief von der Bezirkshauptmannschaft, ist eine Ikone für die Aura. Sie wird geküsst, gerahmt und aufgehängt, gleich neben der Madonna.
Ende der dottergelb, feuerrot, tintenschwarz gefärbten Haare, der Perücke, der Sonnenbrille Des Verstecks vor den Schuhen der Polizei.

Eines Tages sagt die Aura:
Ich habe es gewusst.
Die mutige Aura, die aus dem Fenster springen, die lachen konnte, hinter der die Männer her waren, immer schon und nicht nur der Schwager.
Die Aura, die schöne, starke und mutige Aura!
Eines Tages sagt sie:
Damals habe ich es gewusst wie ich mit dem kleinen Alex, in der Nacht über die Grenze geflohen bin. Damals, als ich ins Auffanglager gekommen bin, in der Früh, wie wir Brot bekommen haben und Tee, wie ich meinen Zucker dem Alex auf sein Brot gestreut habe und er gesagt hat, du auch Mama, iss du auch, wie wir das Zuckerbrot zusammen gegessen haben da, damals hab ich gewusst, wie die Freiheit schmeckt.

Kurzbiografie: Annemarie Schmid-Schmidsfelden
Aufgewachsen in Pögstall und Ybbs, Matura Englische Fräulein St. Pölten, ehemalige Rundfunksprecherin und Hörspielautorin.
Studium der Germanistik und der Kunstgeschichte.
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31/ Prosa: XXX, Sönke Busch

XXX
Sönke Busch

Zu Beginn eine kurze Geschichte, welchen meine Mutter schrieb, und welche ich erst vor einigen Wochen entdeckte.

Warum ich den größten Teil meiner Kindheit im Schoße und in der Wohnung meiner Großmutter Emma, statt bei meinen leiblichen Eltern verbrachte, wusste ich nicht.
Nach einer Weile, die ich bei ihr wohnte, vergaß ich meine Eltern fast und ich denke bis heute das ich sie nie kennen gelernt habe.
Großmutter Emma sprach nie viel, sie war ein praktischer Mensch, wie schon ihr Äußeres verriet; wenn ich mich zurückerinnere, denke ich zuerst an ihre großen weichen Hände und an ihren Busen, den sie vor sich her durch ihre kleine Wohnung im Bremer Stadtteil Sebaldsbrück schob.
Mit dem Stolz einer Überlebenden fuhrwerkte sie durch jedes Zimmer. Sie hielt sogar die kleinste, schattigste Ecke eines jeden Zimmers so sauber, dass nicht damit zu rechen gewesen wäre, dass sich jemals Leben in dieser Wohnung befunden hatte.
Zu den zwei Zimmern und dem Flur, die meine Großmutter einst mit ihrem Ehemann bewohnt hatte, mietete sie den Dachboden hinzu, um mir ein Zimmer einzurichten.
Sie schlug den alten Spitzboden, das „alte Versteck", wie sie ihn immer nannte, mit groben Militärdecken aus; schaffte eine kleine Matratze hinauf, und lies mich bei sich wohnen, nicht ohne mir zu untersagen, die kleinen Kisten, welche ebenso wie ich auf dem Speicher verstaut waren, jemals zu berühren.

Mir war es, wie vielen anderen Kindern, die sich in der Kleinheit einer Höhle wohl fühlen; Ich genoss es mich unter dem riesigen Berg decken zu verstecken, bis nur noch mein Kopf heraus schaute und liebte es in den alten verbotenen Truhen zu wühlen, die auf dem Speicher neben meiner Matratze standen. Es schien eine Tradition meiner Familie zu sein, nach dem Tod eines Angehörigen eine kleine Truhe zu packen, eine Truhe in die jeder Hinterbliebene ein kleines Stück seiner Erinnerung legte. Etwas, das ihn an den Verblichenen erinnerte.

Ein Foto, einen Ring, einen Brief, das liebste Hemd, sogar alte, abgetragene Schuhe. Heimlich schöne, für andere nicht zu verstehende Erinnerungen.
Nicht größer als Schuhkartons waren diese Kisten, fein säuberlich gestapelt und in Leinen gewickelt standen sie neben meinem Bett, und oft schaute ich sie mir bei Kerzenschein heimlich und leise an, um meine Großmutter glaubend zu machen, ich würde schlafen. Alles räumte ich genauso zurück wie ich es vorgefunden hatte.
Zu fast jedem Stück erfand ich eine Geschichte und nach einer Zeit wollte ich von den echten Geschichten, die sich hinter den Kisten verbargen schon gar nichts mehr wissen.
Nur bei einer dieser Kisten, es war die Kiste meines Großvaters, der einst hier gewohnt hatte, wollte mir nichts einfallen. Nicht die kleinste Geschichte.
Sie war die letzte die ich öffnete, und alles, dass sich darin befand, war ein alter vergilbter Stofffetzen, auf den in rot drei xxx gekreuzt waren. Das Stück war in ein größeres Tuch eingewickelt, behutsam gefaltet und mit einem rauen Faden verschnürt. Ich legte den Fetzen zurück, und gab mich dem Gedanken hin, dass es wohl keine besondere Erinnerung war, die dort verstaut worden war, sondern eher, das einzige, dass von meinem Großvater nach seiner Verschleppung nach Buchenwald noch geblieben war.

Ich sprach nicht viel mit Großmutter und ihr Tod war so unaufregend und ohne umschweife wie sie ihr Leben gelebt hatte. Ich fand sie eines morgens, wie schlafend in ihrem Bett, ihr Gesicht war nicht zufrieden oder glücklich, und ich konnte in ihren Augen sehen, das ihre letzten Gedanken wohl die Worte waren, die sie jeden Tag wiederholte:
"Es ist wie es ist."
Sie sprach die S- Laute immer scharf aus.
„S is wies is".

Als ich die Decke zurückschlug fiel mein Blick auf ihre Hand und ich sah das Stück Stoff aus der Kiste meines Großvaters. Sie musste es nachts heimlich, während ich schlief, aus meinem Dachboden geholt haben.
Großmutter hatte es aufgefaltet, um ihre Finger gewickelt und die Hand unter ihre Wange geschoben, so das das Tuch ganz nah unter ihrer Nase lag.
Das ist mein letztes Bild von ihr. Ich habe es nie geschafft ihr eine Kiste zu machen.

Jahre später, als erwachsene Frau, erfuhr ich von einem Ritual der jüdischen Gefangenen in den deutschen Konzentrationslagern.

Aus alten Betttüchern wurden nachts kleine Stücke gerissen, mit drei Kreuzen gekennzeichnet und über Nacht am Körper versteckt.
Da jedes Gespräch und jeder Schrieb zwischen Mann und Frau untersagt und alles Geschriebene konfisziert wurde, waren es nur diese drei Kreuze, Kreuze ohne Unterschrift und ohne Namen, die auf den Wäschefahrten aus den Lagern herausgeschafft werden konnten.
Der Geruch, den der Stoff über die Nächte nah am Körper getragen, aufgenommen hatte, war das einzige unverfälschte Lebenszeichen, das den im Untergrund Lebenden außerhalb des Lagers überbracht werden konnte.
Diese drei Kreuze, meist mit drei Tropfen Blut geschrieben, standen für drei Worte, die in dieser Zeit niemand zu sprechen wagte.

Erst Jahre später, beim Umbau des Hinterhofes dieses Gerichtsgebäudes, fanden Bauarbeiter eine kleine Metallkiste, angefüllt mit Briefen und Notizen, versteckt unter einem losen Pflasterstein hinten im Hof, wo sie heute immer den Tatort drehen.
Diese Briefe leben erst jetzt, 75 Jahre später.
Unter ihnen ein Brief des zweiten Mannes meiner Urgroßmutter. Er liegt heute mit in seiner Truhe auf meinem Dachboden.

 

Liebste Elsa,

ich hoffe dieser Brief erreicht dich, wir dürfen nicht schreiben.
Wenn du nicht alles lesen kannst, liegt das daran das uns stift und paier untersagt sind, ich schreibe dir dies mit einer stumpfen Gabel und schwarzer Schuhwichse, die ich von meinem Arbeitseinsatz zum Reinigen der Soldatenstiefel entwendet habe.
Es ist kalt hier in der Zelle, die letzten meiner Mithäftlinge sind fort, wohin, das weiß ich nicht. Der Versuch es mir vorzustellen macht mich zitternd. Es war bis gestern jeden Tag das gleiche Prozedere, jeden Morgen holen sie einen von uns.
Sie begannen am Ende meines Korridors und ich hörte das Wimmern und Schreien meiner Mitgefangenen.
Tag für Tag höre ich die Stiefeln über den Korridor stapfen, ich höre das metallene Aufreißen der schweren stahlbeschlagenen Türen und das Schreien eines unserer Namen.
Kurze Zeit später dumpfe Schläge und das Schleifen nackter Füße und nackter Haut auf rauh verputzten Flur.
Auf diesem Flur sind acht Zellen in denen 10 Menschen sind.
Sie werden jeden Tag weniger.
Jeden Tag werden es weniger, es wird immer stiller im Gang.
Seid ich hier bin, seid wir uns das letzte Mal sahen.

Das letzte Mal als wir zusammen beim Arzt saßen, in der Schlange warteten, obwohl wir gar nicht krank waren. Wie sie dich fort sandten. Und ich erst einige Tage später zu dir heimkehrte.
Ich weiß, dass du geweint hast. Und es ist mein größtes Unglück, dir nie gesagt zu haben, warum ich nicht ganz bei dir sein konnte, obwohl ich bei dir war.
Sie haben mir alles genommen.
Weißt du noch, als wir an der Weserwehr saßen, als ich dich gefragt habe, ob wie heiraten wollen?
Wie wir über die Zukunft sprachen, ich mir ein Haus und du dir Kinder wünschtest?
Wie wir hofften, dass unsere Kinder werden wie wir.
Ganz so wie wir, nur dass sie hören könnten.
Wir haben gelacht.
Das war ein guter Tag.
Mach dir keine Sorgen. Ich bin bei dir.
Wir werden keine Kinder haben, denn ich kann keine Kinder mehr haben.
Sie haben mich operiert.
Die Ärzte haben sie uns genommen, noch bevor wir sie haben konnten.
Es ist uns heute verboten. Verboten für die Zukunft zu leben.
Deswegen mein Schweigen als ich heimkehrte. Ich kann dich nicht verlieren. Doch ich habe keine Zukunft mehr. Nicht hier und nicht mit dir. Ich werde sterben.
Hier oder dort.
Nichts von mir wird weiterleben.
Ein Haus kann nicht leben ohne Leben in ihm. Unser Haus von dem ich nachts immer noch träume.
Ich habe Angst. Es ist einsam so alleine hier. Einsam ohne dich an meiner Seite. Ohne mich, der dir nicht geben kann was du dir wünschst.
Ich kann es dir jetzt sagen, da ich weiß, dass es wohl kein morgen mehr gibt.
Ich hatte zuviel Angst und du weißt: Reden war nie meine Kraft.
Erst in diesen Stunden finde ich den Mut ehrlich zu dir zu sein.
Die Schritte auf dem Korridor kommen näher. Jeden Tag.
Wir werden vor Gericht gebracht. Einer nach dem anderen, und ich weiß nicht mehr, ob es das Schlagen von Türen oder Gewehrschüsse sind, die ich nachts höre.
Ich habe zuviel Angst um an irgendetwas zu denken.
Und denke mir, wozu Angst. Ich hatte alles von dem ich geträumt hatte.
Ich hatte dich Elsa. Und du hattest mich.
Versteck dich.
Doch stirb nicht.
Nirgends lebe ich, außer in dir.
Mein letzter Herzschlag wird bei dir sein.
Wir sind zusammen. Das kann uns keiner nehmen.
In uns sind wir beieinander.
Für immer.

Da ist keine Hoffnung mehr. Kein Mut, dass es ein Morgen gibt.
Da ist nichts mehr, auf das ich vertraue. Außer auf dich.
Sei brav und lieb, meine Elsa. Und lebe.

Ich kann dir nicht sagen ob und wann wir uns wiedersehen. Ich weiß nicht wohin sie uns alle bringen.
Es kommt keiner zurück.

 

Was meine Großmutter meinem Großvater verschwiegen hatte, war das sie längst im dritten Monat schwanger war.
Mein Großvater würde weiterleben.
Schließlich stehe ich heut hier.

 

Kurzbiografie: Sönke Busch
Privatier mit Baujahr 1980 aus Bremen. Seine Kindheit verbrachte er in Kur- und Heilanstalten der ehemaligen Sowjetunion. 1. literarische Auftritte in Trinkhallen, Opersälen und Klassenzimmern. Nach überwundener Ritalinabhängigkeit widmete er sich von seinem sechzehnten bis zu seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr dem Studium der polnischen Groteske des ausgehenden 19. Jahrhunderts, welche bis heute starken Einfluss auf sein literarisches Schaffen hat und seine beiden gescheiterten Ehen erklärt.
Pausiert zurzeit in Bremen/ Wien.
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