Chalo! India. Rez.: I. Reichel
Ingrid Reichel
KEINE BHAGAVAD GITA ZUR VÖLKERVERSTÄNDIGUNG
Der kleine Bericht zu einer bewegenden Ausstellung
CHALO! INDIA

Eine neue Ära indischer Kunst
Essl Museum, Klosterneuburg
Eröffnung: 01.09.09
Ausstellungsdauer 02.09.09 - 01.11.09
Eine Ausstellungstour des Mori Art Museum, Tokyo/ Japan
Kuratorin: Akiko Miki
Es ist nicht nur eine allumfassende Ausstellung über moderne Kunst der Gegenwart in Indien, die das Museum Essl in Klosterneuburg bietet, es ist vielmehr ein einheitliches Konzept, welches uns dieses Land näher bringt in dem es alte Klischees aus der 68er Zeit aufwärmt, um sie zugleich wieder zu zerstören. Der wirtschaftliche Aufschwung ist uns nicht nur durch die Filmindustrie Bollywood, sondern vor allem durch die Computerbranche bekannt. Dennoch wissen wir, dass Indien ein extrem kontroversielles Land ist. Einerseits ist es in seinen Traditionen fest verwurzelt und unfähig seine neuen Gesetze umzusetzen, nicht zuletzt wegen des Kastenwesens, sondern vor allem wegen der zwar verbotenen aber noch immer praktizierten Zwangsverheiratung minderjähriger Mädchen und Jungen, wegen der Nichteinhaltung der Schulpflicht – vor allem bei Mädchen – und einer noch immer nicht durchgeführten Geburtenkontrolle, wie es China schon längst praktiziert. Auch werden die immer wieder vereinzelt aufkommenden Fälle des Opferrituals der Erstgeborenen oder gar der Witwenverbrennung all zu gerne verdrängt. Andererseits ist dieses Land durch die einstige britische Kolonialherrschaft und nicht zuletzt durch die englische Sprache an einen westlichen Standard geknüpft und wirtschaftlich orientiert. „Chalo!“ kommt dem Aufruf „Auf geht’s!“ nahe. Kein Rückblick auf die steinzeitlichen und vor allem frauenfeindlichen Ansichten, auf die verklärte verkitschte Erinnerung einstiger Hippies, die dort ihr Seelenheil, ihre Freiheit und ihren Frieden finden wollten oder sogar fanden unter angeblich wohlwollender Gurus, die letztendlich später im Westen das große Geld mit dem dekadenten Westen machten, während in diesem Land die Kinder verhungerten … nein, das India-Konzept gewährt uns einen Blick in die Zukunft mit
- einer Ausstellung vom 02.09.09 bis 01.11.09,
- einem internationales Symposium in englischer Sprache „Concept of modernity – Indian prospectives“
am Freitag, 04.09.09 von 10:30 – 17:00 Uhr,
- einem Fest der Sinne mit Führungen und Workshops und freiem Eintritt
vom 12.09.09 bis 13.09.09 von 10 – 20 Uhr und
- einem musikalischen Rahmenprogramm mit Wolfgang Fuchs: Turntables
am Mittwoch, 23.09.09, 19:30 Uhr
Dementsprechend bunt war dieses Mal das Bild, welches die Besucher zur Ausstellungseröffnung abgaben. Nicht nur in ihrer Internationalität sondern auch in ihrem Erscheinungsbild unterschied sich die Gästeschar von den üblichen Adabeis der Vernissagen. Eine wohltuende Atmosphäre, die sich über menschliche Schranken hinwegsetzt, keine Ängste vor dem Fremden zulässt, die Kommunikation, das Miteinander, das Gemeinsame, das Friedliche sucht. Keine Konkurrenz, nur die Interessensgemeinschaft steht im Vordergrund. Und wieder einmal ist die Kultur hier Vorzeigebeispiel wie es gehen kann.
Dieses Signal dürfte dem österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer auch nicht entgangen sein, denn er eröffnete die Ausstellung.
Die Ausstellung selbst stammt aus dem Jahr 2008, wurde vom Mori Art Museum, Tokyo/ Japan übernommen und wurde von der Kunsthistorikerin Akiko Miki kuratiert. Im Katalog vergleicht sie ihre Suche nach den indischen Künstlern der Gegenwart mit einem Reisebericht. Sicher nicht stressfrei verlief die Ausstellungsorganisation, deren verantwortungsvolle Aufgabe Essl-Kurator Günther Oberhollenzer innehatte.
27 Künstler und Künstlerinnen, immerhin ein Viertel davon weiblich, bekamen die Möglichkeit erstmals in Europa ihre Werke zu präsentieren. Die Kunstreise der Kuratorin ergibt eine geographische Linie von Nord-, Mittel- und Südindien und konzentriert sich vorwiegend auf die Städte New Delhi, Mumbai und Bangalore. Das Durchschnittsalter der Künstler ist 49 Jahre, die jüngsten Künstler sind 1976 geboren, der älteste 1934. Die Werke entstammen alle aus dem 21. Jahrhundert, die meisten sind noch ganz frisch, mit dem Entstehungsjahr 2008 gekennzeichnet. Außergewöhnlich ist, dass alle beteiligten Künstler ein abgeschlossenes Studium, einen Master oder einen Bachelor in Malerei oder Bildhauerei haben.
Die Ausstellung ist in fünf Themen unterteilt:
1. Prolog: Reisen
2. Kreation und Destruktion: Stadtlandschaften
3. Reflektionen: Zwischen Extremen
4. Fruchtbares Chaos
5. Epilog: Individualität und Kollektivität / Erinnerung und Zukunft
Die Reise nach Indien beginnt also mit dem Elefanten der Künstlerin Bharti Kher. Einem 4,5 Meter langen weiblichen Elefanten aus Vinyl und Fiberglas, der am Boden kauert und dem Anschein nach entweder gerade erwacht oder sich zum Sterben hinlegt „The skin speaks a language not its own“. Seine Haut ist übersät von Millionen aufgemalten weißen spermienförmigen Bindis. Ein Bindi ist jener aufgemalte oder aufgeklebte Punkt inmitten der Stirn oberhalb der Augenbrauen, den traditionell nur verheiratete Hindu-Frauen tragen. Waren sie einst Zeichen einer Kaste und sollten Schutz geben, erfreuen sie sich bzw. unterliegen sie heute einem Modetrend. Die metaphorische und paradoxe Bedeutung dieses Schmucks nützt Kher für ihre Kunst, verändert ihre Größe, Farbe und Form, um auf das Verhältnis von Tradition und Moderne, Rassen- und Klassenfragen, dem aufkeimenden Feminismus und der Konsumbereitschaft hinzuweisen.

Barthi Kher
Über die Ausstellung verstreut stehen zehn verschieden gestaltete Stühle des Künstlers N. S. Harsha. Sie sind Hüter und Wächter über Hunger, Mutter und Kind, Gleichberechtigung, Konsum, über Teile des Landes und über die ganze Welt. Doch eigentlich sind sie für das Aufsichtspersonal gedacht, das von seinem Beobachtungsposten selbst zum Beobachteten wird. Leider saß (zumindest bei der Eröffnung) keiner der Wärter auf einem dieser Holzstühle, um diesen Gedankengang nachzuvollziehen. Manchmal ist es nicht leicht die Möglichkeit interaktive Kunst festzustellen. Die Künstlerin Shilpa Gupta ermutigt mit ihrer großleinwandigen Video-Installation „Shadows“ die Besucher zum Handeln. Spätestens hier kann man erleben, dass die herkömmliche Bildende ausgedient hat. Die Menschen mögen es mitzumachen, in das künstlerische Geschehen involviert, Bestandteil des Kunstwerks zu werden. Jedenfalls erfreute sich dieses Werk besonderer Anteilnahme, vergleichbar mit der Intention des österreichischen Künstlers Erwin Wurm, den Besucher als Skulptur seiner Ausstellung einzubeziehen. Shilpa Gupta erscheint am Ende der Ausstellung noch einmal mit einer Installation „Tristy with Destiny“, für den sie ebenfalls einen ganzen Raum in Anspruch nimmt. Ein Mikrophon wird zum Lautsprecher, daraus erklingt die Stimme der Künstlerin, sie singt die Ansprache „Verabredung mit dem Schicksal“ J. Nehrus, der erste Premierminister Indiens, welche er am Abend vor der Unabhängigkeit Indiens vor 60 Jahren hielt.
Doch noch bewegen wir uns im Prolog und begehen einen reisenden Schrein „Kaavad“ des Künstlers G. Sheikh. Einerseits ließ er sich von den kreisförmigen Weltkarten, den „mappae mundi“, andererseits von den traditionsreichen Mandalas inspirieren, die eigentümlich an einem manierierten Hundertwasser-Jugendstil erinnern. Schließlich gelangen wir zu einem weißen Raum, an dessen Wände aus Fiberglas gegossene weiße Menschengestalten wie abgelegte Kleidungsstücke oder Gummihandschuhe integriert sind. Von diesen gehäuteten menschlichen Existenzen des A. Balasubramaniam kommen wir zu den Städtelandschaften, zur Kreation und Destruktion. Zunächst sehen wir, die von K. Chronat völlig in weiß gehalten Skulptur: Eine Designer-Badewanne, die als Paddelboot und somit Transportmittel einer zerstückelten indischen Kultur dient. Einziger Makel auf diesem gnadenlosem Weiß: ein überdimensioniertes schwarzes Insekt - ein interessanter Übergang zum bunten Treiben der Großstädte.
N. Sharma hat mit „Air show“ eine standortspezifische Installation geschaffen. Die Schönheit, Aggressivität und Verspieltheit des Surya Kian Aerobatic Teams (SKAT) bei einer Flugschau inspirierte ihn zu seinen in Kupferdrähten eingegossenen Flugformationen.
Ein 10 Meter langes Panoramafoto der Millionenstadt Mumbai, sowie eine Skulptur aus Knochen aus Kunstharz, Stahl und Messing „Autosaurus tripous“ von Jitish Kallat dokumentieren das langsame Verschwinden der so vertrauten Rikschas. Subodh Gupta, der sich mit dem rasanten Konsum in den Ballungsräumen beschäftigt, bündelt Alltagsmassenwaren wie Kochgeschirr zu riesigen ästhetischen Installationen, die wie Wasserfälle den Betrachter erfassen. Nebenbei ist auch die Mobilität ein entscheidendes Thema. Die Attraktion des Raumes nicht nur für Männer, war wohl eine aus einzelnen Kupferteilen gegossene und zusammengebaute Royal Enfield „Bullet“. Hierzu muss man die Geschichte des Motorrads etwas erläutern. Die Royal Enfield ist eine britische und die älteste noch produzierende Motorradmarke der Welt (1901!). 1933 wurde die legendäre Bullet gebaut. 1955 begann man ihre Produktionsstätte in Madras, (mittlerweile Chennai genannt, die fünftgrößte Stadt Indiens) aufzubauen. Wahrhaftig überwältigende Trash-Kunst liefern die Künstlerin Hema Upadhyay und der Künstler Vivan Sundaram. „Mute Migration“ ist eine auf 6 x 2 Meter große filigran bearbeitete Holzplatte, auf denen Upadhyay Aluminiumblätter, Plastik- und Autoteile, Hardware Stücke und vielerlei andere gefundene Objekte teils geklebt, teils genäht zu einem Slum nachbaut. Ihre Arbeit konzentriert sich auf „Dharavi“ – einem Stadtteil von Mumbai, der als größter Slum Asiens gilt. Das Gebilde hängt an der Wand. Sundaram hingegen werkt etwas gröber mit Getränkedosen, Pet-Flaschen, Karton und buntem Krims Krams, Ziegelsteinen und anderem Müll. Sundaram arbeitet zusammen mit „Chintan“, einer NGO, die als „unrein“ bezeichnete Reinigungskräfte unterstützt. Den für ihn eigens gesammelten Abfall fügt er zu einem Diorama seiner Stadt zusammen und macht daraus eine Fotoserie. „Masterplan“ zeigt auf 5 x 1,5 Meter einen digitalen Überblick aus der Vogelperspektive. Es ist die Vision einer idealen Stadt. Wie groß dieses Diorama tatsächlich ist und wo es tatsächlich aufgebaut ist, steht allerdings nirgendwo beschrieben. Zusätzlich zeigt Sundaram in einem Video das Leben des Jungen Mariam Hussain inmitten vom Müll.

Jitish Kallat

Subodh Gupta
Im Kontrast zu diesen dreidimensionalen Müllbildern steht Gigi Scaria mit zwei seiner Bilder in Acryl auf Leinwand „Option of Alternative Master Plan/ City Center“ und „Keep Delhi Clean“. Einfärbiger Hintergrund und detaillierte feine schwarze Pinselstriche lassen einen an großformatige Tuschezeichnungen denken. Mit viel Humor und Sinn fürs Detail arbeitet er gegen das Chaos im urbanen Raum. Auch er liefert ein Video „A Day with Sohail und Mariyan“: zwei Buben, die vom Müllsammeln leben.
„Reflektionen: Zwischen Extremen“ führen Ranbir Kaleka, Justin Ponmany, Ananth Joshi und Kiran Subbaiah.
Kaleka zeigt 4-Kanal-Videoprojektionen auf Leinwand mit dem Titel „Crossings“. Er vereint Malerei und Video, erzeugt somit bildnerische Collagen, wo entweder Einzelpersonen oder eine Gruppe von Menschen bei einer Tätigkeit sitzen oder stehen. Die Personen bleiben immer dieselben, während der Hintergrund sich verändert. Offensichtlich spielt der Künstler auf seine Umgebung an, auf seine soziale Identität, der Mensch in Beziehung zu seiner Umwelt.
Ponmany präsentiert hingegen großformatige C-prints, die vorwiegend „expended portraits“ – erweiterte Portraits – zum Thema haben. Der Kopf wird nicht dreidimensional sondern zweidimensional dargestellt, in der Art wie man auch die Weltkugel zu einer Weltkarte aufbereitet. Diese Darstellung konfrontiert uns mit den Manipulationen von Äußerlichkeiten und reflektiert auf „die Frage nach den Grenzen der eigenen Identität“ (Katalog S. 172).
Eine sehr groß angelegte Installation von Joshi wirkt in dem dafür errichteten Ausstellungsraum beengt, und der Betrachter eingezwängt zwischen Mauern und Installation kann kaum dieses Kunstwerk in seiner Gesamtheit betrachten oder gar genießen. Der Künstler bezieht sich auf die Komplexität, Verschachtelung und Verdichtung in den Großstädten und weist damit auf die Gewaltbereitschaft und das Aggressionspotenzial in den Megacitys hin. Bei dieser Installation handelt es sich um einen ganzen Maschinenraum mit zwei sich gegenüberstehenden großformatigen Schaufenstern. In einem sind mehrere Reihen von Spielzeugfiguren aus China, die heiß geliebten Superhelden auch unserer Kinder, aufgespießt und aufgefädelt rotieren sie wie bei einem Backhändelstand. In dem anderen Fenster ist eine Unmenge von Rasierklingen zu einer Jalousie aneinandergereiht. In der Mitte des Raums, zwischen den zwei Schaufenstern also, laufen im Kreis sich drehende Photos, die an die weißen gegenüberliegenden Wände projiziert werden und durch den Lichtstrahl die Schatten der Superhelden und der Rasierklingenjalousie wiedergeben. Die bunten Photos sind durch ihre Bewegung in ihrem Inhalt nicht wahrzunehmen. Es bleibt ein weghuschender Farbeindruck, der sich mit den schwarz-weißen Schatten der rotierenden Objekte und dem eigenen Schatten, nämlich den des Betrachters ineinander vermengt.
Subbaiah ist einer der drei Künstler der Schau, die selbstreflexiv agieren. Zu Beginn seines Video „Suicide Note“ kommentiert er, dass das Geschehen „keinerlei Aufmerksamkeit verdiene“ und beschließt daher Selbstmord zu begehen. Das Video zeigt ihn zunächst beim Kochen, später wie er sich selbst begegnet, quasi aus einem Menschen zwei Personen werden und schließlich, weil einer eben zuviel ist, der eine den anderen erschießt. Das Ganze läuft dann zusätzlich auch rückwärts ab und ist, wie man sich denken kann, nur für Liebhaber schwarzen Humors amüsant.
Vom fruchtbaren Chaos handelt die Kunst vom Künstlerpaar Thukral & Tagra, sie setzen sich mit Design auseinander, sowohl in der Innenausstattung, wie auch in Alltagsgütern. Sie richteten gleich ein ganzes Zimmer ein. In ihrem rosa Kitsch und schrägen Assoziationen von westlichem Kommerz und indischen Schnörkeln erinnern sie an die Kunst von Gilbert und George. Die Diashow der Performance „Yog Raj Chitrakar an Tokyo“ des Aktivisten und Performance Künstlers Nikehil Chopra entstand in einem historischen Gebäude aus der Kolonialzeit in Mumbai. Innerhalb von drei Tagen durchlebte der Künstler durch das historische Kolorit und die Erinnerungen seiner Kindheit verschiedene Transformationen. Die Grenzen zwischen Intimität und Öffentlichkeit, zwischen Darsteller und Publikum, zwischen Zeit, Platz und Geschlechtern zerfließen.

Thukral & Tagra
Weitere Selbstdarstellung finden wir bei der Performance Künstlerin Pushpamala N. und ihrer Photographin Clare Arni. Eines ihrer Bilder diente als Repräsentant der Schau und als Katalogcover, das Klischee der indischen Frau schlichtweg. Sie ist in ihrer Tracht gekleidet. Perfekt geschminkt steht sie hinter einer Blüte vor einer Seelandschaft mit Schwänen und einem badenden Elefanten. Bei den Arbeiten handelt es sich um Fotomontagen in der die Künstlerin selbst in die verschiedensten Rollen schlüpft. Die Serie trägt den Titel „The native types“: von der indischen Braut, der Mutter Maria mit Kind, der Nonne und engelhaft Gläubigen, zum Clown, zur Domina und Kriminellen … In der Größe eines herkömmlich entwickelten Photos c.a. 15 x 10 cm wird in dieser Ausstellung eine Vielzahl dieser Photomontagen in einen typisch zarten, bunten, indischen Rahmen gezeigt. Bereit zu neuen Photomontagen hängt der großformatige Hintergrund des Coverbildes an der Wand und die Lotusblüte steht angelehnt am Boden. Und dann gibt es noch die Vitrine in der kleine S-W-Photos ausgestellt sind, die Serie „Ethnographic Types“ lehnt sich an die Photos aus der Kolonialzeit der Briten, die für „Forschungszwecke“ die „indigenen Stereotypen“ - Kopf und Körper von Indern - vermessen hatten. Mit ihren Humor und ihrem Intellekt wird sie gerne als die indische Cindy Sherman bezeichnet (Katalog S. 144) Jedenfalls darf man sie wohl als die stärkste und schärfste Beobachterin mit den kritischsten Werken in dieser Schau nennen.

Pushpamals N. / Clare Arni
Die Künstlerin Reena Saini Kallat formt mit Acryl bemalte Gummistempel verpixelte Portraits der indischen Bevölkerung. Die Serie der anonymen Personen bezeichnet sie mit „Synonym“, während P. Meppayil einzelne winzige Punkte aus Naturfarben und Goldblatt auf Kalkkreidenpaneel zu ornamentalen Gebilden verbindet. Durch Polieren mit Sandpapier erzeugt die Künstlerin eine keramikähnliche Oberfläche. Männliche und weibliche Silhouetten, Pflanzen und Tierwelt verschwinden, schweben über und unter den Ornamenten und widerspiegeln somit eine lyrische Welt.
J. Panda verbindet die Malerei mit Stoffcollagen zu surrealen Gemälden und zeigt uns einen aus dem Boden erscheinenden Pfau als Vorahnen „Ancestor – II“. Die Skulptur besteht aus Fiberglas, Sperrholz und einer Keramikplatte und ist mit einem mit Ornamenten reich bestickter Stoff bezogen. Sein Anliegen besteht darin auf den Verfall der Traditionen und der herrschenden Diskrepanz zwischen reicher Modernisierung und ärmlicher Realität hinzuweisen. Ashim Purkayastha ist mit einem seit 2002 laufendem Projekt, einer Serie „Gandhi Man without Specs“ vertreten. „Der Vater der Republik Indien“ ist Thema und wird zum Mann ohne Eigenschaften. Purkayastha entwirft Briefmarkenbögen und überzeichnet bis ins Groteske Geldscheine worauf Mahatma Gandhi als Hindu, Moslem, als Unberührbarer, lachend, weinend, schreiend …dargestellt ist. Der Künstler mokiert sich jedoch nicht über Gandhi, sondern provoziert auf ironische Weise. Seine Arbeit ist eine Warnung an die Gesellschaft, ein Aufruf zur Toleranz.
Tushar Joag und Sarnath Banerjee sind die beiden Comic-Zeichner in der Ausstellung. Joag gründete 2004 eine virtuelle Online-Organisation namens „UNICELL Public Works Cell“ (www.unicellpwc.org), die fiktiv humorvolle Lösungen sozialer Probleme im regionalen Bereich anbietet. Photographien dokumentieren diese Lösungen z.B. wie Pendler sich in überfüllten Zügen vom Stress befreien können. Seine Arbeiten auf Papier erinnern an eine Mischung von Batman und Superman. Mit Filzstift, Kreide und Aquarell erzeugt Banerjee seine witzig illustrierten Romane. Er erzählt aus seiner Jugend und dem Wunsch Nike Schuhe zu besitzen. Er erzählt vom Markenkult, von populären indischen Filmen und amerikanischen Seifenopern, von zwischenmenschlichen Beziehungen und vom Giftgasunfall in Bophal 1983.
Mit Individualität und Kollektivität / Erinnerung und Zukunft endet die Ausstellung. Raqs Media Collective ist eine Gruppe, die aus zwei Künstlern, Jeebesh Bagchi und S. Sengupta und der Künstlerin Monica Narula besteht. Die Gruppe ist die außergewöhnlichste in der Schau, da sie sich in ihrem konzeptuellen Stil sämtlicher Genres bedient. Hier sind sie mit ihrer Euphoriemaschine vertreten „The euphoria Machine: Preliminary Reverse Engineering Field Laboratory“, eine Installation, die an ein Spielfeld erinnert, ähnlich einem Flipperautomaten. Das „Metagerät“ soll das „rastlose menschliche Streben nach Glück und Zufriedenheit bis zur Raserei“ treiben (Katalog S. 184).
Einer der hier wenig vertretenen Maler ist Atul Dodiya, der eine außergewöhnliche Methode mit Email und Kunstlack auf Laminat ausübt. „Saptapadi: Scenes from Marriage (Regard-less)“ ist eine Serie von 24 Gemälden, gezeigt werden sechs. Wie der Titel besagt handelt es sich um unzusammenhängende Bilder über die traditionelle Hindu-Hochzeitszeremonie. Mit autobiographischen Bezügen, Plakatmotiven aus der westlichen, sowie indischen Filmindustrie, Werbungen und berühmten Ausschnitten aus Gemälden von Picasso und Matisse. Sein farbenprächtiger Malstil divergiert vom Photorealismus bis zur Druck- und Collagenmalerei, wahre trompe l’œil sind auf diesen Werken im Detail zu finden. Hier ist nicht nur ein Meister der Malerei, sondern ein Gigant der Satire zu sehen.

Atul Dodiya
Zum Abschluss ein kurzer Gedanke:
Auch wenn sich die indische Moderne an den Westen anlehnt, spürt man die Kritik gegenüber dem Westen. Das lässt hoffen! Eines unterscheidet sehr wohl die indische Bildende von der westlichen: Sie beinhaltet nicht nur Geschichten, Wissen, Informationen, Problemlösungen, Kritik und Humor, sondern sie ist auch technisch aufwändig gestaltet. Übrigens war dies auch bei den chinesischen Künstlern der Fall, bevor sie der westliche Kunstmarkt gefressen hat. Etwas was der westlichen Kunst immer mehr verloren geht: die Liebe zum Handwerk und der Eigenhumor.
LitGes, September 2009
Ausstellungskatalog in Deutsch-Englisch
CHALO! INDIA

Eine neue Ära indischer Kunst
A new Era of Indian Art
Hg. Contemporary Art Essl Museum
München-Berlin-London-NY: Prestel Verlag, 2009. 272 S.
ISBN 978-3-7913-4304-4
Euro 41,10 [A]