Der Blaue Reiter. Rez.: Eva Riebler

Eva Riebler
Das Pferd als Akt

 
Der Blaue Reiter
Zeichnungen und Aquarelle aus dem Lenbachhaus und der Albertina
Albertina, Wien
Ausstellungseröffnung: 03.02.2011
Ausstellung: 04.02.2011 – 15.05.2011
19.06.2010 - 26.09. 2010: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Die Albertina zeigt Werke aus der eigenen Sammlung sowie Leihgaben aus dem Lenbachhaus München vor wiegend aus der legendären zweiten Ausstellung des Blauen Reiters von 1912. Präsentiert werden Werke, vor allem Linolschnitte (vorwiegend von August Macke), Holzschnitte (Campendonk, Franz Marc), Zeichnungen, Tusche, Tinte, Tempera- oder Aquarell-Bilder sowie zahlreiche Bleistiftzeichnungen und einige wenige Öl-Bilder oder Kohlezeichnungen in kleinen Formaten. Die 265 Bilder sind individuell gerahmt und nach Künstlerpersönlichkeiten gehängt. Als Plakat diente das bekannte Tier-Bild von Franz Marc: Rotes und Blaues Pferd (1912), das vielleicht fälschlich die Assoziation erweckt, die Farbgebung und der expressionistischer Stil seien repräsentativ für. die Schau. Sie ist mit Werken von Bloch, Campendonk, Delaunay, Jawlensky, Kahler, Kandinsky, Klee, Kubin, Lasker-Schüler, Macke, Marc, Münter, Sacharoff, dem Ehepaar Schiemann, Werefkin so umfangreich und international gut aufgestellt, dass Künstler wie Arp, Malewitsch oder Nolde, die ebenfalls 1912 bei der zweiten Ausstellung Der Blauen Reiter dabei waren, nicht vertreten sind. Die beiden Ausstellungen 1911 und 1912 zeigten damals keinen Zusammenschluss einer festen Gruppe unter einem bestimmten Motto oder Programm, sondern lose zusammengewürfelte Vertreter der repräsentativen Kunst dieser Zeit aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Böhmen und vor allem aus Russland. Der Ausbruch des II. Weltkrieges zerstörte dann weitere gemeinsame Ambitionen und zerriss sogar Künstlerpaare wie Münter und Kandinsky oder die junge Familie Macke durch den Tod von August Macke 1914. Auch Franz Marc, der mit Kandinsky den Almanachen herausgab und Gründungsmitglied des Blauen Reiters war, fiel im Feld.

Besonders interessant an der Albertina-Ausstellung ist die Abfolge der 10 verschiedenen Entwürfe Wassily Kandinskys für den Umschlag des Almanachs Der Blaue Reiter sowie seine frühen Russischen Gouachen von 1901 bis 1907. Kaum bekannt und daher besonders beachtenswert sind die naiven Lithographien der als Literatin berühmten Else Lasker-Schüler, die sie zur Illustration des 1923 erschienenen Buches Theben verwendete, und genauso selten zu sehen, sind die einfachen Aquarelle von Elsa Schiemann und die farbenfrohen Gouachen von Marianne Werefkin.

Katalog anlässlich der Ausstellung:

 
Der Blaue Reiter
Ein Tanz in Farben
Zeichnungen, Aquarelle und Druckgraphiken aus dem Lenbachhaus
Hg. Helmut Friedel, Annegret Hoberg
München: Hirmer Verlag, 2010. 368 S.
277 Abbildungen

ISBN 978-3-7774-2851-2 (dt.)
ISBN 978-3-7774-3271-7 (engl.)
51,30.- Euro

Im Vorwort geben die beiden Kuratoren Helmut Friedel, Direktor des Lenbachhauses, und Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, zu recht die Auffassung kund, dass den graphischen Arbeiten auch heute noch besondere Beachtung zukommt. Durch den Umbau des Lenbachhauses und wegen der Dauerleihgaben der Sammlung Batliner und Forberg an die Albertina wurde diese bedeutende Schau der Werke der Blauen Reiter-Künstler in diesem Umfang erst ermöglicht. Im Gegenzug wird die Albertina Werke Egon Schieles im Herbst 2011 an die Galerie im Lenbachhaus verleihen.

Wie durch die Kooperation von Kandinsky und Marc die Ausstellungen Der Blaue Reiter nach München, in Frankfurt, Mannheim und Köln angeboten wurde, so wurde durch die Kooperation von Friedel und Schröder diese Schau in München und Wien ausgerichtet.

16 Künstler des Blauen Reiters fanden mit ihrer kurz gefassten, jedoch das Wesentliche wie das Aussagekräftigste enthaltenden Biografien und der Präsentation ihrer Werke Eingang in diesen Katalog. Spannend und informativ liest sich die jeweilige biographische Aufbereitung, angereichert um eine Werkinformation oder einen hilfreichen Werkvergleich.

Nicht nur die notwendige Werkliste, die Bibliographien und Abbildungsnachweise sind vollständig angeführt, auch drei Essays bringen Information zur z.B. 2. Ausstellung Der Blaue Reiter. Schwarz-Weiss (Annegret Hoberg). Sehr lebhaft und interessant liest sich die Schilderung des Zusammenfindens der Blauen Reiter-Künstler sowie der Briefwechsel zwischen Wassily Kandinsky und Franz Marc über ihren Disput über die Motive und die Qualität der Berliner-Künstler. Sie wollten eine internationale Ausstellung vorbereiten und waren glücklich, über Kontakte zu Schweizer Künstlern, die nach den französischen, russischen oder deutschen Malern noch in ihrer Sammlung fehlten.

Die weiteren beiden Essays sind von Karin Althaus und sind betitelt: „Die Malerei alleine genügt uns nicht“ und: Druckgraphik, Klischees und Künstlerbücher des Blauern Reiters. Über Ausdrucksmöglichkeiten und Techniken, über den Almanach Der Blaue Reiter und sein Entstehen, über den Galeristen Herwarth Walden als Pionier des Kunstbetriebes, über die europäische Avantgarde und die programmatische Konzeption der Brücke-Künstler oder der Blauen Reiter-Mitglieder, sowie über das naturgemäße Auseinanderdriften der losen Künstlergruppierung durch ihre Herkunft und Nationalität zur Zeit des Ausbruches des II. Weltkrieges geht die Spannbreite dieser informativen Artikel.

Ein umfassender, großartiger Katalog, der nicht nur Faszination und Wissen vermittelt, sondern auch kleinen und kleinsten graphischen Blättern in hervorragender Reproduktion Beachtung gibt.

LitGes, Februar 2011

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