Marie Luise Lebschik. Mädchenbilder. Rez.: Ingrid Reichel

 

 

 

 

 

Ingrid Reichel
MÄDCHENBILDER

 

 

 

MARIE LUISE LEBSCHIK
Ausstellungsbrücke, NÖ Landesregierung St. Pölten
Eröffnung: 11.08.09, 18.30 Uhr
Finissage: 01.09.09, 17 Uhr

 

Die Künstlerin Marie Luise Lebschik-Anzinger wurde 1952 in St. Pölten, NÖ geboren. 1982 zog sie nach Köln. Im Rahmen der Serie Niederösterreichische KünstlerInnen im Ausland präsentiert sie nun in einer Einzelschau in der Landhausgalerie die Werke der vorwiegend letzten drei Jahre. Die Schau ist in drei gleich große Teile aufgeteilt, beginnt mit den Zeichnungen, führt mit Fotographien fort und endet mit Ölmalereien.

In seiner Eröffnungsrede erläutert der künstlerische Leiter des Landesmuseums NÖ Carl Aigner, dass die Anordnung keine zufällige ist. Es scheint, dass sich Lebschik und Aigner darüber einig sind in der Fotographie das Verbindungsglied zwischen Zeichnung und Malerei zu sehen. Seit über 10 Jahren konzentriert sich Lebschiks Malerei auf die Darstellung junger Mädchen. Die Wichtigkeit der Fotografie ist jüngeren Datums. Ein weiterer auffälliger Punkt in der eigenwilligen Anordnung der Bilder ist die teilweise tief angesetzte Platzierung der Ölbilder, die die Betrachter zum Bücken zwingen. Ein interessanter psychologischer Aspekt. Ob derjenige, denn man in die Knie zwingt und sich damit kleiner vorkommt, sich dadurch tatsächlich in seine Kindheit zurückversetzt fühlt, sei dahingestellt. Für Kinder, die diese Ausstellung besuchen, erweist es sich jedenfalls als Vorteil. Aigner zitiert Bloch, der das Gefühl der Heimat nur durch die erlebte Kindheit für möglich hielt. Es sei ein „transitorischer“ Moment, der die Faszination des Werkes Lebschiks ausmache. Auch ihre unterschiedlichsten Formate wären keine Selbstverständlichkeit. Lebschik nehme in ihren Sujets und ihrer Darstellungsweise Bezug zu den Formaten. So Aigner.

 

Lebschik bewirkt mit ihrer kreideähnlichen Maltechnik eine Diffusion der Räumlichkeit und rückt mit ihrer gestisch schwungvollen aber doch ins Detail gehenden Malerei das Modell selbst in den Vordergrund. Die Figuren, meist ein Mädchen oder eine Jugendliche, sind für sich allein, in sich gekehrt, nehmen keinen Anteil an ihre Umgebung und keinen Kontakt zum Betrachter auf. Insofern lassen sie keine Nähe zu, bleiben anonym, unantastbar. Das tatsächliche Motiv der Mädchenadoleszenz ist daher die Unschuld und ihre damit verbundene Fragilität.

Die großformatigen S-W-Fotographien (Silbergelatine auf Barytpapier sind ähnlich aufgebaut. 20 kleine Fotos hinter Glas, die an ein zerpflücktes Familienfotoalbum der 60er Jahre erinnern, sind in kleinen Serien einzeln gerahmt aufgehängt. Sie vermitteln einen besonderen Reiz, verströmen eine Schöner-Wohnen- Atmosphäre, entbehren jedoch jeglichen künstlerischen Charakters.

Von den starken Ölbildern am Ende der Ausstellung, den ebenfalls starken Fotographien im Mittelteil, kehren wir nun zum Beginn der Ausstellung zurück, zu den Zeichnungen, dem schwächsten Part dieser Schau. Lebschik spielt auch hier konsequent in den verschiedensten Formaten. Nummer 46, die größte Zeichnung im Hochformat hat einen in Bleistift gezeichneten Raster, so wie man leider gerne Hauptschülern hier zu Lande das komplikationslose Proportionszeichnen beibringt. Vom Prinzip nichts Verwerfliches, nutzte doch auch Michelangelo diese einfache Technik für das Fresco zur Übertragung seiner großen Entwürfe an die Decke der Sixtinische Kapelle aus. Natürlich könnte es auch ein kleiner Kunstgriff Lebschiks sein, psychologisch das Kindliche der Figur zu unterstreichen. Leider sieht man keinen Wiederholungseffekt, die Begründung fehlt, die Authentizität der Zeichnung wird fragwürdig und der vermeintliche Reiz des Unverbrauchten, Unverdorbenem bleibt aus. Die kleineren Zeichnungen beweisen keine bessere Qualität. Zu ambivalent und inkonsequent der Strich. Nummer 43 soll hier als Vorzeigebeispiel dienen oder als Frage: Wie ist die Künstlerin hier auf den Hund gekommen?

 

 

Das überzeichnete, aufgeklebte Papierquadrat, das den einstigen Kopf der Figur verdeckt, wie es bei drei Zeichnungen der Fall ist, verstärken den Schwachpunkt im Graphischen. Aigner, der die rhetorische und humorvoll gemeinte Frage eines fiktiven Besuchers in seiner Rede einbaut: „Warum schmeißt sie es nicht weg? Kann sie es nicht besser?“ trifft damit ungewollt ins Schwarze. Bei seiner versuchten Erklärung über die Technik der Collage spartenübergreifend zur Fotographie zu gelangen, scheitert er kläglich.

 

Am Missglücktesten erscheint eine kleine kolorierte Zeichnung inmitten der großformatigen S-W-Fotographien, wofür eine Fotoarbeit ihren Platz einbüßen und dafür am Boden angelehnt stehen bleiben musste. Auch etliche Zeichnungen haben es nicht bis an die Wand geschafft, womit der Gesamteindruck der Exposition empfindlich gestört wird. Man wundert sich, dass eine arrivierte Künstlerin mit internationaler Reputation so wenig ihre eigenen Werke beurteilen kann und überhaupt die schlechten Zeichnungen nicht zu Hause gelassen hat. Die Zeichnungen können bestenfalls als Skizzen für die Ölbilder von Wert sein, den Betrachter ein Nachvollziehen zum Ölbild ermöglichen. Zu den zwei anderen Genres hat der graphische Teil jedoch kein gleichwertiges Bestehen.

LitGes, August 2009

 

In diesem Jahr erschien ein zweiter Band mit Mädchenbildern von Marie Luise Lebschik:
Zur Rezension des Katalogs

 

 

 

MÄDCHENBILDER
Marie Luise Lebschik

80 farbige Abb.
Englisch-Deutsch
Köln: Dumont Buchverlag, 2009. 148 Seiten,
EUR 29,90 [D]
ISBN 978-3-8321-9104-7

 

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