Öffentlicher Brief an Bischof Küng: Kritik an der Ausstellung "Generator of the heart"/ Mark Rossell
S. g. Bischof Küng, Ihre Exzellenz!
Mit Betroffenheit und Sorge wende ich mich an Sie wegen des Artikels „Eine 'Kondom'-Madonna und die 'christliche' ÖVP“ vom 09.11.2010 im Kath.net. bezüglich der zurzeit laufenden Ausstellung in der Landhausbrücke „Generator of the heart“ von Mark Rossell (http://www.kath.net/detail.php?id=28845).
In der Einleitung steht, dass Sie „scharfe Kritik an einer perversen Darstellung der Gottesmutter Maria“ äußerten.
Ich bin selbst Künstlerin und habe bei der letzen Fastenbesinnung der Künstler teilgenommen, auch nehme ich mit zwei Digitalprints an der Ausstellung „Unsere Heiligen“ im Bildungshaus St. Hippolyt teil.
Ich bin außerdem Vorstandsmitglied der Literarischen Gesellschaft und Redakteurin der Literaturzeitschrift etcetera. In dieser Funktion schreibe ich auch Ausstellungskritiken. Mark Rossell ist mir als Künstler-Kollege und in meiner journalistischen Aufgabe seit 2006 bekannt. Er war Heftkünstler der etcetera Ausgabe Nr. 27/ März 2007 zum Thema „Letzte Dinge“. Ich verfolge seither seinen künstlerischen Werdegang mit großem Interesse.
Ich sehe es daher als meine Pflicht, Sie auch auf meine Interpretation und Ausstellungskritik aufmerksam zu machen, die Ihnen vielleicht einen anderen Zugang zu dieser Ausstellung ermöglichen kann.
Es ist offensichtlich, dass Mark Rossell und seine Kunst als Spielball einer politischen Machenschaft der FPÖ gegen die Kulturpolitik der ÖVP benutzt wurden. Alle Anschuldigungen sind völlig absurd.
In der Landhausbrücke werden absolut keine Steuergelder für Perversitäten ausgegeben. Hier wird auch nicht gefeiert auf Kosten der Bürger. Die Künstler bekommen keinen Cent. Die einzige Förderung, die der Künstler hier erhält, ist die Möglichkeit in der Landhausbrücke auszustellen mit der eventuellen Option eines Werkankaufs des Landes oder der Ausstellungsbesucher.
Was Mark Rossells Gesamtinstallation „Generator of the heart“ anbelangt, gibt es absolut NICHTS Anrüchiges zu sehen. Es ist eine interessante Ausstellung, in der Mark Rossell auch hier wieder seinen sensiblen Zugang zu religiösen Themen unter Beweis stellt. Sein eigenes abgedrucktes Statement, in dem er den pubertären Wunsch, die Madonna zu beschmutzen, äußert, ist im Zusammenhang der Psychoanalyse Freuds zu sehen. Es geht hierbei um den Ödipuskomplex. Wir leben nun mal im Land, wo die Psychoanalyse erforscht und entwickelt wurde und auch wenn die Kirche die Bücher über die Psychoanalyse auf den Index stellte, liegt es klar auf der Hand, dass ein Künstler, der sich wahrhaftig mit dem Thema Religion und Sexualität auseinandersetzt, nicht umhin kommt, das Phänomen des ödipalen Komplexes zu behandeln.
Wenn also Betrachter in der „Spuckeflasche“ einen Dildo erkennen wollen oder gar vermeinen ein Ejakulat an der Madonna hinunterfließen zu sehen, dann entspringt dies ihrer Phantasie, bzw. wird hier die Kunst zum Auslöser dieses Ödipuskomplexes. Die Betrachter müssen lernen mit Kunst umzugehen. Es geht hier um Kausalzusammenhänge. Durch die Betrachtung wird der Betrachter sich seines eigenen Komplexes bewusst, nicht die Kunst oder der Künstler ist beschämend, sondern die Phantasie des Betrachters. Um sich von dieser „Sünde“ zu befreien, will so mancher Betrachter nun die „Schande“ an den Künstler und seine Kunst wieder abwälzen. Das ist der psychologische Effekt mit dem Künstler leben müssen, sie sind dann die Perversen oder die Nestbeschmutzer.
Das ist natürlich alles nichts Neues und mit Verlaub in der Bildenden sowie auch in der Literatur ein alter Hut.
In dieser Installation geht es darum, dem Betrachter klar zu machen, dass wir alle diese Madonna mit unserem Verhalten beschmutzen und die Mutter Gottes dennoch souverän diese Schändung erträgt.
Ich frage Sie, gibt es einen ehrlicheren Zugang zum Glauben, als ihn Mark Rossell in dieser Ausstellung vorgeführt hat?
Ich wünschte Sie würden auch so beherzt und mutig sein wie der Künstler. Nehmen Sie sich die Zeit, besuchen Sie diese Ausstellung und machen Sie sich selbst ein Bild. Ich lade Sie herzlich ein, mit mir und dem Künstler die Ausstellung zu besuchen. Ich richte mich ganz nach Ihrem Terminplan und bitte Sie diesbezüglich um Rückmeldung, damit ich mit Mark Rossell den Termin fixieren kann.
Mark Rossell hat mit dieser Ausstellung eine Diskussionsplattform ermöglicht. Nutzen Sie sie. Es wäre ein weiterer Schritt die Kirche zum Thema Sexualität, um auch ihren Anhängern gegenüber glaubwürdig entgegen treten zu können, in ein neues Licht zu rücken.
Hochachtungsvoll
Ingrid Reichel
LitGes & etcetera Redaktion