Adrian Kasnitz: Kalendarium #7

Cornelia Stahl

„Passt Poesie in unsere Zeit?“ Mit vorliegender Frage wurde die bulgarische Lyrikerin Mirela Ivanova mehrmals konfrontiert. Bei der Beantwortung darauf würde ich zunächst differenzieren: Wer schreibt gegenwärtig Lyrik und Poesie? Und wer sind die Lesenden, die sich dieser besonderen literarischen Form zuwenden? Adrian Kasnitz, Verfasser des Kalendarium #7, hat sich vermutlich wenig um diese Überlegungen geschert, und das ist absolut zu begrüßen. Der Autor widmet sich in seinem Langzeitprojekt, dem monatlichen Kalendarium, und hält im Inneren lyrische Kostbarkeiten bereit. Bild- und facettenreich entsteht vor uns ein Kosmos an realen und fiktiven Elementen: „Ein Tropfen Milch echote auf der Herdplatte und wir summten das Lied aus dem Radio nach“ (16.07.), und fordert unsere Vorstellungskraft heraus: „Am Morgen setzte ich meine alte sowjetische Kamera auf den Kopf und schoss Fotos ohne einen Film“. Kasnitz Poesie passt wunderbar in unsere (von Corona- Gespenstern geplagte) Zeit, überdauert diese mitunter, sie evoziert Imaginationen in uns, die eine andere Aufmerksamkeitsspanne erfordern als beim täglichen Wischen über spiegelglatte Smartphones. Beim Eintauchen in seine lyrischen Miniaturen verlangsamte sich mein Tempo. Der Puls kehrte in den Normalstatus zurück. Seine Sprachspielereien, „Fenster und Schatten, Beweise für Schatten/fürs Chatten gibt es nicht“ (29.07). – enthalten Analogien, die, metaphorisch aufgeladen, zum Fabulieren einladen, zum Weiterspinnen, und die zum Teil als Hommage für Literaten/Literatinnen wie Durs Grünbein, Friederike Mayröcker, Peter Waterhouse und andere gelesen werden können. Kalendarium #7 – ein Geschenk, welches ich dem Autor verdanke.
Andrian Kasnitz, 1974 an der Ostsee geboren, lebt in Köln. Erschienen sind bisher (seit 2015) Kalendarium #1 bis #6 (in der parasitenpresse). 2017 veröffentlichte er den Roman „Bessermann“ bei Launenweber.

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