Buch

Harald Vogl: bandsalat & bildgewitter

Eva Riebler

Harald Vogl:
bandsalat & bildgewitter

Bilder: Renate Stockreiter
Literaturedition NÖ,
2018, 64 Seiten
ISBN 978-3-902717-45-0

Harald Vogel aus Steyr lebt in Amstetten publiziert in Literaturzeitschriften und Anthologien und legte nach 2017 „Im stillen weiß ungelesener blicke” 2018 seinen zweiten Lyrikband vor.
Vielleicht weil er von Begleitsongs von Neil Young, Bob Dylan, Pink Floyd etc. vor allem für die Gedichte des Zyklus: „das knistern des vinyls zwischen den zeilen” ab Seite 30 inspiriert war, hat Renate Stockreiter sich auf Illustrationen von Tonbändern, CDs oder Vinyl-Platten verlegt. Ihre Arbeiten sind minutiös, klar und humorvoll. Das Band, das stets aus den Kassetten quoll, formt sich nicht nur zu unlösbaren Knäueln, sondern zu phantasievollen Formen, die zu den Gedichten passen.
Harald Vogel arbeitet genauso sparsam mit seinem Wortschatz und erzeugt stimmige Bilder. Er geht zurück in die Schilderung der Jahre, „die uns das kurzgeschoren / strohblond des sommers zeigen / und ein feldergelb in abgeerntete blicke malen / in deren tiefe wir nun wie in keller steigen“. Sofort fühlen wir die Schönheit des stimmigen Bildes und legen eine pause ein, um die Worte genießen zu können: „dein mund buchstabiert mir / reisen ins grün schreiben / sich landschaften in schritte / die noch im labyrinth / eines gestern hallen”.
Am Ende des ersten Teiles, der sich mit Bildern/Eindrücken früherer Kalendertage befasst, lesen wir: „aus allen wolken gefallen / verschwimmen die bilder / im verküpfen von atemschnüren / schauen wir uns hinterher / … und sind berauscht über eine so große poetische Weite! Im zweiten Teil reist der Leser vor und mit den Songs der 70er Jahre, die sich im Hintergrund am Plattenteller drehen z. B. ins „textnetz“ von Bob Dylan oder anderer Songs, die neu buchstabiert und von der Grafikerin Renate Stockreiter feingliedrig gezeichnet werden.
Ein wunderbar feinsinniger, niveauvoller Lyrikband, sparsam und gekonnt in der Sprache, reich im Inhalt und der grafischen Textur. Eine erfrischende, lustvolle
Gegenwarts-Lyrik in gekonnter Aufmachung der Literatur Edition des Landes NÖ! Gratulation!

Maria Linschinger/Erzählung, Solmaz Farhang/Zeichnung: Herr Pomeranz lernt lachen

Eva Riebler

Maria Linschinger/Erzählung,
Solmaz Farhang/Zeichnung:
Herr Pomeranz lernt lachen

Wien: Verlag Bibliothek
d. Provinz 2019, 26 Seiten
ISBN 978-3-99028-752-1

Der Mond ist keine Sichel, sondern eine Melonenscheibe. Maria Linschinger schrieb spannende Erzählbände aus ihrer früheren Heimat Jenbach/Tirol, aus ihrer jetzigen rund um den Traunsee sowie Kinder- und Jugendbücher. Nun liegt ein Band vor für Vor- und Schulkinder. Spannend und lustig wie die Illustrationen von Solmaz Farhang. Diese sind wie Collagen aufgebaut und erweitern die Erzählung um Leuchtkraft und facettenreiche Vielfarbigkeit.
Solmaz Farhang, 1982 in Teheran geboren, arbeitet seit 2011 in Wien als Illustratorin und Comic-Zeichnerin. Master in „Art & Science“ der Angewandten, Wien. Von ihr im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen: 2014 „Cordula und das Bummerdings“ mit Texten von Maria Linschinger und „Der Schatten“, mit H.C. Andersen.
Maria Linschinger veröffentlicht unter ihrem Namen Jugend- und Kinderbücher, während sie unter dem Pseudonym Maria Eliskases seit 2001 ihre Erwachsenenbücher wie: Stragula, Winterkind (Mira-Lobe Preis), Quellenweg, Der Haubentaucher, Goldfisch, Frauenschuh, Im blauen Zug (alle Bibliothek der Provinz) schrieb.
Dieses Kinderbuch handelt von einem Workoholiker, der weder Familie, Freunde noch Überraschungen kennt. Sein Alltag ist mausgrau. Die große Veränderung bringt ein Mädchen, das eines Morgens auf seinem Dach sitzt und mit den Füßen baumelt. Zu wem gehört dieses Kind und wie bringt man es zum Sprechen, wenn es doch nur seinen Mund zum Apfelessen öffnet? Herr Pomeranz ist ein Mann der Vernunft, er ist ja schließlich Buchhalter, und nun lernt er die Unvernunft kennen. Er geht nicht ins Büro, fast summt er mit dem Kind mit, beginnt zu kochen und sogar eine Pfingstrose auf den gedeckten Tisch zu stellen! Er lächelt und fühlt sich glücklich und lädt sogar zu einem Sommerfest ein. Als poetisches Ende sitzt das Mädchen im Apfelbaum und der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Vorstellung verschwimmt.
Ein herausragendes Buch, das Leser/innen jeglichen Alters glücklich stimmt!

Markus Bundi: Begründung eines Sprachraums. Ein Essay zum Werk von Marlen Haushofer.

Cornelia Stahl

Markus Bundi:
Begründung eines Sprachraums.

Ein Essay zum Werk
von Marlen Haushofer.
Innsbruck: Limbus Verlag.
2019, 118 Seiten
ISBN: 978-3-99039-152-2

Räume und Orte, die Schreiben ermöglichen. Heuer würde Marlen Haushofer ihren 100.Geburtstag feiern. Bereits 2019 nahm der Schweizer Autor Markus Bundi dies zum Anlasse, sich näher mit den Werken der Autorin zu befassen, ihrem Sprach- und Erzählduktus nachzuspüren und Besonderheiten herauszuschälen.
Im Mittelpunkt stehen die Erzählung Der Mann und sein Hund (1947) und die Novelle Wir töten Stella (1958). Bundi beginnt zunächst mit Wilhelm Raabes Erzählung Stopfkuchen und konstatiert Gemeinsamkeiten in der Figurenzeichnung bei beiden Schriftstellern: Es sind die Abgründe, mit denen die Figuren spielen, Abgründe, die sich hinter ihrer mühsam aufgebauten „heilen“ Welt auftun und nach vielen Jahren unverhofft zutage treten. Auf den Titel des Buches bezugnehmend, geht Bundi nun näher auf Haushofers Erzählduktus ein, markiert und erkundet Räume, Sprachräume, die wiederholt in ihren Werken auftauchen: ein (bisweilen) verlassenes (Forst)Haus, ein Zimmer, ein Raum, der als Rückzugsraum beim Schreiben dienlich ist. Er spürt subtile Situationen auf, die Haushofer treffsicher, feinnervig und präzise mit wenigen Strichen (Worten) auf ein leeres Blatt zeichnet.
Ebenfalls in den Focus der Analyse gelangen die Märchen der Autorin. Außen vor bleiben jedoch die Kinderbücher Müssen Tiere draußen bleiben (1967), Wohin mit dem Dackel (1968) und Schlimm sein ist auch kein Vergnügen (1970), die Interessenten glücklicherweise in ausgewählten Bibliotheken wiederfinden.
Markus Bundi, geboren 1968, Philosoph und Linguist, lebt nahe Zürich/CH, macht mit seinem Essay neugierig auf die tiefergehende Beschäftigung mit Texten der österreichischen Autorin.
Ergänzend dazu sei die Veranstaltung des Stifterhauses Linz: Marlen Haushofer 1920-1970-2020 am 19.11.2020 empfohlen.

H. Leidinger, Christian Rapp: Hitler. Prägende Jahre. Kindheit und Jugend 1889-1914

Cornelia Stahl

H. Leidinger, Christian Rapp:
Hitler. Prägende Jahre.

Kindheit und Jugend 1889-1914.
Salzburg/Wien:
Residenz-Verlag. 2020,
254 Seiten
ISBN: 978-3-7017-3500-6

Hitler: Zwischen Versager und politischer Größe. Also noch eine Hitlerbiografie, denke ich und frage nach der Relevanz dieses Buches und suche nach Antworten.
Die universale Relevanz hat Hitler bis heute aufgrund des Holocausts und der verheerenden Folgen. Sebastian Haffner, unterstreicht, dass es ohne Hitler vermutlich keinen millionenfachen Judenmord gegeben hätte.
Vorab besuchte ich die Ausstellung „Der junge Hitler“ im Haus der Geschichte Niederösterreich, St.Pölten und entdeckte inhaltliche Parallelen zum vorliegenden Buch. Die Autoren beginnen mit der Familiengeschichte des Diktators, beleuchten das Umfeld, in das der junge Hitler hineingeboren wurde. Leidinger und Rapp nehmen jene frühen Jahre des Diktators, bis ca. 1914, in den Focus, Jahre, die primär seinen Charakter und sein Weltbild formten. Doch geht es nie nur um die Person Adolf Hitler allein - die Familie, den jähzornigen Vater und die sanfte Mutter, seine Schulbildung, gescheiterte Versuche, beruflich Fuß zu fassen - sondern um den Einfluss gesellschaftlicher und kultureller Verhältnisse.
Vom Eingangskapitel angefangen „Keine heile Welt“, werden wir weitergeführt durch „Ortswechsel“, „Spiele, Krieg und Nationen“. Es folgen die Zeit „Nach dem Tod des Vaters“, die Zeit des „schwelenden Antisemitismus“, der „Abstieg in Wien“ etc. Die Erwähnung der Großmutter Anna Maria Schicklgruber fehlt hier. Das Schlusskapitel „Der ewige Hitler“ focussiert die Polaritäten der Figur Hitler nochmals: Versager und politische Größe. Beigefügte Abbildungen begleiten die Texte ergänzend. Das ausführliche Quellenverzeichnis ist Ausdruck akribischer Arbeit der Autoren.
Christian Rapp, gemeinsam mit Historiker Hannes Leidinger sind die Kuratoren der Ausstellung (bis 21.1.2021).
Buch und Ausstellung empfehle ich gleichermaßen!

Sabine Geller, Christiana Weidel, Bellinda Schmalekow (Hg.): Danuebe Women Stories. Vol. 2.

Cornelia Stahl

Sabine Geller, Christiana Weidel,
Bellinda Schmalekow (Hg.):
Danuebe Women Stories. Vol. 2.

64 Frauen, 6 Länder, 8 Städte.
Ulm: danube books.
2020,163 Seiten
ISBN: 978-3-946046-22-6

Auf dem Donauradwanderweg zu radeln, davon träumte ich schon als Kind. Bis heute ist es bei diesem Traum geblieben. Doch mit dem neuen Buch aus dem Danube-books Verlag kann
man Städte kennenlernen, welche an der Donau gelegen sind: Städte wie Linz, Regensburg und Vukovar (Kroatien) stehen im vorliegenden Fortsetzungsbuch (von 2018) im Focus sowie Frauen, die an diesen Destinationen Geschichte schreiben.
Das sind Frauen wie Ute Bock aus Linz, Ikone der Flüchtlingsarbeit. Cineastisch erinnert „Ute Bock Superstar“ an sie. Weitere sind: Hedda Wagner, Dichterin, Komponistin, während der NS-Zeit mit Publikations- und Aufführungsverbot gestraft wurde.
Die Künstlerin Anna Maria Brandstätter, geboren in Niederösterreich, blickt von ihrem Atelier aus direkt auf die Donau.
Die kroatische Stadt Vukovar macht Lesende neugierig: Die Region war während des Kroatienkriegs 1991–1995 das am stärksten umkämpfte Gebiet. Mit der jungen Stadträtin Biljana Gaća möchte man die geschichtsträchtige Metropole erkunden.
In Regensburg hat sich die gebürtige Hamburgerin Barbara Krohn längst einen Namen gemacht als Expertin für kreatives Schreiben, verrät sie im Interview.
Dialogisch präsentieren die Herausgeberinnen um Sabine Geller Frauenstimmen und -spuren, die den Donauraum nachhaltig prägen (prägten) und dokumentieren exemplarisch weibliche Geschichtsschreibung.
Das Buch eignet sich hervorragend als Lektüre zur derzeitigen Ausstellung „DONAU- Menschen, Schätze & Kulturen“, die auf der Schallaburg noch bis zum 8.11.2020 zu sehen ist.
Die Donau- ein unbekannter Fluss? Mit dem Buch unterm Arm werden Sie an den Ufern des 2800 kilometerlangen Stromes flanieren und sich bestens unterhalten.