Buch

Daniel Wisser: Unter dem Fußboden

Hahnrei Wolf Käfer

Daniel Wisser:
Unter dem Fußboden

Klever Verlag Wien
2019, 132 Seiten
ISBN: 978-3-903110-54-0

Daniel Wisser ist kein wichtiger Autor. Desto angenehmer lesen sich seine Schnurren mit all den mehr oder weniger bemühten Absonderlichkeiten und und Abwegigkeiten. Querbezügen vom Butterpreis, der einmal wegen Hitze in Frankreich, das andere Mal angeblich in Norwegen laut einer Fake-Meldung insUnfassbare steigt, nachzuforschen, ist zwecklos. Die
scheinbare Faktizität, nahegelegt durch Datum, Namen, historische Zuordenbarkeit und dergleichen, reißt den Abgrund zur Unwahrscheinlichkeit des angeblich Vorgefallenenbumso größer auf. Hier ist es nicht der ominöse Bruder einer Freundin, der das Selbstmörderauto gekauft hat, sondern der Hilfsarbeiter Viktor A., der am 18. Dezember 1928 das Liebenberg-Denkmal in Wien erstiegen hat, um... Nein, Pointen werden hier nicht verraten, ob es um verschwundene Karawanen geht oder die eigentliche Bedeutung von Chikago in einer ‘Indianersprache’. Und Jahrelanges verwunderliches Schweigen eines Protagonisten lässt uns so ratlos zurück wie den Autor. Wenn man die eine oder andere Schnurre schon in ‘Kein Wort für Blau’ gelesen hat, ist es nur neuerlich Anlass, angenehm verwundert zu sein. Wer glaubt denn schon, dass wirklich am vierten Tag des Sechstageskrieges daran zu denken wäre, dass der Krieg nur noch zwei Tage dauern wird? Da nimmt man auch hin, dass es zwei letzte Menschen gegeben hat, nämlich auf dem Mond, und versucht sich (nutzloses Wissen) zu merken, dass es im Altgriechischen, Ägyptischen, Chinesischen und Russischen keinen spezifischen Ausdruck für blau gibt.
Daniel Wisser ist auf jeden fall kein wichtigtuerischer Autor, aber ein immens amüsant und anregend zu lesender.

Ilse Tielsch: Die Früchte der Tränen.

Cornelia Stahl

 

454 Seiten. Wien: Edition Atelier. 2020
ISBN: 978-3-99065-014-1

 

Geschichten von Flucht und Vertreibung: Seit 1966 veröffentlicht Ilse Tielsch Lyrik und Prosa. In einem Antiquariat entdeckte ich durch Zufall zwei ihrer Werke: „Fremder Strand“- eine Erzählung (1984) und „Zwischenbericht“ – Gedichte (1986). Wiederum zufällig stieß ich auf den Wiener Verlag Edition Atelier, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Erinnerungskultur mit Leben zu füllen. Tielsch´s Romane legt er neu auf. „Die Früchte der Tränen“ ist der letzte ihrer Romantriologie. Lesende begleiten darin den Weg einer sudetendeutschen Familie. Anni studiert und arbeitet in einer Buchhandlung. Mit ihrem Mann ist sie aus Mähren geflohen und nun entschlossen, sich der Aufbruchstimmung völlig hinzugeben. Tielsch nimmt uns mit in die 1950er Jahre und zoomt uns nah an den Familienalltag heran, sodass die Figuren lebendig werden. Besonders berührt hat mich die Geschichte des Enkels um seinen Großvater, einst Schmied von Mühlfraun bei Znaim (S.14), der aus seiner Heimat vertrieben wurde und bis zuletzt, im Spital, von einem Neuanfang träumte. Nach dessen Tod findet der Nachkomme in der großväterlichen Westentasche den Schlüssel zur Schmiede, den er seit seiner Flucht verwahrt hatte. „Liegt Mähren am Meer“ (S.454) fragt er Enkel, neugierig und bedacht um die Herkunft der Großmutter. - Die Autorin fasziniert mit einer an Bildern und Metaphern reichen Sprache und einem tief verwurzelten Humanismus, der atmosphärisch im Subtext mitschwingt. Ein großartiges Projekt europäischer Geschichtsschreibung – inhaltlich spannend und berührend zugleich, da Themen wie Flucht und Vertreibung bis dato allgegenwärtig sind! Unbedingt lesen!

Ilse Tielsch, 1929 in Auspitz/Hustopece/ Mähren geboren. Studium der Zeitungswissenschaften und Germanistik, 1953 Promotion. Mitglied: PEN Österreich, OeSV, Gründungsmitglied PODIUM. Preise (Auswahl): Franz-Theodor-Csokor-Preis für ihr Lebenswerk.

 

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt.

Cornelia Stahl

 Die Unschärfe der Welt. 216 Seiten.

Stuttgart: Klett-Cotta. 2020

ISBN: 978-3-608-98326-5.

 

Familiengeschichten aus Siebenbürgen

Iris Wolff hinterließ 2018 Spuren auf dem Internationalen Bibliothekskongress in Graz, den sie mit einer wunderbaren Rede eröffnete. Der Aura und Ausstrahlung der 1977 in Hermannstadt/Sibiu geborenen Autorin kann man sich kaum entziehen. Und dieselbe Aura spiegelt sich in ihrer Literatur wider. Es verwundert nicht, dass Iris Wolff 2020 der Marie Luise Kaschnitz-Preis für ihr bisheriges Gesamtwerk zugesprochen wird. „Die Unschärfe der Welt“ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und war für den Bayerischen Buchpreis nominiert.

Der vorliegende Roman ist hochaktuell, er oszilliert um Daseinszustände des Menschen wie Liebe, Trauer, Verlust und Zugehörigkeit: „Es gab keine Mitte für sie, keine Zugehörigkeit“ (S.33). Themen, die entlang von Familiengeschichten der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben atmosphärisch miteinander verknüpft sind. Mikropartikel aus dem vergessenen Land DDR leuchten mittendrin auf: Zwei Studenten, die Unterschlupf suchen beim deutschsprachigen siebenbürgischen evangelischen Pfarrerehepaar, welches in Folge misstrauisch beäugt und einem Verhör unterzogen wird. Zeiten des Kalten Krieges werden wiederbelebt, authentisch erzählt für die nachfolgende Generation, welche diese Zeit nur noch aus Geschichten kennt. Umso wichtiger ist es, dass Iris Wolff sie für uns markiert und Spuren hinterlässt. Zugleich entwirft sie ein Panorama europäischer Geschichte. Eine präzise Figurenzeichnung sowie sinnliche Sprache formen den Roman zu einem Kunstwerk. Eine wichtige Stimme Siebenbürgens, deren Echo lange in uns nachhallt.

Iris Wolff, geboren 1977 in Sibiu/Rumänien, wuchs im Banat auf, übersiedelte als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland. Bisher erschienen drei Romane im Otto-Müller-Verlag.  Preise (Auswahl): Marieluise-Fleißner-Preis 2019, Marie Luise Kaschnitz-Preis 2020. Mitglied im Internationalen Exil-PEN, Wolff lebt in Freiburg i. B.

 

 

Sigrid Katharina Eismann: Das Paprikaraumschiff.

Cornelia Stahl

Das Paprikaraumschiff. 2020.

Ulm: danube books.157 Seiten.

ISBN:  ISBN 978-3-946046-18-9.

 

 

Mit der „Elektrischen“ durch Temeswar

In Temeswar (Temeschburg), einer Stadt in Westen-Rumänien, Timişoara heißt sie auf Rumänisch, siedelten sich vor über 300 Jahren Deutsche an. Die erste Bekanntschaft mit dieser Stadt machte ich in „Women Stories“ (danube books). Sigrid Katharina Eismanns´s Roman „Das Paprikaraumschiff“ spürt den Leerstellen dieser, ihrer Stadt, nach, füllt sie mit Erinnerungen und Gegenwartsbezügen.

In kurzweiligen Erzählungen erkunden Lesende das Rumänien der Siebziger Jahre. Die Autorin lässt uns teilhaben am Alltagsgeschehen. Kapitelüberschriften wie „Die Fernwehnummer aus der Abhörzentrale“ (S.13) oder „Ein balkanisches Fahrtenbuch“ (S.65) decodieren und erschließen ein ganzes Universum an Geschichten. Im Mittelpunkt steht die „Elektrische“, die Straßenbahn, die von Station zu Station tuckert, Gäste ein- und wieder ausatmet, im Wissen um ihre verborgenen Träume, und mitunter Ängste, und sie „spann Erzählfäden um Haltestellen … zwischen Hessen und Temeswar“ (S.26). Die an Metaphern reiche Sprache wirkt atmosphärisch verdichtet: „Akazienduft hängt in der Luft. Vaters Schatten huscht ins heimliche Gässchen“ (S.13). (Kindheits)Erinnerungen an Zeiten des Kalten Krieges werden zwischen den Zeilen lebendig: „Hinter der Milchglasscheibe laufen die Drähte heiß“ (S.13), etwa, wenn Eismann von Telefonaten in den „Westen“ (nach Deutschland – Anm. d.Verf.) erzählt, und von der in unmittelbarer Nähe befindliche Temswarer Abhörzentrale, die zeitgleich ihre Arbeit aufnimmt. Ohne Pathos, mit viel Witz, schlängeln wir mit der „Elektrischen“ durch Temeswar, und verweilen mit den Augen der Autorin an Beobachtungsobjekten: „Das Krebsspital … lächelt mit aufgefrischtem Teint“ (S.27). Eine Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Einblicke gewährt in die siebenbürgische Landschaft und Mentalität.

Sigrid Katharina Eismann, geboren 1965, emigrierte 1981 nach Deutschland, veröffentlichte 2017 den Lyrikband „Reise durch die Heimat- von Offenbach nach Temeswar“ (Größenwahn-Verlag). Eine wichtige poetische Stimme! Unbedingt lesen!

 

Wolfgang Kühn: (Hg.): Grenzenlos?

Cornelia Stahl

Anthologie: 2020. 241 Seiten.

St.Pölten: Literaturedition Niederösterreich.

ISBN: 98-3-902717-54-2

 

Grenzen – imaginierte und reale

Niederösterreichs Grenzen zu Tschechien prägen seit vielen Jahren das Zusammenleben beider Staaten. 1989 wurden die Grenzbalken endlich durchtrennt. 1995 trat Österreich der Europäischen Union bei, doch im März 2020 wurden Europas Landesgrenzen erneut geschlossen, persönliche Ausgangsbeschränkungen aufgrund der COVID 19-Pandemie angeordnet. Die aktuelle Anthologie der Literaturedition Niederösterreich setzt sich mit den unterschiedlichen Formen von Grenzen auseinander. Autoren/Autorinnen sowie der Objektkünstler Matthias Mollner lieferten facettenreiche Beiträge. Milena Michiko Flasar simulierte mithilfe der Tagebücher Klaus Manns die Vorstellung, nicht mehr in die Heimat zurückkehren zu können. Ilse Tielsch versetzt sich in die Kindheit zurück, als plötzlich während des Fahrradfahrens Erinnerungen an die Eltern auftauchen. Xaver Bayer nimmt uns mit auf eine Grenzfahrt. Die Doppelseite in ultramarin und folgende Fotos lassen uns hinabtauchen, in einen Fluss und eine Nacht durchqueren. Atmosphärisch folgen die Bilder einem eigenen Erzählfluss, bewirken ein Innenhalten. In David Bröderbauer s´Beitrag spürt der Lesende die Distanz zwischen zwei Ländern: Unausgesprochene Worte erschweren den Blick nach Tschechien. Die jahrelange Entfremdung löst sich im Gespräch zwischen Vater und Sohn auf. Annäherung wird ermöglicht. Julian Schutting konstatiert: „Grenzüberschreitungen, das sind Horizonterweiterungen“ (S.33), Kindheit und Kirchenstraße. Ana Marwan reflektiert paradiesische Grenzen.

Weitere Beiträge von: Zdenka Becker, Harald Friedl, Sandra Gugić, Barbara Neuwirth, Verena Mermer, Thomas Sautner, Michael Stavarič, Peter Steiner. Dem Herausgeber Wolfgang Kühn ist eine sorgfältige Auswahl an vielfältigen Bild- und Textbeiträgen gelungen. Ein facettenreicher und grenzenloser Lese- Genuss!

Cornelia Stahl