Buch

HG. Neundlinger, Stattin, Strasser, Suter, Fotografien K. Pichler: Hier ist Literatur!

Eva Riebler

Hier ist Literatur!
Reisen zu literarischen Erinnerungsorten in NÖ.
HG. Neundlinger, Stattin, Strasser, Suter, Fotos K. Pichler

2022
536 Seiten
ISBN 978-3-902717-65-8

15 AutorInnen beziehen sich jeweils vor gegebenem Erinnerungsort auf einen berühmten Autor, bzw. eine Autorin. Sei es da, dass im Weinviertel Schloss Hagenberg vom Literaten Ferdinand Schmatz mit Konrad Bayer verbunden wird, Schloss Harmannsdorf von Simone Hirth mit der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, Niederhollabrunn von Xaver Bayer mit dem Dichter Theodor Kramer, Pulkau von Helmut Peschina mit Alois Vogel, dem Gründer der Literaturvereinigung Podium.
Der Alois-Vogel-Literaturpreis erinnert an ihn.
Im Waldviertel geben die Fotografien von Heidenreichstein Einblick in den Ort und ins Innerste des Heimatmuseums. Mieze Medusa schreibt über die private Beziehung Ingeborg Bachmanns zu diesem Ort. Im Heimatmuseum ist ihr ein eigener Raum gewidmet, wo u.a. sogar ihr Impfzeugnis ausgestellt ist. Mieze Medusa ist berührt und schreibt: „Es gibt kein Lesen ohne Filter. Den Text ohne Publikum, er ist so real wie der Topf voller Gold am Fuße des Regenbogens.“
Im Mostviertel wird Kirchstetten von Andreas Jungwirth verbunden mit W.H. Auden. Gertraud Klemm schreibt zu Frau Ava einen Dialog der Mutmaßungen. Frau Ava, (von ihr sind nur die ersten Bücher in Erinnerung), die sich von den vielen anderen weiblichen Literaten unterscheidet, indem ihre Bedeutung nach 1000 Jahren noch in Veröffentlichungen, Literaturbewerben und in Form eines Ava-Turms gefeiert wird.
Aus dem Industrieviertel lesen Sie die Erinnerungen Michael Stavarics zu Karl Fakas, Hanno Millers zu Ernst Herbeck und Edmund Mach, Magda Woitzuck zu Ferdinand Raimund und aus Kierling bei Gugging die Erinnerungen Ana Marwans an Franz Kafka. Jana Volkmann schreibt zu Albert Drach, Michael Ziegelwagner zu Heimito von Doderer, Margit Mössmer zu Hermann Broch und Raphaela Edelbauer zu Ludwig Wittgenstein.
Ein originelles, interessantes, fundiertes und auf Grund der 220 Fotos (10 pro Schloss/Ort) aus den vier Vierteln NÖs ein wirklich schönes Werk!

Max Böhme: IMAGINE GAIA/Monografie

Gabriele Müller

Max Böhme:
IMAGINE GAIA

Monografie
Wien: Sensationsverlag.
2021
320 Seiten

„Es ist wirklich schwierig über Max und seine Kunst zu schreiben“, meint Dorothée Berghaus, Exfrau Max Böhmes, die 2001 mit ihm anlässlich einer Kunstausstellung den Sensationsverlag gegründet hatte. Kunsttheoretische Erklärungsmodelle gebe es, doch erklärten sie nur einen winzigen Aspekt seines Werkes. Ihr Aufsatz „Lass uns rein“, enthalten in der Monographie über den Maler, Objektkünstler und Photographen, ist jedenfalls hilfreich für das Verständnis des Schaffens und der Person des Künstlers.
Ein Bildjournal erläutert die zahlreichen Abbildungen von Ölgemälden, Skizzen, Radierungen, Linolschnitten, Fotos von Installationen und Kooperationen. Auch sein wichtigster Schaffens- und Wohnort, der Mayerhof im Waldviertel, ist dokumentiert. Der sei, so Berghaus, wesentlich für das Verständnis seines Werkes und dessen Entstehung.
Eine Erläuterung zum programmatischen Ölbild „Imagine Gaia“ im Format neun mal zwei Meter, liefert die Philosophin Elisabeth von Samsonow: Er male einen Riesenhorizont, der den Betrachter auf die richtigen Proportionen verkleinere.
Im Winter 2018/19 habe ihn die Angst vor der vollständigen ökologischen Zerstörung befallen, erläutert Max Böhme in einem Text unter einem Bild der noch leeren Leinwand im Wald: „Ich war traurig, wie wir nackten Affen mit unserer Erde umgehen, die die Griechen Gaia nannten. “Auch Quantenphysiker hätten Beweise gefunden,
dass Dinge, Pflanzen und andere Lebewesen miteinander in Beziehung stehen.
Weitere Einblicke in die Person und das Werk Max Böhmes geben interessante Essays von Robert Fleck, Rainer Fuchs, Katharina Orlowska und Tonio Schachinger.
Die Monographie ist in zwei Versionen erhältlich. Bei der Vorzugsausgabe in einer Auflage von 30 Stück bekommt man kostbare, handsignierte Originaldrucke. Die trotzdem äußerst wertvolle Standardversion kostet nur 45 €.

Heidi Kastner: Dummheit

Gabriele Müller

Heidi Kastner:
Dummheit

Wien: Kremayr & Scheriau
2021
104 Seiten
ISBN 978-3-218-01288-1

Was macht ein Sachbuch über Dummheit in einer Literaturzeitschrift? Noch dazu, wo laut Autorin, ein Phänomen nur lückenhaft beschrieben wird und Lösungsansätze zu vermissen sind? Um über Sachverhalte und Emotionen reflektieren zu können, schreibt die Psychiaterin Heidi Kastner, braucht es Begrifflichkeiten.
Diese zu finden, sei umso schwieriger, als auch für das vermutete Gegenteil, die Intelligenz, es bis heute keine wissenschaftlich anerkannte eindeutige Definition gibt.
Was also ist Dummheit und wie kann man sie erkennen, wenn sie sich offensichtlich der Vermessung entzieht?
Dummheit, aus der wieder dumme Handlungen resultieren, ruhe auf mehreren, äußerst stabilen Säulen, konstatiert Kastner.
Vermutlich die unwesentlichste sei der Mangel an jenen Fähigkeiten, die mit einem Intelligenztest abgefragt werden. So war sie während ihrer Tätigkeit als Gerichtssachverständige immer wieder mit definitionsgemäß intelligenzgeminderten Straftätern konfrontiert. Bei keinem war mangelnde Intelligenz Ursache der Tat, sondern Beweggründe wie Gier, Wichtigtuerei oder die Unwilligkeit, Grenzen zu akzeptieren.
Ein weit größeres Problem stellten die „Lernverweigerer“ dar bzw. der Unwille, aus Erfahrungen zu lernen und analoge künftige Situationen so zu gestalten, dass die bestmögliche Entwicklung mit hoher Wahrscheinlichkeit eintritt. Teilweise beruhten dumme Handlungen auch auf unzureichendem Wissen, aber nur dann, wenn man den eigenen Wissensmangel als unproblematisch erkennt. Neben der Anstrengungsverweigerung, die die Urteilskraft unterminiert, können natürlich zahlreiche andere Ursachen für dumme Entscheidungen vorliegen.
Was Faktenverweigerer, Querulanten, Verschwörungstheoretiker oder Gefühlsdumme antreibt, analysiert Kastner in leicht verständlicher Sprache.
Leider wird das Buch vermutlich nur von jenen gelesen werden, die klug genug sind zu wissen, dass vor Dummheit niemand gefeit ist.

Michael Hammerschmid/María José de Tellería: wer als erster

Florian Müller

M. Hammerschmid/
María José de Tellería: wer als erster

Wien: Jungbrunnen
2022, 32 Seiten
ISBN 9783702659622

Laut und leise sein. „Gedichte schreiben gehört zu meinem Grundmodus“, erklärt Michael Hammerschmid.
Diesem Schreibfluss seien die Texte auch entnommen, gar nicht so sehr als Projekt entstanden. Mit seiner ersten Zusammenarbeit mit dem Jungbrunnen-Verlag erfüllt sich der Autor jedenfalls einen Kindheitstraum.
„Das kleine Ich bin ich“ von Mira Lobe ist aus derselben Edition feiert heuer wie der Autor seinen 50. Geburtstag und haben ihn durch seine Kindheit begleitet.
Laut Verlag ist das Buch ab vier Jahren geeignet. Ist es ein Buch zum Lesen oder Vorlesen? Da Lesen vom Vorlesen kommt, ist es beides: „Meine Gedichte müssen laut sein dürfen und leise sein können“, meint Michael Hammerschmid dazu. Kräftig spielt der Vater zweier Töchter nicht nur gekonnt mit der Sprache, sondern auch mit dem Rhythmus und wechselt dabei zwischen den Generationen gerne die Perspektive und macht die Texte zum Dialog zwischen Eltern und Kindern. Bunt wie das bildgetragene Buch sind auch die Themenwelten von Spielen („wer als erster“) über das Eisessen, die Markierungen am Türstock der wachsenden Kinder, das Ausloten von Grenzen, der Ausflug ans Meer oder die Fahrt in der U-Bahn. Mit allen Sinnen erlebbare Kindheitserinnerungen versetzen selbst erwachsene Leser*innen zurück. Die Lust am Spielen belegen gleichzeitig die zahlreichen unerwarteten Wendungen der Texte.
Eine Entdeckung dürfte die argentinische Illustratorin María José de Tellería gewesen sein, die mit den Texten bewusst frei assoziierte Bildwelten schuf, die parallel zu den Texten ihre eigene Dramaturgie entwickeln. „wer als erster“ ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass sich Verlage ruhig trauen dürfen, Lyrik, und vor allem gute Kinderlyrik zu publizieren. Wenig überraschend, ist auch der Autor des Buches fest überzeugt, dass dieses Genre Zukunft hat und wächst er wie ein energiestrotzendes Kind.

Valerie Zenatti: Im Bund der Lebenden

Cornelia Stahl

Valerie Zenatti:
Im Bund der Lebenden

Aus dem Französischen: Cordula Unewisse
Stuttgart: Verl. Freies Geistesleben
2021, 201 Seiten.
ISBN: :9783772530272

Das Prisma der Liebe. Wie Paul Celan ist Aharon Appelfeld in Czernowitz geboren (1932) und mit der deutschen Sprache aufgewachsen. In Israel fand er eine neue Heimat und Sprache. Valerie Zenatti, übersetzte die Texte des jüdischen Autors und Literaturwissenschaftler, vereint im vorliegenden Buch Biografisches und Literarisches, und kommt somit der Forderung Appelfelds nach: „Literatur müsse Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden“. . Als sie die Reise nach Israel antritt, liegt der Autor im Sterben. Sie erinnert sich an gemeinsame Momente.
Ihre melancholische und poetische Texte ergründen, wie angesichts durchlebter Schrecken, gegenwärtig über den Holocaust erzählt werden kann. Auffallend ist ihre Fokussierung auf die Liebe, die neben Hass und Gewalt eine prägende Rolle im Holocaust spielte.
Am Ende zitiert Zenatti Appelfeld: “Entscheidend für unsere Sicht auf die Welt ist, was unsere Eltern uns von ihr vermittelt haben. In meinem Fall … das Prisma der Liebe“ (S.69).
In den atmosphärisch aufgeladenen Texte Zenattis spüren die Lesenden die innige Verbundenheit zwischen Autor und Übersetzerin: „Ich weiß nicht, wie lange ich so verharrte... jeder Erinnerung entrissen, nur mit dem Bewusstsein, bewusstlos zu sein und dennoch lebendig,... bis ein Wort durch die Nacht stieß, Ukraine, es strahlte...“, S.164.
Viele Romane Appelfelds liegen nur in französischer, nicht in deutscher Übersetzung vor.
Aktuell: Erinnerungen an Czernowitz!
Valerie Zenatti, in Nizza geboren, übersiedelte mit den Eltern nach Israel. Nach der Rückkehr nach Frankreich konzentrierte sie sich auf Übersetzungen aus dem Hebräischen, speziell auf Aharon Appelfelds Werke. Zenatti lebt in Paris.