Thomas Arzt: Die Gegenstimme

Hahnrei Wolf Käfer

Thomas Arzt:
Die Gegenstimme

Residenz Verlag,
2021, 190 Seiten
ISBN 978 3 7017 1736 1

Plötzlich erschließt sich Rhythmus und Poesie: Seltsam, da hört man im Radio reichlich Auszüge von einem Roman, der gar nicht so gefallen hat, und plötzlich erschließt sich einem Rhythmus und Poesie einer ambitionierten Prosa, die man vielleicht selbst laut hätte lesen sollen. Und langsamer. Die titelgebende Gegenstimme ist die einzige in einem oberösterreichischen Dorf, Karl Bleimfeldner stimmt gegen den Anschluss, gegen die Auslöschung Österreichs im März 1938. Er ist kein Held, eher das Gegenteil, ein Angsthase, und er ist auch kein ideologisch weitblickender Mensch. Als Korpsstudent einem kaum tiefer fundierten Patriotismus verpflichtet, besteht er darauf, statt sich wie alle anderen offen zum Deutschen Reich zu bekennen, die Wahlzelle zu benützen. Statt des gewaltsam erstrebten einstimmigen Bekenntnisses zu Hitler ergibt das, nach damaliger Auffassung, einen Schandfleck für den Ort. Und mehr als nur ein wenig Gegenwind für die Hauptfigur.
Bemerkenswert an dieser Prosa von Thomas Arzt ist, dass bei aller historischen Korrektheit der Geschichtsverlauf nicht schon vorhergewusst wird.
Der Autor berichtet vom Innenleben eines jungen Menschen, von seinen mächtigen Ängsten, von seinen Schreckensphantasien, von seinem Außenseitertum in einer sich mehr homogen gebenden als seienden ländlichen Gesellschaft. Im reichen, gut aufgefächerten Panorama der Figuren treten sehr unterschiedliche Motivationslagen zum Anschluss zutage, mit der schlichten Antinomie von Gut und Schlecht des besserwissenden Nachgeborenen kann man da wenig anfangen, das Modewort Resilienz passt hierher. Vom fesselnden Inhalt sollte man sich aber nicht zum Schnell- und reinen Stofflesen verleiten lassen.

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