Siri Hustvedt: Die gleißende Welt. Rez.: Gertraud Artner

Gertraud Artner
Auf Leben und Tod

 

alt

 
 

Siri Hustvedt:
Die gleißende Welt

Rowohlt Verlag

2015. 491 S.

ISBN 978 3 498 03024 7

Der neue Roman von Siri Hustvedt, die zuletzt mit “Die zitternde Frau” und “Der Sommer ohne Männer” reüssierte, führt uns wieder in die New Yorker Kunstwelt Ende des 20. Jahrhunderts. Wir lernen Harriet Burden - von ihren Freunden Harry genannt – kennen, die als Ehefrau eines einflussreichen Galeristen all die Jahre ihren Verpflichtungen untadelig und klaglos nachkommt, in Wahrheit aber eine hochtalentierte Künstlerin ist. Nach dem frühen Tod ihres Gatten sieht sie ihre Chance auf künstlerische Selbstverwirklichung gekommen. Doch gibt sie sich keinerlei Illusionen hin: Weibliche Kunst wird anders gesehen und bewertet als männliche, nämlich niedriger und schlechter bezahlt. Deshalb und auch um die Rollenklischees der Kunstwelt zu entlarven, wagt sie ein riskantes Experiment. Sie bedient sich Strohmänner, um ihre neuen Werke der Öffentlichkeit vorzustellen und feiert unter dem Titel „Masken“ großartige Erfolge. Als sie schließlich die wahre Urheberschaft der Kunstwerke aufdecken will, wird dies vom 3. Strohmann – selbst ein aufstrebender Künstler – verhindert. Mit erzählerischer Wucht und mitreißender Leidenschaft beschreibt Hustvedt den folgenden Kampf der alternden Witwe in einem erotischen und intellektuellen Spiel auf Leben und Tod. Das Buch ist als Textmontage angelegt und es dürfte der Autorin viel Vergnügen bereitet haben, einen dezidierten “Intellektuellen Roman” zu verfassen, um in unzähligen Fußnoten einen Großteil der abendländischen Geistesgeschichte Revue passieren zu lassen. “Die gleißende Welt” ist eigentlich der Titel eines utopischen Romans von Margaret Cavendish, die im 17. Jhdt. als eine der ersten Frauen überhaupt eigenständig publizierte. Heiße Empfehlung!

Mehr Kritiken aus der Kategorie: