Landestheater NÖ: Tartuffe von Moilière, 02.03.2016. Rez.: Eva Riebler-Übleis
Eva Riebler-Übleis
Immer dieser Gegenwartswert!
350 Jahre Deckmantel der Frömmigkeit und Heuchelei
Landestheater St.P. 2.3.2016, Premiere 27.2.2016
Tartuffe von Moilière
Deutsch von Wolfgang Wiens
Mit dem Ensemble des Landestheaters und Albrecht Abraham Schuch als Tartuffe, Julia von Sell als Madam Pernelle und Elisa Seydel als Elmire, seine Frau.
Vorweg gesagt, die Produktion des Landestheaters NÖ, Regie von Robert Alföldi und Fassung/Dramaturgie von Anna Lengyel, Bühnenbild von Ildikó Tihanyi hält sich mit der deutschen Fassung von Wolfgang Wiens an die streng gereimte Sprache und den Inhalt des Autors. Bis auf den Schluss: Denn Molière war angewiesen auf die Freigabe des Stückes, die immerhin erst 5 Jahre nach der Uraufführung erfolgt war, und somit ließ er zu Ende des Werkes den König Ludwig IV als Deus ex machina auftreten, der für ein Happy End persönlich sorgte, da er den gesuchten Frömmler Tartuffe ins Gefängnis bringt und die betrogene Hauptfigur, Orgon/Tobias Voigt, begnadigt und dessen Besitz refundiert. Hier endet die letzte Szene äußerst beklemmend, denn der Täter und Frömmler/A. A. Schuch kommt zurück in das Haus seines Verbrechens, bleibt unter den acht Vorigen, seinen Opfern ruhig sitzen und schlürft als einziger genussvoll seinen Kaffee, während die anderen zitternd bloß in ihren Tassen umrühren. Das Böse bleibt somit in der Gesellschaft. Keine Strafe bedeutet keine Gerechtigkeit und kein Happy End! Für uns ist das Maß noch immer nicht voll. Die frömmelnden Betrüger und selbstsüchtigen Fanatiker fallen in unseren Reihen nicht auf und nicht durch! So können wir den Wertewandel der 350 Jahre, die es dieses Stück bereits gibt, Atem anhaltend kaum fassen. Dramaturgisch ein großartiger Wurf! A. A. Schuch eine ob seiner Wandlungsfähigkeit herausragende Schauspielerpersönlichkeit!
In dieser Bühnenversion geht es extrem pointiert zu, vor allem wenn die Zofe/Swintha Gersthofer großmäulige, entlarvende Reden schwingt oder das Liebespaar Pascal Gross als Valère und Lisa Weidenmüller als Marianne sich eine Viertelstunde lang verabschieden und trennen will. Auch diese Verabschiedung ist nicht einfacher Natur, sondern gewürzt und gekonnt gelenkt von der Zofe Dorine/Swintha Gersthofer. Diese drei agieren unendlich köstlich!
Die Mischung zwischen den großartigen schauspielerischen Leistungen und der dramaturgischen Führung zum tragischen Ende hin ergibt ein Hin- und Hergeworfen Werden des Publikums zwischen frenetischem Applaus und beklemmender Verstörung!