44/ Essay: Von der Kunst eines Kindes - Florian Mayer-König. Ingrid reichel

Ingrid Reichel
VON DER KUNST DES KINDES - Florian Mayer-König
EIN SCHRITT NACH DRÜBEN

 
   

Für das etcetera 44 zum Thema „drüben“ haben wir als Heftkünstler Florian Benedikt Mayer König gewählt. Florian wurde am 10.11.2004 in Graz geboren, als er zu zeichnen begann, war er gerade zweieinhalb Jahre alt. Gesammelte Werke von Florian erschienen in der Edition LOG International/ LOG Buch Nr. 31, herausgegeben von Lev Detela unter dem Titel „Florian Mayer König. Meine Bilder, meine Welt. Die Kunst eines Kindes.“ 2010 wurden seine Werke in Graz ausgestellt.

„Einmal ging er (Florian) wieder in venezianischer Tracht, seine Motive genießend, am Caffe Florian vorbei, als ihm eine junge, in der Fensternische sitzende Frau zuwinkte. Florian legte in Höhe der winkenden Hand seine Hand auf die Scheibe. Wie selbstverständlich legte auch die Frau ihre Hand auf dieselbe Stelle der Scheibeninnenseite. Beide Hände lagen aufeinander und waren im eigentlichen Sinne von nichts mehr getrennt.“ (Zitat: LOG Buch Nr. 31, S. 7 aus dem Beitrag von Rainer Zendron, Vizerektor der Uni für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz) Diese szenische Beschreibung erläutert eingehend die Problematik, worum es sich in diesem Essay handelt:
Oft ist es nur ein zerbrechliches Glas, was das Kind vom Erwachsenensein trennt. Kann ein Kind, ein Künstler sein? Was unterscheidet die Kunst des Kindes von der des Erwachsenen?

Es sei gleich vorweggenommen, dass es sich hierbei nicht um die Suche nach einer Antwort handelt, sondern um die Begründung der Frage an sich. Eine Frage nämlich, die Emotionen aufwühlt und bei den meisten Erwachsenen Ablehnung erzeugt, ja Empörung verursacht, darüber nachzudenken, ob es denn überhaupt möglich sei, dass ein Kind ein Künstler sein könnte. Wir leben in einem anthropozentrischen Weltbild. Der Mensch an sich definiert sich jedoch in der Rolle eines gesunden, erwachsenen Mannes, er ist es, der uns auf höchste Ebene bringt, Erfindungen realisiert, unsere Kultur entwickelt, unsere Genialität unter Beweis stellt. Kranke, Frauen oder Kinder werden erst in den letzten Jahrzehnten in diesem Zusammenhang erwähnt. Erst ein Umdenken seitens der Künstler, machte uns dieses Defizit bewusst.
Frauen hatten seit Beginn des letzten Jahrhunderts die Gelegenheit genutzt sich selbst soziologisch, kulturell und politisch zur Wehr zu setzen. Wie psychologisch labil das intellektuelle Verhältnisse zu Kranken und Kindern in unserer Gesellschaft ist, kann anhand der Kunstgeschichte verfolgt werden. Hierbei spielen der Primitivismus und die Art Brut eine wesentliche Rolle.

Den 1848 während der Februarrevolution in Paris geborenen Maler Paul Gauguin [1] kann man zu Recht durch seine familiären und politischen Umstände geprägten, katholisch und gutbürgerlich erzogenen, spät berufenen Künstler als Vater der künstlerischen Rebellion bezeichnen. Es waren die Reisen in die Karibik, die ihn zum Primitivismus in der Malerei führten. Ansätze, die sich nicht nur im Werk des Künstlers Pablo Picasso [2] niederschlugen, sondern auch bei Henri Matisse, André Derain und Maurice de Vlaminck, jedoch Picasso in seinem kompromisslosen Schaffen zum Hauptvertreter des modernen Primitivismus machten.

Hierbei sei besonders Picassos Psychologie zu beachten: sein Hang zum Aberglauben, seine übertriebene Todesangst, sein ausgeprägtes Konkurrenzdenken zu seinem Vater, welches die psychosexuelle Ebene erreichte, die es ihm ermöglichte sich der Unterscheidung zwischen „hoher“ und „niedriger“ Kunst entgegenzusetzen. In Picasso manifestierte sich die Kunst als Auflehnung gegen Tradition und Autorität und etablierte sich als antibürgerliche und gegenkulturelle Kraft. Waren die Anfänge der primitivistischen Kritik zunächst nur literarisch und philosophisch ausgerichtet, so definierte sich die malerische Kritik im Primitivismus des 20 Jahrhunderts, die sich zunächst nur auf Ideen und Symbole beschränkte, durch Picassos Revoltierlust völlig neu. Dabei geht es um den Übergang einer wahrnehmungsorientierten zu einer konzeptuellen Arbeitsweise, die sich 1907 durch Picassos Gemälde „Les Demoiselles d’Avignon“ offenbarte. Ein Werk, welches die Zerrissenheit, den geistigen und technischen Kampf eines Künstlers zur Schau stellt und den Einfluss seiner Zeit dokumentiert. Einerseits ist hier die primitivistische Darstellung der Figuren markant, andererseits die Auflösung der Zentralperspektive nach dem Vorbild Paul Cézannes „Badenden“ [3], die schließlich zum Kubismus führte. Picasso blieb nicht lange beim Kubismus und stellte sich neuen Zielen: Authentizität durch Selbstdarstellung, Spontaneität durch Schnellmalerei.

 
Bild: Florian Mayer-König  

Auch Jean Dubuffet [4] übte sich früh in der Kunst, brach jedoch im Bewusstsein der erstarrten „ismen“ in der Kunst sein Kunststudium nach einem halben Jahr ab.
Les beaux arts (die schönen Künste), wie sie an den diversen Schulen und Institutionen der Malerei sowie auf der Akademie gelehrt wurden, empfand er in ihrer fehlenden Originalität und Spontaneität als kraftlos und tot. Bereits 1922 begann er sich daher mit der Kunst von Kindern und Geisteskranken zu beschäftigen. Erst 1945 unternimmt er eine Reise in die Schweiz, wo er mehrere psychiatrische Anstalten besucht und Zeichnungen von Patienten unter dem Titel Art Brut (rohe, ursprüngliche Kunst) sammelt.
Seine Sammlung orientiert sich vornehmlich an autodidaktischen Werken gesellschaftlicher Außenseiter, wie psychisch Kranken, Gefängnisinsassen oder Einsamen, die aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und der USA kamen.
1949 fand in Paris die erste Ausstellung der Collection de l’Art Brut statt. Es war ein Feldzug gegen die offizielle Kultur, ein Kontrast zur akademischen Kunst. „Kunst richtet sich an den Geist, nicht an das Auge!“, meinte Dubuffet, es sei daher nicht die Aufgabe der Kunst nach dem perfekten Arrangement von Formen zu suchen, sondern verborgene Schichten des schöpferischen Menschen freizulegen.
Interessant hierbei ist, dass die Kunst von chronisch psychiatrisch Erkrankten und geistig Behinderten, wie man es am Beispiel vom Art Brut Center in Gugging in Niederösterreich seit 1981 erkennen kann, eine kunsthistorische Relevanz bekommen hat und sich im internationalen Kunstmarkt etablieren konnte, während die Kunst von Kindern nach wie vor unbedeutend geblieben ist und, im Sinne der ArtBrut noch zu Dubuffets Lebzeiten, sogar in Vergessenheit geraten ist.

Gerne kämpften und kämpfen nach wie vor anerkannte sowie unbekannte Künstler mit sich selbst, um diese unvoreingenommene kindliche Sichtweise zurück zu gewinnen.
Hier sei nur Franz Ringel als österreichischer Künstler erwähnt [5]. Die ursprüngliche Naivität nämlich, die die Brücke zwischen Rationalem und Irrationalem, zwischen Kunst und Natur, zwischen Abstraktion und Figuration für das Primitive, Banale und Unreflektierte ermöglicht, all das, was uns im erwachsenen Dasein durch vernunftdirigierten Umgang und brachiale Erziehung abhanden gekommen ist.

 
Florian Mayer-König: Der Tod im Flieger  

Es kann daher nur ein Kleinkind sein, welches noch einen unschuldigen Geschmacksmechanismus in sich trägt, das mit unbewusster Sicherheit so eine markante Strichführung wie der kleine Florian vorführt. Voraussetzung hierfür sind eine gute Beobachtungsgabe, die Fähigkeit zur Konzentration, aber vor allem das Aufbringen der nötigen Courage, die einem so ein leeres, weißes Blatt Papier zu bemalen abverlangt, die Auswahl der Farben und des Striches in einem verblüffenden Tempo zu treffen. Dabei greift das Kleinkind sehr wohl auf ein großes Wissen zurück. Am Beispiel der Zeichnungen über den Tod (S. 32 „Tod in der Arena“ S. 57 „Der Tod im Flieger“, S. 58 „Der Tod“) sieht man, dass Florian konkrete Vorstellungen über den Tod hat. Der Tod, an sich ein Abstraktum, wird auch von erwachsenen Künstlern symbolisch oft als Gerippe oder Sensenmann vermenschlicht dargestellt. Florian musste diese Symbolik oder ein Skelett eines Menschen zum Zeitpunkt der Entstehung der Zeichnung bereits gekannt haben und hat das Wahrgenommene gekonnt dargestellt. Der Tod ist kein freundlicher, er sieht grimmig aus und er trägt einen dunklen Hut, eine Melone am Schädel.

Leider sind die Werke nicht chronologisch sortiert und datiert, was eine genauere Analyse einer Werkbeschreibung und –entwicklung ermöglichen würde. „Die Schönheitswahl“ S. 67 wird vermutlich eines seiner ersten Zeichnungen sein, da die Figuren nur aus einem Kopf mit Beinen bestehen. Erfahrungsgemäß realisieren Kinder in ihren Zeichnungen erst etwas später den menschlichen Körper, unterteilen ihn dann in Kopf, Leib und Körperextremitäten. Der Ausflug in ein „Silberbergwerk bei Moos im Passeier“ (Südtirol) hingegen dürfte späteren Datums sein. Florian stellt die Landschaft sehr konkret dar: die Berge, die Häuser im Tal, das Nadelgehölz mit dem Erlebnisbergwerk und der Rutsche mit den Menschen. Die abgebildeten Werke von Florian sind vorwiegend mit Kugelschreiber, wenige Zeichnungen mit Bleistift oder Buntstiften angefertigt, daraus lässt sich schließen, dass Florian seine Zeichnungen unmittelbar noch unter dem Einfluss des Erlebten in der Region vollbrachte. Florian schildert uns spontan seine Erlebnisse bei den Ausflügen mit seinem Vater und dokumentiert uns somit seine Kindheit, offenbart uns seine Stimmungen.

Im Wesentlichen unterscheidet sich die Kunst des kleinen Florian von der des großen Picassos darin, dass ihm jegliche Wertung – Gut und Böse - und Interpretation fehlt. Ein Kind polemisiert nicht, sondern bleibt immer sachlich präzise, zeigt was es wahrnimmt, hinterfragt das Geschehene nicht. Hier gibt es keine schmerzhaften, verzerrten Darstellungen oder gar zur Übertreibung neigenden Grotesken.

Das Kind verfällt keinem Masochismus und spekuliert auch nicht in seiner bildnerischen Fähigkeit andere zu verletzen. Das Kind ist frei von all dieser adulten Häme und steht daher weit über der Kunst des Erwachsenen. Mit Spannung kann man daher die Entwicklung des kleinen Florian verfolgen. Die Szene im Caffe Florian am Markusplatz in Venedig ist einprägsam, es ist nur eine dünne, transparente Glasscheibe, die das Kind vom erwachsenen Sein trennt.

[1] Paul Gauguin: 1848-1903, Wegbereiter des Expressionismus.
[2] Pablo Picasso: 1881-1973, ist keiner Stilrichtung zuzuordnen.
[3] Paul Cézanne: 1839-1906, Auflösung der Zentralperspektive. „Les grandes baigneuses“ – „Die großen Badenden“, 1906
[4] Jean Dubuffet: 1901-1985, Collage- und Aktionskünstler. Hauptvertreter der Art Brut.
[5] Franz Ringel: Geboren 1940 in Graz

 

Katalog:
Meine Bilder meine Welt
Die Kunst eines Kindes
Florian Mayer König

Edition LOG International
Log Buch Nr. 31, 2010. 92 S.
ISBN 3-7900647-31-3

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44/ Essay: Von der Kunst eines Kindes - Florian Mayer-König. Ingrid reichel

43/ Essay: Theologiestudentin im Auftrag der STASI: Viola Kühn

Viola Kühn
Theologiestudentin im Auftrag des Staatssicherheitsdienstes
Feindbilder einer Akte

Agnes W.* hatte eine Biografie, wie sie als Muster einer sozialistischen Schülerpersönlichkeit des diktatorischen Staates DDR, der Deutschen Demokratischen Republik, hätte gelten können. Sie war Mitglied der Pionierorganisation: ab der 1. Klasse Jungpionier, die zehn Gebote der Jungpioniere standen für alle im Pionierausweis, ab der 4. Klasse Thälmann-Pionier. Es galt der Slogan: Für Frieden und Sozialismus seid bereit! Und die formelhafte Antwort lautete: Immer bereit! Agnes agierte als Mitglied des Freundschaftsrates und war mit einer Reise in die Pionierrepublik Ernst-Thälmann ausgezeichnet worden. Ab der 8. Klasse trat Agnes dem Verband der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, bei. Als FDJ-Sekretärin war sie Mitglied eines Vorbildlichen FDJ-Kollektivs. Sie hatte die Jugendweihe erhalten und das Abzeichen für gutes Wissen in Gold erworben.

Im März 1981 beschloss der Staatssicherheitsdienst die Bespitzelung christlich gesinnter Studenten der Universität in R. und dazu die Werbung eines vorerst informellen Mitarbeiters, der dort unerkannt eingeschleust werden konnte. Es hieß: „Besonders im Bereich der Evangelischen Studentengemeinde konzentrieren sich solche Studenten und andere Personen, die diese Gemeinschaft als Möglichkeit betrachten, ohne staatliche Kontrolle offen ihre Anschauungen darzulegen. Dieser sogenannte Freiraum kann den bisherigen Erkenntnissen zufolge als Sammelbecken oppositioneller Personen, insbesondere Jugendlicher, betrachtet werden.“[1]

Der Staatssicherheitsdienst hatte vor allem die von der Evangelischen Studentengemeinde organisierte Partnerschaftsarbeit mit Gemeinden aus der Bundesrepublik im Visier. Bei den Partnerschaftstreffen erfolge eine gezielte Beeinflussung der Teilnehmer mit westlichem Gedankengut. Aufgrund dieser Tatsache sei eine verstärkte inoffizielle Kontrolle im Bereich der Evangelischen Studentengemeinde notwendig. Negative bis feindliche Zielpersonen innerhalb der Studentengemeinde seien festzustellen und zu ‚bearbeiten’. Es sei die ideologische Situation einzuschätzen, um geeignete Maßnahmen ergreifen zu können. Damit folgte man den Vorgaben des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke. Die zielgerichtete Gewinnung von Informationen durch Inoffizielle Mitarbeiter, kurz IM, sei das Hauptanliegen der Arbeit des Staatssicherheitsdienstes. Es seien Ansatzpunkte herauszuarbeiten, die es ermöglichten, in die Konspiration des ‚Feindes’, in seine Zentren und Organisationen in der DDR einzudringen und eine offensive Bekämpfung der ‚Feindtätigkeit’ an ihren Ausgangspunkten vorzunehmen. Die Leiter sollten deshalb die IM befähigen, rechtzeitig ‚feindlich-negative Kräfte’, deren Absichten, Maßnahmen, Mittel und Methoden zu erkennen und dabei ihr Verhalten, ihr Vorgehen so geschickt zu tarnen, den ‚Feind’ so gut zu täuschen, dass sie als IM unerkannt blieben. Die Vermittlung und Formung eines realen und aufgabenbezogenen Feindbildes der Inoffiziellen Mitarbeiter und seine ständige Vervollkommnung seien ein unabdingbarer Bestandteil der Entwicklung profilierter IM-Persönlichkeiten. Diese seien in die Lage zu versetzen, zielstrebig nach dem Feind zu suchen, ihn aufzuspüren und aufzuklären, ihn zu hassen. Auf dieser Grundlage seien die notwendige Einsatzbereitschaft, die Opferbereitschaft und andere wichtige Eigenschaften zur Erfüllung der Aufgaben im Kampf gegen den Feind hervorzubringen. Die Sätze der schriftlichen Anweisungen waren machtbewusst formuliert, so dass es schwierig war, sie als Outsider zu begreifen und zu portionieren.

Die Schergen des Staatssicherheitsdienstes hatten Agnes W. als mögliche Inoffizielle Mitarbeiterin avisiert und einen ‚Vorschlag zur Kontaktaufnahme’ erarbeitet. Danach sollte sie in Augenschein genommen und auf Ansatzpunkte für eine Werbung auf der Grundlage der politisch-ideologischen Überzeugung abgeklopft werden. Man sollte zudem über ihre persönlichen Vorstellungen zum bevorstehenden Studium reden. Zudem hatten die Verantwortlichen einen Maßnahmeplan zur weiteren ‚Aufklärung der IM-Kandidatin’ aufgestellt. Entsprechend wurden ihr Freizeitverhalten, ihre politisch-gesellschaftlichen Aktivitäten, ihre soziale Herkunft, der weltanschauliche Einfluss der Eltern auf sie und die Verbindungen der Familie ins nichtsozialistische Ausland ‚ermittelt’. Bald erfuhr man aus inoffiziellen Quellen, dass es sich bei dem jungen Mädchen um eine äußerlich und im Umgang angenehme und aufmerksame Gesprächspartnerin handeln würde, dass sie anderen Menschen zuzuhören vermochte und schnell Vertrauen aufbaue. Sie sei bereits während ihrer Schulzeit mehrfach als ‚Beichtvater’ für individuelle Sorgen und Nöte ihrer Mitschüler herangezogen worden. Die Augen des Mädchens seien einprägsam, so als würden sie aufgrund ihrer Ausstrahlung andere zu fesseln und zu dirigieren vermögen. In ihrer Freizeit trainiere Agnes Judo im Sportverein und fahre Motorrad. Ihre Mutter, Sonderschulpädagogin und eine überzeugte Genossin der staatsführenden Partei, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, kurz SED, habe die Tochter in diesem Wertekanon erzogen und den Vater, Ingenieur und aus einem religiös geprägten Elternhaus stammend, in eine weniger maßgebende Rolle gedrängt.

Hauptmann L. wurde beauftragt, für das junge Mädchen Gesprächspartner und Führungsoffizier in spe zu sein. Als Anfang April das Gespräch mit Agnes eingefädelt war, erschien er also bestens vorbereitet. Das etwa 1,70 m große, schlanke Mädchen war dunkelblond und trug einen sportlich-kurzen Haarschnitt. Er beobachtete ihre Art zu reden und ihren Gesichtsausdruck. Er beurteilte Agnes als eine agile, bewusst handelnde Person. Sie habe gesagt, sie wolle Sonderschulpädagogin werden, da werde man von den Kindern nicht bewusst geärgert, da werde man mehr gebraucht als anderswo. Sie habe seit jeher eine Neigung dazu, nicht das zu tun, was alle tun. So habe sie auch andere Vorstellungen von der Gestaltung ihres Lebens, als ihr die Eltern das vorlebten. Vorgezeichnete gleichförmige Regelmäßigkeit, auch in deren Tagesablauf lehne sie ab. Der Hauptmann schätzte das Mädchen als charakterlich robust und ehrgeizig ein, als eine, die offen sei in ihren Meinungsäußerungen. Er schlug vor, zu Agnes eine IM-Vorlaufakte anzulegen und ‚sie in Kontakt zu behalten’. Nach Studienbeginn könne sie zielgerichtet zur Kontrolle von Studenten der Evangelischen Studentengemeinde der Sektion Sonderschulpädagogik eingesetzt werden. Er wollte sie auf einen ersten Einsatz schon ab September 1981 vorbereitet wissen. Als er das Mädchen wieder traf, habe schon eine gewisse Erwartung auf einen informellen Einsatz mitgeschwungen.

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43/ Essay: Hören mit Schmerzen. Peter Kaiser

Peter Kaiser
Hören mit Schmerzen
Ein Plädoyer für Neue Musik

Was für den Swing-Hörer der Free Jazz ist, ist für den Klassik-Liebhaber die Neue Musik. Im negativen Falle ein absolutes Schreckgespenst, im Positiven stellt sie einen progressiven Höhepunkt in der jeweiligen Entwicklung dar. In jedem Fall aber sind beide eine Herausforderung für den Hörer.

1.

Der Autor wagt zu behaupten, dass bei der Neuen Musik nur eine vage Möglichkeit besteht, diese auf Anhieb und ohne Kenntnis der musikgeschichtlichen Entwicklung der klassischen Musik genießen zu können. Vielleicht liegt die Bereitschaft eines unvoreingenommenen Hörers eines gänzlich anderen Kulturkreises diese Musik aufzunehmen sogar höher als bei einem „westlich kultivierten Ohr“. Ein intellektuelles Verständnis und tatsächlicher Hörgenuss scheinen aber sehr wenig wahrscheinlich.

Die Wege zur Neuen Musik führen über ihre historischen Vorgänger und klassischen Vorkämpfer, welche ja auch zu ihrer Zeit wiederum Neue Musik gemacht haben.

Vielleicht könnte man auch sagen, die Neue Musik ist der Zeitgeist der Klassischen Musik, obwohl ihre Ausformungen keinesfalls so abgrenzbar sind, wie wir dies zum Beispiel beim Begriff Barockmusik empfinden.

Die Neue Musik, wie sie heute im Großen verstanden wird, ist teilweise gekennzeichnet durch die Aufgabe gewohnter Harmonien oder das Fehlen von Tonalität. Sie setzte mit der Spätromantik ein, wonach die Entwicklung der Zwölftonmusik einen frühen und expressiven Höhepunkt der Neuen Musik darstellte. Der Begriff selbst wurde übrigens vom Musikjournalisten Paul Bekker 1919 aufgebracht und für Musik verwendet, welche mit traditionellen kompositorischen Methoden weitgehend gebrochen hatte. Ein erster Meilenstein in dieser neuen Tradition ist also die Zweite Wiener Schule mit den Säulenheiligen Schönberg, Berg und Webern; wobei gerade diese heute eben schon nicht mehr zur Neuen Musik gerechnet werden, sondern zur Klassischen Moderne.

Machen wir es uns also einfach und lassen die aktuelle Neue Musik ihren Geburtstag mit Ende des Zweiten Weltkriegs feiern und erlauben wir uns zur Weiterverfolgung der Klassischen Moderne, Musik bis 1945, auf einschlägige Literatur zu verweisen oder für Eilige auf den sehr ausführlichen Wikipedia-Artikel „Neue Musik“.

Interludium 1 – Die Hörer

Für den Puristen endet die Klassik und damit das Kulturgut Musik bei Brahms, wobei dieser schon als Grenzfall gilt. Der überbordende Eklektizismus eines Gustav Mahler gilt diesem als dekadent und vermutlich defätistisch. Kindertotenlieder schreibt man nicht, weil Gott Kinder nicht sterben lässt. Zumindest nicht in den gottesfürchtigen Familien. Die (unverständlicher Weise nicht für alle attraktive) Harmonie in eben diesen Familien duldet damit auch den Missklang nicht, welche die für diese Zeit beispiellosen 6 Bagatellen von Anton Webern in der ersten Version von 1911 verbreiten. Der frech-frivole Pierrot Lunaire aus 1912 von Arnold Schönberg fiel dem guten Geschmack der konservativen Wiener Musikliebhaber ebenso zum Opfer wie ihr Generalmusikdirektor einige Jahre davor. Alban Bergs Wozzeck (1925 erstmals aufgeführt) war als Synonym für menschenverachtendes Handeln nur schwer erträglich. Das Schicksal der von der gottgewollten Ordnung stiefmütterlich Behandelten ist in Monarchie, Ständestaat und Faschismus das Gleiche, und zwar das Subjekt, geboren als Knecht, gestorben als Kanonenfutter.

Diese neuen Themen, welche sehr nah am Leben und Leiden des Menschen sind, setzen eine innere Einstellung des Hörers voraus, welcher es bis dahin beim Hören von klassischer Musik nicht bedurfte: Humanität, Sensibilität und kritisches Denken. Unverantwortlich simplifizierend könnte man sagen, dass sich bei einer Aufführung von György Ligetis Le Grand Macabre keine Schrebergartenfaschisten finden werden, bei einer Pucchinis Madame Butterfly sehr wohl.

2.

Ein Liebhaber Neuer Musik empfindet körperliches Unbehagen beim Hören von Popmusik oder Kuschelrock. Die bewusste Auseinandersetzung mit den zweifellos sehr anspruchsvollen Klängen Neuer Musik verändert zweifellos das Verständnis von Musik und die Musikwahrnehmung und macht seichtes Gedudel zur reinen Lärmbelästigung. Neue Musik ist das Gegenteil von Kitsch. Exemplarisch ist die Beschäftigung einiger Intellektueller (allen voran T. W. Adorno) mit der Abstraktion und den Zusammenhängen dieser Musik, welche sich aus der kritischen Analyse der Tradition und der gegenwärtigen sozialen und politischen Situation ergibt: Die Neue Musik darf nicht kitschig sein. Was nicht heißen will, dass Neue Musik politisch, kritisch oder analytisch und atonal sein muss. Sie ist oft auch witzig, wie wir dies gerade bei den zeitgenössischen österreichischen Komponisten finden…

Eine, der Aleatorik verwandte, meditative und sehr erlebnisbezogene Spielform der Neuen Musik (mit bewusster Abkehr von den Inhalten derselben), stellt die minimal music der Amerikaner Philip Glass, Steve Reich oder Terry Riley dar. Auf intellektuellen Anspruch verzichtet sie allerdings.

Exkurs 2 – 15. Jahrhundert und immer

„Diese ars nova genannte Form der Musik hat mich bis ins Mark getroffen. Als wenn plötzlich die Stäbe weggezaubert wären, desselben Käfigs dessen bis dato Gefangene wir waren. Die vielen Stimmen entfalteten vor mir eine Landschaft von schrecklicher und ungeschauter Schönheit. Nicht wenige der Zuhörer aber, begannen zu heulen und gräuslich zu schimpfen.“ Zitat: Silvius Helveticus, zu Paris, ca. 1400.

Wenn man diese zeitgenössische Betrachtung des Hörerlebnisses eines reisenden Kaufmanns in einer Pariser Kathedrale in den Anfängen der polyphonen Vokalmusik liest, weiß man, dass die Aufnahme alles Neuen immer mit Zähneknirschen und Buhrufen verbunden ist und der Mensch im Eigentlichen ein konservatives Tier ist und der geniale Künstler fast immer aus seiner Zeit herausfällt. Warum sollte sich das geändert haben?

3.

Das Problem der Abgrenzung und Schubladisierung. Durch die Nachwehen einer mit Beginn der Cartesianisierung wissenschaftlich geprägten Sicht auf alle Bereiche unserer Erfahrungswelt haben wir scheinbar Probleme mit Erscheinungen, welche sich einer Ein- und Abgrenzung entziehen. Wir vergessen dabei, dass gerade in der Kunst die Epochen mit ihren klar umrissenen Ausdrucksformen erst im Nachhinein so wurden, wie sie heute von uns verstanden werden. Die Neue Musik entzieht sich diesem Prozess eindeutig und dennoch wäre es falsch, alles, was an Ernster Musik nicht eindeutig zuzuordnen ist, als Neue Musik zu bezeichnen. Stellvertretend sollen hier die Berührungspunkte zu verschiedenen Ausformungen des Jazz angeführt werden. Die Konzeptalben eines Charles Mingus („The Clown“, „Pithecanthropus Erectus“), Miles Davis (Sketches of Spain) oder Carla Bleys Jazzoper „Escalator over the Hill“ weisen in ihrer durchkomponierten Symphonik bekennender Weise auf klassische Vorbilder hin und werden doch als Jazz oder Fusion verstanden. Neue Musik ist also kein Crossover aus beliebigen  Kompositionsstilen. Einer, welcher es uns zum Beispiel nicht leicht machen will, ist zweifellos Edgar Varèse, von welchem eine klare Linie zu Mingus und Frank Zappa führt oder der Autodidakt Erik Satie, welcher in den Fremdbearbeitungen populärer ist als im Original.

Vielleicht aber ist gerade das ein Merkmal der Neuen Musik: das unverschämte Spielen mit traditionellen Formen (und damit deren Beherrschung) und deren hemmungslose Verschmelzung mit den Stilmitteln der zeitgenössischen Musik. Ich verweise hier auf Sergej Prokofieffs „Symphonie Classique“, Alfred Schnittkes „Stille Nacht“ oder György Kurtágs „Hommagen“ stellvertretend für unzählige Beispiele. Was bei der Neuen Musik im Gange scheint, ist der lustvolle und kritische Umgang mit allen Stilen der Musikgeschichte, als Eklektizismus verunglimpft, in Wahrheit aber „das Weitertragen des Feuers der Tradition und die Bestattung ihrer Asche“ (frei nach Gustav Mahler).

4.

Ein schönes Beispiel für die Schwierigkeiten der Einordnung stellt die Eingliederung Kurt Weills, Paul Dessaus und Hanns Eislers dar. Komponisten, welche die politische Aussage ihrer Musik über alle Fragen der Konvention stellten; relative Eingängigkeit und doch unerhört Neues bringen sie und dies noch dazu erfolgreich! Eine künstlerische Symbiose, wie hier die Verschmelzung der Komponisten mit den Texten Bert Brechts, kann als großer Glücksfall gelten. Die Neue Musik macht es dem Hörer nicht absichtlich schwer. Man denke z.B. an die Franzosen Darius Milhaud und Francis Poulanc, bei denen Micky Mouse durchs Repertoire turnt! Gehen wir also davon aus, dass das elitäre Element vorhanden oder empfunden sein mag, aber nicht aus einer Hybris heraus entstanden ist. Eindeutig nicht in diese Kategorie fallen wollen die österreichischen Komponisten Otto M. Zykan, Kurt Schwertsik oder Bernhard Gander. Fast scheint es, dass sie mit ihrem Humor die Orchestergräben zuschaufeln wollen. Eine Frage, welche ich nicht beantworten kann, ist die nach den Voraussetzungen dafür, diesen Spaß als solchen erkennen und genießen zu können. Auch hier mag ein unverbildeter Zugang nützlich sein.

Daneben stehen nun Komponisten und Komponistinnen, welche ihre schöpferische Kraft aus der Mystik oder dem Glauben ziehen: Arvo Pärt, Sophia Gubaidulina oder Oliver Messiaen.

Was die Komponisten moderner Musik also scheinbar eint, ist ihre fehlende gemeinsame Ideologie oder Gesinnung. Oder erliegen wir wieder einem unzulässigen Vergleich?

5.

Ohne Wittgenstein bemühen zu müssen, liegt klar zu Tage, dass sich niemand nach dem Lesen eines Essays oder einer wissenschaftlichen Arbeit plötzlich für Neue Musik begeistert. Diese Tatsache ist auch keinesfalls verstörend. Die Lust, aus dem Vollen zu schöpfen und die beginnende Fähigkeit Bezüge zwischen einzelnen Komponisten und Stücken herzustellen, ist mit Tinte nicht zu vermitteln. Schwer verständlich hingegen scheinen jene, welche sich als Musikliebhaber bezeichnen und dennoch freiwillig auf die Wundertiere von Streichermusiken eines Thomas Larcher, Friedrich Cerha oder Isang Yun verzichten. Die Sinnenräusche eines Heiner Goebbels, die Spiritualität eines John Cage oder der Irrsinn des Helikopterquartetts von Karlheinz Stockhausen, außerdem die verschiedenen Techniken: Zwölftonreihen, Musique spectrale, Atonalität, Aleatorik sowie das Diktum: Bis hierher und nicht weiter - und damit das Ignorieren von gut einhundert Jahren Entwicklung und Reichtum - scheinen bei näherer Betrachtung schwer verständlich. Es ist tatsächlich auch Wille und Leidenschaft, Schwindelfreiheit und eine gehörige Portion Bemühen erforderlich, um in die Achterbahn der Neuen Musik einzusteigen. Aber welche Belohnung erwartet jene, die es wagen: „Landschaften von schrecklicher und ungeschauter Schönheit!“

Hinweis: Im Frühsommer 2011 wird eine gemeinsame Arbeit von Peter Kaiser und Markus Polivka zur Neuen Musik in St.Pölten uraufgeführt: мнр (Welt, Friede).

Peter Kaiser
Geboren 1968 in St. Pölten. Gelernter Buchhändler. Organisator und Mitinitiator von Kunstprojekten (stockWERK, Skulptur am See), Literaturfestivals (KIJUBU, Blätterwirbel) und Rezensent. Er lebt in St. Pölten und ist selbstständig tätig. Seit 2011 im Vorstand der LitGes.

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