43/ Prosa: Thujen anschauen: Gerhild Perl

Gerhild Perl
Thujen anschauen

Immergrüne Ästchen verknoten sich ineinander zu einer aufgeblähten Hecke und trennen den englischen Rasen von dem Heimatgrundstück, auf dem ich sitze und von dessen Boden die schimmlige Feuchtigkeit zwischen meine, durch den verkehrten Schneidersitz gespreizten, Arschbacken kriecht. In Landschaften, wo immergrüne, verknotete Thujenästchen die Errungenschaften von 'unter sich bleiben' und 'Heimat sein' prägen, sind ständig Autos von nahe gelegenen Umfahrungsstraßen zu hören, die manchmal überstimmt werden vom Brummen des Rasenmähers, auf der anderen Seite der verknoteten Thujen, die ihre immergrünen Ästchen ineinander legen, bis sie an ihren Schwänzen zusammenwachsen wie Rattenkönige.

Auf dem Nachbargrundstück setzte einmal wöchentlich das laute Stutzen des Rasens ein und kurz darauf fuhr der Wagen des erwachsenen Eigentümers vor. Jeden Tag um fünf fuhr er vor und ich hörte jeden Tag um fünf das Zuschlagen der Autotüre und die kraftvolle Stimme des Familienvaters und Hundebesitzers. Zuallererst war er Hundebesitzer.

Dort, auf dem englischen Rasen, wo früher täglich um fünf Uhr ein Wagen vorfuhr, rennt ein Kind munter kleinen Ratten hinterher, bis ihm langweilig wird und es die anderen Seite des Heimatgrundstückes sehen will, auf dem ich sitze und von dessen Boden die schimmlige Feuchtigkeit zwischen meine, durch den verkehrten Schneidersitz gespreizten, Arschbacken kriecht. Das Kind versucht die Schulter eines Riesen zu besteigen, um auf die andere Seite der immergrünen und verfilzten Rattenschwänze, die an den Enden zusammengewachsen sind und sich ineinander verflechten wie Rattenkönige, zu schauen und brüllt: 'Ich will, ich will!'. Das Kind hüpft auf und ab, bis die feuchte Erde unter meinen Arschbacken zu springen beginnt und die kleinen Ratten wirr über den englischen Rasen tänzeln. Die Vorstellung, dass das Kind auf den hängenden Schultern des Riesen steht und in das Heimatgrundstück rüberschaut, erst auf das orange Haus in meinem Rücken, dann auf die feuchte Erde und schließlich in meine Augen, macht mich bewegungsunfähig und aus feiger Scham schnürt sich die schimmlige Feuchtigkeit in meinem Darm zusammen.

Auf dem englischem Rasen auf der anderen Seite des Heimatgrundstückes bellte der Hund jeden Tag um fünf. Braver Hund, hieß es dann. Kurz nach fünf fing er zum Winseln an. Schlimmer Hund, hieß es dann. Da bellte er für gewöhnlich noch einmal, darauf folgte ein Wechselspiel aus Sitz Sitz Platz Sitz Platz, bis ein dumpfer Schlag durch die ineinander verwachsenen immergrünen Rattenschwänze zu mir durchdrang und ein jämmerliches Wimmern folgte.

In der aufgeblähten Thujenhecken legen sich immergrünen Ästchen ineinander, bis sie an ihren Schwänzen zusammenwachsen wie Rattenkönige und schwarze Tunnels bilden, deren Ausgänge hell leuchten und durch die sich kleine Ratten winden auf der Suche nach Futter für den gefräßigen Rattenkönig, der mitten im ewig braunen Dickicht thront, während das Kind immer noch hüpfend schreit: 'Ich will! Ich will!' und der Riese so nebenbei den Kopf schüttelt.

Während die kleinen Ratten tänzeln und die feuchte Heimaterde zwischen meine Arschbacken kriecht, die gespreizt sind vom verkehrten Türkensitz, grölt das orange Haus in meinem Rücken: 'Die Zukunft, schau in die Zukunft!'. Ich starre in die Thujenhecke aus immergünen ineinander verknoteten und verfilzten Rattenschwänzen, die an ihren Enden zusammenwachsen wie Rattenkönige, und hörte den Hund wieder winseln, und kurz darauf einen dumpfen Schlag. Dann vernahm ich ein gewaltiges Zuknallen der Haustür, das einherging mit einem überlegenen 'du bleibst draußen!'. Das Winseln setzte von neuem ein und darauf folgte, 'böser Hund du, böser Hund'. Das Winseln wurde stärker und trieb mir die Feuchtigkeit aus den Augen.

Dort, auf dem englischen Rasen, wo früher täglich um fünf Uhr ein Wagen vorfuhr, entfernen sich Riesenschritte von der Thujenhecke, mit einem kleinen Kind im Schlepptau, das sich an einem riesigen Oberschenkel festgebissen hat und mit seinen kleinen Fäusten wild gegen das Bein trommelt. Die Beine gehen gemächlich weiter, gehen weg vom ewig braunen Rattenkönig, dessen Schwänze an den Enden zusammengewachsen sind und sich ineinander verfilzen, bis das Kind mit den Zähnen den Oberschenkel loslässt, rücklings fällt, wild mit den kleinen Fäustchen auf die schimmlige Erde trommelt und mit befreiten Mund, 'Ich will! Ich will!', schreit.

Ich grub mich durch das Dickicht der immergrünen, ineinander verflochtenen Rattenschwänze, an deren Enden kleine Mäuler festgewachsen waren, die an mir nagten, während ich durch die Thujenhecke kroch, mich an einem Betonklotz vorbei angelte und mit meinen Milchzähnen den Zaun aus Maschendraht durchbiss, der sich im Dickicht der ewig braunen Rattenschwänze versteckt hielt. Angenagt und zerkratzt grub ich weiter, um dann in den englischen Rasen zu kollern, wo ein Hund vor mir stand, der weder winselte noch bellte, sondern der erbarmungslos knurrte, während ich ihm stotternd versicherte, 'ich bin hier dich zu retten, ich rette dich', er aber weiter knurrte und immer näher kam, sodass ich in die immergrünen Thujen, die an ihren Schwänzen wie Rattenkönige verfilzt und verwachsen waren, rückwärts rein köpfelte und mein Gesicht wieder angenagt wurde und der Hund sich in meinen Unterschenkel verbiss, sodass ich einen lauten Schrei von mir gab und heilfroh war, als die feuchte, schimmlige Heimaterde wieder zwischen meine, durch den verkehrten Türkensitz gespreizten, Arschbacken kroch.

Das Kind hüpft immer noch und der Riese sagt so nebenbei 'nein', das Kind hüpft und brüllt 'ich will, ich will!', und setzt es ein neu erlerntes Wort ein und schreit in anderer Zeit: 'Ich werde!'.

Kleine braune Ratten trippeln ins orange Haus, aus dem sie Futter schaffen für den alten, an den Schwänzen verfilzten und verwachsenen immergrünen Rattenkönig. Und während das orange Haus in meinem Rücken, 'Zukunft! Zukunft!', grölt, reißt der Rattenfänger um die Kurve und donnert kerzengerade durch die immergrünen, verfilzten und ineinander verwachsenen Rattenschwänze, kracht durch das Loch im Maschendraht, an dem ich mir die Milchzähne blutig gebissen hatte, rammt den Betonblock und rast mit offenen Augen in das orange Haus, das, der Vergangenheit zugewandt, leise, 'Zukunft' ruft.

Gerhild Perl
Geb. 1980 in Graz. Studium der Kultur- und Sozialanthropologie in Wien und Lissabon. Veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien. Lebt und arbeitet in Wien.

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43/ Prosa: Pulp Fiction: Armin Baumgartner

Armin Baumgartner
„Pulp Fiction“ – ein kurzer Schundroman

Die Luft war wie zerstäubtes, eiskaltes Quecksilber, als ich an diesem Februarmorgen auf den Zug nach Warschau wartete. Das Atmen fiel mir wegen der Kälte schwer. Pünktlich um 7.33 Uhr setzte sich der EC Sobieski in Bewegung, und die GTO-Thyristoren in den Traktionsstromrichtern der Taurus-Lokomotive sangen die lydische Tonleiter, diese mittlerweile so vertraute Melodie, die eine utopische Ahnung von Verstörung hinterlässt.

Die Waggons waren fast menschenleer. Ich suchte mein Abteil. Just genau gegenüber dem von mir reservierten Fensterplatz saß bereits ein junger Mann. Mein Eintreten hatte er scheinbar nicht wahrgenommen. Er war etwa 25 Jahre alt, kahl rasierter Schädel, trug einen Trainingsanzug. Seine langen Beine hatte er ostentativ ausgestreckt, sodass sie mir den Platz verstellten. Ich nahm auf dem mittleren Sitz Platz. Ich schloss die Augen und erinnerte mich an einen lauen Sommernachmittag in Danzig:

Auf dem Bahnsteig löse ich ein Ticket und warte auf die Schnellbahn ins Zentrum. Da öffnen sich die Türen des auf dem anderen Gleis stehenden Zuges. An die fünfzig Fans des Fußballclubs Lechia Gdańsk springen unvermutet aus dem Zug auf die Schienen und stürmen auf meinen Bahnsteig zu. Aus den Fenstern des Zuges werfen Fans des gegnerischen Clubs Flaschen und andere Gegenstände den Fliehenden hinterher. Der aufbrausende, brutale Lärm füllt den ganzen Bahnhof aus. Ich bleibe reglos auf dem Bahnsteig stehen. Es ist plötzlich Krieg. Die Hooligans klettern auf meinen Bahnsteig und rennen grölend und Flüche speiend an mir vorbei zum Ausgang. Mit ihnen verzieht sich auch der Lärm durch den Stiegenabgang. Dann kehrt wieder Ruhe ein.

Der Zug raste über die Schienen. Warum nur hatte ich so verbissen an meinem reservierten Platz festgehalten, wo doch so viele Abteile leer waren? Ich würde acht Stunden diesem Mann, der genauso gut einer dieser Hooligans aus Danzig sein könnte, gegenübersitzen und wahrscheinlich kein Wort mit ihm wechseln. Doch jetzt befand ich mich schon hier. Die Höflichkeit gebot es zu bleiben. Der junge Mann blickte wortlos aus dem Fenster. Das überheizte Abteil war ein Terrarium geworden, wir beide mutierten zu erstarrten Reptilien. Vorurteile, sagt man, hätten auch eine gewisse Schutzfunktion. Man könne sie auch positiv definieren. Denn sie erlaubten uns, über eine Situation ein Urteil zu bilden, bevor der Fortgang eine fatale Wendung nimmt. Forderte ich nun das Schicksal heraus? Nietzsche schreibt: „Gut und Böse sind die Vorurteile Gottes“, sagte die Schlange. Ich nahm die Herausforderung an. Der junge Mann schob die Kapuze seines Pullovers nun tief in sein Gesicht.

Es war die pummelige Dame des Bordservice mit ihren blonden Locken und den typisch polnischen Höflichkeitsfloskeln in ihrer singenden Glockenstimme, die den Bann zwischen uns gebrochen hatte. Der Junge und ich mussten jedenfalls schmunzeln, als sich die Türe wieder geschlossen hatte und wir wenige Sekunden später vom Gang draußen dieselben Floskeln in derselben Melodie und mit selbiger Glockenstimme vorgetragen noch einmal vernehmen konnten. Er heiße Ignacy, sagte er, Ignacy Goebel, warum, das sei ihm auch nicht klar, aber es sei schon „funny“, dass er ausgerechnet den Namen Goebel trage. Er als Pole – „Do you know Joseph Goebbels?“ Er zeigte mir als Beweis seinen Pass. Der Kaffee dampfte in dünnen Rauchfäden aus dem Kartonbecher.

Unsere Unterhaltung verlief in mehreren Sprachen, vor allem aber mit vielen Handbewegungen und Gesten und Grimassen. Ich konnte ein wenig Polnisch, er hingegen ein paar Brocken Englisch, Bosnisch oder Italienisch, wie er mir versicherte. „Come si dice“, warf er in den Nachdenkpausen immer wieder ein, „wie soll man sagen“. Seine Fremdsprachenkenntnisse habe er sich im Ausland angeeignet, „in the life of the language“. Schulbildung habe er kaum genossen. Zu früh habe er den Bildungsweg verlassen. Nun sei er auf dem Weg nachhause, auf dem Weg nach Warschau. Ignacy empfahl mir eindringlich, unbedingt das Museum des Warschauer Aufstandes aufzusuchen, da man dort mit originalen Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg hantieren könne. Freilich ohne scharfe Munition. Draußen zog die verschneite Landschaft an uns vorüber. Die Sonne bohrte sich silbrig glänzend durch die Nebeldecke.

Wir waren also zwei ungleiche Reisende mit demselben Ziel. Ignacy begann zu erzählen. Er habe einige Monate in einem kleinen Nest nächst Eisenstadt verbracht. „It was called something like, small women wood’“. – „Small women wood“, hallte es leise nach in meinem Kopf. Er sei schwer heroinabhängig gewesen. Die Community habe ihn nun endgültig davon geheilt. Er habe den ganzen Winter im Wald gearbeitet, fünf Monate lang, jeden Tag, von sieben Uhr am Morgen bis sieben am Abend. Um fünf Uhr sei Tagwache gewesen, waschen, beten, frühstücken. Danach ging es in den Wald. Holz fällen und abtransportieren. „You pray?“, warf ich ein, da in meinen Vorstellungen über diesen jungen Mann bisher nicht die geringste Verbindung zu Religiosität auszumachen war. Ja, es handle sich um eine christliche Gemeinde, sagte Ignacy. Diese Community gebe es auf der ganzen Welt verstreut, in Bosnien und in Italien sei er auch schon gewesen. Vor vielen Jahren habe er diese Gruppe in Warschau kennengelernt. „Come si dice. They help people who have problems with living.“

In der Community habe er kochen gelernt, für mehr als hundert Personen, ja, und auch seine Sprachkenntnisse konnte er sich dort aneignen und vor allem Selbstdisziplin. Eine winzige Missachtung der Regeln – und man würde nachhause geschickt. Er habe dieser Gemeinschaft viel zu verdanken. Nun habe er um einige Freunde mehr. Da wäre zum Beispiel dieser Kriegsveteran, ein Bosnier, der an einem schweren Trauma gelitten habe. Ignacy schilderte detailreich die geschichte des Mannes, der schwer heroinabhängig gewesen sei, als sie sich kennengelernt hatten. Im Krieg sei er ein „sniper“ gewesen. Ignacy untermalte seine Erzählung mit einer für die Tätigkeit eines Scharfschützen typischen Handbewegung. Auf einem Dach positioniert, habe er auf der Straße vorübereilenden Passanten ins Bein oder in die Hüfte geschossen. Er habe sie absichtlich nur verletzt. Die Verletzten seien dann auf der Straße liegen geblieben und hätten um Hilfe geschrien. Es habe sich immer jemand gefunden, der den Verletzten zu Hilfe geeilt wäre. Den Helfern habe er dann ebenfalls ins Bein oder in die Hüfte geschossen. Die Opfer wären so allesamt, auf der Straße liegend, mit der Zeit hilflos verblutet. Auch Kinder seien darunter gewesen. Das müsse man sich erst einmal vorstellen, meinte Ignacy. Der Krieg habe den Bosnier zerstört, er wäre danach vollkommen dem Heroin verfallen. Eines Nachts hätte man in dem Dorf, in dem er lebte, Knallkörper auf der Straße abgefeuert. Da sei er in das Schlafzimmer seiner Eltern getreten und habe sie mit seiner Waffe bedroht. Seine eigenen Eltern, er habe sie einfach nicht mehr erkannt. „Come si dice. They cannot show the real horror, the pure fear in the big Hollywood movies“, sagte Ignacy.

So kamen wir auf das Thema Filme zu sprechen, was offensichtlich sein Spezialthema war. Ohne höhere Schulbildung wusste Ignacy so dermaßen viel über Filme zu erzählen, über qualitätsvolle Filme, dass es mir den Atem raubte. Seine Augen leuchteten, und als er „Pulp Fiction“ zitierte, ging ihm förmlich das Herz über: In einer bestimmten Szene nämlich sehe man Marcellus Wallace, erklärte er mir, den Auftraggeber der beiden Killer Vinent Vega und Jules Winnfield, kurz einmal von hinten: In der Szene sei auf Wallaces Genick ein Pflaster zu sehen. Ignacy wurde enthusiastisch. Ob ich gewusst hätte, dass es in einer bestimmten antiken Kultur ein Totenritual gegeben habe, wo den Verstorbenen der Hals hinten aufgeschnitten wurde, damit die Seele entweichen kann, fragte er mich. Denn diese, Wallaces, Seele, habe sich in dem von den beiden Killern gesuchten Koffer befunden, den Vincent Vega auch öffnet und darin ein intensives Licht entdeckt, mit dem er nichts anzufangen weiß. Ignacy habe „Pulp Fiction“ an die 100-mal gesehen, wie er mir versicherte.

In Warszawa Zachodnia warteten wir auf die Reisenden des Anschlusszuges. Die Melodie der Taurus erklang, als der Zug wieder anfuhr, und Ignacy erklärte mir, dass er nicht wisse, wie seine Eltern auf seine Rückkehr reagieren würden. Sie hätten keinerlei Vertrauen mehr zu ihm. Er wisse nicht einmal, ob er noch einen Platz zum Schlafen hätte. Warschau mache ihn jedes Mal nervös. „Police town. Fuck de system“, rief er aus. Draußen waren Waggons abgestellt, über und über mit Graffiti überzogen, dahinter verfallene Wohnhäuser, Industrie und feucht-kalte Trostlosigkeit. Jetzt begann er über sein Leben zu reden, über seine fatale Heroinsucht, über seinen hyperaktiven Bruder, seinen Vater, einst Künstler, nun Nachtbuschauffeur in Warschau, über seinen verwegenen Cousin, der es in einem Lokal mit 40 bis über den Scheitel mit Wodka abgefüllten „Hill-Billies“ aufgenommen hätte, und über seine Liebe, ein Mädchen, das er auch irgendwann einmal heiraten wolle, jedoch im Moment nicht wisse, wo sie sich befindet. Gott halte seine schützende Hand über ihre Liebe, meinte Ignacy. Er sei ja nun clean. Er wisse, dass er ohne die Nadel auch leben könne. Doch Warschau sei ein Sumpf, es ziehe ihn jedes Mal tief hinunter in den Abgrund, sobald die Stadtgrenze überschritten war. Er habe Angst, sagte Ignacy. Als der Zug in Warszawa Centralna hielt, gab er mir noch seine E-Mail-Adresse. Ich solle ihm doch schreiben, er würde mir dann erzählen, wie es ihm ergeht, was aus ihm wurde. Auf dem Bahnsteig sagten wir uns Lebewohl.

Nach meiner Rückkehr hatte ich Ignacy geschrieben. Seine Antwort kam rasch. Es sei alles in Ordnung, seine Eltern hätten ihn wieder bei sich aufgenommen, schrieb er. Er sei nun auf der Suche nach Arbeit. Dann vergingen ein paar Wochen, als ich noch eine zweite Nachricht von Ignacy erhielt. Er wolle im Sommer zu einem Freund nach Italien gehen, schrieb er. Dieser habe dort ein Restaurant, schrieb er. Kochen habe er ja gelernt. Sein Mädchen sei momentan in Frankreich. Er wolle sie besuchen. Das war die letzte Nachricht von Ignacy. Danach habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Im Winter, durch ein angelaufenes Zugfenster auf die von der Sonne beschienene flache Landschaft starrend, wenn der dünne, heiße Kaffee aus dem Kartonbecher dampft, oder auch, wenn im Fernsehen wieder einmal „Pulp Fiction“ läuft, erinnere ich mich an diese einmalige Begegnung, an Ignacys lebhafte Erzählungen, an sein Leuchten in den Augen, sobald er auf das Thema Film zu sprechen kam, denke an seine Hoffnungen und frage mich, was wohl aus ihm geworden sein mag. Auch das Rätsel um das seltsame, angedeutete Totenritual aus „Pulp Fiction“, von dem Ignacy gesprochen hatte, konnte ich nie klären. Gut und Böse jedenfalls scheinen wahrhaftig Vorurteile der Götter zu sein. „Small women wood“ ist jedenfalls Kleinfrauenhaid.

Armin Baumgartner

Geb. 1968 in Neunkirchen, NÖ. Matura in Wien. Studium der Publizistik und Philosophie abgebrochen, lebt und arbeitet als Korrektor und Schriftsteller in Wien. Mitglied bei der GAV und beim Literaturkreis Podium. „96 – das fremde buch in mir“, Edition A-Uhudla, Wien 2006.

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43/ Prosa: Die Autisten: Michael Benaglio

Michael Benaglio
Die Autisten

Lange hatte der Winter gedauert. Noch in der ersten Aprilhälfte brachte ein rauer, kalter Wind Schneemassen in das Tal. Kälte, Nässe, ein nicht enden wollender Guss aus Eis und verschneiten Hängen. Dann endlich kam der Frühling, fast mit einem Schlag: Die Sonne fegte letzte Wolkenfetzen hinweg, ein strahlend blauer Himmel sah zu, wie der Schnee auf den Weiden und Strassen schmolz und breite Bäche durch Felder und Wälder strömten, während sich der Waldboden in eine Symphonie aus Matsch und nasser Erde verwandelte. Die Falken flogen unter dem klaren Himmel, die Berge rundum ruhten in einem neuen, durchsichtigen Licht, das in den Armen der Sonne tanzte.

Die Menschen atmeten auf, sie hatten vom Winter mehr als genug. Fenster und Türen öffneten sich, warme Luft strömte in den kalten Winterdunst der Häuser. Die schnell sich ausbreitende Wärme ließ bereits die ersten Wehen des Sommers ahnen. Alles ging den gewohnten Gang der Jahreszeiten, den Gang, wie er seit Jahrzehnten das Dorfleben prägte, mit all seinen Alteingesessenen und Zugereisten, mit seinen Bauern, Gewerbetreibenden, mit seiner  Ärztin, dem Apotheker und vereinzelten Intellektuellen, dem Pfarrer und seiner Exzellenz, dem Bürgermeister, und – natürlich - mit seiner umfassenden, allgegenwärtigen Tourismusindustrie. Ein Frühling voller guter Gefühle brach an, ein Frühling wie immer.

Doch dann kamen sie. Eines Tages, an einem unseligen Vormittag waren sie da. Zwei große Autos parkten mitten im Dorf, mit Kennzeichen eines anderen Bundeslandes. Das Haus in der Nähe der Kirche, das so lange leer gestanden hatte, öffnete plötzlich seine Fenster, aus denen lauter Lärm drang. Schreien, Grölen und die Basstöne eines Hip Hop hämmerten auf die sonst so ruhige Strasse. Ein Bierflasche fiel aus dem Fenster, Mädchen kreischten. Die Türe zu dem kleinen Garten ging auf, ein paar junge Männer und Frauen sprangen in den Garten, wälzten sich im Dreck, schrieen, die Bierflaschen und Bierdosen in ihren Händen drehten sich im Kreis. Eine große Sound-Maschine wurde herbeigetragen, die Musik spielte auf Hochtouren. Volle Lautstärke. Die Dorfbewohner machten befremdet einen großen Bogen um das neu besiedelte Haus. Was sie sahen, war ihnen suspekt: halbnackte Burschen, torkelnde Mädchen. Sie kletterten über den Zaun, legten Decken vor die Marienkapelle nahe der Kirche und fingen dort zu schmusen an, lehnten sich an die Mauer der Kapelle, schütteten Bier hinein, einer übergab sich direkt auf das Madonnenbild.

Tätowiert waren sie, mit kurzen Haaren, die meisten mager, einer fett wie eine gemästete Sau. Die Mädchen alle blond, naturblond oder gefärbt blond. Lautes Schreien. Grölen. Kreischen. Lachen. Streiten. Raufen. Stunde um Stunde. Vor dem Haus, das nun seine neuen Besitzer hatte, standen die zwei eleganten großen dunklen Wagen. Die Einheimischen sagten nichts, sie beobachteten das Treiben mit einer Mischung aus Angst, Unverständnis und Wut.

So verging der erste Tag. Erst als die Dämmerung kalte Luft von den Bergen fallen ließ, verzog sich die Meute der neuen Nachbarn in das Innere des Hauses. Durch die geschlossenen Fenster brandete der Lärm weiter zur Kirche und zu den Fenstern der näheren und weiteren Nachbarn. Erst lange nach Mitternacht verstummte das wilde Treiben, fielen die besoffenen, schwankenden Gestalten in ihre Betten. Am späten Nachmittag des nächsten Tages erhob sich das Treiben von neuem, schwoll an, nahm am frühen Nachmittag wieder kreischend laute Töne an und steigerte sich am späten Nachmittag zum Höhepunkt, zu einem schrillen Kreischen, zu aggressiven Drohgebärden, zu einem hemmungslosen Umhertorkeln lallender Münder, die keine ganzen Wörter mehr zu formen wussten. Und wieder lagerten sie um die Marienkapelle, eine pisste gegen die Wand der Gedenkstätte, ein anderes Mädchen schüttelte sich vor Lachen und erbrach sich, wie schon am Vortag, in das Innere des Heiligtums.

Die Dorfbewohner, Alteingesessene und Zugereiste, blickten voll wortlosem Abscheu, voller stummer Ablehnung auf das wilde Treiben. Aber keiner sagte etwas zu den neuen Nachbarn. Selbst die Polizei, die sonst schnell zur Hand war, wenn es um wirkliche oder angenommene Vergehen von Jugendlichen ging, ließ sich nicht blicken. Die Sauforgie lief weiter, verbunden mit den monotonen Basstönen, die durch das Dorf hallten wie die Trommeln vor dem Jüngsten Gericht. So ging es Tag um Tag. Die Leute wunderten sich: Hatten die keine Arbeit? Nichts zu tun? Konnten die es sich leisten, den ganzen Tag und mehr als die Hälfte der Nacht zu feiern?

Endlich fasste sich die gequälte Nachbarin, deren Haus direkt neben dem der neu zugezogenen Terroristen stand, und die nicht mehr schlafen konnte, ein Herz: Sie ging in den kleinen Garten, wo die jungen Leute hockten und ihr Bier tranken, Dose um Dose um Dose. Sie stellte sich vor. Sie war die Veitnbäuerin. Keine Reaktion. Keine Antwort. Verunsichert trug sie ihr Anliegen vor. Ob man nicht etwas leiser sein könne. Das Dorf habe sich plötzlich in eine Disko verwandelt. Das halte ja keiner aus. Keine Reaktion. Keine Antwort. Sie tranken ihr Bier, wippten zu der Hip Hop Musik, schrieen sich an. Ein Mädchen zog einen der Buschen an den Haaren. Der gab ihr endlich einen Kinnhacken. Das Mädchen blutete aus der Nase. Die Veitnbäuerin, ein bereits in die Jahre gekommenes altes Weiblein, versuchte es noch einmal. Trug ihr Anliegen vor. Hip Hop. Schreien. Grölen. Keine Reaktion. Keine Antwort.

Enttäuscht ging sie mit hängenden Schultern wieder weg. Vergrub sich in ihrer Küche, die in den Basstönen des Hip Hop vibrierte. Da fassten sich die echten jungen Kerle ein Herz, die Gestandenen, die von den anderen Jugendlichen die Echigen genannt wurden. Die Alteingessenen. Die noch Tradition hatten. Sie pflanzten sich vor der schreienden, besoffenen Horde auf und erklärten, dass es so nicht gehe. Das hier sei ein friedliches, ruhiges Dorf, ein Erholungs-Tourismusgebiet, kein Puff für Wahnsinnige. Und wenn jetzt nicht bald Ruhe einkehre, dann, ja dann, wisse man hier die Fäuste zu gebrauchen.

Das Kreischen ging weiter. Bierflaschen wurden gekippt, wurden immer wieder in hohem Bogen aus einem Fenster geworfen. Hip Hop dröhnte. Ansonsten: keine Reaktion. Keine Antwort.

Das verwirrte die Echigen, die gestandenen Buschen. Sie sahen sich kopflos, kopfschüttelnd an, kratzen sich hinter den Ohren und zogen verdattert ab. So etwas hatten sie noch nie erlebt. Sie waren ja auf einen Streit, auf eine Schlägerei gefasst gewesen. Aber das? Merkwürdig.

Da fasste sich die jugendliche Gegenfraktion ein Herz. Sie waren die Antithese, die Alternative zu den echten Burschen, zu den Echigen, sie waren die Skater, die Neohippies, die Ausgeflippten, die leicht Linkslastigen, die nicht Angepassten. Man nannte sie die Fertigen, weil sie auf Grund zahlreicher Partybesuche oft recht fertig – am nächsten Tag – wirkten. Sie gingen ganz locker, wippend und tänzelnd, zu dem neu bewohnten Haus nahe der Kirche und huschten über den Zaun, hinein in den kleinen Garten, wo die neuen Nachbarn im Dreck und im Matsch lagen und Bier soffen. Einer hatte seinen Kopf auf das Madonnenbild gelegt, das ursprünglich im Zentrum der Kapelle befestigt gewesen war. Er hatte einfach einen Kopfpolster gebraucht. Die jugendliche Antithese, die Skater, Neohippies und sonstige haarige Jungmenschen des Dorfes, pflanzten sich vor den Neuen auf und erklärten ihnen, ganz wie die jugendliche Gegenfraktion, dass es so nicht gehe. Sie seien zwar auch etwas ausgeflippt und nicht immer so ganz gesetzeskonform, aber bitte, es gebe Grenzen und man sei, bei aller Liebe zu so manch verbotener Handlung dennoch eine Kulturnation, ein Kulturdorf. Und was hier ablief, das sei eben weit jenseits des Zumutbaren angesiedelt. Die so Gescholtenen ignorierten die Jugendlichen, einer torkelte in die Arme seines Mädchens, einer griff voller Inbrunst einem Freund zwischen die Beine, einer küsste ein Mädchen knurrend wie ein Bluthund in den Nacken. Sie blickten an den Jungen vorbei, an der ganzen Fraktion der Fertigen, als seien sie nicht anwesend. Keine Reaktion. Keine Antwort.

Da zog auch die freaky Fraktion wieder ab. Man sah sich ratlos in die Augen, schüttelte die Köpfe und verständigte sich mit der Gegenfraktion, den Echigen, dass die Neuen nicht ganz dicht seien. Vollkommen durchgeknallt. Pervers. Da meinte der Herr Pfarrer, dass es nun an der Zeit sei, einzuschreiten und ein Machtwort ganz im Sinne des Herrn zu sprechen. Er umklammerte sein Kruzifix, ging die Treppe seiner Kirche hinab und mit festen, zielstrebigen Schritten auf das Haus mit der Pöbelbande zu. Er hob seinen Blick kurz zum Himmel, um die Gnade des Allmächtigen auf sich und sein gutes Vorhaben herabzuflehen, dann stand er schon in dem kleinen Garten. Und hielt eine Strafpredigt. Der Zorn Gottes werde herniedersteigen und sie alle auffressen, wenn sie die Marienkapelle weiter entweihten und die Menschen des Dorfes ständig terrorisierten. Er redete sich in Wut, bekam rote Flecken in seinem Gesicht, während sich seine Faust zu göttlicher Gerichtsbarkeit zusammenballte. Hip Hop. Der dröhnende Bass. Keine Reaktion. Keine Antwort.

Da seufzte der Pfarrer, schüttelte sein Haupt und ging zurück in seine Kirche, die in den Basstönen zitterte. Draußen ging das Gelage weiter, die Schreie, das Kichern, das Saufen, gelallte Wortfetzen, aggressive Drohgesten, das Umhertorkeln. Bis lange nach Mitternacht. Auch die Kontaktaufnahmeversuche durch die Ärztin, den Apotheker, durch die kleine Loge der Intellektuellen, ja selbst durch die höchste Autorität des dörflichen Lebens, den Bürgermeister höchst persönlich, scheiterten.

Am nächsten Morgen standen die Bewohner des Dorfes staunend vor der alten, großen Fichte, die in der Nähe des Eingangs zur Kirche seit Jahrhunderten wuchs. Diese Fichte hatte viel gesehen, je vermutlich war sie sogar Zeuge der Bauernkriege gewesen. Aber das, was es heute hier gab, ein derartiges Event, hatte auch die alte Fichte noch nie erblickt. Die beiden Wagen der neuen Nachbarn hingen, Auspuff nach oben, Kühlerhaube nach unten, an einem dicken Strick auf den beiden dicksten Ästen des alten Baums. Baumelten leicht im warmen Wind. Das Volk staunte mit offenen Mündern. Da kamen die neuen Nachbarn aus ihrem Haus, gingen ausdruckslos, wortlos, emotionslos an ihren hängenden Autos vorbei und lagerten wieder bei der Marienkapelle. Keine Reaktion. Nur lallende Silbenfetzen zwischen rülpsenden Alkoholfahnen. Jetzt staunten die Einwohner des Dorfes noch mehr. Unfassbar waren ihnen diese Fremden.

Die Nacht senkte sich mit kühlender Luft herab, ein neuer Tag brach an. Die Veitnbäuerin, eine notorische Frühaufsteherin, erschrak: Sie war die erste, die am noch jungen Morgen neben den hängenden Autos einen der neuen Nachbarn an einem Strick baumeln sah. Tot, leblos, erkaltet, mit hervorquellenden Augen. Sie schrie auf, lange und heulend. Das Dorf lief zusammen: Bauern, Handwerker, Gewerbetreibende, die Echigen und die Fertigen. Auch die Ärztin, der Apotheker und die kleine Gilde der Intellektuellen. Plus Bürgermeister. Wie sie so den Erhängten anstarrten, polterten plötzlich laut johlend die neuen Nachbarn aus ihrem Haus, torkelten pfurzend und schmusend an den staunenden, starrenden Dorfbewohnern vorbei Richtung Marienkapelle. Keine Reaktion.

Es fing an, unheimlich zu werden. Wer hatte die beiden Autos aufgehängt? Wer den einen neuen Nachbarn? Angeblich niemand im Dorf. Ob die sich selbst aufhängten? Das alles war mehr als rätselhaft. Es war gruselig.

Am nächsten Tag hing der nächste neue Nachbar mit einem Strick am Baum, wieder am nächsten die erste Nachbarin und so hing jeden Tag einer oder eine mehr am Baum bis nur mehr der letzte der neuen Nachbarn am Leben war. Den schien das nicht zu stören. Die Leute versuchten mit ihm zu reden, wollten Aufklärung darüber, was hier eigentlich los sei. Doch der letzte neue Nachbar, ein dünner junger Bursche mit kurzem blondem Haar und grauen Augen, dessen rechter Arm über und über tätowiert war, blickte nur ins Leere, tanzte torkelnd zu seinem Hip Hop, der mit hämmernden Basstönen aus der Sound-Maschine drang und schwankte zur Marienkapelle, wo er sich stöhnend auf die Steinplatten davor legte. Die Leute sahen ihn an. Keine Reaktion. Keine Antwort.

Am nächsten Tag hing auch der letzte neue Nachbar an einem Ast der alten Fichte vor der Kirche. Das ganze Dorf hatte sich versammelt und starrte wortlos auf den heiligen Baum, an dem neben den beiden Wagen auch sämtliche neuen Nachbarn und Nachbarinnen hingen. Schweigen spannte einen Regenbogen über Kirche, Fichte und Volk. So standen sie alle zusammen und wussten nicht, was sie sagen, was sie denken sollten. Wenn es wirklich niemand im Dorf war (so genau wusste man das ja nicht), der den Henker gespielt hatte – hatten die sich selbst aufgeknüpft? Aber wer hatte den Letzten an den Ast gebunden? Hatte der sich vielleicht gar selbst aufgehängt? Da ertönten Sirenen, kurz danach bogen drei Funkstreifen mit Blaulicht auf den Platz vor der Kirche ein. Etliche Polizisten sprangen aus den Wagen und blickten entgeistert auf die alte Fichte und ihre seltsame, unheimliche Last. Die Beamten zückten Kugelschreiber und Notizblock und fingen an, die Dorfbewohner über das höchst eigenartige Geschehen zu befragen. Aber alle schwiegen wie ein Grab und je heftiger die Fragen der Polizisten auf sie niederprasselten, desto entschlossener schwiegen sie. Alle. Die Bauern, Handwerker, Gewerbetreibende, die Echigen und die Fertigen, ja selbst die paar Intellektuellen, die Ärztin, der Apotheker und der Pfarrer schwiegen. Sogar seine Exzellenz, der Bürgermeister hatte, wie meistens, nichts zu sagen. Keine Reaktion. Keine Antwort.

Weiter schmolz der Schnee von den Dächern der Häuser, gab Gehsteige, Wiesen und Wege frei, während die Bäume befreit ihre Äste in den warmen Frühlingswind streckten. Falken zogen unbeirrt ihre Kreise, stießen ab und zu herab, während schneefrische Gewässer, einen kühlen Luftzug verbreitend, von den Bergen in das Tal rauschten. Zum Krächzen der schwarzen Krähen gesellte sich der melodische Klang der kleinen Singvögel, die in den Ästen ihr neues Leben vorbereiteten. Die Menschen im Dorf gingen weiter ihren Geschäften nach, allmählich öffneten alle Touristenlokale ihre Pforten und in den Liegestühlen und auf den Balkonen genossen die Menschen ihre Mittagspausen und Sonntage. Die alte Fichte vor der Kirche wurde von ihrem makaberen Schmuck befreit, das Haus des Anstoßes wieder zum Verkauf ausgeschrieben und bald schon erinnerte nichts mehr an die neuen Nachbarn.

Und sollten je einer der Urlauber Gerüchte über das Vorgefallene gehört haben und interessiert bei seinen Gastgebern nachfragen, dann musste er zu seiner Verwunderung feststellen: Keine Reaktion. Keine Antwort.

Michael Benaglio
1952 in Wien geboren. Lebt in der Steiermark. Zahlreiche Literaturlesungen und Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, dramatische Umsetzung von Lyrik auf der Bühne (Bei der "Park Skurril"-Produktion, regionale 10). Limitierte Sonderauflage: Das Geheimnis der Uhudlerschamanen, edition loomhouse, Voitsberg 2009. Buch: Der Ritt auf der Katze. Phantastische Erzählungen. Verlag sonne&mond, Wien 2010. Mitbegründer und Leiter des Forum Club Literatur seit 2005, Mitglied bei den Steirischen Autoren und bei IG Autorinnen Autoren.

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