46/ arbeits-los/ Essay: Im Fokus - Marienthal. Reinhard Müller

Reinhard Müller
Im Fokus: Marienthal

Ein Ort, der Kultur-, Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte schrieb

Wer „Arbeitslosigkeit“ sagt, muss auch „Marienthal“ sagen – zumindest in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Die so genannte Marienthal-Studie, also das erstmals 1933 erschienene Buch „Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit“ von Marie Jahoda (1907–2001) und Hans Zeisel (1905–1992), eröffnete neue Dimensionen in der Arbeitslosenforschung.

Bis zur Marienthal-Studie bestand die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Arbeitslosigkeit im Wesentlichen in juristischen Erörterungen von Fragen der Arbeitslosenunterstützung sowie in der bloßen Zählung der Köpfe von Arbeitslosen nach Geschlecht, Alter, Beruf und anderen Merkmalen. In der Marienthal-Studie wurde erstmals versucht, die psychischen und sozialen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf Einzelne und auf eine Gemeinschaft umfassend und facettenreich zu erheben, zu analysieren und darzustellen. Mittlerweile, ein dreiviertel Jahrhundert nach ihrer Entstehung, gilt die Studie nicht nur als ein noch immer aktuelles Grundlagenwerk der Arbeitslosenforschung, sondern weltweit auch als eine der bedeutendsten Gemeindestudien, als eine Pionierarbeit auf dem Gebiet der Soziographie, als ein richtungsweisendes Produkt der empirischen Sozialforschung sowie als ein sozial- und kulturwissenschaftlicher Klassiker.

Mythos Marienthal

Die Marienthal-Studie machte Marienthal zum international wohl bekanntesten Ort österreichischer Wissenschaft im ländlichen Raum. Dennoch haftet dieser Bekanntheit etwas Mythisches an. Rätselhaft scheint, dass dieser Ort auf kaum einer Landkarte zu finden ist. „Marienthal“ bezeichnet nämlich kein Dorf im verwaltungstechnischen Sinn, sondern ist lediglich der Name für eine 1820 gegründete Fabrik und die seit 1845 entstandene dazugehörige Arbeiterkolonie. Beide liegen rund zwanzig Kilometer südlich von Wien, zum Großteil in der Marktgemeinde Gramatneusiedl, ein kleiner Teil, die Marienthaler Siedlung Neu-Reisenberg, befindet sich in der Nachbargemeinde Reisenberg.

Außerdem beschreibt und analysiert der zeitliche Querschnitt der Studie lediglich das Marienthal des Winters 1931/32, also das von Arbeitslosigkeit geprägte „Dorf“ nach Schließung der Textilfabrik 1929/30. Das führte zu einer allgemeinen Gleichsetzung „Marienthals“ mit außerordentlicher Arbeitslosigkeit, wenngleich diese nur ein halbes Jahrzehnt währte. Unbeachtet blieben dabei die hoch entwickelte Arbeiter- und die bemerkenswerte Unternehmerkultur Marienthals, ebenso dessen Bedeutung als Industriestandort, der mit seiner knapp zweihundertjährigen Geschichte zu den ältesten, durchgängig und immer noch aktiven Industriestandorten Österreichs zählt.

Die Textilfabrik Marienthal

Am Beginn der Geschichte Marienthals stand der herausragende Erfinder Franz Xaver Wurm (1786–1860), der die Textilfabrik 1820 begründete. Er entwickelte nicht nur die erste brauchbare Flachspinnmaschine Europas, sondern ging auch als erster Banknotenfälscher Österreichs in die Geschichte ein. 1830 übernahm der Bankier und jüdische Philanthrop Hermann Todesco (1791–1844) die Fabrik und richtete hier die erste rein mechanische Baumwollweberei Österreichs ein. Zu einem Großunternehmen wurde die Fabrik allerdings erst unter dessen ältestem Sohn, Max Todesco (1813–1890), der 1847 ein neues Fabrikgelände erschloss und die Zahl der Beschäftigten innerhalb eines Jahrzehnts von rund 140 auf fast 1.000 erhöhte. Damit wurde die Schaffung von Wohnraum nötig, und er begründete die zur Fabrik gehörige Arbeiterkolonie mit zuletzt 25 Wohngebäuden mit knapp 500 Wohnungen. Dazu kamen Infrastruktureinrichtungen wie eine Kinderbewahranstalt, eine Fabrikschule, ein Krankenhaus mit Badeanlage, ein Fußball- und ein Tennisplatz, ein Tanz- und Theatersaal sowie der nach Wien erste Montessori-Hort in Österreich. Max‘ jüngere Brüder, Eduard von Todesco (1814–1887) und Moritz von Todesco (1816–1873), übernahmen 1858 die Fabrik und fusionierten sie 1864 mit der nahe gelegenen Textilfabrik Trumau zur „Marienthaler und Trumauer Actien-Spinn-Fabriks-Gesellschaft“, später „Actien-Gesellschaft der Baumwoll-Spinnereien, Webereien, Bleiche, Appretur, Färberei und Druckerei zu Trumau und Marienthal“. Eduard und Moritz von Todesco waren bedeutende Vertreter des österreichischen Liberalismus, wichtige Mäzene der Kunst ihrer Zeit und typische Repräsentanten der so genannten Ringstraßenbarone: Beide wurden in den Adelsstand erhoben, und beide ließen sich prächtige Palais an der Wiener Ringstraße errichten. Die Textilfabrik Marienthal bestand zuletzt aus drei Hauptbetrieben: einer Spinnerei, einer Weberei und einer Druckerei.

Dazu kamen Hilfsbetriebe wie Färberei, Wäscherei, Bleiche und Appretur sowie eine Reihe von Nebengewerben nur für den eigenen Bedarf wie Schmiede, Schlosserei, Eisendreherei, Tischlerei und Zimmerei. Die Fabrik Marienthal umfasste 1930 insgesamt 157 Gebäude und Anbauten mit 46.005 Quadratmetern verbauter Fläche auf 28.784 Quadratmetern verbauter Grundfläche.

Die Katastrophe

1925 übernahm der Industrielle Isidor Mautner (1852–1930) die Marienthal-Trumauer Aktiengesellschaft und gliederte sie seinem Industrieimperium ein. Sein Konglomerat von zahlreichen Aktiengesellschaften repräsentierte das größte Textilunternehmen Österreich-Ungarns und eines der größten Europas. Unter Mautner wurde die Weberei 1927 mit neuen, modernsten Standards entsprechenden Maschinen ausgerüstet, 1928 musste in der Spinnerei sogar eine zweite Schicht eingeführt werden, und 1929 gab es mit 1.290 Beschäftigten den höchsten Personalstand in der hundertzehnjährigen Geschichte der Textilfabrik Marienthal.

Dennoch: Im Juni 1929 wurde die Spinnerei mit zuletzt 45.000 Spindeln stillgelegt, im Juli die Weberei mit 808 Webstühlen, im August die Druckerei mit sieben Rohdruckmaschinen, im September der Bleiche- und Appreturkomplex: Mit 12. Februar 1930 war die Textilfabrik Marienthal vollständig geschlossen. Was war geschehen?

Drei Faktoren wirkten zusammen. Stephan Mautner (1877–1944), Sohn von Isidor Mautner und dessen Generaldirektor- Stellvertreter, war auch Präsident der „Neuen Wiener Bankgesellschaft“. Diese brach – eine Vorbotin der Weltwirtschaftskrise – 1926 zusammen. Die Familie Mautner verlor durch diesen Bankenruin einen ersten Teil ihres Vermögens. Ungleich bedeutender für den Untergang des Mautnerschen Imperiums war aber die hohe Verschuldung des Mautner-Konzerns bei seinen Hausbanken, der Wiener „Boden-Credit-Anstalt Aktiengesellschaft“ und der Prager „Živnostenská Banka akciová společnost“. Die Banken, die über Aktien ein gewichtiges Mitspracherecht bekamen, erzwangen im Herbst 1928 Isidor Mautners Rücktritt als Präsident seiner zahlreichen Gesellschaften. Seinem Nachfolger, Sohn Stephan, fehlten wegen der Verschuldung zuletzt die finanziellen Mittel, um den Rohstoff für seine Fabriken aus Triest zu beziehen. Der Hauptgrund für die Schließung der Textilfabrik Marienthal lag aber bei der „Boden-Credit-Anstalt“, die selbst vor dem Ruin stand und 1929 mit der „Credit-Anstalt Aktiengesellschaft“ zwangsfusioniert wurde.

Diese erwarb dadurch zahlreiche Textilfabriken, darunter etliche in der Umgebung Marienthals. Um sich nicht selbst zu konkurrenzieren, wurde nun das Werk Marienthal stillgelegt, trotz seiner modernen Ausstattung und seiner über Generationen geschulten Textilarbeiterschaft.

Die Arbeitslosenkolonie Marienthal

Das fünfzehnköpfige Wiener Forschungsteam, welches vom November 1931 bis Mai 1932 unter Leitung von Paul Felix Lazarsfeld (1901–1976) die Folgen von Arbeitslosigkeit erforschte, fand hier eine menschlich tragische, wissenschaftlich aber ideale Laborsituation vor. Umfangreiche Erhebungen, wobei die spätere Pionierin der Pädagogik in Österreich Lotte Schenk-Danzinger (1905–1992) die Hauptarbeit der Feldforschung leistete, ermöglichten eine breite Quellenlage: etwa Kataster sämtlicher Haushalte, Inventare der Wohnungen und der Mahlzeiten, Interviews, eigens für das Projekt verfasste Schüleraufsätze. Die bei der Marienthal-Studie angewandte Kombination unterschiedlicher empirischer Methoden der Sozialwissenschaften erregte das Interesse der Wissenschaftswelt, die Ergebnisse der Studie aber sorgten für soziales wie politisches Aufsehen.

Unter den Schlussfolgerungen der Marienthal-Studie besaß jene der „müden Gemeinschaft“ besondere Brisanz: Die bei einem erheblichen Teil der Arbeitslosen festgestellte Resignation, Aktivitätsunfähigkeit und Überforderung durch erzwungenes Nichtstun sowie die im Zuge der Untersuchung festgestellte Entpolitisierung großer Teile der Arbeitslosen liefen der im sozialistischen Lager damals populären Idee des Arbeitslosen als eines revolutionären Subjekts zuwider.

Während nur knapp ein Viertel der Marienthaler Familien die Arbeitslosigkeit ungebrochen erlebten und ihren Alltag wie bisher zu bewältigen suchten, reagierten fast 70 Prozent mit Resignation; knapp ein Zehntel wurde sogar verzweifelt und apathisch.

Dies hatte natürlich enorme Auswirkungen auf das soziale wie politische Leben in der einstigen Arbeiter- und nunmehrigen Arbeitslosenkolonie. Das kulturelle Leben Marienthals war seit den 1860er Jahren durch Theater, Musik und Gesang geprägt. Für die frühe Arbeiterbühne Marienthal ließ die Fabrikleitung sogar einen eigenen Theatersaal errichten, in welchem nicht nur klassische Theaterstücke aufgeführt wurden, sondern auch Opern und Operetten. Nach Schließung der Fabrik brauchte es viele Jahre, bis diese kulturellen Traditionen wieder aufgenommen wurden. Auch der Sport, der nicht nur der körperlichen Ertüchtigung für die Fabrikarbeit diente, sondern der auch ein wichtiges Moment des sozialen Zusammenhalts darstellte, brach in den Zeiten der Arbeitslosigkeit ein. Noch stärker betroffen war das politische Leben, das sich dem Nullpunkt näherte. Das Verbot der Sozialdemokratie durch das Ständestaatregime nach dem Aufstand vom Februar 1934 zur Verteidigung der Demokratie in Österreich verstärkte diese Tendenz. So mag es wenig verwundern, dass die Arbeiterschaft Marienthals 1938 in Scharen zu den Nationalsozialisten überlief. Allerdings gab es in der Arbeiterkolonie auch bemerkenswerten und opferreichen, insbesondere durch Kommunisten organisierten Widerstand gegen den Faschismus.

Langes Intermezzo und industrieller Neuanfang

Wenige Wochen nach Stilllegung der Textilfabrik Marienthal 1930 wurde mit dem Abriss wichtiger Teile der Werkanlagen begonnen. Damit konnten in den verbliebenen Gebäuden nur mehr zwei kleine Nachfolgeunternehmen eröffnet werden: 1933 die „Vigogne-Spinnerei Walter Prade“ mit maximal 40 Beschäftigten und 1934 die „Frommengersche mechanische Weberei und Schlichterei Kurt Sonnenschein in  Mariental“ mit maximal 130 Beschäftigten. Die Fabrik von Kurt Sonnenschein wurde im Frühjahr 1939 „arisiert“, also geraubt, und zwar vom „Arisierungskönig“ Fritz Ries (1907–1977), über dessen berüchtigte Machenschaften der Schriftsteller Bernt Engelmann (1921–1994) den Schlüsselroman „Großes Bundesverdienstkreuz. Tatsachenroman“ (1974) verfasste. In den von Walter Prade nur gepachteten Fabrikgebäuden richtete die „Landwirtschaftliche Genossenschaft Gramatneusiedl“ 1939/40 ein Lagerhaus für Getreide sowie eine Reparaturwerkstätte für landwirtschaftliche Maschinen ein. Am 2. April 1945, in der Nacht vor der Befreiung Gramatneusiedls durch die Rote Armee, zündeten Angehörige der Deutschen Wehrmacht die Getreidelager an – die Vernichtung von Lebensmitteln für die Zivilbevölkerung war auch damals bereits ein Kriegsverbrechen –, das Feuer breitete sich unkontrolliert aus und brannte beinahe das gesamte Fabrikareal nieder. Dies ist der Grund, warum von der alten Textilfabrik fast nichts mehr erhalten ist. Die kleine Textilfabrik von Kurt Sonnenschein wurde zwar 1946 wieder in Betrieb genommen und später auch dem rechtmäßigen Eigentümer rückerstattet, doch das Werk, das 1958 vom Wiener Textilfabrikanten Justinian Karolyi übernommen wurde, musste 1961 stillgelegt und 1962 endgültig geschlossen werden.

1962 wurde auf dem Areal der ehemaligen Textilfabrik Marienthal das Acrylglaswerk „Para-Chemie“ eröffnet, gegründet vom Industriellen, Zeitungsherausgeber, Verleger und Filmproduzenten Ludwig Polsterer (1927–1979), der unter anderem durch den sogenannten Wiener Zeitungskrieg von 1958 bekannt wurde. Heute gehört das Unternehmen als „Evonik Para-Chemie GmbH“ zu den österreichischen Vorzeigeunternehmen, mit einer seit Jahrzehnten gleichbleibenden Anzahl von rund 200 Beschäftigten. Hier werden nicht nur Lärmschutzwände, bruchsichere Lichtkuppeln oder Küchenfronten entwickelt und produziert, sondern in Verbindung von Kunst und Industrie wurde hier beispielsweise die Fassade des Kunsthauses Graz (2003) gefertigt.

Das Wiedererwachen Marienthals

Jahrzehntelang blieb Marienthal in struktureller Rückständigkeit, und wichtige bauliche Zeugen des alten Marienthal wurden einfach abgerissen. Erst Ende der 1970er Jahren setzte ein Umdenken ein. Damals gab es auch das erste große Projekt in Nachfolge der Marienthal-Studie, „Marienthal 1930–1980“ von Michael Freund, János Marton und Birgit Flos (1979 bis 1982), und Karin Brandauer drehte 1987 ihren Film „Einstweilen wird es Mittag…“ vor Ort. Die Gemeinde Gramatneusiedl selbst entschloss sich zur Revitalisierung der heute unter Denkmalschutz stehenden Arbeitersiedlung Marienthal, welche 2002 abgeschlossen wurde. In diesem Jahr begann Reinhard Müller im Rahmen des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Universität Graz, sein Projekt Marienthal. Mittlerweile gibt es die Wanderausstellung „Rückblicke auf Marienthal“, eine umfangreiche Website (http://agso.uni-graz.at/marienthal/), eine Buchdokumentation (Marienthal. Das Dorf – Die Arbeitslosen – Die Studie. 2008) und einen Bildband (Mythos Marienthal. 2010), mehrere Radiosendungen und den 52-minütigen Dokumentarfilm „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Günter Kaindlstorfer.

Am 1. Oktober 2011 wurde das in Kooperation von Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich und Marktgemeinde Gramatneusiedl entstandene Museum Marienthal (http://agso.uni-graz.at/museum_marienthal/) eröffnet.

Dieses informiert nicht bloß über die Fabrik und Arbeiterkolonie Marienthal sowie über die Marienthal-Studie und deren Projektteam. Das Museum soll auch das Interesse an den Beziehungen zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit wecken bzw. verstärken, vor allem aber auch zeigen, dass Marienthal nicht nur ein Ort der Katastrophe ist – denn Arbeitslosigkeit gehört zusammen mit Kriegen und Umweltzerstörung zu den größten von Menschen verursachten Katastrophen. Das Museum soll auch das Wechselspiel von Arbeiter- und Unternehmerkultur demonstrieren und das Wissen um und das Bewusstsein für das Kulturerbe Marienthal bewahren, vielleicht auch erst wecken helfen.

Foto: Arbeitslose Marienthaler. 1932 © ASGÖ Graz

Reinhard Müller
Geb. 1954 in Burgau (Steiermark); Soziologe, Wissenschafts- und Anarchismushistoriker; seit 1987 beim Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich an der Universität Graz beschäftigt, 2002 Initiator und seitdem Leiter des Projekts Marienthal.

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44/ Essay: Zombie Nation. Thomas Fröhlich

Zombie Nation
oder:
Warum die lebenden Toten die besseren Menschen sind.

Thomas Fröhlich

„Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist,kommen die Toten auf die Erde zurück.“
(Aus: Dawn of the Dead, 1978)

Ich geb’s zu: Ich weiß es nicht. Nämlich warum sich die diversen Untoten in Film und Literatur derzeit einer so großen Beliebtheit erfreuen. Als ob wir nicht genug hausgemachte Probleme hätten, mit denen wir uns und diesen Planeten systematisch zugrunde richten. Und an real existierenden Feinden, zumindest Feindbildern, mangelt es ja auch nicht.

Und dennoch: Zombies, diese zerlumpten Gestalten von „drüben“, sind aber – wieder einmal – die Sache schlechthin. Wahrscheinlich gibt’s jede Menge Soziologen, Pädagogen, Politiker, die das alles genau wissen, warum, wieso, weshalb, wofür, und uns bis ins kleinste modrige Detail erklären können. Und das auch ständig tun. Aber mit Welterklärungsmodellen verhält es sich derzeit wie mit dem Wetter:

Das Fähnchen dreht sich mit dem Wind – gestern noch der gutmenschelnde und -bezahlte Multikulti-Apologet, heute die leitkulturumflorte Meinungshoheit am Hofe einträglichen Bestsellertums.

Hat da jemand „Sarrazin“ gerufen?
Muss wohl ein Irrtum gewesen sein.
Doch lassen Sie mich ein paar Vermutungen anstellen …

Wohlan!
Wäre man gemein (was wir natürlich nicht sind), könnte man zu folgendem Schluss gelangen: Das Projekt Menschheit ist gescheitert. Seitdem wir uns aus dem Staub der Evolution erhoben haben und von unseren äffischen Vorfahren zu emanzipieren trachten, geht doch nahezu alles – in nicht enden wollendem Geplapper – den Bach runter. Trotz einzelner Bemühungen wie Aufklärung, Faust II oder meinetwegen der Simpsons scheint das Gros der mehr oder weniger aufrecht gehenden Zeitgenossen offenbar sein Heil lieber in Dschungelcamps oder Ballermann-Fun-Containern zu suchen. Dort dürfen dann Berufsblondinen, denen Paris Hilton zu intellektuell erscheint, oder mental unvermittelbare Alt-68er wie Rainer Langhans ihre Zwergen-Schatten werfen und Menschliches, allzu Menschliches vor sich hin lallen. Und alle, alle schauen zu. Und plappern mit.

Und das ist ja noch der – angeblich – zivilisierte Teil.

Der Rest etwa definiert Gottgefälligkeit neu und ist stolz darauf, im Namen von Mammon, Mohammed oder der heiligen Mutter Gottes allem und jedem den Schädel einzuschlagen (oder – wie im Falle einiger wild gewordener Wehrsportchristen – Kunstwerke auf der Ausstellungsbrücke zu beschädigen, weil diese angeblich „religiöse Gefühle“ verletzten). Dazu werden auch noch endlos lange Erklärungen abgegeben, warum das alles – verdammt noch einmal – dringend notwendig gewesen wäre.

Da bloggt‘s, twittert‘s, facebookt‘s und myspacet es, dass es eine Freude ist. Denn schließlich darf auch nichts Intimes mehr ungestraft im Orkus des Privaten herumlungern, wenn man doch der ganzen Welt erzählen kann, wie das Date vom Vortag ausgegangen ist oder der Nasenrammel am Morgen danach beschaffen war. Mit Fotobeweis. Und den paar übrig gebliebenen unbelehrbaren Offlinern sagt man‘s dann in U-Bahn, Bus, Zug, in Theater, Kino oder im Konzertsaal noch per Handy rein, was diese vielleicht nie wissen wollten und u.U.i.E. einen ziemlichen Dreck interessiert.

„Erst wenn jedes Arschloch auf dieser Welt jedem Arschloch auf dieser Welt sein Arschloch gezeigt hat, werden alle zufrieden sein,“ meint der Autor und Kolumnist Marcus Stöger recht treffend.

Ein ohrenbetäubendes weißes Rauschen, ein leider nicht nur virtueller verbaler und visueller Brechdurchfall urbi et orbi ist die Folge: Wer nichts zu sagen hat, tut das lautstark auf allen Kanälen – und für besonders widerwärtiges Verhalten kriegt man einen Handschlag von Dieter Bohlen.
Würde, speziell menschliche, existiert nur noch als Konjunktiv.
Und wer braucht schon Geschichtsbücher, wenn er Gesichtsbücher haben kann (okay, der war aufgelegt!).
Da lob‘ ich mir doch die Zombies. Gut, sie riechen streng (aber fahren Sie einmal im Sommer mit den ÖBB oder besuchen das St. Pöltner Freibad); sie grunzen sinnfrei vor sich hin oder sagen gar nichts (aber gegen „Oida hassuproblem Oida!“ erscheint manches geradezu literaturnobelpreisverdächtig – zudem spucken sie auch nicht überall hin); sie starren uns mit leeren, glasigen Augen an (ein Lercherlschas gegen das „Saturday Night Fever“ der Vorortegigolos) und sie kriegen den Schlund nicht voll (ähem, kein Kommentar!). Doch sie sind auf ihre Weise ehrlich , machen uns nichts vor und fungieren in der Zwischenzeit durchaus als Sympathieträger für jene, die die Hoffnung auf bessere Zeiten schon längst aufgegeben haben.

Angefangen hat die Zombiemania – wie so vieles – ja im 68er-Jahr. In Paris prügelten sich damals linke Studenten aus der Mittelschicht mit der Polizei, in Deutschland gründete man versiffte Kommunen mit oder ohne Uschi Obermeier, dafür mit, erraten, Rainer Langhans; in Österreich erlebte die lokale Weltrevolution im urin-, scheiße- und spermagetränkten Uni-Happening „Kunst und Revolution“ ihre spannende Viertelstunde; in den USA war die psychedelisch angetriebene Hippiebewegung ein Jahr zuvor schon, in Haight Ashbury, von den Protagonisten der ersten Stunde zu Grabe getragen worden; und in Vietnam erlebte der heroische Kampf gegen „unamerikanische Umtriebe“ einen Höhepunkt.
Zu dieser Zeit wurde er auch in den provinziellen Autokinos das erste Mal gezeigt: „The Night of the Living Dead“. Die Nacht der lebenden Toten.
Und nachher war tatsächlich vieles anders.

Die Erfolgsgeschichte dessen, was man heute unter „Zombiefilm“ versteht, begann in diesem mythenumwobenen Jahr 1968 – Untote, die in ein filmisches Universum hineinplatzten, das zum damaligen Zeitpunkt mit der es umgebenden Welt nicht mehr sehr viel zu tun hatte und einer längst nicht mehr funktionierenden Traumfabrik nachtrauerte. Untote, die auch in unseren Tagen lebendiger sind als je zuvor und – im Gegensatz zu den meisten Alt-68ern – sich beim langen Marsch durch die Institutionen nicht von diesen vereinnahmen ließen, sondern ihrer Mission treu blieben: töten, fressen und keine Gefangenen machen. Und absolut untherapierbar bleiben. Im Film formieren die lebenden Toten sich, um die tatsächlich Lebenden zu fressen. Ein einziger Biss reicht, um selbst zum Zombie zu werden.

Warum sie das tun, ja, warum sie überhaupt als Untote wieder gekommen sind, bleibt ein Rätsel. Doch letztendlich ist es gleichgültig. Keine Strafe eines rächenden Gottes, keine theologisch oder gar esoterisch verbrämten Botschaften, die uns etwa ein religiös motivierter Filmemacher um die Ohren hauen will: Der 1939 geborene Regisseur George A. Romero gewährt uns keine Erklärungen, weder in seiner „Nacht der lebenden Toten“, noch in seinen weiteren, mittlerweile auf die Zahl 5 angewachsenen Zombiefilmen. Er zeigt nur das letzte Mittel, das die (noch) Überlebenden unter Umständen besitzen: „Du musst sie in den Kopf schießen!“ Dies stellt (neben der vollständigen Zerstörung des Zombie-Körpers durch Feuer) die einzige Möglichkeit dar, sie, die Verstorbenen, endgültig zu töten. Und ist letztendlich die Chance, sich selbst dieser grotesken Wiedergeburt, die keine ist, zu entziehen: der Selbstmord beziehungsweise die Sterbehilfe durch andere mittels eines gezielten Kopfschusses! Keine Erlösung und auf gar keinen Fall eine wie auch immer geartete Auferstehung harren der Protagonisten, ja der gesamten Menschheit: Ein nachhaltiger Tod bleibt die einzige Hoffnung.
„Sie sind wir, mehr nicht!“ meint einer der Überlebenden in Romeros Jahre später produzierter, apokalyptischer Fortsetzung „Dawn of the Dead“ (dt. Zombie, 1978) auf die Frage, wer oder was diese „Dinger“ wären. Sie sind wir. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Zugegeben: Die ersten Film-Zombies erblickten 1932 in Victor Halperins „White Zombie“ das fahle Licht der Zelluloidwelt, mit Bela Lugosi in der sinistren Hauptrolle eines klassischen mad scientist. Rund zehn Jahre später, nämlich 1943, folgte Jacques Tourneurs schwüles „I Walked with a Zombie“. Doch in beiden Filmen haben wir es mit dem traditionellen Voodoo-Zombie zu tun: also mit jemandem, der – mittels geheimnisvoller Tinkturen – von einem Voodoo-Priester in einen Zustand des Scheintodes versetzt wird, um – nach seiner Wiedererweckung – seines Denkens und bewussten Handelns beraubt einer weiteren Person (dem Auftraggeber der schändlichen Tat), gleichsam als lebender Toter, zu Willen zu sein. Geht all dies auf tatsächlich vorhandene, vor allem auf Haiti lokalisierbare Legenden und Berichte zurück, so entspringen die Romero-Zombies keiner wie auch immer gearteten Überlieferung. Der moderne Zombie hingegen braucht keine Begründung mehr (und schon gar keine religiös ummantelte), um zurückzukehren und uns das Leben schwer zu machen oder gleich radikal zu verkürzen. Romeros Zombies hatten eingeschlagen – und zwar nachhaltig. Und es dauerte nicht lange, bis die ersten Nachfolger auf den Plan traten. Vor allem im Italien und Spanien der 70er und 80er Jahre kann man von einem regelrechten Zombie-Boom sprechen.

Sogar in Österreich gab’s Zombies: Allerdings hießen sie in unseren Landen „Zappadoings“ und hatten ihren ersten und einzigen Auftritt in Carl Andersens Underground-Trash-Porno-Horror-Eintrag „I was a Teenage Zappadoing“ Anfang der Neunziger. Der Unterschied zum handelsüblichen Zombie lag in der schlichten Tatsache, dass Zappadoings nicht nur gefräßig, sondern auch dauergeil waren, was die Handlung wesentlich bereicherte.

Im Vorwort der österreichischen Zombie-Anthologie „Das Buch der lebenden Toten“, erschienen 2010 im EVOLVERVerlag, schreiben die beiden Herausgeber, Peter Hiess und der Verfasser dieser Zeilen, unter anderem Folgendes:
Die ganze Welt scheint sie zu wollen, die verwesenden Wiedergänger – wenigstens, wenn man nach dem aktuellen Trend der Popkultur geht. Zombies machen sich in Computerspielen ebenso breit wie im Kino oder auf DVD, sie infizieren mit ihren Bissen auch den Jane-Austen-Roman „Stolz und Vorurteil“ und fressen sich mittlerweile als „Walking Dead“ sogar durchs Fernsehprogramm. Sie sind überall, verbreiten sich selbst über die kleinste Ansteckung und scheinen unser kollektives Bewusstsein auf ihre langsame, unerbittliche und beschränkte Art erobert zu haben.
Zombies […] sind berechenbar, weil sie immer nur das eine wollen. Sie geben uns keine Rätsel auf, außer vielleicht, wie wir uns noch eine Nacht vor ihnen verschanzen können. Und sie eignen sich zwar nicht unbedingt als romantische Helden, weil ihre Attraktivität mit zunehmendem Fäulnisgrad und steigender Gier nach Menschenfleisch rapide schwindet […]; aber als Gleichnis für den bedauernswerten Zustand unserer ach-so-fortschrittlichen Zivilisation haben sie noch lange nicht ausgedient.
Die wahrlich unsterblichen Zombies sind die Lieblingsmonster des beginnenden 21. Jahrhunderts, weil sie unseren globalistischen Größenwahn auf ganz simple, eindeutige Grundlagen herunterbrechen: Wir alle müssen einmal sterben – und wenn wir Pech haben, irren wir auch danach noch hilflos durch die Einkaufszentren und Vorortstraßen, immer auf der Suche nach dem nächsten Fix, dem nächsten Lebewesen, das wir konsumieren können. Gegen diese Vorstellung verblassen sämtliche Finanzkrisen, Polit-Kasperleien und Gender-Diskussionen.

Und möglicherweise hüten sie ja auch eins der letzten Geheimnisse, die noch verblieben sind. Denn sie waren ja – wenn auch nur für kurze Zeit – tot. Und vielleicht ist es dieses Wissen, das sie sprachlos macht. Den Tod kann man nämlich nicht zuplappern, -twittern, -bloggen oder smsen.
Der pfeift uns was – da können wir noch so viele Wellness-Gurus, jungfräuliche huri oder Marteln (was für ein Wort) an seinen Grenzen postieren. Dem Sensenmann da „drüben“ ist das wurscht.
Wenn wir also gemein wären (was wir, wie gesagt, nicht sind), könnte man abschließend behaupten: Wir selbst haben sie gerufen. Jetzt sind sie eben da.
Und eigentlich haben wir ’s gar nicht anders verdient.
Genug geredet.

Thomas Fröhlich
Geb. 1963 in Wien; lebt seit 2002 in St. Pölten. Redakteur des Webmagazins evolver; Bibliothekar; Veranstalter, von Events; Verfasser von Rezensionen und Essays zu den Themenbereichen Literatur/Film/Popkultur; als „DJ Bleuchamp“ Gelegenheits-DJ für Soundtracks zu imaginären Filmen. Schreibt seit 2002 Belletristik. Veröffentlichungen in: etcetera, Podium, OstraGehege, Keine Delikatessen, & Radieschen, Pandaimonion, Rokko`s Adventures. Zahlreiche Lesungen und literarische Performances. Bis 2008 Redakteur und Obmannstellvertr. der LitGes St. P., Förderpreises für Kunst und Wissenschaft (Literatur) der Stadt St. Pölten 2008.

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44/ Essay: Weil der eigene Tod nicht erfahrbar ist, ist auch Gott nicht erfahrbar. Uwe Bolius

Weil der eigene Tod nicht erfahrbar ist, ist auch Gott nicht erfahrbar
Uwe Bolius

Erst wenn die Sehnsucht nach Nähe, das Verlangen nach Lust aus Kindern Erwachsene macht, entsteht auch die Gewissheit des eigenen Sterbens und bereitet den Bewusstseinsplatz vor – er ist leer –, den die Religionen dann ausfüllen können. Es sind gleichsam die Pubertierenden, die Gott, oder, im Buddhismus, das Nichts schaffen. Gott entsteht, ebenso wie die Ewigkeit, die Zeit und das Nichts, erst aus der Not des Erkennens und der Bedrängnis durch die Lust. Ohne Erkenntnis und Lust auch kein Gott. Gott ist ein Bewusstseinsprodukt; die Zeit und das Jenseits entstehen gemeinsam mit ihm.

Nur erwachsene Menschen, die wissen, was man bekanntermaßen nicht wissen kann: dass sie einmal sterben müssen, stellen sich die Frage nach dem Jenseits des eigenen Lebens. Kein Mensch hat seinen Tod je erlebt oder wird ihn einmal erleben. Die Frage nach dem Danach, dem „Drüben“, mit Gott zu beantworten, oder mit dem Nirwana, beendet die Dauerreflexion des Bewusstseins und tröstet.
Weil der eigene Tod nicht erfahrbar ist, ist auch Gott nicht erfahrbar, auch nicht das Nirwana, aber daran zu glauben ist möglich.
Ja, mehr noch, notwendig. Es ist der Mensch, der Gott schafft.

Aber auch diese Erkenntnis verhüllen die Religionen. Weder Buddha noch Jesus, weder Mohammed noch Moses behaupten von sich als Religionsgründer, Gott geschaffen zu haben. Im Gegenteil. Sie werden nicht müde, sich auf einen Gott oder die Erleuchtung zu berufen, der oder die ihnen diese Ideen eines Jenseits „eingegeben“ habe. Sie verstecken sich hinter jenen Ideen, die sie geschaffen haben.
Und mit einem gewissen Recht tun sie gut daran. Nur auf diese Weise lässt sich der unendliche Regress nicht aufhören wollender Begründungen stoppen – wer war früher da: Henne oder Ei, Gott oder Mensch? – nur so können sie ihre Schöpfung einer höheren Autorität unterstellen, als sie selber sind, und von ihren Mitmenschen fordern, sie anzuerkennen, an sie zu glauben.

Als Moses mit den zwei steinernen Gesetzestafeln vom Berg Sinai herabsteigt, sieht er sein Volk um das „goldene Kalb“ tanzen – es wollte keinen Eingottglauben, keine zehn Gebote, keinen unsichtbaren Gott, nein, es wollte Lust, Ausschweifung und anschaubare, anbetbare Götter wie das Kalb. Da packt Moses die Wut und er zerschmettert die Tafeln. Aber auch ihn selber erfasst das so geschmähte Verlangen nach Lust und Sinnlichkeit: er verlangte von seinem Gott, ihn „von Angesicht zu Angesicht“ sehen zu dürfen – was der ihm verweigert. Schnurstracks bekommt der „Herr Israels“ seinerseits einen Wutanfall und droht Moses, sein „auserwähltes Volk“ zu vernichten; was Moses gerade noch verhindern kann. Worauf Gott die steinernen Tafeln ein zweites Mal in Auftrag gibt und der Religionsgründer ein zweites Mal, wieder mit den steinernen zehn Geboten in der Hand, vom Berg Sinai zu seinem Volk hinabstapft, es beschimpft und bestraft und mit all seiner moralischen Wucht, über die er verfügt, sogar mit Gewalt, den Monotheismus bei den Juden durchsetzt.

Als Moses von Gott verlangt, ihn sehen zu dürfen, antwortet ihm der ziemlich barsch: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich siehet.“ Worauf er Moses den Befehl erteilt, neue Gesetzestafeln herzustellen, „dass ich die Worte darauf schreibe, die in den ersten Tafeln waren, die du zerbrochen hast.“ – „Da nun Mose vom Berg Sinai ging, hatte er die zwo Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand; und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzete davon, dass er mit ihm geredet hatte.“

Kaum etwas beschreibt das „Schaffen“ Gottes durch den Menschen, das Hin und Her der gegenseitigen Projektionen, besser als diese Geschichte aus dem Alten Testament vom Berg Sinai und den zehn Geboten, deren erstes und wichtigstes der eine Gott war, „neben dem es keinen anderen Gott“ geben durfte: Der Mensch schafft sich Gott, den einen und einzigen, der seinerseits als jemand geschaffen wird, der den Menschen schafft – und zwar ganz genau „nach einem Bild, das uns gleich sei“. Präziser als die Bibel hat noch nie jemand das Problem der Menschwerdung beschrieben:
Der Mensch schafft Gott, der den Menschen schafft; – der Zirkel der Projektionen ist perfekt und wasserdicht, man muss nur daran glauben.

Die Verdrängungsleistung des Religionsschöpfers wird in der Bibel ebenfalls präzise geschildert: Moses „wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzete.“ Sein eigener Schaffensprozess, „dass er mit ihm (mit Gott) geredet hatte“, hatte ihn glücklich gemacht. Mit diesem Glück auf der Haut tritt er vor sein Volk, das „sich fürchtete, sich ihm zu nahen“, als es des Glanzes gewahr wurde. „Und er redete mit ihnen“, glückstrunken, wie Moses in diesem Augenblick war. „Darnach naheten alle Kinder Israel zu ihm. Und er gebot ihnen alles, was der Herr mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai.“

Deutlich wird dabei auch, wie wichtig die Sprache ist. Wenn Moses mit Gott redet, oder umgekehrt, dieser mit ihm; wenn Moses mit seinem Volk redet, oder auch umgekehrt, dieses von ihm Rechenschaft fordert – alle, wirklich alle religiösen Inhalte, von der Erschaffung der Welt angefangen über die Schilderung der einzelnen Väter, später der einzelnen Stämme Israels, bis hin zu den vielen Geboten, die Moses und sein Gott dem Volk auferlegen – ohne differenzierte, sprachliche Ausformulierung wäre die Religion nicht möglich. Manchmal erstickt sie darunter.

Und erst ein weiterer Religionsgründer, Jesus, wird diese ungeheure sprachlich-moralische Last, unter denen die Juden zu leiden haben, und wieder mithilfe der Sprache, aber auch unter Einsatz des eigenen Lebens, Jahrhunderte später ein wenig erleichtern und auf das wichtigste, das Liebesgebot hin zentrieren. Das freilich wieder eine Religionsgemeinschaft entstehen lässt, das Christentum, das die Einfachheit des Liebesgebots millionenfach überwuchert, bis hin in ihr Gegenteil, der Sünde, die in allen christlichen Kirchen so stark zuhause ist, dass man sie oft von der Liebe nicht unterscheiden kann.

Die Kuppel des Petersdoms, Michelangelos Schöpfung, ist so schön, dass man eigentlich nur mehr hinschauen mag, wenn man sie sieht; ich kenne keinen schöneren, harmonischeren, in sich und seinen vollendeten Maßen schwebenden Kuppelbau auf dieser Welt. Auch die Colonnaden des Bernini auf dem Platz vor dem Dom, mit dem (schon von den Römern den Ägyptern geklauten) Obelisken in seiner elliptischen Mitte, sind schön und formvollendet in ihrer weltumgreifenden Symbolik; es ist die steingewordene Weltherrschafts-Geste Roms, die die Menschheit mit ihrer Umarmung erdrückt.
Dennoch: Mit dem Liebesgebot von Jesus, da hatte Martin Luther schon Recht, sind beide Schönheiten nur schwer unter einen Hut zu bringen.

Um nur ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: die Tatsache, dass der Mensch „Gott schafft“, heißt nicht, dass Gott „nur“ im Bewusstsein des Menschen existiert, und sonst nicht. Wo soll er denn sonst existieren, wenn nicht dort? Im bewussten Glauben des Menschen eben.

Dieses Schicksal teilt „Gott“ übrigens mit vielen anderen Begriffen, etwa den Zahlen, oder Raum und Zeit. Auch sie haben ihren genuin angestammten Platz „im“ menschlichen Bewusstsein, und nicht außerhalb dessen. Der Satz „Gott existiert“ ist erkenntnistheoretisch vom Satz „Die Welt existiert“ nicht unterscheidbar, auch nicht von der Aussage „Ich existiere“. Existenz kann man nie wissen, gar beweisen. Jegliche Existenz, auch die des Sessels dort beim Tisch oder die des Bettes in der Ecke des Raums, muss man glauben. Dass etwas existiert, und nicht nichts, ist ein Wunder – und Wunder kann man bekanntlich nie wissen, nur glauben.

Uwe Bolius
Geb. 1940 in Linz, er ist verheiratet hat drei Kinder und lebt in Wien. Uwe Bolius besuchte von 1954 bis 1959 eine Fachschule für Elektrotechnik. Anschließend studierte er Philosophie. 1966 promovierte er mit einer Arbeit über Kant an der Universität Wien zum Doktor der Philosophie. Es folgte eine Tätigkeit als Journalist. Von 1968 bis 1969 war er wissenschaftlicher Assistent an einem College in St.Cloud (Minnesota). Seit 1971 lebt er als freier Schriftsteller und Dokumentarfilmer in Wien. Uwe Bolius ist Verfasser von Romanen, Erzählungen und Sachbüchern. Uwe Bolius gehörte ab 1979 der Grazer Autorenversammlung an; er ist außerdem Mitglied der IG Autorinnen Autoren. 1979 erhielt er ein Österreichisches Staatsstipendium für Literatur, 1981 einen Sonderpreis der Rauriser Literaturtage sowie 2002 den Salzburger Kulturpreis für Menschenrechte und Integration. Letzte Veröffentlichungen: „Hitler von innen“ 2008 Limbus Verlag, „Juttas Tod“ 2010 Limbus Verlag.

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