Buch

Lorenz Glatz: Reisen zu verlorenen Nachbarn 

Cornelia Stahl

Lorenz Glatz: 
Reisen zu verlorenen Nachbarn 

Die Juden von Wiesmath. 
Wien: Löcker-Verlag. 
2017, 187 Seiten. 
ISBN: 978-3-85409-870-6

Auf der Suche nach Wiesmather Juden.

Wie schnell der Traum von einem paradiesischen Leben zerbrechen kann, erfuhr Lorenz Glatz bei einem Besuch im Holocaust- Museum in Washington D.C., während der Recherche über seinen Heimatort Wiesmath, NÖ. In Folge setzte er sich jahrelang  mit der Geschichte der verlorenen Nachbarn und NachbarInnen auseinander.
1938 wurden Geschäfte Wiesmather Juden geplündert. Nur wenige von ihnen kannte Glatz persönlich. Überlebende betonten, „man sei nochmal davongekommen“. Er suchte nach Hinweisen jener unsichtbaren Nachbarn/Innen. In sechs Reisen rekonstruiert er deren Fluchtgeschichten und erfährt in Gesprächen von ihrer Ausplünderung, Enteignung und Vertreibung. 2008 und 2012 reist Glatz nach Israel zu Lilli Argov, 2010 und 2014 besucht er Ruth Hirsch in New Jersey sowie 2011 Hanna Katz in Kalifornien. 2013 macht er sich auf den Weg nach Florida zu Alice Carmel.  
Die Geschichten seines Heimatortes aus der Opferperspektive reiben sich mit den Gesprächen seines Großvaters, an die sich Glatz gut erinnern kann: an die Heldengeschichten im Wirtshaus und an das Singen von Kampfmarschliedern. 
Die Lücke fehlender Erzählungen über Wiesmather Juden schließt Glatz mit seinen Interviews. Ergänzt werden die Aufzeichnungen durch schwarz-weiß-Fotos der Interviewten und werfen einen neuen Blick auf die Gemeinde Wiesmath. 
Die erzählten Geschichten lesen sich eindringlich und geben Auskunft über eine inhumane Zeit, die sich zum Teil in der Gegenwart spiegelt. 
Lorenz Glatz, geboren 1948, ist Altphilologe und Redakteur der Zeitschrift Streifzüge, aktiv in der Friedensorganisation Servas Austria tätig sowie in der Bewegung Solidarische Ökonomie. 
Gelungen erscheint mir die Verknüpfung privater und gesamtgesellschaftlicher Geschichte.  Eine eindringliche und empfehlenswerte Lektüre!  

Ljuba Arnautovic: Zivilcourage in Zeiten von Selfies

Cornelia Stahl

Ljuba Arnautović:
Im Verborgenen 

Roman Wien: Picus-Verlag.
2018, 192 Seiten
ISBN: 978-3-7117-2059-7 

Zivilcourage in Zeiten von Selfies.

Am 31. März 1933 wird der Republikanische Schutzbund verboten, für den sich Genofeva engagiert. Nach Ausbruch der Februarkämpfe 1934  wird sie erstmals verhört. Weitere Vernehmungen folgen sowie eine lebensbedrohliche Wasserfolter. Im August 1934 muss sie binnen 48 Stunden Österreich verlassen, da sie mit einem Slawen verheiratet ist und ihre Eltern derzeit in der Tschechoslowakei leben. 
Die Söhne werden in die Sowjetunion gebracht. Slavoljub, der ältere von beiden, beginnt ein Studium, wird jedoch der antisowjetischen Hetze beschuldigt, als er sich negativ zur Einführung von Studiengebühren äußert. Beiläufig erfährt sie von der Emigration ihres Mannes nach Australien, auf Antwort ihrer Briefe wartet sie vergebens.
Mit Einsamkeit und Ungewissheit hadernd, zeigt Genofeva dennoch täglich eisernen Willen. Das Engagement für Andere erscheint mitunter aussichtslos und trägt erst nach vielen Jahren Früchte. Der Autorin gelingt mit Genofeva eine wunderbare Figurenzeichnung, die zu Zivilcourage ermuntert, statt Selfies zu posten. 
Ljuba Arnautović, geboren 1954 in der Sowjetunion, lebt seit 1987 in Wien. Sie studierte Sozialpädagogik und arbeitete im DÖW, im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Sie ist Russisch-Übersetzerin und Rundfunkjournalistin. „Im Verborgenen“ ist ihr Debüt, für das sie 2018 den 2. Preis des Literaturpreises Floriana erhielt. 
Die Autorin versteht es, über weite Strecken Spannung zu erzeugen und überrascht mit einem unerwarteten Ende. Das Buch, das mich während einer Reise begleitet hat, konnte ich nicht mehr aus der Hand legen. Wissen zur Österreichischen Geschichte konnte ich nebenbei auffrischen und gleichzeitig anspruchsvolle Literatur genießen. Unterhaltung, Spannung, Wissenszuwachs- ein Buch, das ich an historischen Themen interessierten Lesern/LeserInnen empfehlen kann!  

Daniel Wisser: Königin der Berge 

Hahnrei Wolf Käfer

Daniel Wisser: 
Königin der Berge 

Roman, Jung und Jung, 
2018, 393 Seiten
ISBN: 978-3-99027-224-4

Bis zum bittersüßen Ende.

Daniel Wisser hat, sicher verdient, für seine ‘Königin der Berge’ den Österreichischen Buchpreis bekommen. Der in Kürzesthäppchen zersplitterte Roman berichtet auf nahezu beschwingte Weise von den Mühen des MS-Kranken Robert Turin, seinem hoffnungslosen Leben ein Ende zu setzen. Einer Vielzahl von Figuren begegnen wir, die es fast ausnahmslos gut mit dem Protagonisten meinen. Da sind Irene, die Ehefrau, Beba, die Schwägerin, die Psychologin Katharina Payer, der Zivildiener Marcus, eine Menge Schwestern in dem Pflegeheim, überall kommt der Kranke gut an, es scheint keine ‘bösen’ Menschen zu geben. Bald durchschaubar erklärt sich dies als subjektive Perspektive der unerbittlich positiven Hauptfigur, die sich der Schwärze der unheilbaren Krankheit nicht gänzlich auszuliefern bereit ist. Wisser bringt es so weit, dass man seinen Protagonisten fast schon bedauert, weil seine Freitodbestrebungen nicht und nicht glücken - bis auf den letzten, professionellen Akt in der Schweiz. 
Die erwähnt positive Perspektive bringt es mit sich, dass die Figuren wie Skizzen wirken, als lasse sich der Autor nur so weit auf sie ein, als ihre Persönlichkeit für die eng an Robert Turin gebundene Handlung vonnöten ist, also von diesem Robert entdeckt und entschlüsselt wird. Das ist sowohl stilistisch wie auch stofflich stimmig, wer wollte einem unheilbar Kranken wegen derartiger Egozentrik Vorwürfe machen? Nicht wegen des häufigen Alkoholgenusses, sondern wegen ihrer Kauzigkeit und Lakonik ist die Dialogführung als vergnüglich und süffig zu bezeichnen, selbst dass der erzählerische Aspekt wegen der Aufsplitterung in Kurzkapitel an einer sprachlichen Kurzatmigkeit zu leiden scheint, sollte als formal passender Ausdruck der Krankheit gelesen werden. Es wird einem wie dem Romanpersonal widerfahren, dass man diesen in seinem Eigenwillen äußerst sympathischen Robert Turin nach der letzten Seite nicht gehen lassen möchte, ein Gefühl, das anhält.

Jürgen Landt - Verkehr vorerst gestoppt

Eva Riebler

Freiraum-Verlag Greifswald, 2018

Seit über 20 Jahren schreibt Jürgen Landt über das Dasein, das in die Welt-geworfen-sein.  Er formuliert ungewöhnlich direkt, also ungeschminkt und ungeschönt. Er ist gewiss ein Außenseiter, schreibt er doch im Erzählton, untergemischt sind direkte Reden, ohne klar erkennbaren Aufbau der Handlung, vom „Abkratzen”und „Unwohlsein” im normalen Ablauf des Lebens. Sein Probant/Klient oder seine literarische Figur, sein Alter Ego also, weil – genannt Jürgen! -  ist nicht ganz klar im Kopf, sie leidet unentwegt und verspürt einmal ein hartes Klirren im Kopf, ein Ziehen im Körper oder in den Eingeweiden und  ist unsäglich verzweifelt. Und die Größe des Autors besteht darin, dass dieses Unsägliche Leid trotzdem ausgedrückt wird. Man spürt die Kälte der Ehefrau, die zum Telefonieren ins Nebenzimmer geht, nichts mit ihm unternimmt und seine Sehnsucht nach Gemeinsamkeit und menschliche Wärme ignoriert. Er hört ein „Wird schon wieder” oder „ich geh in die Schweiz mit einem betuchten Rechtswissenschaftler” usw – also nichts, was ihn aufbauen könnte. Er ist am Tiefpunkt seines Lebens und am Beginn seines Sterbens. Oder vielleicht auch schon mitten drinn. Er raucht, er trinkt, er spukt und bekommt Elektroschocks als Therapie, die er unwahrscheinlich fürchtet und wie Brandblasen im Hirn spürt. Nichts Rettendes ist in Sicht. Nackt und leer, wie mit Blei gefüllten Eimern am Kopf fühlt er sich und spürt wie ihn auch die Sehkraft verlässt. Nur mehr ausschnittsweise sieht er zerhackte, grelle Bilder. Bis schließlich auch seine Lippen und Augen nach innen fallen. Nur das Denken begleitet ihn stets. Und dieses Denken ist der rote Faden, den Jürgen Landt zu einem dicken Strick dreht, an dem die verletzte, leidende Hauptfigur von der Ehefrau zur Psychiatrie, zur Heilerin und wieder zur Ehefrau geschleppt wird. Nichts und niemand kann helfen: Zitat: „Die Sonne kam durch und verdunkelte seinen Schritt.” Eine interessante Lebensbeschreibung eines an der Welt Leidenden!                                                               

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil

Cornelia Stahl

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil
Bielefeld: PENDRAGONVerlag,
2018, 320 Seiten,
ISBN-13: 9783865326089

Geheime Notizen während des Prager Frühlings 1968. Der Fotograf Josef Koudelka hielt heimlich die Geschehnisse des Prager Frühlings im August 1968 mit seiner Kamera fest: Panzer des Warschauer Paktes, die durch Prags Straßen fuhren mit dem Ziel, die tschechoslowakischen Reformbewegungen zu beenden. Später emigrierte Koudelka in den Westen, sein Aufenthaltsort blieb lange Zeit geheim. 2018 waren seine Fotos im Rahmen einer Ausstellung Brüssel zu sehen und knüpfen unmittelbar an die Aufzeichnungen des Dr. Pavel Vodak an. Durch einen Zufall geriet die Autorin Sandra Brökel an geheimen Notizen des Arztes und formte daraus ihr Romandebüt. Was sich zunächst als Sciene-Fiction anfühlt, ist Bestandteil des Romans: Am Morgen des 21.August 1968 wird Pavel Vodak von undefinierbarem Lärm aus dem Schlaf gerissen. Als er aus dem Fenster blickt, entdeckt er einen „Himmel voll stahlgrauer Ungeheuer, Militärflugzeuge“ (S.140). Sandra Brökel schildert im Roman, der auf wahren Begebenheiten beruht, die Familiengeschichte des Arztes Dr. Pavel Vodak, während der Zeit von 1968- 1990. Vodak litt unter den zunehmenden Repressionen und Denunziationen und entschied sich, seine Heimat zu verlassen. 1970 emigrierte er mit seiner Familie über Jugoslawien und Österreich nach Deutschland und baute sich eine neue Existenz als Arzt auf. Bedrohliche Situationen zeigen sich im Roman im Gewand eines Krokodils. Lange Zeit nach 1990 nach Wegfall der Grenzen, verfolgten Vodak diese Traumatisierungen wie unsichtbare Geister. Brökel, geboren 1972 in Deutschland, gelingt in ihrem Debüt eine intensive Identifikation mit der Hauptfigur. Ihr Roman ermöglicht tiefe Einblicke in ein historisch bedeutsames Ereignis und trägt zur beiderseitigen Annäherung zwischen Tschechen und Deutschen bei.