Philosophie

Philosophicum Lech Sept. 2018

Die Hölle, Kulturen des Unerträglichen

Weit über 600 Teilnehmer aus nah und fern fanden sich Ende September wieder beim Philosophicum Lech in dem bekannten Wintersportort in der Neuen Kirche, dem Austragungsort des Symposions, ein. Letztes Jahr 2017 war Mut zur Faulheit Thema, heuer Die Hölle und ab 25.9.2019, beim 23. Philosophicum wird es heißen: Die Werte der Wenigen. Eliten und Demokratie. (Anmeldung ab April www.philosophicum.com)

Friedrich Hebbel (1813-1363) meinte lakonisch „Alle edlen Menschen gehen durch die Hölle des Lebens, die anderenstehen davor und wärmen sich die Hände”. - Soweit der Trost für uns Edlen!

Als Denkende, vielleicht auch edel Denkende, heißt es allerdings zu handeln, falls wir die Worte Dante Alighieris (1265-1321) an uns heran lassen: „Der heißeste Platz der Hölle ist für jene bestimmt, die in Zeiten der Krise neutral bleiben.” Die Ausrede a la Sartre. „L`enfer, cést les autres. - Die Hölle, das sind die anderen!” gilt nicht, denn er meinte in seinem Drei-Personen-Stück keine Lebenden, sondern Tote, die sich im geschlossenen Raum gegenseitig das Sein, das Tot-Sein – nicht das Leben - zur Hölle machen. Dies dachte er als ein pädagogisch wertvolles Abschreck-Stück!

Genauso sollten seit je her, die expliziten, grauslichen Vorführungen der Bestrafung der Sünder, seien sie bildhaft oder schriftlich – noch besser wirksam in Form der gesprochenen Predigt –, vorm Sündigen warnen.

Jedoch: Nicht an die Hölle, die uns vorgeführt wird, glauben wir heutzutage, sondern an das Prinzip Hoffnung! So oder so ähnlich werden die Besucher des 22. Philosophicums dann am Ende der Tagung in Hoher Luft sagen. Denn, die Hölle machen wir uns selbst, so Jörg Baberowski in seinem fundierten Vortrag. Auch Josef Imbach gibt dem Raum der Hölle in der christlichen Kunst seine Bedeutung. Ein Raum ist von vornherein schon anzufüllen - und in diesem Fall mit Schrecken und Qualen, die abschrecken und so quälend sein sollen, dass sie sich in Hirn und Gedächtnis einschreiben sollen. Die Hölle ist menschlich, das Paradies ist es nicht, so Baberowski. Er zitiert Nietzsche: „Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt. Nur was nicht aufhört, weh zu tun, bleibt im Gedächtnis.” Ein gewitzter Mitteleuropäer entkommt den schmerzenden Höllen- oder Fegefeuern. In Mozarts Zauberflöte singt z.B. Pamina: wir wandelten durch Feuergluten / bekämpften mutig die Gefahr”. Aber es hat halt nicht jeder eine Zauberflöte mit! Der Vortragende Manfred Koch braucht die grausigen, zerfleischenden Teufelsmonster aus Dantes „Divina Commedia” gar nicht anschaulich machen. Denn ein gelernter Christ, wie auch ein agnostischer/nihilistischer Philosoph, kennen diese Höllenkreise. Warum sei Dantes Inferno dann werks- und wirkungsgeschichtlich trotzdem interessant?, fragt Manfred Koch in seinem Vortrag und antwortet sogleich: „Weil alles drinnen ist, was das menschliche Leben ausmacht. Von ergreifender Liebe, psychischer Verwirrung, religiöser Inbrunst, philosophischem Ernst..“. Außerdem ist diese Höllenwelt der Toten ein Spiegel für die Kämpfe der Mächtigen oberirdisch. In seiner Eröffnungsrede hatte der Initiator des Philosophicums, Konrad Paul Liessmann am 20.9. bereits gemeint:
die Hölle gehe durchaus mit der Zeit und antwortet auf jene Vergehen, die etwa in der Antike und ihre Unterwelt nicht kannten. Z.B. das Verbreiten von Fake-News muss geahndet werden. In heutigen Zeiten geht es ja vielfach um die Ortung von Fake- News. Ein Schulfach sollte dem Abhilfe schaffen, meinte Bernhard Pörksen aus Tübingen in seinem Vortrag: „Nackte Helden. Vom Terror der Sichtbarkeit - Autoritätsverlust im digitalen Zeitalter”. Natürlich gab es vor Dante und nach der Antike genauso die lustvolle Schilderung der Höllenqualen. In der Petrusapokalypse, entstanden zwischen 120 und150 in Ägypten wird die Finsternis und Strafe der Gottesferne geschildert. Es soll die Gerechtigkeit Gottes gepriesen werden - so Josef Imbach in seinem Vortrag - und doch stet die gehässige Vergeltung und Rache derjenigen zur Debatte, die sich schuld- und sündelos glaubten. Schadenfreude und die Möglichkeit nackte Haut zeigen zu dürfen, mag an der Entstehung großen Anteil gehabt haben.  

Aber im Prinzip ist ja Hölle nicht für uns Menschen! Bereits Ludwig Wittgenstein meinte 1931: „Im Christentum sagt der liebe Gott gleichsam zu den Menschen: spielt nicht Tragödie, das heißt Himmel und Hölle auf Erden. Himmel und Hölle habe ich mir vorbehalten.“

Die Hölle will niemand und doch bereiten wir uns sie, sei es in der Familie, durch Gewalt oder zu enge Berührungspunkte. Adelheid Kastner, Leiterin der Klinik für Psychiatrie mit forensischem Schwerpunkt in Linz hatte den Fall Josef Fritzl und die Missbrauchsfälle im Stift Kremsmünster begutachtet. Sie führt anschaulich zwei ihrer Fälle vor und zeigt, wie im Affekt gemordet werden kann, wenn sich allzu lange Not und Leid aufgestaut hat oder wie Beleidigung und auswegloses Zur-Seite-Geschoben-Werden gewalttätig machen kann. Das Ausweglose war schon stets ein grundlegendes Merkmal der gespürten Zwischenmenschlichen-Hölle auf Erden. In der Familienhölle - Die Tücken der Blutsbande, so der Titel des Vortrages von Barbara Bleisch geht es um bekannte Phänomene der Familienstruktur. Das Nicht-Entrinnen-Können oder Schuld-und vermeintliche Pflicht-Gedanken können zum Desaster führen. Jedoch bringen Familienbande auch Vertrauensvorschuss, bedingungslose Anerkennung und im besten Fall sogar Liebe für das Familienmitglied. Und wir sind ja keine Inseln, sondern soziale Subjekte und die brauchen Zuneigung, Bestätigung und Aufmerksamkeit, auch wenn wir keine Narzissten sind! Oft gibt es im Leben ein Desaster und auf dem Weg der Ausweglosigkeit oder Schwachheit stürzt sich so mancher in die Sucht.

Reinhard Haller, Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut aus Feldkirch referiert zu diesem Thema:. „Vom Himmel des Rausches zur Hölle der Sucht“. Rausch und Sucht sieht er als ein Modell des Zusammenspiels, der Zusammengehörigkeit von elysischem Glück und quälendem Siechsein. Die Pole limitieren sich durch den jeweils anderen. Für ihn ist Sucht ein Versuch einer Selbstheilung, einer „Selbstmedikation“ des Abhängigen. Allerdings eine gründlich danebengehende. „Statt zur positiven Entrückung kommt es zur pathologischen Verrückung, schon gar nicht zur Entzückung, sondern zum Horror“, meinte Haller. Das eigentliche Wesen der Sucht würde im zunehmenden Dominieren des Suchtverhaltens sowie im parallel dazu entstehenden Autonomieverlust des konsumierenden Individuums liegen. Eine Hölle, der man durch Entzug vielleicht entkommen möchte. Allerdings entwickelt sich für Patient/in wie Betreuer/in dann der Entzug zur vielleicht noch größeren Hölle. Man sollte den Rausch domestizieren – oder wie schon der griechische Philosoph der Antike Platon meinte, ginge es darum: „in der Befriedigung seiner Begierden Herr seiner selbst zu bleiben“.

Reinhard Haller ist hier Experte. Seine Werke: (Un)glück der Sucht. Wie sie ihre Abhängigkeit besiegen 2007; Das psychiatrische Gutachten 2008; Das ganz normale Böse 2009; Die Narzissmusfalle: Anleitung zur Menschen- und Selbstkenntnis 2013; Die Macht der Kränkung 2015; Nie mehr süchtig sein - Leben in Balance 2017. Interessant ist, dass aus dem Nahen Osten die Ursprünge des Alkohols oder andere Rauschsubstanzen kommen. So wurden die ältesten Reste einer Brauerei in einer Höhle südlich von Haifa, rund 13.ooo Jahre alt. Natürlich wurde das bierähnliche Getränk zu Ehren der Götter getrunken. Die Höhle diente in der Kultur des Natufien (12.500 - 10.000 vor Christus) als Grabstätte. Es war die Zeit der Sesshaftwerdung. Der spätere Dionysos-Kult zeugt ja auch von halluzinatorischen Substanzen.

Rauschmittel sind also Speisen der Götter und wurden oder sollte man sagen - werden - als Elixier des Himmels beschrieben, Himmel und Hölle gibt es natürlich auch im Islam. Allerdings werden in dieser Religion die Freuden des Himmels etwas öfter und ausführlicher geschildert als im Christentum. Die Salafiten sind für ihre grauenhaften Schilderungen der Höllenqualen berüchtigt. - Jedenfalls haben wir in Mitteleuropa seit der späten Renaissance die Schilderungen der Höllenqualen nicht mehr so präsent. Womit der Kreis der intensiven Höllenschilderung sich im Heute schließt.

Mit Oscar Wilde (1854-1900) wäre noch zu bemerken: „Jeder von uns ist sein eigener Teufel, und wir machen uns diese Welt zur Hölle.”

Festwochen Gmunden 18.7.2018

Festwochen Gmunden 18.7.2018

Eva Riebler, Obfrau der Litges St. Pölten berichtet.

 

Philosophisches Gespräch

Villa Lanna Gmunde 18.7.18, 19.30 Uhr

Keine Angst vor Ästhetik

Otto Brusatti & Franz Schuh

Ein Philosophikum mit Musikstücken, von Mozart bis Elvis, Stockhausen bis Schuberts „Du bist die Ruh“.

Es geht, wie immer bei der Frage nach Ästhetik – um den Begriff Kunst. Und dies ist auch die erste Frage, die Otto Brusatti an Franz Schuh richtet: Was ist für dich als Hegelianer die Kunst? Franz Schuh meint, dass Hegel unterschied – das Gute, das Wahre, das Schöne -  wie Plato und Hegel bereits meinte, es bestehe ein Unterschied zw. Ästhetik und Kunst und es gehe um die Schönheit der Kunst, der Natur, der Ästhetik. Die Schönheit sei das sinnliche Erscheinen des Wahren.

Weiters wurde die Beziehung zum Eros besprochen, wobei das Lied des damals 21-jährigen Elvis „Fieber“ gebracht wurde.

Franz Schuh zitierte Kant bezüglich des erotischen oder sexuellen Begehrens: „Den Selbstzweck der Kunst erkennt man durch die Rezeption im interesselosen Wohlgefallen.“ Auch meinte Schuh in den Liedern Maria Callas  oder bei Leonhard Cohen die Spontanität und die Kraft des Kreatürlichen zu spüren. Diese Kraft sei die Kunstform des Begehrens!

Eine schöne, wahre Aussage im Zeitalter, in dem alles Genuss oder „Cool“ sein muss, so Brusatti.

Des Weiteren lässt uns nach Plato das Schöne nach Wahrheit begehren, meint Schuh und Brusatti kontert: „die Wahrheit ist nicht formulierbar, auch in Übereinkunft mit dem was wir schön nennen.“

Jedenfalls sollte/wollte der Mensch die Kunst zulassen, mache sie etwas mit ihm.

Mit der zweiten Abspielung und gleichzeitig sachlichen Interpretation „Der Ruh“ von Schubert ist die Ergriffenheit über das Lied wieder am Boden der Realität angekommen und der fromme Wunsch „Wir wünschen der KUNST viel MUT!“ beendet das spannende Gespräch.

Jedenfalls geht die Debatte auf architektonischem Niveau am 20. und 21. 7. in Schloss Cumberland Gmunden beim Architekturschwerpunkt: Macht und Schönheit. Eine kleine Philosophie der Schlösser mit hochkarätigen Vortragenden weiter.

Sehr zu empfehlen!

Genauso wie die Literaturschwerpunkte:

20.7. Max Simonischek „Kafka: das Schloss“

26.7. Hermann Bei „Th. Bernhard: Holzfällen“

8.8. Martin Schwab liest Th. Bernhard

9.8. Franz Schuh über das Feuilleton im kulturellen Leben

17.8 Chris Pichler liest Ebner Eschenbach, Marlen Haushofer, Erich Hackl, Peter Altenberg u.a

Siehe www.festwochen

19. Philosophicum Lech. Neue Menschen. Berichte: E. Punz & E. Riebler-Übleis

19. Philosophicum Lech 16. bis 20. September 2015
Zum Thema "Neue Menschen"

Für die LitGes waren Ernst Punz und Eva Riebler-Übleis vorort.

Nach einem Vorabendprogramm mit Geschichten aus dem alten Griechentum über Prometheus und den neuen Prometheus, erzählt von Michael Köhlmeier und anschließend philosophisch reflektiert von Konrad Paul Liessmann, startete am Donnerstag, dem 17.9. das Magna-Impulsforum und die festliche Eröffnung durch BM Ludwig Muxel, LH Markus Wallner, BMin. Josef Ostermayer und Vizekanzler Reinh. Mitterlehner. Anschließend referierte Dieter Althaus, Vice-Pres. Gov. Aff. Magna Europe über die Herausforderung Mobilität, die Massenproduktion, die sich wieder den Individuen anpasst, und die Kontrolle von Datenströmen.

Vortrag „Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren.“ Konrad Paul Liessman
Initiator und wissenschaftl. Leiter des Philosophicums, Prof. f. Methoden der Vermittlung v. Philosophie und Ethik UNI Wien 
Mit Fragen zur Optimierung des Körpers bereits vor der Geburt und Entwürfen zum perfekten Körper beginnt Liessmann seine Einführung. Statt traditionellen Schulungs- und Anpassungskonzepten dominieren nun Formeln, die den Menschen als zu optimierende Humanressource sehen. Dass die genetische und biologische Optimierung, von der nicht nur die Bildungspolitik träumt, kaum gelingt, mag tröstlich sein, denn den technischen Utopien sind Grenzen gesetzt. Vor allem gibt es stets ein Überbieten: so werden die Mensch-Maschine- Mischwesen (die Cyborgs) von der Vision transhumaner Wesen, sei es eine digitale Identität des Menschen oder eine, die aus den von Menschen entwickelten Robotern entstehen, überboten. Liessmann schließt mit der Frage, wie realistisch die Ablösung des Menschen durch von ihm geschaffene perfekte Entitäten sei und der Feststellung, dass der Mensch anscheinend schon immer ein „Nichtmensch“ (siehe Frankenstein etc.) sein wollte. E. R-Ü.
 

Vortrag „Die Rückkehr des Prometheus” Bernward Gesang
Lehrstuhl f. Philosophie/Wirtschaftsethik UNI Mannheim 
Der zentrale Begriff für die Verbesserung eines gesunden Menschen heißt Enhancement. Durch diesen ergeben sich Vorteile bei Jobs und Partner, Erfindungen und Wirtschaftsleistung. Sogar (Zitat) „Weltverbesserer könnten auf mehr Moral, weniger Aggression, weniger Gewalt etc. hoffen”. Ethische Probleme und Gefahren, die bestehen, sind die Umkehr von Verbesserungen in ihr Gegenteil. Es drohen Schäden an Geist und Körper sowie der Verlust von Identität. Das Motto „Macht euch die Erde untertan” hat Vor-und Nachteile. Mehr Wohlstand - aber unsere Ökologie ist aus dem Gleichgewicht geraten. Sozialen Fragen, die sich durch das Enhancement stellen: Nichtverbesserte könnten nicht mehr konkurrieren. Durch vererbbare Verbesserungen kann dramatische Ungerechtigkeit entstehen. Eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft droht, neue erbliche Aristokratie könnte sich etablieren, der soziale Friede wäre gefährdet. Allgemeine Verbesserungen könnten zu große Ähnlichkeit der Menschen und damit negative Folgen für den Arbeitsmarkt bringen. Die Antwort lautet: „Being different is beautiful”. Eine Chance besteht im kompensatorischen Enhancement. Man könnte damit die Ungerechtigkeit der „natürlichen Lotterie” ausgleichen. Die Chancengleichheit würde sich vergrößern. Wer solche Hilfe wünscht, sollte sie erhalten, solange man auf die sozialen Folgen schaut. E.P.

Vortrag „Bildung vs. Enhancement” Thomas Damberger
Wissenschaftlicher Mitarb. Goethe-Universität Frankfurt 
Mit einem Zitat des Medizin-Ethikers Eric T. Juengst grenzt Damberger Human Enhancement vom Begriff der Therapie ab. Therapie ist, wenn ein kranker Mensch bei der Gesundung unterstützt wird. Wird ein Gesunder mit Mitteln verbessert, handelt es sich um Human Enhancement. Über den Begriff der „Idee“ bei Plato und dem „Göttlichen Seelenfunken“ bei Meister Eckhart führt Damberger zum Renaissance-Humanisten Giovanni Pico della Mirandola. In diesem sehen führende Transhumanisten, die den Menschen mit Technologie überwinden wollen, den Urahnen ihrer Ziele. Für Pico besteht die Würde des Menschen darin, dass er von Gott zwar als unfertiges und unabgeschlossenes Wesen geschaffen, jedoch mit Schöpferpotenzial ausgestattet wurde. Durch Verbesserung bzw. Vervollkommnung soll eine Einheit mit der Idee bzw. Gott (=Vollkommenheit) erreicht werden. Im 18. Jahrhundert setzte ein Bildungsschub ein. Leibeigene Bauern wurden frei und drängten in die Städte. Die Handwerke in den Städten hatten ihre größere Unabhängigkeit von Natur und Witterung genutzt, Werkzeuge und Geräte weiterentwickelt und konnten nun mehr produzieren. Dazu benötigten sie zusätzliche Arbeitskräfte. Da die Konkurrenz groß war, mussten sich die nunmehrigen Arbeiter weiterbilden und somit den eigenen Marktwert verbessern. Die verhalf ihnen zu höherem Lohn. Nun konnten sie an der Gesellschaft teilnehmen und mitgestalten. Heute muss der Mensch künftige Entwicklungen voraussehen. Als Beispiel kann die Digitalisierung herhalten. Digitalisierung ist eine radikale Form der Bildung und bedeutet zugleich eine Extremform des Human Enhancement. Die Digitalisierung ist eine extreme Form der Zerstörung und Neugestaltung der Welt in Einsen und Nullen. Der Mensch tritt als Schöpfer auf, kann aber unglücklicherweise nicht Teil dieser Schöpfung werden, denn sein Körper hindert ihn. Der Robotiker Hans Moravec schlägt daher die Methode Gehirnemulation vor, das entspricht dem heutigen Uploading. Sollte es tatsächlich gelingen ein menschliches Gehirn digital zu erfassen, könnte man es auf ein künstliches Gehirn übertragen. Eine weitere Erfassung des Menschen in Zahlen erfolgt bereits durch Selbstmessung mit Hilfe von Fitnessarmbändern, z.B. für Herzschlag, Kalorienverbrauch und Schlafphasen. Der nächste Schritt ist dann die Selbstoptimierung. Es geht um Selbsterkenntnis durch Zahlen, die jedoch nur messbare Dinge heranzieht. Einem solchen Denken wohnt eine Gefahr inne. Es verstellt die Tatsache, dass der Mensch ein offenes, nicht begrifflich und eben auch nicht zahlenmäßig erfassbares Wesen ist. Mit einem Wort von Adorno folgert Damberger, dass, wenn wir das Phänomen Human Enhancement (Selbstdigitalisierung und Selbstverbesserung) bedenken und durchdenken, wir einen Blick für das Unfassbare und den Wert dieses Unfassbaren entwickeln. Obwohl der Mensch nach einer Definition von Humboldt fremdbestimmt ist, kann er Entscheidungen treffen und sich somit in der Welt entwerfen. Diese Welt muss aber eine menschliche sein. Über den Weg der Bildung könnte, so meint Damberger, auch Human Inhancement zur Menschlichkeit führen. E.P.

Vortrag „Akklimatisierung. Versuch einer thermalen Anthropologie“ Eva Horn
Prof. f. Neuere Deutsche Literatur u. Kulturtheorie UNI Wien
Horn wollte mit ihrem Vortrag, wie sie sagt, unterhalten und die Natur, die Kulisse der Berge Lechs, den Teilnehmern näher bringen, was jedoch eindeutig misslang. Der Mensch sei in die geologische Geschichte der Erde eingeschrieben und je mehr er sich emanzipiere, umso mehr verstricke er sich in ihr. Dass von der Antike bis ins 19. Jhdt. das Klima anthropologisch wirkte und somit für bestimmte Charaktere der Bewohner herhalten musste, mag historisch interessieren, aber für den „neuen“ Menschen – für das Thema des Philosophikums, wohl unbedeutend sein. Viel interessanter war schließlich das Verhältnis von Air-Condition und Abkapselung von der Aussenwelt, ein echter Bezug wurde jedoch außer durch das Beispiel aus dem Buch La possibilité dúne ile von Houellebeqc nicht erörtert. Die letzten Zeilen des Vortrages hätten wohl die ersten sein müssen, damit ihren Inhalten mehr Zeit gewidmet hätte werden können: Und zwar der Ästhetik des Raumes, der Qualität eines Ortes – sei sie durch den Menschen geformt oder nicht - und der damit verbundenen intensiven leiblichen Erfahrung und dem Gespür von Stimmungen und Emotionen... E.R-Ü.

Vortrag „Utopische Technologien in technologisierten Gesellschaften“ Sascha Dickel
Wissenschaftssoziologe Technische UNI München 
Zu Beginn des Vortrages ging Dickel auf die Ambivalenz der bekannten Zukunftsvision des Cyborg als Repräsentant des Transhumanismus ein. Der Transhumanist baut eine Brücke zum posthumanen Cyborg-Nachfolger, der natürlich noch mehr Fähigkeiten aufweist. Problematisch erscheint es mir, dass der Technische Direktor von Google - Ray Kurzweil – als mächtiger Mann eine so intensive Tendenz der Nanotechnisierung des Menschen durch Implantate, verbunden mit dem Internet, rund um die Uhr befürwortet. Dickel hingegen befürwortet eine wissens- und kultursoziologische Beobachtung der Beobachter anderer. Er weiß, dass die Zukunftsvisionen welche der Gegenwart sind und nicht statt finden müssen, also spekulativ sind, jedoch viel aussagen über die utopisch aufgeladene Gegenwart. Zusätzlich interessant waren Dickels Ausführungen über die Romantisierung und Traditionsgebundenheit des Begriffes Natur. Die Natürlichkeit symbolisiert Vertrautheit. Jedoch die biokonservativen Schwärmer werden als Ignoranten der Technikwelt angesehen. Hier fehlt vielleicht ein Zwischenglied, ein Sowohl-als-auch-Denken, wie ich meine. Dickel jedenfalls sieht jedoch im Vergleich zu Ray Kurzweil die Vor- wie Nachteile, die möglichen neuen Lasten und Unfreiheiten! E.R-Ü.

Vortrag „Welchen Menschen wollen wir? – Zur Ethik der Verbesserung des Menschen” Johann S. Ach
Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Geschäftsführer des Centrums f. Bioethik der Westfälischen Wilhelms-UNI Münster.
Ach nähert sich dem Thema auf semantischem Weg: Verbesserung- Handlungen sind nicht notwendiger Weise Optimierungs- oder Perfektionierungs-Handlungen. Als Optimierungs- oder Perfektionierungs-Handlungen lassen sich solche Verbesserungs-Handlungen bezeichnen, die auf einen bestimmten, vorab definierten Endzustand ausgerichtet sind. Ob es sich bei Enhancement-Maßnahmen auch um Optimierungsund Perfektionierungs-Handlungen handelt, hängt davon ab, ob man annimmt dass es ein Optimum des Menschen gibt, ein benennbares Endziel oder einen Zielzustand der Verbesserung des Menschen“. Die semantische Analyse des Ausdrucks „Verbesserung“ hilft zu verstehen, warum mit unterschiedlichen Begriffen von Enhancement operiert wird. Ob es die „Natur des Menschen” zu bewahren oder zu verändern/ zu gestalten gilt, ist hochgradig umstritten. Ach bezieht sich auf Eric Parens, der zwischen zwei Human Enhancement- Lagern unterscheidet. VertreterInnen des gratitude framework nehmen ein essentielles, wahres Selbst des Menschen an. Die VertreterInnen des creativity framework gehen von der Idee einer autonomen Selbsterschaffung des Menschen aus. Im Weiteren stellt Ach fest, dass es einen gravierenden Unterschied macht, ob das Objekt der Verbesserungs-Handlung der eigene Körper ist oder der Körper eines anderen, etwa eines Ungeborenen oder eines Kindes. Es macht einen Unterschied, ob man über pharmakologische Substanzen oder über Gehirn-Computer-Schnittstellen spricht. Es gibt keine allgemein gültige Antwort, es gilt „enhancement by enhancement“. Ein Unterschied besteht auch, ob es sich um kompetitive oder non-kompetitive Verbesserungs-Handlungen handelt. Selektive Zugangsmöglichkeiten und soziale Ungleichverteilungen können zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft führen. Es muss zwischen freiwillig und unfreiwillig unterschieden werden, z.B. Verbesserungs-Handlungen von Eltern an Ungeborenen oder unmündigen Kindern. Erwachsenen Personen könnten von Arbeitgebern oder Versicherungen Verbesserungs- Handlungen aufgezwungen werden. Ein wesentlicher Unterschied besteht bei den sogenannten moderaten und radikalen Verbesserungs-Handlungen. Letztere könnten durch ein Auseinanderdriften der menschlichen Gesellschaft zu Diskriminierung und Unterdrückung führen. Nach einer Reihe weiterer Unterscheidungen schließt Ach mit vier Thesen: 1. Um zu verstehen, was Verbesserungs-Handlungen sind, muss man die verschiedenen semantischen Dimensionen des Verbesserungsbegriffes in den Blick nehmen. 2. An einer „case-by-case-Analyse” führt kein Weg vorbei. 3. Verbesserungsmaßnahmen müssen das „Recht auf eine offene Zukunft” von Ungeborenen und von Kindern achten, das Recht auf Selbstbestimmung respektieren, die Freiheitsspielräume Betroffener nicht über Gebühr einschränken, und keine gravierenden sozialen und ökonomischen Ungleichheiten verursachen. 4. Eine kollektiv verstandene Pflicht zur Verbesserung des Menschen lässt sich schwerlich begründen. Letztlich bliebe sie eine Pflicht unter anderen. Eine Reihe von Pflichten, die wir im Hinblick auf globale Herausforderungen von Klimawandel, Weltarmut oder Flucht und Migration haben, stehen auf sehr viel weniger tönernen Füßen. E.P.

Vortrag „Das Streben nach Exzellenz im Sport – Perfektionierung des Menschen durch Doping?” Claudia Pawlenka
Privatdozentin am Institut Philosophie der UNI Düsseldorf
Durch seinen immanenten Steigerungsimperativ „schneller, höher, weiter“ könnte der Sport ungewollt Vorreiter für den Einsatz von Gentechnologie und anderer Zukunftstechnologien werden und damit zur Bühne für den „neuen Menschen“. Andererseits ist der Sport der bislang einzige Bereich, in dem eine Begrenzung der ungehemmten Leistungssteigerung durch das Dopingverbot stattgefunden hat. Die umstrittene bioethischen Frage ist daher, ob der Sport zum Präzedenzfall für andere Enhancement-Bereiche werden kann. Der Sport eine Sonderwelt? Die Spielregeln erschaffen ein Spiel, in dem sie Spielzeit, Spielraum, Spielziel, Spielhandlungen usw. definieren. Die Spielregeln grenzen damit den Sport aus der Lebenswelt aus. Wir akzeptieren die Begrenzung der prinzipiell verfügbaren Mittel, da diese die sportliche Handlung überhaupt ermöglicht. Sport ist der freiwillige Versuch, nicht-notwendige Hindernisse zu überwinden. Perfektionierung des Menschen durch Doping? Nicht die gemessene Leistung als solche ist von anthropologischem Wert, sondern nur unter der Berücksichtigung seiner Entstehungsbedingungen, das heißt, durch wen und wie er zustande gekommen ist. Die Dopingregel ist somit Spielregel und verdeutlicht den internen Zusammenhang zwischen Spielregeln und Spielziel bzw. Spielergebnis. Die Beschränkung auf die körpereigenen Mittel ist folglich ein grundlegendes Merkmal des Sports. Die Folgenlosigkeit sportlicher Leistungen, die keinem lebensweltlichem Zweck dienen, idealisiert und überhöht nämlich zugleich die menschliche Leistung. Der sportliche Wettkampf inszeniert das anthropologische Drama der Leistungserbringung. Mut, Hingabe, Selbstüberwindung, Gewinnen und Verlieren. Den Sport kennzeichnet als einzigen Leistungsbereich eine Ästhetik des Scheiterns. Er ist eine Sonderwelt, da er durch Spielregeln erzeugte fiktive Welt ist. Der Sport ist andererseits jedoch auch ein Spiegel der Gesellschaft und insofern gerade keine Sonderwelt, da er ein Symbol für herausragende menschliche Leistungen durch Fleiß und Begabung ist. Es stellt sich die Frage, was Perfektion und Vollkommenheit in einer Alles-Könner-Welt per „Upload“ oder Hirnchip noch bedeute? Eine vollkommene sportliche Leistung setzt die Anerkennung einer intrinsischen Obergrenze durch Respektierung der natürlichen Fähigkeiten des Menschen voraus. Ein rein quantitatives Verständnis der sportlichen Leistung, das diese natürliche Obergrenze durch den Einsatz von Doping oder Gendoping unterläuft, zielt gleichsam „ins Leere“, das heißt, lässt keine Vollkommenheit zu. Aufgrund der Zwecklosigkeit sportlicher Handlungen kann der Sport wie kein anderer Bereich zeigen, dass schneller, höher und stärker noch keine besseren Leistungen sein müssen. Eine technische Zurichtung des Menschen mit dem Ziel einer rein quantitativen Steigerung würde also keine Perfektionierung oder Verbesserung bedeuten. „Enhancement-Society“ oder „Doping-Gesellschaft - Der Sport ein Wegweiser? Der Sport kann zum Nachdenken über den Sinn einer ungehemmten Steigerung und insofern als Wegweiser dienen. In der gesellschaftlichen Diskussion um die Normierung und Legitimierung neuer Wege oder Formen des Menschseins kann er jedoch nicht „federführend“ sein. Transhumanistische Visionen „neuer Menschen“ und die Diskussion um „Converging Technologies“ haben eine tiefgehende anthropologische Dimension und machen Selbstverständigungsprozesse notwendig. Es kann auch keinen sportlichen Alleingang in Fragen der Perfektionierung des Menschen geben. Der Sport kann kein „museales“ Anliegen vertreten, das heißt kein Naturreservat für den Homo sapiens oder gentechnisch unveränderten Menschen in einer transhumanisierten Gesellschaft sein. Im Sport wird unsere Leiblichkeit kultiviert und in den Vordergrund gestellt. Gerade bei Fragen nach dem guten oder glücklichen Leben kann der Sport mit seinem ganzheitlichen Blick auf den Menschen ein wichtiges Korrektiv auf dem Weg zu einer technizistischen Entwicklung des Menschen sein. E.P.

Vortrag „Parahumanität. Technisches Handeln, Teilsouveränität und andere Tücken“ Karin Harrasser
Prof. für Kulturwissensch. Kunst UNI Linz,

MitHG der Zeitschrift für Kulturwissenschaft (am Foto mittig) Harrasser referiert äußerst interessant über die erste Hälfte des 20. Jhdts., das schon viele Zukunftsversionen des modernen technisierten Menschen hervorgebracht hat. Zukunftsszenarien haben oft Fluchcharakter, doch es gilt der Wahrnehmungsoptimierung eines farbenblinden Neil Harbisson wie den Paralympics Tribut zu zollen. Die Enhancement-Debatte ist aufgebrochen – man denke an die Teilnahme eines Oscar Pistorius mit künstlichen Füssen – also einem zeitgenössischen Cyborg - an den Olympischen Spielen Peking 2008. Sehr beeindruckend war der gezeigte Werbespot acht englischer Paralympics, die mit stolzer, kraftvoller Miene ihr heroisches Selbstverständnis darstellten. Ihre körperliche Fehlerhaftigkeit bzw. Andersartigkeit wird durch besonders hohe Technikaffinität ausgeglichen. Sie werden zu Menschen 2.0. Ihr Ethos ist das der Selbstverbesserung. Die Technologien sind nicht nur funktional, sie werden zu Artefakten, welche Einbildungskräfte anregen und den Körper dabei verwandeln. So wie ein Pfau mit besonders langen ihn behindernden Schwanzfedern als besonders fit gilt = Handicap-Theorie von Amotz und Zahavi. Anschließend führt Harrasser weitere sehr interessante Beispiele für Aktivitätsverbesserung durch Technik an und möchte den Begriff „Kohumanität“ statt posthuman vorschlagen. Weiters findet sie zielgerichtet vier Thesen zum Körper, seiner technischen Modifikation, deren ethischen Vertretbarkeit, Fragen über positive und negative Rechte aller Beteiligten unterscheidbar. Sie fordert, in Zukunft müssten noch mehr Protokolle installiert werden und Entscheidungshilfen vorhanden sein. Abhängigkeiten und Verbindungen zwischen technischen und organischen Akteuren müssen beobachtbar und analysierbar sein! Teilsouveränes Handeln und nicht vereinzeltes, voluntaristisches Entscheiden sei zu idealisieren! E.R-Ü

Vortrag „Transhumanistische Ethik: Annahmen, Ideale und Implikationen“ Anne Siegetsleitner
Prof. f. Praktische Philosophie UNI Innsbruck, Präsidiumsmitgl. D. Ö. Gesellsch. für Philosophie und der Society for Women in Philosophy Austria, MitHG der Reihe „Angew. Ethik“
Siegetsleiter holte zu keiner umfassenden Kritik des Transhumanismus aus, sondern vermengte die Begriffe Ethik und Transhumanismus ohne wirklich Grundlegendes klar zu stellen. Etwas naiv lässt sie stets andere – meist Bostrom - formulieren: „Why I Want to be a Posthuman When I Grow up“ Titel T. Bostrom 2008. Sie meint genauso unreflektiert, „dass es im Transhumanismus um Stimmungen und Emotionen geht, bei denen unser subjektives Glücksempfinden bisher von einer vorgegebenen genetischen Ausstattung bestimmt werde. Dies könnte durch entsprechende Psychopharmika unter Kontrolle – hoffentlich der eigenen – gebracht werden.“ Hic! Weiters meint die Referentin, dass die transhumanistische Ethik „offen für Neues“ sei! Was sonst?, fragt sich da der Zuhörer. Zitat: „Positiv geht mit der transhumantischen Ethik eine grundlegende Offenheit für Neues einher. Sie macht sich Gedanken –(seit wann denkt die Ethik?!) - über neue Entwicklungen und bringt in mancherlei Hinsicht eine optimistische, anpackende Einstellung zum Ausdruck. Mut und Wagnis werden positiv gesehen.“ Hic! Die Schlussbemerkungen waren leider auch nur in einem einzigen Satz persönlich gehalten, der da lautete, dass die Flüchtlingsströme der vergangenen Tage die Aufmerksamkeit der Dringlichkeitsdebatte des Transhumanismus entzogen hatte.

E. R-Ü.

Vortrag „Humangenetik – quo vadis?“ Markus Hengstschläger 
Prof. für medizinische Genetik an der Medizinischen UNI Wien, Mitglied zahlr. nat. und internat. Verbände, Kommissionen und Gesellschaften
2014/15 ist ein wichtiges Jahr, denn es ändern sich die Möglichkeiten der Gentechnik wesentlich, kann man doch von exogener nun auf endogene Genetik übergehen! D.h. nicht mehr das Erbgut eines einzigen Patienten genetisch verändern – sondern sich in die Genetik der kommenden Generationen unwiederbringlich und ohne Wissen auf den weiteren Verlauf einschreiben, so Hengstschläger. Das Hauptproblem ist nicht nur der spätere fragliche klimatische Aufenthalt des Menschen (das Klima stellt andere Anforderungen, man denke an Malaria) mit veränderten Genen, sondern auch der zukünftige unbekannte Partner mitsamt seinen 25 000 Genen und dessen Auswirkung auf das veränderte Erbgen. Endogene-Fremdoptimierung des Menschen geht nie wieder zurück, so warnte Hengstschläger eindringlich. Gott sei Dank sind in Österreich Eingriffe in die Keimbar (Samenzelle vom Vater und Eizelle von der Mutter) verboten, denn niemand kann ein Parameter erstellen: Was ist gesund, was ist krank. Was ist Durchschnitt und was ist bereits Enhancement? In der letzten sehr angeregten Diskussionsrunde des Philosophicums warnt Hengstschläger außerdem vor Mehrheitsübereinkunft. Denn „Ethik hat mit Mehrheiten nichts zu tun!“ E. R-Ü

Vortrag „Zwischen Perfektionierung und Meliorisierung – Menschenbilder aus theologischer Sicht“ Dietmar Mieth
Prof. em., Dr. theol., UNI Erfurt, Leiter der Forschungsstelle Meister Eckhart
Kurz zusammengefasst seine ethische Kriterien: Für die Wissenschaft gilt gegenüber der Gesellschaft das Transparenzgebot. Das schließt ein, dass auch über Stagnation, Rückschritt und Misserfolg informiert wird. Ferner muss darüber im Einzelnen informiert werden, dass jeder Fortschritt im Wissen auch ein Fortschritt in der Nichtwissenskenntnis ist. Wer mehr weiß, weiß auch in der Wissenschaft mehr darüber, was er genauerhin nicht weiß. Das Gebot einer präzisen Sprache: In der Wissenschaft sollte Forschung nicht mit Hilfe von Werbesprache vermittelt werden. So ist der Ausdruck Therapie fehl am Platz, wenn es in Wirklichkeit keine Therapien gibt. Er instrumentalisiert die Hoffnungen von Kranken, ohne sie einlösen zu können. Gefordert ist die Verträglichkeit mit Menschenwürde und Menschenrechten, im Einzelnen: Überlebensverträglichkeit, Freiheitsverträglichkeit, Gesundheitsverträglichkeit, Verträglichkeit mit der Ausbildung selbstbestimmter Identitäten, Sozialstaatsverträglichkeit, Umweltverträglichkeit. Das Prinzip der Folgenbewertung könnte so lauten: Man soll Probleme nicht so lösen, dass die Probleme, die durch die Problemlösung entstehen, größer sind als die Probleme, die gelöst werden. Dieses Kriterium mag einen mehrfach strittigen Diskurs auslösen. Man wird ihm aber zustimmen, wenn man bei der Nutzung der Atomenergie einsieht, dass von Anfang an Probleme sichtbar waren, deren Lösung man nicht sehen konnte. Die Verlangsamung des einzelnen ethisch prekären Fortschrittes zugunsten der ethischen Reflexion, aber auch zugunsten genauerer Erkundung der Umsetzbarkeit, der Verflechtungen, der Folgen ist immer wieder erforderlich. Es scheint so zu sein – z.B. in der Gentherapie und bei den Stammzellen aus Embryoderivaten – dass die angekündigten Erfolge sich entweder nicht so schnell oder eingeschränkt gegenüber den Erwartungen einstellen. Verlangsamung steht einerseits im Dienst der Präzision und der Realistik, andererseits im Dienst der gesellschaftlichen Reflexion. Die Bevorzugung rückholbarer oder zumindest partiell revidierbarer Manipulationen an der Natur und am Menschen. Mit einer solchen Liste von Points to consider werden zunächst Normen im Vorhinein festgelegt. Sie bedürfen des ethischen und gesellschaftlichen Diskurses. Sofern die Demokratie die Beteiligung aller an den sie betreffenden Entscheidungen sucht, muss diesem Diskurs immer wieder Raum geschaffen werden, ohne diesen Raum durch Präjudize der Macht des Verbundsystems Wissenschaft – Technik – Ökonomie zu beschränken. E.P.

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19. Philosophicum Lech. Neue Menschen. Berichte: E. Punz & E. Riebler-Übleis