Bühne

Landestheater St.P.: 18.5.2019, "Kinder des Olymp"

Eva Riebler

Was ist wichtiger als die LIEBE?

„Kinder des Olymp“  von Jacques Prévert (Film 1943/44)
07. Bürgertheater, Landestheater St.Pölten
18.5.2019 Gr. Haus, Premiere 16 Uhr

Leitung/Inszenierung/Fassung - Nehle Dick, Dramaturgie - Julia Engelmayer, Musik - Sebastian Gabler, Kostüme - Irene Schiller, Regie - Gabrielle Erd, Astrid Krizanic-Fallmann, Karin Schweinzer u. 40 andere…
SchauspielerInnen: 50 BürgerInnen St. Pöltens zwischen 9 und 77 Jahren.

 

Inmitten des II. WK hatten ein Regisseur, ein Schauspieler und ein Drehbuchautor das Bedürfnis einen Film über die unerfüllte Liebe des Pantomimen Jean-Gaspard Deburau zu entwickeln. Die Wirrnisse des Krieges waren kontraproduktiv, aber durch Übernahme durch eine andere Produktionsfirma, verfälschte Namensgebungen des jüdischen Komponisten und des jüdischen Filmarchitekten usw. gelang dem Regisseur Marcel Carné die Fertigstellung 1944 in Nizza just zur Zeit der Landung der Amerikaner in der Normandie. Dies mag verdeutlichen, dass in diesem Film-/Bühnenstoff keinerlei Politik vorkommen kann. Es ist die LIEBE und nur die LIEBE, auch die zum Theater, die Handlungsgegenstand ist.

Das „Hereinspaziert!“ der beiden grandiosen Confranciers ermöglicht sogleich die Vorstellung im Theaterviertel, vielmehr auf der Bühne des Theaters Funambules zu sein.

Die Schauspielerischen Leistungen aller sind überaus bewunderungswürdig! Einzelne Auflistungen sind nicht zielführend, da jeder/jede in der Rolle aufgeht. Die Rollen werden nicht „gespielt“, sondern die Bürger und Bürgerinnen entwickeln und suchen ihre ihnen zu Charakter und Ausdruck passenden Rollen und SIND die Figur/die Rolle! Die Vielseitigkeit und der Einfallreichtum der Dramaturgin Nehle Dick, z.B. bei dem Einfügen der 5 rot gekleideten kommentierenden Frauen, die Aufteilung der Rolle des Pantomimen auf DREI auch vom Alter völlig unterschiedlichen Schauspieler oder die Aufteilung der Rolle der weiblichen Protagonistin Garance auf drei Bürgerinnen und die Verdoppelung der Ehefrau des Pantomimen auf ein doppeltes Lottchen – ist wirklich schöpferisch und spannend!

Eine tolle Produktion, ideenreich, abwechslungsreich und bewundernswert!

Gratulation!

Noch zu sehen am 28.5., 4.6. und 15.6. 2019 um 19.30 im Landestheater St.P., großes Haus

Landestheater St.P.: 4.5.2019, Premiere: Ödipus/Antigone: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“

Eva Riebler

4.5.2019 Premiere Landestheater St.P. Gr. Haus

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt“
Ödipus/Antigone
von Sophokles

Ödipus/Die Alten – Michael Scherff, Priester/Diener7Hämon – Tim Breyvogel. Kreon – Bettina Kerl, Tiresias/Jokaste/Wächter/Bote – Silja Bächli, Chor/Bote/Ismene – Tilman Rose, Magd/Antigone – Hanna Binder.

Klavier/Piano - Johanna Borchert auf einem FEURICH-Flügel; gesponsert von der KLAVIER-Galerie

Gold glänzen die kettenhemdartigen Kostüme im eher dunklen Bühnenraum. Auf der Drehscheibe haben alle Protagonisten, optisch sorgsam platziert, Stellung bezogen und das Aufdeckungsspiel beginnt. Wer ist Ödipus, welche Verbrechen sind ihm anzulasten und wie straft er sich selbst – so kurz wäre der erste Teil abzuhandeln. Er gerät jedoch mit über 1 ½ Stunden auch für die Klassik erprobten Zuschauer zu lang. Die klassischen Texte erfordern durch ihre Syntax und Semantik die ganze Aufmerksamkeit. Die klassische Variante des Bühnenspiels ohne Spektakel und Pathos, ohne Wechsel der Kostüme oder des Bühnenbildes ist einerseits wohltuend und dem Ernst des Inhalts geschuldet, andererseits einlullend stereotyp und lässt auch keine Zeit/keinen Raum für den Gegenwartsbezug (Fremder, Heimkehrer, Inzest, Einsicht-Buße …). Da hätte Alia Luque seine Inszenierung stark kürzen und raffen müssen und das Risiko des Verlustes der klassischen Authentizität eingehen müssen.

Der 2.Teil: Antigone lässt mehr den Bezug zwischen Missbrauch der Macht durch Kreon und den Werten wie Freiheit, kulturellen/religiösen Tradition (die traditionellen Bestattung des Bruders Polyneikes durch Antigone) oder Wille der Bürger (Demokratisches Bewusstsein) zu. In der Antigone kommt nun  im Gegensatz zum Ödipus dem Wissen um die Schuld eine größere Bedeutung/Schwere zu.

Die Schauspieler leisten Großartiges, verwandeln sich trotz der universalen Kleidung in andere Figuren und entkommen der aufgesetzten Sterilität oder Stereotypie der Rollen ohne Klamauk oder Pathos. Die Liebe zum Detail, zur sparsamen Gestik und verhaltenen Mimik ist bewundernswert!

Beherrschend, stimmungsangebend ist Klavier und Gesang von Johanna Borchert. Ihre herausragenden Impressions-Jazz-Harmonien begleiten und verbinden. Ihr Ideen- und Inspirationsreichtum mit ihrer großen Palette der Klänge und Töne verwandeln die Szene in großes griechisches Theater und entheben die Schauspieler des Heroischen! Bewundernswert! Hörenswert!

Noch zu sehen und zu hören bis 5.6.2019

Landestheater NÖ: 08.03.2018, Uraufführung: „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“

Eva Riebler

„Spannende, großartige Erinnerungskultur!“

Landestheater NÖ Werkstattbühne, 8.3.2019 Uraufführung
„Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ von Paulus Hochgatterer

Fassung und Inszenierung: Moritz Beichl

Josephine Bloéb, Tobias Artner, Cathrine Dumont, Anton Wildauer, Elena Wolff
in jeweils 3 -4 verschiedenen Rollen vom kleinen 8 oder 13-jährigen Kind bis zum SS-ler, Großvater oder zur Bäurin oder Apothekerin…

Dass die Familiengeschichte Paulus Hochgatterers aus dem März 1945 Spannung erzeugt, ist klar, aber dass die Fassung, so schlicht und einfach sie ist, so toll ausgefallen ist und sich die vier jungen Schauspieler/innen derart ins Zeug legen, ist wirklich einzigartig!

Aus dem Blickwinkel der 13-Jährigen Nelli, die von einem Bombardement auf einen Zug in St. Valentin als einzige ihrer Familie überlebt, wird erzählt. Sie nimmt`s gründlich und will alles aufschreiben, wie es war und auch wie es sein könnte oder sein sollte. Und so haben die Ereignisse und erzählten Geschichten mindestens zwei verschiedene Ausgänge. Toleranz und Menschlichkeit sickern so in die Ereignisse der letzten Kriegstage ein, auch wenn sie so gar nicht stattgefunden haben, sondern mehr als brutal und unmenschlich gewesen sind.

Der Autor Paulus Hochgatterer ist praktizierender Psychiater und hat daher viel Gespür und Wissen mit dem Umgang Kinder unter sich, mit Erwachsenen, der Traumatologie oder der trügerischen Erinnerung. Er ging von einem Mädchen aus, das den Verlust seiner Familie aufarbeiten will und sich seinem Trauma stellen möchte. Die Erinnerung ist immer mehr Behauptung als Realität und die Spur von Tatsachen ist eher die Spur der Spur und noch keine Tatsache, meint er. Und so geht diese Protagonistin sehr vorsichtig mit der Erinnerung um und deutet die traurigen Geschichten vom ertrunkenen Kind, vom erschossenen Soldaten in positive Geschichten um. Sie lernt Geschichten in ihr Schreibheft notierend ihre Identität und ihr Satz beendet die Aufführung: „Wer ich bin, das steht in den Heften!“

Dem Regisseur Moritz Beichl aus St. Pölten und den außergewöhnlichen Leistungen der jungen SchauspielerInnen ist es zu verdanken, dass ein Zeitzeugen-Werk in herausragender Weise mit Herz und Wärme, mit Zärtlichkeit und der Brutalität der letzten Kriegstage, mit vielen Botschaften zum Mitnehmen auf die Bühne gebracht wurde!

Festspielhaus St. Pölten, 23.02.2019: Les ballets C de la B, Requiem pour L.

Eva Riebler

Tod und Leben. Vom Zelebrieren des Sterbens.

FESTSPIELHAUS St. Pölten 23.2.2019
Les ballets C de la B, Requiem pour L.
Alain Platels/Fabrizio Cassol

Alain Platel als Performer und Tanzchoreograf ist international berühmt. Er liebt das sparsame Bühnenbild, die wilden wie die stillen Gesten. Großformatig hat er das Video einer Frau, die Abschied nimmt und den Körper zurücklässt in Schwarz-Weiß über den ganzen Bühnenhintergrund gespannt. Gebannt verfolgt jeder das Sterben dieser Frau und sieht als Kontrast davor 14 Musiker und Tänzer spielen, die schreiten, tanzen, laufen, hopsen, den Flügelschlag imitieren oder mit dem weißen Tuch Abschied winken. Sopran, Tenor und Alt singen gemeinsam mit vier weiteren Mitgliedern des Ensembles, wie auch vereinzelt, kommen zusammen, legen Steine auf die imitierten Gräber und bewegen sich wie die Tänzer über das Gräberfeld. Anschwellende afroamerikanische Gesänge mischen sich mit der Musik Mozarts Requiem, das er unvollendet vor seinem Ableben als 35-Jähriger 1791 schrieb.

Es ist die Schwelle zwischen Leben und Tod, die zelebriert wird, ausgiebig in 100 Minuten, nur unterbrochen durch das leise Atmen der Frau/bzw. des Akkordeons, das dann die Musik wieder anschwellen lässt. Laut und furios geht es zu und die Tänzer zappeln, hüpfen und legen all ihre Energie in den Bewegungstanz. Sie vermitteln das afroamerikanische Begleiten des Sterbens und die Lebensenergie derer, die den Tod begleiten und noch einmal davon gekommen sind.

Fabrizio Cassol hat einzigartig die klassische Musik Mozarts entklassifiziert und Rhythmus und Ausdruck überaus gesteigert!

Ein Werk das kontrastreich ist, weder Tanz- noch Theaterstück sein will, vielleicht einen Europäer verstört, auf alle Fälle eine moderne, überdimensionale Umsetzung der Sterbebegleitung ist!

Landestheater St. Pölten, 31.12.2018: Um die Wette

Eva Riebler

Feiertags-Komödie

Landestheater St. Pölten, 31.12.2018
Um die Wette von Eugène Labiche

deutsch von Elfriede Jellinke

UM DIE WETTE (1861 „La poudre aux yeux“) ist bereits 150 Jahre alt und hat ein allgemeingültiges Thema zugrunde: das mehr Scheinen als Sein. Mit viel gedanklichem Aufwand und Improvisation werden Dienstpersonal, Kutscher samt Kutsche und hohe Gehälter simuliert, um Ansehen und sozialen Status zu erhöhen. Es geht um die eheliche Verbindung zweier bürgerlicher Kinder, deren Eltern nicht nur besser situiert erscheinen wollen, sondern auch mehr Mitgift herausholen möchten. Das Vorspiegeln von Luxus hat natürlich seinen Preis und soziale Aufwärtsvergleiche lassen außerdem die Frage nach inneren Qualitäten der Handelnden nicht zu.

So gesehen ist es natürlich inhaltlich ein flaches Stück, das jedoch durch die Ausstattung – dem immer höher und größer werdenden Polstersessel – und die flotte Performance ausgeglichen wird. Nicht zu vergessen ist die gesangliche Arrondierung positiv zu bewerten, hat doch vor allem Madame Malingear, alias Gisa Flake eine wirklich herausragende Stimme! Exzellent spielen der vielseitige Onkel, Dekorateur sowie halb Diener – halb Dienstmädchen darstellende Martin Brunnemann und das ganze Ensemble, die für klassische Laune und Heiterkeit eines Silvesterstückes sorgen!

Eine wunderbar sparsame Bühne und Dramaturgie von Isabelle Kittnar und Kai Krösche!