Buch

Melamar: Bukuríe  Roman

Klaus Ebner

Melamar: 
Bukuríe 
Roman

Verlag Wortreich, Wien 
2019, 180 Seiten
ISBN 978-3-903091-10-8

Die Welt einer Romni 

Rita bekam als Kind einen Schatz mit auf den Weg: eine zweite Sprache. Dass es sich dabei um die Sprache der Roma handelt, ermöglicht ihr, Kontakt mit einer Bettlerin auf den Straßen Wiens aufzunehmen. Mit dieser, namens Bukuríe, wie auch der Roman heißt, freundet Rita sich an, und sie entdeckt eine vom Schicksal gezeichnete Frau, die zwar über keinerlei Schulbildung verfügt, dafür aber eine enorme Menge Lebensweisheit zu bieten hat. Bukuríe leistet Rita nun vormittags in deren Geschäft Gesellschaft, kocht für sie und entwickelt sich im Lauf der Geschichte für die Anrainer zu einer Anlaufstelle für Probleme aller Art; sie fungiert als eine Art moderne Schamanin.
Ritas Freund Pablo, einem Lateinamerikaner, gefällt die Bekanntschaft überhaupt nicht. Er glaubt, die »Zigeunerin« wäre geschäftsschädigend, was sich am Ende jedoch als Irrtum erweist. Und Bukuríe hat nicht nur Rita, sondern auch Pablo etwas zu bieten. Lesende erfahren staunend, dass es ausgerechnet die »arme Bettlerin« ist, die anderen, vergleichsweise gut situierten Menschen, viel zu geben hat.
Die 1976 in Klagenfurt geborene und seit Langem in Wien lebende Autorin Melamar greift mit diesem Roman einen wohl ungeliebten Themenkreis auf: Straßenbettler, Roma und Asylwerbende. Auch ein paar autobiografische Parallelitäten fallen auf. Melamar verbindet alles in eindrucksvoller Bravour und zieht Lesende regelrecht in die Geschichte. Gerade heute kann man sich vor diesem gesellschaftspolitischen Engagement bloß verneigen, was ich hiermit tue.
In manchen Kapiteln spricht Rita, während in anderen Pablo zu Wort kommt. Beide berichten aus eigener Sicht über dasselbe Ereignis, so das ein raffiniert gemachtes Bild entsteht, das zur Spannung beiträgt. Die Geschichte bekommt insbesondere gegen Ende etwas Märchenhaftes, und der Schluss hinterlässt Trauer ebenso wie Hoffnung – . Alles in allem ein überaus gelungenes und empfehlenswertes, ja, ein tolles Buch!  

Egyd Gstättner: Die Familie des Teufels

Eva Riebler

Egyd Gstättner:
Die Familie des Teufels

Allein gegen die 
Literaturgeschichte
Picus Verlag
2018, 392 Seiten
ISBN: 978-3-7117-2070-2 

12 Erzählungen sind im neuesten Band des Kärntner Autors vereint. Er hat ausgiebigste Recherchen betrieben und Biografien in Teilen von literarischer Hätschelkindern (wie James Joyce, Autor des Ulysses, Arthur Conan Doyle, der Vater von Sherlock Holmes …) mit solchen eher unbekannterer Autoren (Unamuno) gemischt. Gestaffelt lässt er weitere literarische Figuren in die Welt eines der Autoren einziehen. Natürlich nicht langweilig biografisch, sondern verpackt in spannenden Zwiegesprächen, Gedankenströmen oder „Gschichten“!
So gut wie jeder hinterfragt das Leben als solches oder zumindest fragt er nach Werten und Unwerten. James Joyce lässt er z.B. körperlich schlichtweg faul sein und sich in jedem Zimmer ein Bett zum Dichten wünschen. Die  Ebene des Wertens und des persönlichen Kontaktes zum Lesenden, zur Leserin bedient Gstättner mittels seiner direkten Fragen: Liebe Leser „achtet immer darauf, ob in einem Dichtermuseum im Arbeitsraum ein Bett steht. Falls nicht, vergesst den Dichter! Der taugt nichts!“
Ja, Egyd Gstättner durchbricht stets die Handlungen seiner Roman- & Recherche-Figuren und somit holt er sich wohlwollende Rückendeckung und steht er nicht alleine gegen die Literaturgeschichte! Er lässt seine historischen Figuren & Literaten samt Kulissendetails in seiner Familie des Teufels lustwandeln oder untergehen. An Orten gefallen ihm Triest, Venedig, Rom oder Dublin usw. In der Universität von Salamanca, in die Gstättner auf einer Lesereise kam, hätte ihn selbst beinahe der Herztod ereilt. Er nimmt dies Gesschehen in seine literarische Verarbeitung auf und meint: „Mit 39 an einem Herzinfarkt in Salamanca sterben, wäre ein toller Abgang für einen jungen Schriftseteller: plötzlich, ungeheuerlich und schauerlich! Und exotisch! … Ein Popstartod! Kein elendes Dahinsischen und unsichtbares Zerfressenwerden und Vergessenwerden im Ausgedinge des Alters!”
Ja, Egyd Gstättner lebt und schreibt - und schreibt - gottseidank! Und so dürfen Sie dieses schauerliche exotische tolldreiste Werk genießen!

Helene Hegemann: Bungalow

Cornelia Stahl

Helene Hegemann: 
Bungalow

Roman. Berlin: Hanser-Verlag. 
2018, 288 Seiten
ISBN: 978-3-446-25317-9 

Zwischen Hummer und Mietskasernenmief.

Wie fühlt es sich an, im Leben immer zu kurz zu kommen, immer auf der Verliererseite zu stehen und anderen bei ihrem Erfolg zuzuschauen?! 
So geht es zumindest Charlie, die mit ihrer alkoholkranken Mutter in einer Mietskaserne wohnt. Von ihrem Fenster aus beobachtet sie täglich gut situierte Mittelschichtfamilien der nahe gelegenen Bungalowsiedlung. Allmählich weiten sich ihre Beobachtungen zur Obsession aus, die nach Nähe und Beziehungen verlangen. Letztlich freundet sich die Protagonistin mit Maria und Georg, einem Paar aus der Nachbarschaft an, verbringt in Folgetagen viel Zeit mit ihnen. 
Als eines Tages der Heizölwagen ausgerechnet vor dem Bungalow des befreundeten Paares explodiert, Charlies Mutter in die Psychiatrie eingewiesen wird, scheint das Leben die Weichen neu zu stellen. Ein Wendepunkt ist erreicht. 
Hegemanns Roman besticht durch exakte Figurenzeichnung, liest sich mitunter als Sozialreportage. Die kontrastierende Darstellung divergierender Wohn- und Lebensräume kann als Anspielung zunehmender Gentrifizierung in den Großstädten gelesen werden, die zugleich Ungleichheit und Ausgrenzung produziert. Im Subtext schwingt die Frage nach der Reproduktion sozialer Ungleichheit. Oder sind Rettungsanker irgendwo in Sicht? 
Dystopische Endzeitszenarien im Roman wirken mitunter überhöht, können jedoch als Auswüchse der Umwelt- und Klimakatastrophen gedeutet werden. 
Helene Hegemann, geboren 1992, lebt in Berlin. Sie debütierte 2010 mit  AXOLOT OVERKILL, der in zwanzig Sprachen übersetzt wurde. Eine Autorin mit präziser Beobachtungsgabe und einem Erzählton, der das Lebensgefühl der Generation „maybe“ widerspiegelt, der scheinbar unzählige Handlungsoptionen zugänglich sind.  
Jungen LeserInnen empfohlen! 

Annett Krendlesberger: Zwei Blatt und zwei

Klaus Ebner

Annett Krendlesberger: 
Zwei Blatt und zwei

Bibliothek der Provinz: 
Wien 2018, 140 Seiten
ISBN 978-3-99028-740-8

Gefühlschaos.

Es ist das Chaos der Gefühle, das über die Icherzählerin Ursula hereinbricht: Ihr Kollege Magnus, in den sie wohl insgeheim verliebt ist, beginnt eine Liebesaffäre mit einer gemeinsamen Kollegin. Ursula wird von den eigenen, zwiespältigen Empfindungen überwältigt, nimmt Urlaub und reist nach Rom ab, wo ihr die Wohnung einer Freundin offensteht. Beherrscht werden die einzelnen Stationen der Reise von Ursulas Gedanken, von ihren Überlegungen, die allesamt um Magnus, dessen neue Liebe und Ursulas Gefühle kreisen.
Annett Krendlesberger deklariert ihr Buch als »Prosa«, doch im Grunde bilden die zwanzig Texte die Kapitel eines Romans; daher sollte man diese chronologisch lesen. Geschrieben wurden sie in einer Art innerem Monolog, mit vielen kurzen Sätzen, abgehackt und elliptisch, scharf beobachtend und eindringlich. »Eiswind in der Halle, Gate F. Jeff zieht den Koffer. Er besteht darauf. Mausegrau, mausegrau. Und da, der Fette mit Frau.« (S. 16) Anfänglich mag der Stil gewöhnungsbedürftig sein, doch entwickelt er rasch einen starken Sog und Lesende fühlen sich in die Protagonistin ein, sehen die Personen, die ihren Weg kreuzen, mit ihren Augen, verfolgen ihre Kommentare, die mitunter herablassend wirken, aber auch vor intrinsischer Selbstkritik nicht Halt machen. Die Prosa dieses Buches ist naturgemäß gespickt mit Umgangssprachlichem, ebenso wie mit wienerischen Ausdrücken und italienischen Satzfetzen. »Che tempo fa oggi? Wolkenlos und heiter ...« (S. 114). Die unterschiedlichen Sprachregister und der unmittelbare, direkte Schreibstil bewirken ein authentisches Miterleben.
Die 1967 in Wien geborene und lebende Autorin studierte Philosophie, Theaterwissenschaft und Betriebswirtschaft. Eine interessante Kombination, die, zusammen mit ihrer Berufserfahrung Krendlesbergers Literatur auf angenehme Weise bereichert. 
Das Buch »Zwei Blatt und zwei« ist jedenfalls eine lohnende Lektüre.

Norbert Hummelt: Der Atlas der Erinnerung 

Cornelia Stahl

Norbert Hummelt: 
Der Atlas der Erinnerung 

Wädenswill: Nimbus-Verlag. 
2018, 167 Seiten. 
ISBN-13: 978-3- 0385004- 83 

Verwandlung  geographischer Räume in Texträume.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ (H. Hesse). In Hummelt s´ Buch sind Anfänge, Textanfänge, verheißungsvoll. Sie machen Lust auf das Zukünftige und Unbekannte. Sie ebnen Wege für und an jene Orte, an die es den Autor in zurückliegender Zeit „gespült“ hat. Geographische wie literarische Orte der Erfahrung breitet Hummelt vor uns aus, entfaltet sie wie eine Landkarte. 
In vierundzwanzig Prosastücken nähern wir uns den Erinnerungslandschaften des Autors. Seine Forschungen beginnen mit Kindheitserinnerungen. In kreisförmigen Bewegungen erforscht er die heimatliche Gegend. Sukzessive erweitert sich der Radius. In die Großstadt Köln zieht es ihn als Jugendlichen, um ohrenöffnende Entdeckungen aufzuspüren. Zwischen Kaufhäusern, Baustellen und kollektiven Erinnerungsdenkmälern sammelt er akustische und optische Erfahrungen, bündelt sie zu einem Ganzen. Durch den Umzug nach Berlin und der Nähe zum Grenzfluss Neiße sowie dem Nachbarland Polen, erschließt Hummelt neue Landschaften. Zufällig stößt er auf das Kultur- und Bildungszentrum Eichendorff, welches sich dem verstorbenen Dichter widmet. 
Mit dem Lesen von Karten entwickelte der Autor ein Gespür für Maßstäbe und Grenzen, übertrug sein Wissen auf Literaturlandschaften. Leerstellen und Begrenzungen erzeugen Stimmungen, geben Orientierung in Großstädten wie Köln oder Berlin. Hummelt ermuntert: Irrwege und Abzweigungen gehören dazu, in der Literatur wie  im Leben. Hummelts wohlgeformte Prosa liest sich genussvoll und vermittelt ein Gefühl der Entschleunigung. 
Norbert Hummelt, 1962 in Neuss geboren, studierte Germanistik und Anglistik, wohnt als Lyriker, Essayist und Übersetzer in Berlin. Acht Gedichtbände, zuletzt „Fegefeuer“, liegen vor. Empfehlenswerte Lektüre! Schreibt für die NZZ.