Bildende

God: The Fossil Record. Rez.: I. Reichel

Ingrid Reichel
“APE AND ESSENCE“

 

 
GOD: THE FOSSIL RECORD
Neun künstlerische Positionen
zum Thema Evolutionstheorie und zu
Charles Darwins 200. Geburtstag
Stadtmuseum St. Pölten
Eröffnung, 20.02.09
Ausstellung: 21.02. – 22.03.2009
Öffnungszeiten: Mi – So 10 - 17 Uhr
Kurator: Martin Huxter

 

 

 

 

Katalog zur Ausstellung:

GOD : THE FOSSIL RECORD
Hg. Thomas Pulle
St.
Pölten: Stadtmuseum, 2009. O. S.
Preis: € 9.-

 

Zum 200. Geburtstag des britischen Naturforschers Charles Darwin und zum 150. Jahrestag der Veröffentlichung seiner Evolutionstheorie „On the Origin of Species“ („Die Entstehung der Arten“) eröffnet das Stadtmuseum St. Pölten mit neun künstlerischen Positionen die Ausstellung „God: The Fossil Record“. Alle Werke sind neueren Datums, die meisten sind für diese Ausstellung erarbeitet worden. Die Künstler sind angelsächsischer oder österreichischer Herkunft und leben und arbeiten zurzeit in Wien oder Niederösterreich.

Zur Ausstellung erschien ein Katalog, welchen Martin Huxter, der Kurator der Ausstellung, konzipierte und Martina Tscherni graphisch gestaltete. Bis auf den völlig chronologisch chaotisch gestalteten biographischen Teil beinhaltet, der sonst geglückte Katalog, Statements der KünstlerInnen und Textbeiträge der Kunsthistorikerin Silvie Aigner und des Zoologen und Wissenschaftstheoretikers Franz M. Wuketits.

Zur Ausstellungseröffnung erschien Franz M. Wuketits, hielt ein kurzes Referat, fasste die Ereignisse historisch zusammen und wies auf häufige populäre Missinterpretationen hin.

Der Brite Martin Huxter, welcher auch eine der neun Positionen als Künstler einnimmt, beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der künstlerischen Umsetzung der natürlichen Selektion. Viele Ausstellungen in Österreich und England belegen dies: „Nightingale Suite“, „Natural Selection“ und „Ansichtssache Insekten“ um nur einige zu nennen. Erwähnenswert ist auch die Ausstellung im Jahr 2005, „Unnatural Selection“, Shrewsbury Museum and Art Gallery, im Geburtsort Charles Darwin.

Huxters Werke sind getränkt mit Esprit und Humor. Hier in St. Pölten kann man sich mit fünf Ölbildern und vier Graphiken hochgradig amüsieren. Zwei der Graphiken sind aus einer Mischtechnik aus Graphit und Acryl erarbeitet: „What Evidence?“ zeigt einen Bischof, der achselzuckend auf einem Ammoniten steht. Sein Gesicht trägt einen fragenden, erstaunten und naiven Blick, sein Lächeln ist das eines Ahnungslosen und Unbelehrbaren. Daneben hängt „The Fossil Creationist“ – ein menschliches Skelett, umschlungen von einem Spermium, gefangen in einem Ammoniten. Fantastisch! Beide Werke sind 2009 entstanden.
Dass
Gott, bevor er den Menschen erschaffen hat, etliche Entwürfe gemacht haben muss, bevor er zu einer optimalen Lösung gekommen ist, erscheint doch klar. „A Leaf from God’s Sketchbook“ zeigt uns eine Seite aus Gottes Skizzenbuch. „Selecta Girl“ dürfte noch eine Seite daraus sein, denn hier müht sich Gott beim dessinieren der vollkommene Eva. Das Ergebnis ist eine Angelina Jolie mit zu großen Ohren - damit sie den Herrn besser hören und ihm dienen kann

Eine Serie von Ölgemälden ist den Hühnern des Sir John Saunders Sebright gewidmet. Sir Sebright züchtete im 18. Jahrhundert eine Zwerghuhnrasse, die bis heute keinen ökonomischen Wert hat, sich jedoch wegen des auffälligen sozialen Charakters und kecken Verhaltens in der Gesellschaft besonderer Beliebtheit erfreut.

 

Dem Skulpteur Mark Rossell sind gleich zwei große Räume gewidmet. Mit seinen Holzkonstruktionen und Objekten ist der in Unterradlberg bei St. Pölten lebende Neuseeländer in der Landeshauptstadt kein Unbekannter mehr. In dieser Ausstellung beruft er sich auf das Ternat-Manuskript (1858) des britischen Naturforschers Alfred Russel Wallace, der laut Rossell glaubte „dass das höhere Bewusstsein des Menschen und zum Teil auch der Tiere seinen Ursprung nicht in der physischen Welt haben kann.“ (Zitat: Katalog) Dies ist insofern eigenartig, da Darwin nachdem er den Brief von Wallace erhielt, wegen der Ähnlichkeit der Erkenntnisse seine Publikation gefährdet sah und daher seine Theorie doch veröffentlichte. Inwiefern sich dabei die beiden uneinig waren, ist daher etwas unklar, wenn Rossell im Katalog behauptet, Darwin hätte Wallace widerlegt.

Rossell zeigt große und kleine Installationen. Die größte: „Lebewesen Gefährt“ ist über eine Treppe zu besichtigen. Das Holzkonstrukt, welches den Mittelpunkt eines seiner Räume bildet und der „für den Denkprozess steht“, ist die Säule, auf der ein nachgebildeter Rochen thront;

die zweitgrößte: „The great Sphincter ist ein Gebilde aus Styropor, Fiberglas, Polyester, Silikon und Moos. Hierbei handelt es sich um den inneren Afterschließmuskel. Der Darm ist mit echtem Moos belegt und wird über Silikonfäden bewässert. Äußerlich sieht der große Sphincter wie ein kopfloses Tier auf vier Beinen aus. Der Darmfortsatz gleicht einem großen zahnlosen Maul. Auf der Außenseite ist das Gebilde glatt und mit Pastellfarben in einem Muster der 70er bemalt. Auf der Straße gefundene, zusammengefahrene Hasen wurden von Rossell gesäubert und präpariert. Kopulierend und in Harz halb eingegossen liegen sie nun am Boden des Stadtmuseums und verkörpern so das Leben nach dem Tod. Eine Serie von „Urspucke“ vollendet Rossells Standpunkt zur Evolutionslehre.

 

Die Wienerin Waltraud Palme zeigt eine Serie von Graphiken in Tusche mit dem Titel „Am sechsten Tag“. „Freud zählt in einem Werk drei prägende Kränkungen auf, die den Stolz und das Selbstbewusstsein der Menschen tief verletzt haben. Eine davon ist die Erkenntnis, dass wir in unserer Entwicklung dem Tierreich entstammen …“ (Zitat Katalog: W. Palme) Die Blätter zeigen Mensch und Tier in ihrer evolutionsmäßigen Ähnlichkeit und sind vorwiegend mit Klischees getränkt, wie z.B. Fisch und Frau. Weiters sind zwei digital bedruckte Leinwände zu sehen, darauf in schulmanier handgeschriebene Träume der Künstlerin nachzulesen sind.

 

Margret Weber-Unger, die visuelle Mediengestaltung in Linz und Fotographie an der Wiener Angewandten studierte, zeigt ihre sechsteilige Serie „Paraffine“. Die Aufgabe des naturwissenschaftlichen Sammlers liege im Aufspüren, in der Präparation und Konservierung, im Streben nach Vielfältigkeit und Vollständigkeit und letztendlich in der Herstellung einer vorgegebenen Ordnung, so die Künstlerin, die sich mit ihrer Position an die ausgezeichnete taxonomische Arbeit Darwins anlehnt und mit dieser Serie nicht nur eine anspruchsvolle, ästhetische sondern auch eine dekorative Wirkung erzeugt.

 

Der in Gmünd geborene Peter Braunsteiner ist Absolvent der Meisterklasse für Graphik bei Prof. Herberth an der Uni für angewandte Kunst in Wien. 1973 erarbeitete er für das Naturhistorische Museum Wien botanische Tafeln. Für ihn ist das Hauptthema die Wandelbarkeit der Lebewesen in einer sich ständig verändernden Welt. Braunsteiner zeigt zwei seiner neuesten Serien: „Mutants of Drosophila“, und „Projekte“, die wiederum unterteilt sind in „Flugversuche“, „Schädeln“ und „Fische“. Durch die aufwendige Maltechnik mit Acryl und Kugelschreiber auf Platten wirken seine bildnerischen Darstellungen noch filigraner und fragiler. Die Taufliege in Serie war an diesem Abend wohl der Publikumsfavorit.

 

Die gebürtige Tirolerin, Martina Tscherni studierte ebenfalls an der Uni für angewandte Kunst in Wien dekoratives Gestalten und Textil, und Graphik. Sie geht als einzige auf die „bildlichen Darstellung“ Darwins ein, in denen er „das Prinzip des Zufalls, der Unordnung, des Unvollkommenen und der Variation“ betont (Zitat M. Tscherni: Katalog). Dies stehe im Gegensatz zu seinem theoretischen Werk, erklärt die Künstlerin weiter. So nehme sie in ihren digitalen Drucken auf Leinwand Bezug zum „narrativen Akzent“, Bsp. „Bambi und Mädchen“, und in den Zeichenrollen zu der „scheinbar“ logischen Entwicklungstheorie des Naturforschers, Bsp. Hirschkäferrolle. In beiden Variationen wendet Tscherni die Technik der Schablone an.

 

Der Brite Paul Bush wurde in London geboren, lebt und arbeitet auch dort. Er gründete 1996 die Filmgesellschaft „Ancient Mariner Productions“. Der Vortragende am Goldsmith’s College für bildende Kunst nimmt mit dem wunderbaren fünfminütigen Animationsfilm „While Darwin sleeps“ aus dem Jahr 2004 an der Ausstellung teil. Dem Zuseher wird die sagenhafte Vielfalt der Insekten in ihrer Form, Farbe und Schönheit bewusst.

 

Auch der gebürtige Deutsche und in Wien lebende Hubert Blanz studierte an der Uni für angewandte Kunst in Wien. In seinem Videoprojekt „Landgang“ beschäftigt sich Blanz mit den Stationen der Weltumsegelung der HMS Beagle von 1931-1936, an Bord welcher Charles Darwin zuerst nur als Assistent des Kapitäns war. „Mit einer Geodaten-Software unternimmt Blanz eine virtuelle Reise und besucht diese Stationen chronologisch“ (Zitat: Katalog). Leider war diese Präsentation am Tag der Ausstellungseröffnung und auch am darauf folgenden Tag nicht verfügbar. Möge das technische Problem mittlerweile behoben worden sein…

 

Der in Salzburg geborene Regisseur und Künstler Frederick Baker hat als Gastvortragender in der FH St. Pölten - Studienrichtung Medientechnik - mit den Studenten Christoph Gerstbauer, Oliver Haupt, Lisa Leonardelli, Ulrike Manhart, Maria Mössmer und Katharina Steger eine Film-Installation über „Fitness und Selektion“ produziert. Das Motto „Survival of the Fittest“ ist Inhalt dieses Kurzfilms. Der Fragenkatalog, dem Ausländer bei der Prüfung ausgesetzt sind, die sich um die österreichische Staatsbürgerschaft beworben haben, ist Teil der Selektion. Der Besucher der Ausstellung kann sich auf das „Dreambike“ von Günther Grundböck und Christine Huber, welches vor dem Monitor platziert ist, setzen, und per Pedal das Video startklar machen und sich Teilen der Fragen aussetzen. Die Frage, ob ÖsterreicherInnen diesen Test bestehen würden, kann man generell mit einem glatten NEIN beantworten. Hier wagt man berechtigte Kritik an der heimischen Integrationspolitik.
Auch der
fotografische Blick auf vielgerühmte ÖsterreicherInnen oder den Zerfall des Eisernen Vorhangs und die Einstellung der St. Pöltner Straßenbahn, zeigen einen interessanten assoziativen Vergleich zur natürlichen Selektion.

 

Alles in allem ist diese Ausstellung als Highlight nicht nur im Raum St. Pölten zu bewerten.
Die KünstlerInnen haben sich durchgehend mit Charles Darwin und den verschiedensten Aspekten seiner Evolutionstheorie im gegenwärtigen gesellschaftlichen Zusammenhang erfolgreich auseinandergesetzt, auch wenn die Ausstellung wenig Kritik und kein aggressives Potenzial aufweist, sondern nur mit Augenzwinkern dem ironischen Titel „God, the Fossil Record?“ gerecht wird.

Die deutsche Übersetzung des Titels wird allerdings ein Geheimnis bleiben. Ob damit Gott, die versteinerte Höchstleistung oder Gott, die vorsintflutliche Erfahrung gemeint ist, bleibt im selektiven Ermessen des Museumsbesuchers. Sicher ist nicht eine verkalkte Schallplatte gemeint, so der Initiator und Kurator Martin Huxter in seiner Eröffnungsrede.

Die Ausstellung läuft bis 22. März 2009.

Am Mittwoch 11. März, 19 Uhr beteiligt sich die LitGes im Rahmen der Ausstellung an einer experimentellen Lesung zum Thema.

Es lesen: Homemade Gordon Banks, Dieter Berdel, Cornelia Hülmbauer, Heinz Pusitz, Martin Putschögl, Ingrid Reichel, Peter Waugh, Janus Zeitstein.

Besuchen Sie die Ausstellung, besuchen Sie die Lesung, laufen Sie mit den Veränderungen des Kulturlebens mit!

God: The Fossil Record. Rez.: I. Reichel

Georges Braque. Rez.: I. Reichel

Ingrid Reichel
„Na Braque oida – man packt es nicht“ oder
VON DER GESCHMACKLOSIGKEIT DES KUNSMARKTES
AUS DEM SCHATTEN ZU ZIEHEN, WAS NIE IM SCHATTEN LAG

 

GEORGES BRAQUES
Bank Austria Kunstforum
Kuratorinnen: Ingried Brugger;
Heike Eipeldauer; Caroline Messensee
Eröffnung: 13.11.08
Ausstellung: 14.11.2008 – 01.03.2009
Öffnungszeiten: täglich 10-19 Uhr, Freitag 10-21 Uhr

 

Georges Braque, den anderen Picasso, so benennen ihn zurzeit die Medien. Wenig schmeichelnd für Braque, der immer wieder als Schattenexistenz Picassos gehandelt wird, obwohl er als Künstler ganz für sich bestehen konnte. „Wozu Braque, wenn man Picasso haben kann…“ so in etwa klingt die Entschuldigung der Kunstwelt, wenn er bis jetzt im Verborgenen geblieben ist. Haben wir am Ende zu viele Picassos serviert bekommen, dass nun endlich der Menuplan geändert werden durfte? Mit Slang will man die Österreicher und vor allem die Jugend für den Unbekannten begeistern. Der Werbeslogan des Kunsforums – „Na Braque oida – man packt es nicht“ – verführt mich eher zu einer hämischen Reflektion über die Kunstszene, sodass ich mich ernsthaft frage, wie ich den „Mundl“ in mir rauslassen werde. (Erläuterung: „Mundl“ aus der ORF-Fernsehserie von Ernst Hinterberger „Ein echter Wiener geht nicht unter“, gespielt von Karl Merkatz in der Rolle eines typischen Wiener Proleten, des Edmund Sackbauers, kurz Mundl genannt. Der Kinofilm "Echte Wiener" wird demnächst erscheinen und setzt da an, wo die TV-Serie aufgehört hat, nur 30 Jahre später.).

 

20 Jahre liege die letzte Braque Retrospektive in Mitteleuropa zurück, steht auf der BA Kunstforum Einladung zur Eröffnung. Doch Mitteleuropa ist groß. Offensichtlich wagte keiner die Frage: Wo in Mitteleuropa? War diese Retrospektive am Ende nicht erfolgreich, zu klein, zu wenig effektiv?
Über den Namen der Kuratorin Heike Eipeldauer wird man dann doch im World Wide Web fündig: Die einstige Retrospektive fand 1988 in der Münchner Hypo Kulturstiftung statt. Hatte die großartige Kunstwelt damals die Bedeutung Braques noch nicht erkannt?
Schon Cézanne wurde verkannt und 100 Jahre später lud man zu einer Retrospektive.
Ganz nebenbei angemerkt, fand auch diese Glanzleistung im BA Kunstforum unter dem Titel „Cézanne, Vollendet – Unvollendet“ statt und wurde am 19.01.2000 eröffnet, damals noch unter der Leitung Klaus Albrecht Schröders, dem heutigen Chef der Albertina.

 

Zur selben Zeit eröffnete in dieser Woche das Centre Pompidou in Paris eine andere große Retrospektive – „Der Futurismus in Paris - eine explosive Avantgarde".
Man möchte also überall Geburtstag feiern, nur wovon? Ach ja, wir feiern den Geburtstag der Revolution! Der Revolution in der Bildenden. Der Auflösung der Zentralperspektive seit der Renaissance. Schuld daran ist der Kubismus, der den erstarrten Blickpunkt gesprengt hat … wir wollen Paul Cézanne nicht vergessen beim Namen zu nennen, den Vater, den Urheber, den Initiator, l’inspirateur.

 

Mit der Retrospektive einer der wichtigsten Kubisten feiert das BA Kunstforum in Wien international mit.
In der Sonderbeilage der Tageszeitung Die Presse vom Freitag, 14.11.08 gesteht die Leiterin des Kunstforums Ingried Brugger, es sei ihre wichtigste Arbeit der letzten Jahre.
Und in der Tat ist ihr hier zusammen mit den Kuratorinnen Heike Eipeldauer und Caroline Messensee eine Ausstellung von internationalem Rang geglückt. Wien und ganz Österreich können sich glücklich schätzen, denn diese Ausstellung wird Menschen aus aller Welt anlocken. Und dies zu Recht. 80 Ölbilder, ein paar Radierungen und Fotos, in einem Gesamtwert von knapp 400 Millionen Euro werden in der Schau gezeigt. Man hat hier wirklich keine Kosten und Mühen gescheut. Die Leihgeber waren großzügig, Museen und Privatsammler aus der ganzen Welt haben dieses einzigartige Projekt unterstützt und die drei Kuratorinnen haben eine Auswahl vom Feinsten treffen können. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes die crème de la crème geboten.

 

Chronologisch aufgearbeitet, zeigt man Braques Frühwerk noch als fauviste, die Anfänge des Kubismus, den Analytischen Kubismus, seine Zeit mit Picasso vor dem 1. Weltkrieg und den Synthetischen Kubismus, die Zeit nach seiner Kriegsverletzung, Braque vor und während des 2. Weltkriegs und schließlich sein Spätwerk.
Nichts scheint beim ersten Hinsehen zu fehlen… bis auf Weniges.
Trotz Begeisterung diese Werke gesammelt an einem Platz betrachten zu dürfen, gibt es eine leichte Enttäuschung über das Fehlen von wichtigen Reliefbildern und Konstruktionen (kubistische Plastiken). Ein Grund dafür könnte die Fragilität der Werke sein und dass man sich nicht, seitens der Leihgeber sowie auch seitens der Organisatoren, auf teure Transportexperimente zum Schaden der Werke einlassen wollte. Alles verständlich und plausibel.

 

Bruggers Anliegen war nicht nur Braque von seiner picassoesken Schattenexistenz zu befreien, sondern ihn auch als treibende Kraft im Kubismus hervorzuheben. Ein schwieriges Unterfangen, das den Kuratorinnen nur teilweise geglückt ist, die Ausstellung an sich in seiner Qualität jedoch um nichts schmälert. Dennoch hätte man dieses Anliegen „leicht“ erreichen können, wäre man nicht so intensiv auf die zwar wichtige, jedoch relativ kurze Zeit der Zusammenarbeit mit Picasso eingegangen. Doch Picasso ist ein Zugpferd, würde sonst das Publikum so zahlreich erscheinen? Wer kennt schon Georges Braque? Dies sind unangenehme Fragen. Es sind Fragen des Marketings, mit denen Leiter wichtiger Kulturhäuser leider immer wieder konfrontiert werden. Es ist alles eine Frage des Geldes, der Ausgaben und der Einnahmen, die ein Projekt in Frage stellen, eine Frage der Konsequenzen, die letztendlich in der knallharten Endabrechnung zum Tragen kommen und über Scheitern und Gelingen entscheiden. Dabei sind dieselben Häuser verantwortlich für die Schattenfiguren der Kunstwelt, Schattenfiguren wie Braque, da sie Picasso selbst auf das höchste Podest gestellt hatten und es damit zuließen, dass alles andere neben ihm verblasste.

 

Um es noch mehr zu verdeutlichen: Man hätte von Picasso noch mehr Abstand gewinnen können, wenn man den dritten im Bunde nicht negiert hätte. Nämlich den etwas jüngeren Juan Gris, der durch schwere Krankheit bereits 1927 im Alter von 40 Jahren verstarb. Wieder ein Name, der durch Picassodominanz – wahrscheinlich eine Mitteleuropäische Strategie - quasi geschluckt wurde. Einen Satz, den man sich merken sollte, denn in ein paar Jahren wird man mit ziemlicher Sicherheit eine Juan Gris Retrospektive wagen!
Gris und Braque sind in der Kunstszene bekannt als die zwei intellektuellen (!) Kubisten. Beide haben nach dem 1. Weltkrieg den Kubismus weiterentwickelt, obwohl nach dem Krieg sich kaum jemand mehr dafür interessiert hatte. Spätestens dann, hätte man Picasso nur als Teil eines großen Ganzen erkannt.
Aber abgesehen davon, wer hat sich denn überhaupt damals für den Kubismus interessiert? Eine Kunstrichtung ohne Perspektive ist weder damals bei Herrn und Frau Durchschnittsbürger angekommen noch wird sie heute von Sackbauers verstanden werden. Es waren die Intellektuellen ihrer Zeit, die die Modernität, die Vision des Kubismus wahrgenommen haben. Es waren wie üblich vorwiegend Frauen, wie Gertrude Stein oder Peggy Guggenheim. Wer einen Picasso besaß, besaß auf jeden Fall auch einen Braque und einen Gris. Der Mann der Stunde hieß allerdings Henri Kahnweiler, ein deutscher Jude, der die Bankgeschäfte seiner Familie nicht weiterführen wollte, sondern kulturverliebt war, nach Paris in die damalige Kunsthauptstadt zog und sich als Kunsthändler mühsam einen Namen gemacht hat. Er war der Macher der damaligen Zeit, ohne ihn hätte ein Kubismus nicht einmal ein Jahr überlebt. Er saß in Picassos Atelier, als er die Wehen des Kubismus vernahm, war anwesend, als Picasso sein noch in sich zerrissenes erstes kubistisches Werk „Les demoiselles d’Avignon“ herauspresste. Er war Hebamme und gab Geburtshilfe. Nur um zu veranschaulichen, welchen Wert der Kubismus tatsächlich damals gehabt hatte, möchte ich die Geschichte Kahnweilers etwas näher erläutern. Zweimal wurde er wegen seiner Herkunft durch die Wirren des Krieges von seinem gesamten Besitztum vom französischen Staat enteignet. In Unkenntnis des Wertes hatte man von Seiten des Staates nicht lange gezögert und die vollständige Kunstsammlung Kahnweilers versteigert. Man hatte damit nicht nur ihn, sondern auch die Künstler am Rande des Ruins gebracht. Der Kubismus war damals weniger Wert als ein Stück Brot. Die Künstler wurden zu tragischen Opfern der Vorgangsweise gegen einen deutschen Juden. Braque bekäme hier ein völlig anderes Gesicht, würde man sich endlich seiner eigenen Biographie annehmen und uns reißerische und billige Titel, wie in der Sonderbeilage zu lesen sind - Endlich Gerechtigkeit für Picassos „Frau“! ersparen. Doch wer will das schon so genau wissen… Warum aufarbeiten, wenn man doch verdrängen kann. Es ist auch nicht die Gewissheit Bruggers gegenüber der Presse, dass sich Braque wegen des geschmacklosen Slogans „nicht im Grabe umdrehen würde“, die einem zu denken gibt. Es ist viel mehr die Geschmacklosigkeit der Kunstszene, diese Selbstverherrlichung mit den vielen Adabeis, die betont keine Mundls sind, die mir mit Gewissheit meinen Magen umdrehen. Im Sinne von: Na Braque oida, i pock’s net.

 

Doch heute feiern wir Geburtstag, wir feiern Revolution in der Kunst, wir feiern den Zustand, dass wir Andersdenkenden und -sehenden gegenüber tolerant sein sollen, wir feiern ihre Visionen, ohne die wir noch in der Steinzeit leben würden, wir feiern die Genies und wir klopfen uns auf die Schultern, weil wir sie erkannt haben. Wir wollen Georges Braque seinen späten und posthumen Triumph gönnen… wir sind mit unserer Blindheit so etwas von gnädig…

 

Trotz meiner kritischen und etwas angekotzten Wahrnehmung gegenüber der Kunstszene und ihrem Markt in gesellschaftspolitischer sowie in ethischer Hinsicht, möchte ich nochmals ausdrücklich auf diese extrem arbeitsaufwändige und gelungene Retrospektive des Werkes von Georges Braque, organisiert und konsequent durchgezogen von den drei bemerkenswerten Kuratorinnen Ingried Brugger, Heike Eipeldauer und Caroline Messensee hinweisen.
Die Ausstellung selbst ist einfach sensationell!
Zur Retrospektive erschien ein genauso empfehlenswerter Katalog.

 
GEORGES BRAQUE
Hrg. Ingried Brugger, Heike Eipeldauer, Caroline Messensee

Bank Austria Kunsforum
Ostfildern: Hatje Cantz Verlag, 2008. 240 S.
ISBN 978-3-7757-2202-5
Preis: € 29.-

Georges Braque. Rez.: I. Reichel

Sabine Luger: Wiese, Mist, Mauer. Rez.: I. Reichel

Ingrid Reichel
ZART, GANZ ZART…

 

 

SABINE LUGER
Wiese, Mist, Mauer
Galerie Splitter Art & Edition Splitter
Eröffnung, 27.10.08
Ausstellung: 28.10.2008 – 28.11.2008
Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-13 Uhr, 15-17 Uhr, sowie nach Vereinbarung

 

Die Galerie Splitter Art ist der zweite Part des Verlages Edition Splitter. Die Initiatorin, Verlegerin und unermüdliche Betreiberin Batya Horn hatte die Idee, Literatur und Kunst zu verknüpfen. Dieses Bestreben führt sie seit 1991 in einer kleinen Seitengasse im 1. Bezirk Wiens, gleich hinter dem Hohen Markt, fünf Minuten vom Stephans Dom entfernt, in der Salvatorgasse 10, konsequent durch. Es ist ein kleiner Raum, den sie Künstlern und Künstlerinnen anbietet ihre Werke auszustellen. Doch weniger ist oft mehr und so bleibt die Galerie Splitter Art ein kleines Juwel inmitten des Zentrums von großherrschaftlichen Ausstellungs- und Verlagshäusern. Es ist ein Genuss, fernab von Touristentrubel und marktschreierischen überteuerten Ausstellungen Kunst zu erleben und noch vielmehr ein Luxus den uns Batya Horn auf rührige Art und Weise in einer gemütlichen Atmosphäre schenkt. Jeder, der in der Kunstszene bewandert ist, ob als Künstler, Beobachter oder als Konsument weiß dies zu würdigen und zu schätzen.
Literatur, Philosophie, Kinderbücher, Kataloge und Kunst gehören zu den Sparten, die der Verlag herausbringt. Neu erschienen ist ein umfassendes Buch über die Erkenntnisse der verschiedensten Farbenlehren: „Zur Farbenlehre. Entdeckung der unordentlichen Spektren.“ von Ingo Nussbaumer (ISBN 978-3-901190-38-4). Vereinzelte Werke ihrer Künstler und Künstlerinnen werden in den alljährlich erscheinenden themengebundenen Anthologien veröffentlicht. „Stehlen & Rauben“ ist die neueste Anthologie, auf die wir uns heuer noch freuen dürfen.

 

Und so ist es nicht von ungefähr, dass die mehrfach ausgezeichnete in der Schweiz lebende Vorarlbergerin Sabine Luger in der Galerie Splitter Art ausstellt. Sabine Luger studierte Graphik bei Maximilian Melcher an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und zeigt sechs Metallstiftzeichnungen unter dem Thema „Wiese, Mist, Mauer“, die für ihr künstlerisches Werk sehr repräsentativ sind.

 

So wie ihr Äußeres Zartheit ausstrahlt, lebt sie diese auch in ihrer Kunst aus. Sie verzichtet völlig auf das chiaroscuro, das Gestaltungsspiel von Hell und Dunkel der Grafik und Malerei. Keine Kontraste erlaubt sich die Künstlerin in ihren kleinen Zeichnungen, die dafür in einem hellen aber überdimensionalen Passepartout zur Schau gestellt werden. Es ist das Konkrete, das zum Abstrakten führt, das Minimalistische, welches das Essentielle sichtbar macht.
Viele horizontale zarte Linien zeigen die verschiedensten flachen Landschaften mit Wiesen und Mauern und so wie die Künstlerin es bestimmt auch Mist.

 

Der ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter des Philosophen Ernst Bloch, Burghart Schmidt wurde eingeladen die Eröffnungsrede zu halten. Und wieder ist es dem Professor für Sprache und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main gelungen, uns dieses Mal die sensible Kunst der Sabine Luger näher zu bringen.
Die Ausstellung: Sabine Luger „Wiese, Mist, Mauer“ ist bis 28.11.2008 in der Galerie Splitter Art, Salvatorgasse 10/
Fischertiege1-7, 1010 Wien zu sehen.

 

Sabine Luger: Wiese, Mist, Mauer. Rez.: I. Reichel

Jean Tinguely. Rez. I. reichel

Ingrid Reichel
VERY TRASHY!

 
JEAN TINGUELY
Retrospektive
KunstHausWien
Eröfnung, 02.07.08
Ausstellung: 03.07.2008 – 09.11.2008
Öffnungszeiten: täglich von 10-19 Uhr

1991 wurde das Museum KunstHausWien eröffnet. Im selben Jahr fand die Ausstellung „Nachtschattengewächse“ von Jean Tinguely statt. Es sollte seine letzte Ausstellung zu Lebzeiten sein, am 31. August 1991 verstarb Tinguely im Alter von 66 Jahren. Nach 17 Jahren gibt es nun eine Retrospektive des Schweizer Künstlers. Es ist eine mit dem Museum Tinguely in Basel kurzfristig geplante Werkschau, erwähnt Franz Patay, der Direktor des KunstHausWien in seiner Begrüßungsrede. Doch, trotz Hektik scheinen die Räumlichkeiten gut bestückt worden zu sein. Und alles funktionsfähig… denn Tinguely war nicht nur Maler und Bildhauer, sondern vor allem Kinetiker. Er sammelte verschrottete elektrische Geräte, wie Bohrer, Motoren, massenhaft Zahnräder, Keilriemen etc… und baute die Einzelteile zu eigenwilligen Gebilden zusammen. Im Museum kann man in fünf Minuten Intervallen durch Druckbetätigung eines großen roten Knopfs am Boden die Skulpturen in Bewegung bringen. Trotz Stolpergefahr und sichtlicher Anspannung des Aufsichtspersonals ist es für den Besucher ein Vergnügen diesen Objekten bei ihrem Auf und Ab, ihrem Hin und Her, den Drehmomenten, dem Rotieren und Eiern zu zusehen und ihrem Krächzen und Stöhnen zu zuhören. Es ist eine Bewegung, die zur Unterhaltung wird und eine kindliche Freude verursacht. Dabei sind die Objekte nicht mal schön oder ästhetisch. Es war Tinguelys Streben die Hässlichkeit zu nutzen, um einen neuen Zugang zur Schönheit zu bekommen. Tinguely haucht Nutzlosem und Schäbigem Leben ein. Gepaart mit seiner Phantasie, die mit Humor getränkt ist, verströmen diese dynamischen Skulpturen positive und heitere Atmosphäre. Zu den liebenswürdigen Monstern gesellen sich in der Schau Modelle, Zeichnungen, Entwürfe, Skizzen, Plakate und Fotos, die unter anderem die großformatigen Projekte Tinguelys dokumentieren. Tinguely gelangte vor allem durch seine Brunnen und seine Wasserspiele zur Berühmtheit, wie „La fontaine Stravinsky“ (Der Stravinsky Brunnen) aus dem Jahre 1983, der eine gemeinsame Arbeit mit seiner zweiten Ehefrau, der Künstlerin Niki de Saint Phalle war und der sich am Place Igor Stravinsky beim Centre Pompidou in Paris befindet. (http://www.crdp.ac-creteil.fr/artecole/de-visu/fontainestravinsky/welcome.htm)

Tinguely galt als einer der „Nouveaux Réalistes“ und berührte viele Fragen einer Künstlergeneration. Die Angst vor und die Abhängigkeit von den Maschinen. Tinguely schaffte es aus seinen für das Praktische ad absurdum geführten Konstruktionen ein Spektakel zu machen und zeigte damit nichts anderes als die Faszination am mechanischen Universum.
Schließlich kann man Tinguely, auch wenn es zu seiner Zeit den Begriff noch nicht gab, als einer der ersten Trash- und Recyclingkünstler nennen: „Meine Werke sind nicht für die Ewigkeit gedacht, sie nützen sich ab und landen wieder auf dem Misthaufen, woher sie stammen.“

Zur Ausstellung erschien eine DVD von einem Video welches anlässlich der ersten Ausstellung 1991 produziert wurde. Tinguely spricht über seine Kunst, sein Leben, seine Philosophie. Im Inneren der Kassette befindet sich der Katalog zur Ausstellung in Form eines Booklets.

 
Jean Tinguely
Retrospektive
KunstHausWien 2008
Cumberland Filmproduktion 1991
€ 24,50.-

Jean Tinguely. Rez. I. reichel

Anstoß: St. Pöltner Künstlerbund. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
KEIN EIGENTOR

 

 

ANSTOß
St. Pöltner Künstlerbund

Austtellung: 11.06.2008 – 29.06.2008
Öffnungszeiten:
Do-Fr 16-18.30 Uhr; Sa-So 10-12.30 Uhr

 

 

2006 feierte der St. Pöltner Künstlerbund sein 60-jähriges Bestehen. Unter der Obmannschaft von Ernest Kienzl beginnt eine neue Ära des Vereins. Der ehemalige Obmann Friedrich Martin Seitz durfte sich zur Ruhe setzen und ist als Ehrenobmann die würdige, graue Eminenz.

Nach langjährigen Bemühungen hat der St. Pöltner Künstlerbund nun eigene Räumlichkeiten bekommen. Im historischen Löwenhof in der Linzer Str. 16 wurde am 11. Juni 2008 der Ausstellungsraum KUNST:WERK eröffnet.
Die erste Ausstellung trägt den Titel „Anstoß“. Für diese Ausstellung stellen 17 der 31 Künstler des Künstlerbundes ihre Sichtweise zum Zeitgeschehen der Kultur während der Fußball-EM 2008 in Österreich dar. Bis auf eine Ausnahme sind ausschließlich neue Werke zu sehen. Herausragend hierbei sind die Installationen von Eva Bakalar mit „Jetzt geht’s los!“, ein Objekt bestehend aus einem aus Industriewerkstoffen geflochtenem Netz, welches mit einer großen Menge an Getränkeblechdosen gefüllt, aufgehängt ist, Josef Friedrich Sochurek mit einem außergewöhnlichen Fußball „Moneymaker“ und Ernest A. Kienzl mit „Anstoß-6x9feldzeichen“.

Während die einen auf humorvolle Art und Weise die Fußball-EM aufs Korn nehmen, auf den Müll, das Geld und die Abgrenzungen, die die EM mit sich bringt, hinweisen, assoziieren andere mit Anstoß das Anstößige, das Tabu mit dem Körper, wie „Such’s Balli“ von Eleonore Hettl.
Mit dem doppeldeutigen Titel ist es dem St. Pöltner Künstlerbund jedenfalls gelungen einen eigenen kulturellen Impuls im St. Pöltner Kulturleben zu geben.
KUNST:WERK soll zusätzlich zu weiteren Ausstellungen für Diskussionsrunden und Gespräche über Kunst und Kultur als Raum dienen, so Obmann Ernest Kienzl in seiner Eröffnungsrede. Der helle Raum mit Gewölbe aus dem 16. Jahrhundert mitten im Stadtzentrum von St. Pölten bietet hierfür die ideale Lokalität.

www.stpoeltnerkuenstlerbund.at

Anstoß: St. Pöltner Künstlerbund. Rez.: Ingrid Reichel