Buch

Harald Haarmann: Die seltsamsten Sprachen der Welt.

Hahnrei Wolf Käfer

Harald Haarmann:
Die seltsamsten Sprachen der Welt.

Von Klicklauten und hundert Arten ich zu sagen,
Verlag C.H. Beck
204 Seiten
ISBN 978 3406 76726 5

Das Exotische sticht ins Auge. Eines der wichtigsten Bücher, die mir in letzter Zeit untergekommen sind, ein Mahnmal für alle, die unsere Wirklichkeitssicht noch immer nicht für ein Konstrukt zu halten bereit sind und fest daran glauben, dass etwas ‘auch wirklich so ist’. Hier findet man den unwiderlegbaren Hinweis, wie unterschiedlich die Welt wahrgenommen wird, und wie sich das in der jeweiligen Sprache als Suggestion einer Wirklichkeit manifestiert. KM Gauß hat darauf hingewiesen, wie mit einer aussterbenden Sprache auch die in ihr enthaltene (ausdrückbare) Welt stirbt. Hier offenbaren sich in den Sprachen die seltsamsten gelebten Welten, da und dort werden dabei auch die Schleier vor unseren Selbstverständlichkeiten weggezogen.
Allein die den Untertitel bestimmenden hundert Arten ich zu sagen, zeigen uns europäischen Individualisten,wie bei den Khmer dieses Ich nie abgegrenzt, sondern immer in Relation zu definiert andern gedacht werden muss.
Eine Welt, in der es unser isoliertes und isolierendes Ich gar nicht gibt.
Das Exotische sticht ins Auge und die Frage, wie das Geschlechterverhältnis erlebt und gelebt wird, wo es je eine eigene Frauen- und Männersprache gibt, wie etwa auch im Japanischen, wird zum Denken anregen. Aber auch die Frage, warum Angehörige unterschiedlicher Sprachen etwa den Hahnenschrei so unterschiedlich hören und sprachlich umsetzen, kann in weite Welten-Vorstellungen führen.
Und vielleicht, was von Vorteil wäe, auch die Aufmerksamkeit dafür schärfen, dass wir schon in dem Bundesland, in das wir uns begeben, eigentlich in eine andere Welt eintauchen.

Kurt F. Svatek: Die Augenblicke des Schmetterlings.

Eva Riebler

Kurt F. Svatek:
Die Augenblicke desSchmetterlings.

Poetische Miniaturen
Edizioni Universum
2021, 58 Seiten
ISBN 978 88 9980 345 2

Fernöstliches Fluidum. Kurt F, Svatek, geb. 1949 in Wien, ist Vorstandsmitglied des Österreichischen P. E. N.- Clubs veröffentlichte einschließlich der Übersetzungen bisher über 60 Bücher und Broschüren. Sie wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und er erntete eine beachtliche Zahl an Ehrungen und Auszeichnungen aus der weiten Welt.
Er liebt Haiku, Aphorismen, Schüttelreime, Essays oder Mikrogeschichten (der gescheiterte Scheiterhaufen) und veröffentlichte zwei Romane. Stets ist er ein großer Beobachter und Denker, dem nichts zu gering oder klein erscheint. Im vorliegenden Band: Die Augenblicke des Schmetterlings versammelt er durchwegs feine, poetische dreizeilige Miniaturen oder Haikus. Er gliedert thematisch in: Wie Glasperlen, weiters in die 4 Jahreszeiten mit schönen assoziativen Bezeichnungen: Die Zeit der Primeln, Die Zeit der Rosen,
Die Zeit der Astern, Die Zeit der Strohblumen und in das Kapitel Covid 19. Jeweils stellt er die eindrucksvollen japanischen Schriftzeichen dazu, die das feine fernöstlichen Fluidum vermehren.
Der Leser spürt durch seine Zeilen das Atmosphärische des eingefangenen Augenblickes. Z.B. S. 26: spät am Morgen / von der Teerose perlt / der letzte Tropfen Tau //.Oder er spürt das Verschmitzte: Die Einkaufsstraße / schmucke Läden bergan, bergab / trotzdem nur bummeln //.
Vor allem im Kapitel. Covid 19 bringt er es immer auf den Punkt: S. 54: In vielen Ländern / greift das Corona- Virus / selbst die Freiheit an //.
Kurt F. Svatek hat wirklich eine bereichernde Sammlung von Gedanken-Bildern dem Leser geschenkt. Mich fasziniert die klare Poesie, seine Qualität der Sprache und des Denkens.
Seine Haikus sind offen und bleiben schwebend imRaum. Stets klingen sie nach und flimmern oder blitzen, als wären sie außerhalb der Zeit.

Astrid Nischkauer: du wundergecko

Cornelia Stahl

Astrid Nischkauer:
du wundergecko

Gedichte. Köln:
Parasitenpresse
2021,100 Seiten
ISBN: 9783947676736

Museumsbesuche – reale und imaginierte. Endlich: nach langer Zeit der Distanz sind Museumsbesuche wieder möglich. Aber, Hand auf´s Herz: Wann waren Sie das letzte Mal in einem Museum? Lassen Sie sich von Astrid Nischkauer in die wundersame Welt der Wiener Museen entführen!
Der literarischen Einladung dürfen Sie getrost folgen ohne sich im Dschungel der Museumslandschaft zu verirren. Startpunkt der Erkundungstour ist die Ägyptische (- Orientalische) Sammlung des Kunsthistorischen Museums, wo man den Sarkophag durch „Fenster herein heben“ musste, da er „zu breit für die Türen war“ (S.5). Nischkauer gewährt Einblicke ins Innere und Äußere, gibt Kuriositäten preis, die in keinem Museumsführer nachzulesen sind, sondern nur vor Ort seine Beobachter findet. Sie unterteilt ihren Lyrikband in fünf Abschnitte, die als Imperative und einladend wirken: betrachtet die Bilder/ draußen, die Sonne draußen/ komm,komm,komm…/ betrachte die Bäume/du Wundergecko. Eine leichte, zeitlose Lektüre, die jeden Flaneur/jede Flaneurin bei einem Wien-Besuch begleiten sollte. Ob eine Vorliebe für die Ägyptische – Orientalische Sammlung des Kunsthistorischen Museums, die Gemälde im gleichen Haus, die Sammlung alter Musikinstrumente, ob Kunstforum, mumok oder Naturhistorisches Museum: Die Betrachtungen Nischkauers laden ein zu Reflexionen vor Ort. Eine entschleunigende Lektüre, die in Post-Pandemiezeiten Wunder bereithält. Ob das „Klavier im Korridor des Staunens, auf dem die Besucher spielen dürfen, wenn sie das wollen“ (S.25) noch immer an seinem Platz steht, muss der Lesende selbst herausfinden.
Astrid Nischkauer, geb.1989, stud. Germanistik (Diplomarbeit über Ernst Jandl/Ian Hamilton Finlay) und Komparatistik. Ist Rezensentin, Übersetzerin, HG der Literarischen Selbstgespräche. 2021 erschien bei Klett: „Literarische Selbstgespräche“.

Jarka Kubsova: Bergland

Cornelia Stahl

Jarka Kubsova:
Bergland

München: Wunderraum bei
Goldmann
2021, 283 Seiten
ISBN: 978-3-442-31618-2

Weibliche Figuren sichern das Überleben von Familien. Obwohl der „Girlsday“ zur jährlich wiederkehrenden Veranstaltung zählt und propagiert, „Mädchen können alles werden“, wird ihnen bis heute wenig zugetraut. Doch in entscheidenden Situationen haben Frauen und Mädchen das Überleben von Familien gesichert. So auch in Kubsovas Roman. Als die Mutter stirbt, kümmert sich Rosa um die Kleinkinder in der Familie und strukturiert den Tagesablauf. Atmosphärisch verdichtet, erzählt Kubsova von den Mühen, der Trauer und dem Verlust in einem Südtiroler Bergdorf. Als nach vielen Generation harter Arbeit ein anderer Wind durchs Dorf weht und die Enkelin „Urlaub auf dem Bauernhof“ anbieten möchte statt Felder zu bestellen, stemmt sich Rosas Sohn, heute Großvater, gegen die Idee der Enkelin, misstraut ihrem Vorhaben und wehrt sich gegen den voranschreitenden modernen Lebenswandel. Doch Enkelin Franziska unterwirft sich der Moderne und dem Diktat der „Instagrammer“, die pausenlos Bilder auf Plattformen posten und Bauerhöfe gnadenlos bewerten oder eben weiterempfehlen. Der Zusammenhalt der Bergmenschen bröckelt nach und nach. Die Autorin vermittelt in ihrem Debüt ein Panorama unterschiedlicher Lebenswelten, erzählt im Subtext die wechselvolle Geschichte Südtirols, verbindet im Roman Tradition und Moderne. Eindrucksvolles Kino in langsamen Bildern, die uns am Wandel Südtirols teilhaben lassen. Feine Figurenzeichnung und nah dran am Zeitgeist. Eine leicht lesbare Lektüre, die dennoch nicht an Tiefe eingebüßt hat.
Jarka Kubsova, geboren 1977 in Tschechien, floh mit ihren Eltern 1987 nach Deutschland. Sie studierte in Hamburg und volontierte anschließend bei der »Financial Times Deutschland«, war dort als Reporterin tätig. Ebenso für „Stern“ und die Wochenzeitung „Die Zeit“. Für ihr Romandebüt „Bergland“ zog sie sieben Monate auf einen Südtiroler Bergbauerhof.

Harald Darer: Blaumann

Eva Riebler

Harald Darer:
Blaumann

Wien: Picus 2021
200 Seiten
ISBN 978-3-7117-2075-7

Reise in die Vergangenheit. Der Protagonist löst sein Versprechen an einen kollegen seiner Lehrjahre ein und kehrt nach 25 Jahren an den Ort zurück, wo er einst tätig war. „Tätig war” ist schöngeredet, denn er hatte gemeinsam mit seinem Kollegen furchtbare Lehrjahre hinter sich. Der Juniorchef traktierte sie, wo er nur konnte und behandelte sie wild gestikulierend, finster dreinschauen, mit einfachsten Zurufen in seiner Sprüchesprache gezielt abfällig. Gemeinsam mit einem Einarmigen, untertänigen Mitarbeiter, der ihn auch körperlich drangsalierte, schleppte er Waschmaschinen und Fernseher ins nahe gelegene Sichenheim, sprich Landesaltersheim, wo sie vermietet wurden und nach jedem Todesfall wieder geholt wurden, um sie zu einem Versicherungsfall zu „reparieren”- sprich kapput zu machen. Das Schleppen zerschnitt ihm die Handballen und war der Startschuss für ein späteres, lebenslanges Unterleibsleiden.
All die Grausamkeiten laufen wie in Echtzeit ab, als er auf den Kollegen vergeblich wartet. Stattdessen befreundet er sich mit einem Trinker und erlebt einen Blick in dessen ehemalige Arbeitswelt als Dosendeckelstappler. Vielleicht ist diese gescheiterte Existenz ja der tief gefallene Genosse von früher. Jedenfalls ist zu Ende des Romans ein Brief der Ehefrau eingeblendet, in dem sie den ehem. Kollegen bittet, mit ihrem Mann zu sprechen, denn nur er kenne ihn und könne ihm Zuversicht geben, da er nun in seiner Elektrofirma den Arbeitsplatz verloren habe.
Der Roman ist spannend und sprachlich genial geschrieben. Der Autor zieht mit seinen Merksprüchen eine zweite weitläufige, philosophierende Ebene ein, die von der banalen Ebene des traurige-grotesken Arbeitslebens und seiner Abgründe sich kontrastierend abhebt! Harald Darer, geb. 1975 in Mürzzuschlag, lebt und schreibt in Wien, war selber Elektroinstallateur-Lehrling und weiß, wovon er spricht. Seine Romane bei Picus: Wer mit Hunden schläft, 2013; Herzkörper, 2015; Schnitzeltragödie, 2016.