Buch

Róža Domašcyna: Stimmen aus der Unterbühne. Gedichte.

Cornelia Stahl

 

117 Seiten. 2020. Leipzig: Poetenladen-Verlag.

 ISBN 978-3-948305-05-5

 

Sorbische Lyrikerin erobert die Literaturbühne

Róža Domašcyna, ist Lyrikerin und Übersetzerin sorbischer Autoren/Autorinnen wie Jurij Khěžka, versierte Kennerin der sorbischen Sprache und Literatur. Dank kleiner unabhängiger Verlage wie Poetenladen Verlag Leipzig wurde ich auf die Autorin aufmerksam. Wehmut schwingt mit, aufgrund der späten Bekanntschaft, da auch mir die Braunkohlentagebau- Landschaft der Lausitz einverleibt wurde. Das Museum Moderner Kunst Kärnten bezog 2020 in ihrem Ausstellungskonzept „Bilder einer Landschaft“ ebenso die Lausitz mit ein. Eine Gegend, die kulturell und geographisch seit vielen Jahren Erosionsprozessen unterliegt. Domašcyna hat der Vielfalt der zweisprachigen Region in lyrischen Notaten Ausdruck verliehen, und unterteilt ihren Band in sechs Abschnitte, beginnt programmatisch mit „kernworte“, „tiefenschrift“, „parallele sichtachsen“, „zwischensprachen“, über „vorschnittschneisen“ hin zu „verzerrende winkel“. Zentrales Augenmerk legt die Autorin auf (sorbische) Sprachbesonderheiten. Als kostbares Gut wird Sprache in Schachteln verwahrt, stößt mitunter auf Unverständnis: „bin aus den dörfern gekommen/die sprache habe ich mitgenommen/ keiner wollte sie verstehen“ (S.11). Autonomiebestrebungen schwingen im Subtext mit, ein Auflehnen gegen äußere Zuschreibungen und Diskriminierung: „hab die preußische Ordnung fallen lassen/ fremdbesatz zugelassen die kleidung/ gewechselt“ (S.18). Geschichten der Tagebaulandschaft überdauern Generationen, werden(unbewusst) weitervererbt: „der tote trägt den lebenden“, so Domašcyna: „rutscht der tote durch die membrane/in den körper des lebenden“ (S.79). Sorbische Worte wie kochanie (polnisch Liebe) oder Wurscha (Ursula) sind in einem separaten Glossar versammelt, (Kostbarkeiten gleichgesetzt), damit sie nicht verloren gehen. Eine wichtige sorbische Stimme sowie künstlerische Bereicherung!

Róža Domašcyna, geboren 1951 bei Kamenz (Oberlausitz), sorbische Dichterin, Übersetzerin, Dramatikerin, Mitglied PEN-Deutschland u. der Sächsischen Akademie der Künste. Anna-Seghers-Preis 1998, Prix Evelyne Encelot 2003, Sächsischer Literaturpreis 2018, Meißner Literaturpreis 2019.

 

Christoph Szalay: Rändern.

Cornelia Stahl

Christoph Szalay: Rändern. 2020.

Klagenfurt: Ritter-Verlag. 119 Seiten.

ISBN: 978-3-85415-607-9

 

 

 

„Sprache ist nicht unschuldig“ konstatierte Christoph Szalay 2019 in seiner Berliner Poetikvorlesung und bezog sich auf Eugen Gomringers Gedicht AVENIDAS. In seinem Lyrikband „Raendern“ zitiert Szalay eingangs Martin Pollack „Kontaminierte Landschaften“ und bezieht sich auf die heimatliche Landschaft, die als Hintergrundfolie einer Auseinandersetzung dient, eine Auseinandersetzung mit überkommenen, idyllisch verkitschten Heimatvorstellungen. Die Verse ähneln einer Anrufung, die gezielt ein Gegenüber, ein Du, befragen und herausfordern. Es ist ein Insistieren, jene Leerstellen zu füllen, die bisher ausgelassen wurden im Erzählfluss. Sinnlich erobern wir Wälder und Berge: legst deine taufrischen Hände aus Holz, S.9, blicken zurück: ein Gang durch Historien S.9, entdecken plötzlich Einschüsse. Die zuvor gezeichnete (scheinbar) friedvolle Landschaft erlebt Risse und Brüche: hast den Himmel geschwärzt S.9. Prophetisches Heimatidyll ade! Der Autor seziert Volkslied und Märchenelemente in Puzzleteile, verzichtet auf Idiome einer Herz-Schmerz-Wohlfühlmelodie. Im letzten Abschnitt oszillieren Kindheitserinnerungen und Erwachsenenwelt zwischen Anfang und Ende, Suchbewegungen und Möglichkeiten „eine neue Fährte zu legen“ (S.28). Und immer wieder Interventionen: sag´, was weißt du von den Rändern dieser Landschaft zu erzählen (S.31).  Szalay verwendet Textmaterial anderer Autoren/Autorinnen, spielt mit händischen Überschreibungen, visueller Poesie, Skizzen und Fotos, verlässt konventionelle Schreibweisen, setzt am Ende den Schlusspunkt: Heimat, das sind die schneebedeckten Gipfel, die wir erkundet haben, S.104. Die eigene Hand vor Augen: Imaginierte Heimat-, Landschafts- und Fremdbilder werden neu verhandelt, existieren nur vorläufig. Szalay entwirft Gegensatzpaare zu national und patriotisch konnotierten Begriffsmustern, fordert uns zum Dialog heraus! Ein wichtiger Impuls für den Umgang mit gegenwärtigen Selbst- und Fremdbilder!  

Christoph Szalay, geboren 1987 in Graz, studierte Germanistik und Kunst im Kontext an der UdK Berlin. Zuletzt: Alice Salomon Poetik-Preis (2019).

 

 

Sophie Reyer: CORONA. Ein Chor,

Eva Riebler

 

Edition Melos, Wien 2020, 62 S.

ISBN 9783951984209

 

Was kann einem Corona und diverse Verordnungen mit und ohne Lockdowns schon ausmachen, wenn man schreiben kann? Natürlich wäre ja auch eine Schreibblockade denkbar. Aber von der kann man/frau auch poetisch berichten.

Sophie Reyer verortet sich kurzerhand im „Ichgrab“ und lugt von dort gegen Himmel. Der große Adler äugt auf sie und sie sehnt sich wieder zurück in die Eizelle. Eine akustische Untermalung klingt an. -  So in einer ihrer 50 Miniaturen S. 19.  : Himmel / allein in mittlerer Höhe / im Visier des /  Riesenadlers: ich //  sei! Wieder // Ei werden (Stimme / von // Kindern).

Sie transformiert, begleitet oder vergleicht mit vielen Tieren, mit Adlern, kleinen Vögeln, Schmetterlinge  und nimmt als Umgebungsraum den Wald, den Berg oder den eigenen Resonanzraum. Das lyrische Ich hört in sich hinein und bemerkt die Stille, die Ruhe, die sich ausbreitet. Im Fortschreiten der Gedichte entwickelt sich die Befindlichkeit des lyrischen Ichs weiter. Es wünscht sich das Zusammensinken der Angst und den Tod und das Herauskriechen des Staubes aus dem Körper und sieht als positives Element den Morgenstern.

Ein durch und durch poetisches Werk. Besinnlich, die Zeit anhaltend und Hoffnung genauso wie einfühlsame Leere verbreitend!

Sophie Reyer, geboren 1984 in Wien, Philosophin, Komponistin und Schriftstellerin lehrt am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien.

Die letzte souveräne Miniatur des mit zarter Poetik gespickten Lyrikzykluses lautet:

: Transformation

Leere: man  lebt jetzt

Wand an Wand mit

sich

 

Alena Mornstajnova: Hana. Roman

Lakshmi Seitz

Übersetzt von Raija Hauck.

Wieser Klagenfurt/Celovec 2020

 

 

Das Werk beginnt im Februar 1954 mit der Kindheit der Ich Erzählerin Mira, geschildert wird das Leben einfacher Leute in Tschechien, ihre Mama wusch brav jeden Sonntagnachmittag Kaffeetassen, dann starb sie früh und war zu denen geworden, deren Gräber sie besucht hatte. Mira´s Leben dreht sich darum, ob Mohn oder Powidl in den Buchteln ist, ob Papa den Gürtel nimmt, wenn er erkennt, dass Mira am Wasser war, auf Eisschollen geritten ist. Diese Schläge waren fürchterlich erniedrigend. So geht es dahin bis zu jenem unheilvollen Tag, dem Wendepunkt in Mira´s Leben, an dem das „Böse, das hereinkriecht“, personifiziert ist (S. 21), da sie als Einzige ihre Familie verliert, weil sie bestraft wird, folglich die aufgrund einer Epidemie von Typhus vergifteten Zuckerkringel als Einzige nicht serviert bekommt. Dann erbt sie das große Haus der Familie. Als Waisenkind schlägt sie sich in einer Ziehfamilie durch, bis sie zu ihrer Tante Hana kommt, unserer Titelheldin, die einst im KZ war und ein dämmeriges Dasein führt, doch wohlwollend zu Mira ist. Im Laufe der Zeit wird der Sohn der Ziehfamilie Mira´s Geliebter, was von der Tante und von außen nicht gern gesehen wird, doch Mira erklärt uns sonnenklar, warum sie sich auf Gustav einlässt: „Ich war nicht so vorsichtig. Ich wollte einen nahen Menschen haben, jemand, den ich ganz und gar gernhaben konnte und der meine Liebe erwidern würde“ (S.111). Doch Gustav´s Schwäche, er „war geradeaus und nicht hinterhältig und deshalb konnte er Heimtücke nicht erkennen“ (S.113) lässt ihn nicht auf die Idee kommen, dass er vorsichtig sein sollte. Er wird später ihr Ehemann.

Im 2. Teil macht die Autorin einen Rückblick auf die sehr packende Familiensaga voll Herzeleid in der Generation vor Mira, wir erfahren alles über Mira´s Mutter Rosa und Schwester Hana, deren Liebesbeziehungen, Bangen, Schicksal und Bewältigung. Der Teil thematisiert das Leben der Juden 1933-1945. Wir sind mitten in den Fluchtschicksalen und den Einschränkungen der tschechischen jüdischen Familie im Zuge des 2. Weltkriegs. Der sensible, emotionale Stil der Autorin lässt den Leser magnetisch in die Handlung hineingezogen sein. Die Hilflosigkeit gegenüber der Übermacht einer einher ziehenden Krankheit der Ludmila schildert sie etwa folgendermaßen: „Dann begann sie über Schwellen und Teppichkanten zu stolpern, Dinge fielen ihr aus den Fingern, sie zerschlug vier Teller und zwei Tassen aus dem Porzellanservice von ihrer Großmutter und ihre Knie waren so schwer, dass sie nicht die Treppe hochkam“ (S. 129).

Der offizielle Kriegsbeginn brachte Bekanntmachungen gegen die Juden, z.B.: „Es begann mit dem Verbot, Kinos und Theater zu besuchen. … Dann kam das Ausgehverbot nach acht Uhr abends“ (219).

Im 3. Teil, der 1942-1963 angesiedelt ist, spielt die Ich-Erzählerin Hanna in ihrer schlanken, dunklen, lediglich Brot essenden Präsenz die Hauptrolle. Die Befindlichkeit der ehemaligen KZ-Insassin schildert sie selbst so: „In meinem Kopf ist nur Nebel. Manchmal ist er so undurchdringlich, so dicht, dass kein einziger Gedanke hindurchscheint. Das ist der Zustand, den ich für Glück halte“ (S.265).

Die Familiensaga hält die Traumata der Frauen, die durch die Judenvernichtung entstanden sind, fest. Die empfindsam erzählte Inhaftierung in KZs sowie die Vorsicht der jüdischen Bevölkerung geht dem Leser direkt unter die Haut. Es ist eine sehr starke, herzzerreißende Chronik, in der jede/r Liebende das Bangen um die eigenen Beziehungen wiederfinden kann. Die Frauenschicksale aus verschiedenen Blickwinkeln werden generationsübergreifend dargestellt. Zum Schluss erscheint wieder Mira, die einzige Nachfahrin ihrer großen Familie, mit ihrer kleinen Familie und – immerhin – ihrer eigenen Lebensperspektive. 

Katrin Bernhardt: aufbrechen. Gedichte.

Eva Riebler

Edit. Lex Liszt, 2020 Oberwart, 102 Seiten

ISBN 978-3-99016-182-1

 

Die Autorin lebt im Burgenland und in Wien. Sie studierte Archäologie und Philosophie, war Sängerin und Texterin und erhielt zahlr. Preise für ihre Lyrikbände: Fallen ohne Aufprall 1995, Fluchtplan lebt nicht mehr 1998 Bibl. d. Provinz, Auf bittere Haut geschrieben 2013 Ed. Lex Liszt, sowie der Prosaband: Die Gesichtslosen 2000 Bibl. D. Provinz.

In fünf Kapiteln hat Katrin Bernhardt das Aufbrechen als Fortgehen oder sich öffnen und spürbar da sein zum Thema gemacht.

Das erste Kapitel befasst sich mit dem Aufbrechen in ein anderes Leben. Unzufriedenheit kann zur Last werden oder auch ein Anreiz sein, das Weite zu suchen. Sie - oder das lyrische Ich – fragt sich: Wie es ist sich selber zu verlieren oder wieder zu finden? Oder S. 11: Ein Lohnsklave und andere in ihrem farblosen Alltagstrott fragen sich mutlos: Ob das der Seele Heimat ist. Jedoch der, der aufbricht entgeht vielleicht der Verzweiflung, vielleicht ertrinkt seine Poesie nicht zwischen Ratschlägen und Organisationen.

Eine wunderschöne lyrische Essenzen lautet: Der kleine Vogel im Nest hat Angst vor dem Wind und dem Winter und trotzdem schlägst sein kleines Vogelherz für die Freiheit da draußen!

Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Aufbruch in ein anderes Land und das dritte mit Denkstrukturen: Poetisch und einmal leicht – einmal schwer – wird von Hitler, Flüchtlingen oder Menschenverachtung am Stammtisch gesprochen, aber die positive Antwort heißt. Mein Herz ist groß! Oder: Gottes schöne Welt sehen wir in den kleinen Dingen!

Das letzten Kapitel, betitelt: In eine andere Liebe - versammelt so schöne Momente und Wendungen. Jede Lyrik mit anderen Aussagen und doch jede so weich, poetisch, intensiv und spannend.

Ein Buch, das die Anmut der Sprache zeigt und einfach auszudrücken weiß. Nicht einmal das Thema Liebe verkommt in Kitsch und  Gewöhnlichkeit! Außergewöhnliche Miniaturen in wunderbarer Sprache!

 

 

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