Philosophie

16. Philosophicum Lech - 1. Tag: Eugen Drewermann. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Der Prediger der Neuzeit

 

16. Philosophicum Lech
Der tödliche Fortschritt oder
Wir brauchen eine neue Ethik
Eugen Drewermann

Donnerstag, 20.09.2012, 18 Uhr
Neue Kirche Lech am Arlberg

PD Dr. Eugen Drewermann (geboren 1940) ist katholischer Theologe, suspendierter Priester, Psychotherapeut und freiberuflicher Schriftsteller. Er ist ein wichtiger Vertreter der tiefenpsychologischen Exegese (Padeborn).

Der für sein ökologisches Engagement bekannte Eugen Drewermann war wohl Shooting-Star dieses heurigen Philosophicums. Sein Einsatz für Umweltschutz und Tierschutz hat u.a. auch zu seiner Suspendierung als Priester beigetragen, als er der Katholischen Kirche festgeschriebene biblische Naturfremdheit vorwarf und darin die Begründung auch sieht, dass das Christentum unfähig zum Frieden und zur Aussöhnung mit der Natur ist.

In den nächsten 40 Jahren würde die Menschheit von sieben auf neun Milliarden Menschen wachsen, unsere Ressourcen schwinden, die permanente Urbanisierung drückt auf die Natur. Damit würden wir uns den Weg, wie wir Mensch geworden sind, abgraben, bekundet Drewermann: "Wir wollen nur mehr uns selbst erleben!" Dabei hätten bei unserem selbst auferlegten Wachstumsdrang die Tiere keine Chance mehr. "Wollen Sie etwas schützen, müssen Sie es kaufen!", so lautet die gegenwärtige Analyse. Daher bräuchten wir keine NEUE Ethik, meint Drewermann, sondern wir bräuchten endlich EINE Ethik. Eine, die dem Kapitalismus nicht förderlich ist und die die Natur nicht als Gratisangebot sieht. Für das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, ist sie eine günstige Ware, woraus sich viel Kapital schlagen lässt: Luft und Wasser werden teure Güter. Dramatisch spricht Drewermann unseren Fortschrittsglauben und unser Wachstumscredo an.

Drewermann geht auf unser anthropozentrisches Weltbild ein, wonach der Mensch, das Maß aller Dinge ist. Es ist eine falsche Ethik, wie Drewermann meint, beruht sie doch nur auf Normen, die ausschließlich für den Menschen sinnvoll sind. Mit dem Behaviorismus des 20. Jahrhunderts wurde der Mensch als alleiniges Vernunftwesen zum einzigen Rechtsträger. So haben in dieser Definition Tiere fälschlicherweise keine Pflichten - Drewermann widerlegte dies am Bsp. des Nestbaus - und auch keine Seele. Dabei habe es bereits in der Antike die Furcht vor der Tierseele gegeben, die Angst, dass Tiere nach dem Tod auftreten und Anklage erheben würden.

Schließlich sieht Drewermann das Wissen der Menschheit als Waffe gegen die Menschheit eingesetzt. An Tierexperimenten, deren Ergebnisse schlussendlich am Menschen zum Einsatz kommen, zeige sich der Wahnsinn, wie er zur Normalität wird.

Und natürlich beruft sich Drewermann auf den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860): Tiere leben auf der Welt in der Hölle. Wichtig ist die Empathie, doch solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben, meint Drewermann. Unser Mitleid und Mitgefühl hält sich also in Grenzen. Schon die Tochter von Sigmund Freud, Anna (1895-1982) äußerte, dass die Menschen keine Moral kennen sondern nur die Angst vor Bestrafung, erinnert Drewermann. So ist die Ethik eine unendlich gedehnte Verantwortung, zitiert Drewermann den Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer (1875-1965).

Wir brauchen also Individuen, die Denken und Fühlen vereinigen. Logozentrismus alleine helfe uns nicht weiter. Der Intellekt erkennt keine Werte. Die größten Verbrechen haben stattfinden können, weil man uns unsere Gefühle gestohlen habe, sagt Drewermann. Das Tier ist schließlich eine Projektion auf uns selbst.

In der Bibel steht geschrieben: "Macht Euch die Erde untertan!" (Dominum terrae: Genesis 1,28 LUT, AT), diesen alttestamentarischen Auftrag Gottes an den Menschen, hätten wir befolgt, so Drewermann, doch scheinbar ist nichts Gutes dabei herausgekommen. Es ist also an der Zeit etwas zu ändern. Die Frage nach dem Vegetarismus stelle sich gar nicht, wenn man erst die doppelte Ernährung begriffen hätte (trotz Welthungers, Ernährung der nur zum Verzehr geeigneten Zuchttiere).

Drewermann beendet seinen Vortrag mit folgenden eindringlichen Worten:

"Einst war Kannibalismus selbstverständlich. Und eines Tages wird uns die Erkenntnis kommen, dass Tier-Essen nur ein erweiterter Kannibalismus ist. Wir dürfen nicht quälen, was Leid empfinden kann. Diese Abschlachtungen müssen aufhören."

LitGes, September 2012

16. Philosophicum Lech - 1. Tag: Eugen Drewermann. Rez.: Ingrid Reichel

16. Philosophicum Lech - 1. Tag - Einführung: Konrad Paul Liessmann. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Tierische philosophische Kontroversen

 

16. Philosophicum Lech
Einführung
Tiere. Der Mensch und seine Natur
Konrad Paul Liessmann

Donnerstag, 20.09.2012, 17.30 Uhr
Neue Kirche Lech am Arlberg

Univ. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann (geboren 1953) ist Professor für Philosophie an der Universität Wien und philosophischer Leiter des Philosophicum Lech.

Der Leiter des Philosophicums Konrad Paul Liessmann gab eine aufschlussreiche geschichtliche Übersicht über die Ambivalenz in der Philosophie bezüglich des Verhältnisses Mensch und Tier.

"Seit sich der Mensch selbst dem Tierreich entronnen wähnt, gestaltet er sein Verhältnis zum Tier in höchst unterschiedlicher Art und Weise.", Liessmanns Satz zu Beginn seines Vortrages lässt keinen Zweifel offen, dass der Mensch ein Tier ist. Das Tier als bedrohlicher Feind, das gezähmt, gejagt oder gar ausgerottet werden muss, ist aber auch ständiger Begleiter - als Nutztier, im Einsatz für Therapien, in Sport und Kultur, als Haustier und Familienmitglied - und Projektionsfläche für Sehnsüchte wie dem Traum vom Fliegen und Sentimentalitäten, man denke nur an die vielen tierischen Kosenamen. Oft dient das Tier zur Erkennung menschlichen Verhaltens, und dies nicht nur in der Forschung.

Die Ambivalenz zeigt sich vor allem im Zwiespalt von Glauben und Wissen. Ist der Mensch "nur" Produkt der Evolution und "nur" ein Tier unter Tieren oder das von Gott auserkorene Genie, die Krone der Schöpfung? Nur noch Kreationisten und Speziesisten (Vertreter von Rassismus der Arten), meint Liessmann, würden letztere Position vertreten. Die einstig klare Grenze zwischen Mensch und Tier ist immer brüchiger und durchlässiger geworden, fährt Liessmann fort: "Ergebnisse der Wissenschaften, die sich mit dieser Grenze beschäftigen, sorgen für immer neue Überraschungen. Fähigkeiten wie komplexe kognitive Leistungen, Werkzeuggebrauch, Kommunikationsformen u.v.m., die einst nur dem Menschen zugeschrieben wurden, sind auch bei Tieren erkannt worden.

Liessmann hinterfragt jedoch unser heutiges Triumphgefühl, nachdem wir die Kränkung, verursacht durch Darwins Evolutionstheorie überwunden haben, nämlich nicht die Krone der Schöpfung zu sein. Ist es der Wille zur Wahrheit oder die Sehnsucht, die Bürde von Verantwortung und Moral loszuwerden?

Der Unterschied des Menschen zum Tier ist nicht mehr prinzipiell, höchstens graduell, aber das wusste der Mensch bereits seit der Antike mit seiner Definition des Menschen als animale rationale oder zoon politikon.

In der Neuzeit gab es erneut zwei kontroverse Ansichten. René Descartes (1596-1650) setzte das Tier einer Maschine gleich. Er sah im Tier einen Körper (res extensa), dem er weder geistige Funktionen, noch Leidensfähigkeit zuerkannte. Michel de Montaigne (1533-1592) dagegen äußerte in seinen literarischen Überlieferungen die prinzipielle Gleichartigkeit von Mensch und Tier. Die Debatte wiederholte sich in der modernen Philosophie bei Immanuel Kant (1724-1804) und Arthur Schopenhauer (1788-1860). Kant beharrte auf die Vernunftorientierung des Menschen gegenüber dem vernunftlosen Tier. "Wohl sprach sich Kant auch gegen Tierquälerei aus, allerdings weniger aus Sorge um das Wohlergehen der Tiere, als vielmehr aus Sorge um die Sittlichkeit des Menschen [...]" (Liessmann). Schopenhauer konnte hingegen in seiner Mitleidsethik das leidensfähige Tier miteinbeziehen. Für ihn unterschied sich der Mensch durch seinen Intellekt nur unwesentlich vom Tier, da es ein empfindsames und leidensfähiges Wesen ist.

Auch Friedrich Nietzsche (1844-1900) sah die Nähe vom Menschen zum Tier, wenn auch mit anderen Aktzenten, erläutert Liessmann. Die Exterritorialität, die Offenheit und Freiheit also, mit der der Mensch sich vom Instinkt gebundenen Tier unterscheide, sah Nietzsche eher als Defekt, denn als Vorzug: "Ich fürchte, die Tiere betrachten den Menschen als ein Wesen ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Tierverstand verloren hat, [...]." (Zitat: Nietzsche).

Natürlich erweist sich Nietzsches Kommentar ebenfalls als Anthropomorphismus, erklärt Liessmann und erinnert, dass lange vor den Tierethik- und Tierrechtsdiskussionen der Gegenwart Max Horkheimer (1895-1973) und Theodor W. Adorno (1903-1969) bereits festgestellt haben, dass das alltägliche gewalttätige Verhalten gegenüber Tieren an jene "Ahnungslosigkeit" erinnert, mit der Menschen in totalitären Systemen ihre Augen vor Schandtaten verschließen. Hier liege das Paradoxon unserer Gegenwart, behauptet Liessmann, dass trotz vieler neuer Erkenntnisse, sich praktisch in unserem kollektiven Verhalten nichts ändere und die Ausrottungspolitik sowie die industrielle Tiernutzung im Gegenteil sich weiter intensiviere. Liessmann folgert, dass das Tier eine einzige Provokation für jenes Tier bleibe, welches sich manchmal kokett als Tier bezeichne. Dem Tier angemessen und gerecht zu begegnen, schaffe jedoch nur ein Tier, welches zumindest tendenziell aufgehört hat, ein Tier zu sein, schließt Liessmann seine Einführung zum 16. Philosophicum.

LitGes, September 2012

16. Philosophicum Lech - 1. Tag - Einführung: Konrad Paul Liessmann. Rez.: Ingrid Reichel

16. Philosophicum Lech - 1. Tag - Impulsforum. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Von der Pferdestärke zum Streichelzoo

 

16. Philosophicum Lech
Tiere. Der Mensch und seine Natur.
Impulsreferat und -forum: Der Gebrauch der Tiere

20.09.2012, 15 Uhr, Lech Neue Kirche

Das Thema "Tiere" versprach ein brisantes Philosophicum, zumal der Beisatz "Der Mensch und seine Natur" schon die Ambivalenz aufzeigt, in der sich der Mensch befindet. Einerseits ging es darum, die areligiöse aber wissenschaftliche Aussage "Der Mensch ist ein Tier" in den Köpfen zu vertiefen, zum anderen um das nicht gerade löbliche Verhalten des Menschen gegenüber seinen Artgenossen, den Tieren, in all ihrer Vielfalt zu beleuchten.

Günther Apfalter, Präsident des Magna-Konzerns (der Konzern ist seit Anbeginn Hauptsponsor des Philosophicum Lech), begann die Aufwärmrunde mit seinem traditionellen Impulsreferat zum Thema Der Gebrauch von Tieren. "Was kann ein Automobilzulieferer vom Pferd erzählen?", dachte Apfalter, fragt das Publikum, und versuchte das alte Dogma Natur versus Technik zu widerlegen: Die Technik lernt nach wie vor von der Natur, die Bionik dient hierfür als gutes Beispiel, beschäftigt sie sich doch mit der wissenschaftlich interdisziplinären Entschlüsselung der belebten Natur und ihrer Umsetzung in der Technik (Bsp. vom Flugsaurier zum Flugzeugmodell). So sieht Apfalter zunächst das Tier als Erweiterung des menschlichen Körpers. Tiere wurden nicht nur gebraucht sondern genutzt (Bemerkung Rezensentin: vielleicht aber auch benutzt?), um effizienter von A nach B zu gelangen (Bsp. Pferd) und erleichterten somit wesentlich unseren Alltag (durch Schnelligkeit und Lasterleichterung). Das Auto mit seinen Pferdestärken erwies sich nicht nur als leistungsfähiger sondern auch als umweltfreundlicher. Noch vor 150 Jahren hatte eine auf Pferdefuhrwerke angewiesene Stadt ein abfall-logistisches Problem, denn ein Pferd produziert 50 kg Pferdeäpfel am Tag, erzählte Apfalter. Als das Pferd als Nutztier vom Auto abgelöst wurde, konnte es durch Zucht kulturell im Sport und Lifestyle gebraucht werden. Dies wiederum schuf "Raum für Emotionen" (Haus- und Kuscheltier). In der Gegenwart sieht Apfalter eine "neue Sachlichkeit" erreicht. Der Gebrauch von Tier und Maschine driftet immer mehr in rationelle Überlegungen, doch Apfalter scheute das Wort "Produktivität". Dennoch scheinen für ihn die Forderungen informierter Verbraucher von hoher Relevanz. Zum Abschluss erinnerte Apfalter, dass der Mensch nicht über der Natur steht, auch wenn er Tiere gebraucht.

 

Die Wahl der geladenen Gäste zum anschließenden Impulsforum verhielt sich wie bei einem Doppel im Tennis: Karnivore gegen Veganer. Zu den Karnivoren zählten der Wildökologe und Jäger Hubert Schatz und der Vorstandsvorsitzende der Familien-Metzgerei-Unternehmensgruppe-Tönnies Clemens Tönnies. Auf der anderen Seite saßen am Podium Umwelt- und Tierschutzaktivist Martin Balluch und die Autorin und Tierfreundin Karen Duve. Sie schrieb zuletzt das Buch „Anständig essen. Ein Selbstversuch“ (Berlin: Galiani, 2010). Martin Balluch geriet als Obmann des Vereins gegen Tierfabriken 2008 mit der Justiz in Konflikt. Hierbei ging es darum, dass der österreichische Staat die aktiven Mitglieder der Tierschutzorganisation als potentielle Attentäter verklagen wollte. Nach langer Untersuchungshaft wurden er und seine Kollegen am 02. Mai 2011 nach erwiesener Unschuld freigesprochen. Am 30. Jänner 2012 erhielt er für seine Tierschutzarbeit und in Anerkennung seiner Rolle im Tierschutzprozess den renommierten und hochdotierten Myschkin-Ethikpreis. Zwischen den zwei Parteien saß Uwe Justus Wenzel (Journalist der NZZ), der als sympathischer und neutraler Moderator fungierte.

Ohne Zweifel braucht der Mensch das Tier, doch WOZU? So leitete Wenzel die Diskussion ein. Die Teilnehmer sind sich einig, dass wir Menschen von Tieren viel lernen können, nicht zuletzt unser eigenes Verhalten. Auch dass Tiere ihre eigenen Charaktere, Persönlichkeiten aber auch eigenen Wünsche haben und somit dem Menschen sehr ähnlich sind.

Doch worum geht es? In erster Linie geht es darum, seinen eigenen Standpunkt verlassen zu lernen, meint Balluch. Unser Horizont beruht nur auf unserer eigenen und daher sehr engen Sichtweise. Es ist schwer sich von anerzogenen Verhalten, wie Fleischessen, zu distanzieren, denn "wir sind alle als Fleischesser sozialisiert" (Zitat: Balluch).

Kurz gestreift wurden Themen wie Tier- und Weidgerechte-Haltung, der Verhaltenskodex der Jäger, veränderte Haltungsformen der Nutztiere nach dem 2. Weltkrieg sowie ökologische Wertschätzung. Unklarheit zwischen den Diskussionsteilnehmern herrschte über den Begriff der Massentierhaltung. Laut Tönnies gibt es keine Agrarfabriken in Deutschland, sondern nur familienorientierte Landwirte mit kleinbäuerlicher Struktur, die mit nur 500 Schweinen ihr Auslangen finden. Balluch berichtet von der Kastentierhaltung, die in der Schweiz bereits erfolgreich verboten wird, jedoch in Österreich trotz Gesetzesabschluss erst in 21 Jahren in Kraft treten wird und auch in Deutschland (noch?) praktiziert wird.

Es ist eine Frage der Moral, denn die Fleischproduktion ist sowieso zu teuer, der Aufwand ineffizient (Verhältnis Anbau von Tiernahrung im Vergleich zur Hungersnot), meint Duve. Für Tönnies jedenfalls stellt sich die Frage nicht, ob der Beruf des Fleischers ein unmoralischer sei. Er selbst bemühe sich die Tiere gut zu behandeln, die Achtung vor dem Nutztier (im Vergleich zum allgeschätzten Haustier) zu sensibilisieren sowie eine transparente Produktion zu ermöglichen. Es wäre schließlich eine gemeinsame Entscheidung, die wir zu tragen hätten, ob wir nun Fleisch essen, oder nicht. Letztendlich entscheide der Konsument.

Wichtiger Aspekt in der Podiumsdiskussion war die Achtung der Tiere und unsere Empathie ihnen gegenüber. Dass Mitgefühl auch zu Irrationalität führen kann, bewies Duve, die auch Mitleid mit einer lästigen Fliege, die um ihr Leben kämpft, empfinden kann. Schatz machte auf den natürlichen Kreislauf des Lebens aufmerksam: fressen, um zu überleben – fressen, um gefressen zu werden. Den irrationellen Konflikt erklärte Schatz am Bsp. der Fliege im Spinnennetz: Rettete man die Fliege im Spinnennetz, würde sich die Überlebenschance der Spinne verringern. Ist Albert Schweitzers Zitat Leben lebt von Leben eine negative Romantik?, fragt Wenzel. Duve erwidert, dies wäre eine Tragik, deren Grenze nun gezogen werden müsse. Vielleicht bedürfe es einer neuen Moral? (Wenzel). Sicher sind persönliche Verzichte und Toleranz angesagt und kluge Konsumenten, die sich nicht so leicht hinters Licht führen lassen.

LitGes, September 2012

16. Philosophicum Lech - 1. Tag - Impulsforum. Rez.: Ingrid Reichel

15. Philosophicum Lech - 4. Tag - Beate Rössler. Rez.: Eva Riebler

Eva Riebler
DIE FRAGE NACH DER AUTONOMIE

 

15. Philosophicum Lech
AUTONOMIE, GLÜCK UND DER SINN DES LEBENS
Beate Rössler

Sonntag, 25.09.11, 10.30 Uhr
Neue Kirche Lech am Arlberg

Prof. Dr. Beate Rössler (geboren 1958) ist Professor für Finanzpsychologie, Finanzethik und Persönlichkeitsforschung an der Universität Amsterdam.

Ihre ersten Worte machten die Maxime klar: Man kann ein sinnvolles Leben führen, ohne glücklich zu sein; aber nicht, ohne selbstbestimmt zu sein – also ohne Autonomie geht nichts!
Manche Philosophen, wie z.B. David Wiggins ersetzen aufgrund ihrer Ähnlichkeit die Sinnfrage durch die Glücksfrage, was jedoch durch die eventuelle Untrennbarkeit dieser Aspekte nicht sinnvoll erscheint.

Ist der Sinn des Lebens überhaupt objektiv zu erfassen, ist er nicht eher nur von innen heraus feststellbar, limitiert durch die Moral? Ist das Schicksal gnädig und gibt uns auch die Möglichkeit ein respektvolles Verhältnis zu anderen führen zu können, so können wir ein glückliches, sinnvolles Leben anstreben. Oft jedoch streben wir dies nicht direkt an, sondern Glück und Sinn reisen huckepack auf unseren Projekten, auf unserer Arbeit, unseren Zielen unserer Lebensführung usw.

Wann entsteht jedoch die Sinnfrage? Ist es nicht so, dass erst wenn wir durch ein Ereignis aus der Bahn geworfen werden oder in Zeitkrisen, wie im 19. Jhdt, im Bewusstsein von Endlichkeit, Sterblichkeit, beim Scheitern von Projekten oder bei Arbeitslosigkeit nach Sinn suchen?
Das Glück liegt weniger in unseren Händen, ist mehr von äußeren Umständen abhängig als der Sinn. Dies ist jedoch unsere individuelle Chance, uns wieder selbstbestimmt zu orientieren.
Wir haben nicht das Recht auf Glück, sondern das Recht auf Autonomie. Diese ist keine hinreichende Bedingung für Glück und Sinn, jedoch eine mögliche.

In der anschließenden Diskussion wies Beate Rössler darauf hin, dass wir ökonomischen Zwängen seit 50 Jahren weitestgehend entkommen sind, wir trotz der Beeinflussung durch Medien Willensfreiheit besitzen. Auf die Frage nach der autonomen Selbstbestimmung bei Personen mit Down-Syndrom, antwortete sie, dass graduelle Differenzen auch in verschiedenen Entwicklungsstadien von Kindern und Jugendlichen vorhanden sind. (Ein 13-Jähriger fühlt sich autonom, ist es aber nicht wirklich.)

Fazit: Der Autonomiebegriff ist ein normativer.

15. Philosophicum Lech - 4. Tag - Beate Rössler. Rez.: Eva Riebler

15. Philosophicum Lech - 3. Tag - Rahel Jaeggi. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
PLÄDOYER FÜR DIE KRITIKFÄHIGKEIT

 

15. Philosophicum Lech
GLÜCK – FREIHEIT – RATIONALITÄT
Rahel Jaeggi

Samstag, 24.09.2011, 17.00 Uhr
Neue Kirche Lech am Arlberg

Univ. Prof. Dr. Rahel Jaeggi (geboren 1967) ist Professorin für Praktische Philosophie mit Schwerpunkt Sozial- und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Jaeggis Vortrag befasst sich mit den überindividuellen gesellschaftlichen Bedingungen des Glücks und inwiefern man Kriterien zur Beurteilung der Lebensformen finden kann. Zum besseren Verständnis des Glücks verweist Jaeggi anhand zweier Filme, was Unglück ist: "Mein Glück" des ukrainischen Regisseurs Sergei Loznitsa (2010); "Die Ballade von Narayama" des japanischen Regisseurs Shōhei Imamura (1983).

Die gesellschaftspolitische Vorbedingung für Glück scheinen sich in diesen Filmen nicht zu erfüllen. Erster Film beschreibt einen Zustand der Anomie, eine Gesellschaft also, die aus mangelnden sozialen Normen, Regeln und Ordnung besteht. Wenn materielle Entbehrungen, Elend, Not und Unterdrückung herrschen, ethische Prinzipien des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt werden, kippt die Gesellschaft in Willkür, Gewalt, Korruption und Indifferenz. Im zweiten Film geht es um eine Gesellschaft, die in einer auf geregelte Grausamkeit beruhende Tradition verhaftet ist.

Zunächst müsse man das Glück zwischen einem kurzfristigen (episodischen) und einem langfristigen Glück unterscheiden. Glück ließe sich letztendlich nicht planen und sozialtechnologisch auch nicht herstellen, meint Jaeggi in ihren Vorbemerkungen.

Die Gesellschaft selbst wäre nicht nur eine Erfüllungsinstanz, sondern stehe in einem konstitutiven Zusammenhang zwischen dem individuellen Glück und denjenigen sozialen Praktiken und Institutionen, die den Zusammenhang einer Gesellschaft ausmachen. Dies bedeutet, dass die Gesellschaft zwar Glücksmöglichkeiten bereitstellt, sie jedoch in vielerlei Hinsicht erst herstellt. Unsere Erwartungshaltungen sind von unseren Handlungsmöglichkeiten im sozialen Feld geprägt. Insofern ist unser Glücksempfinden keine individuelle Erfahrung mehr, sondern eine gesellschaftliche.

Dafür bedürfe es Lebensformen (als Pluralwort!), die sich auf verschiedene kulturellen Formen des menschlichen Zusammenlebens beziehen, die Ordnungen, Regeln und Orientierungen beinhalten und deren institutionelle Manifestationen und Materialisierungen umfassen.

Dies wirft nun die Frage nach der gelungenen Lebensform auf und welches Glück es zu erreichen gilt. Jaeggi betont, sich auf einem schwierigen Terrain zu bewegen, angesichts der modernen Orientierung am Selbstbestimmungsrecht der Individuen, ob sich daher eine Diskussion objektiver oder überindividueller Kriterien überhaupt rechtfertigen ließe.

Jaeggi plädiert für Kritik und gegen Enthaltsamkeit der Meinung und rechtfertigt dies mit der Dringlichkeit ethischer Fragen (gerade) in der Moderne. Zunehmend werden wir in der technischen Zivilisation mit Fragen konfrontiert, die eine Bewertung unumgänglich machen. Vom Eigenheim, einer Theateraufführung bis hin zur Kinderbetreuung gibt es viele Beispiele der institutionalisierten und politisch abhängig gehaltenen Erlaubnisse zur Realisierung, die zu Autonomieverlust führen. Genauso sind Kindesmissbrauch und häusliche Gewalt keine Frage des guten Geschmacks, es gehört zur ethischen sowie bürgerlichen Pflicht gegen solche Vorgehensweisen zu agieren. Es gilt daher meinungsbildend und kritikfähig zu sein. Jaeggi sieht darin eine wichtige Aufgabe der Philosophie.
In ihrer These vertritt sie die Auffassung, dass Lebensformen Problemlösungsinstanzen sind, deren Gelingen/ Scheitern aus einem Lernprozess resultiert. Es gilt daher Kriterien dafür zu finden, wann ein Konfliktlösungsprozess bzw. ethischer Lernprozess als gelungen gelten darf.

Hierbei gilt auf zwei wichtige Eigenschaften des Problembegriffs einzugehen, nämlich auf die Aufgabe und die Schwierigkeit - zwei Aspekte mit wechselnden Veränderungs- und Konfliktdynamiken -, deren Bewältigung je nach Lebensform erfolgt. Den Ausgangspunkt der Beurteilung und Kritik von Lebensformen sieht Jaeggi daher im Problematischwerden der Lebensformen sowie in deren soziokultureller Formiertheit und Bestimmtheit. Dies erst ermögliche Probleme innerhalb eines Lernprozesses zu erkennen. Problemlösungsversuche entwickeln sich historisch und in Auseinandersetzung anderer Versuche sowie im Bezug auf ihre Stellung innerhalb der jeweilige Problemgeschichte. Dabei zeigt sich der Umstand, dass Probleme in Bezug auf Lebensformen immer schon normativ verfasst sind. Anhand Hegels Theorie der Familie erläutert Jaeggi die normative Problemstellung: Wenn Lebensformen scheitern oder gelingen, so tun sie das mit Bezug auf solche Ansprüche und Herausforderungen, die sie selbst hervorgebracht haben.

Conclusio:
a) Das Scheitern einer in Krise geratene Lebensform geschieht nicht durch äußere sondern durch interne Hindernisse.
b) Sie scheitert jedoch nicht nur funktional, sondern bereits in Bezug auf ein normativ verfasstes Problem.

Dabei ist Jaeggi davon überzeugt, dass die Interpretations- und Bewertungsschwierigkeiten von Problemen und deren Lösungen sowohl subjektiver als auch objektiver Natur sind. Daher geht es um einen Lernprozess mit dessen Evaluierung wir den gesuchten Maßstab der Kritik von Lebensformen finden.

15. Philosophicum Lech - 3. Tag - Rahel Jaeggi. Rez.: Ingrid Reichel