Bildende

Franz Stefan Kohl. Vernissage in der Artothek Krems. Eva Riebler-Übleis

Eva Riebler-ܜbleis
Von grauslich bis grauslich

Franz Stefan Kohl
in der Artothek Krems, Steiner Landstr. 3/II
Vernissage 26.9.15
Für die Litges war Eva Riebler-Übleis dabei
Zu sehen bis 7.2.16 Do-So 11-18 Uhr, auch an Feiertagen!

Wie die künstlerische Leiterin der Artothek Niederösterreich Frau Dr. Christiane Krejs bei der Eröffnung erwähnte, zählt die Kunst Franz  Stefan Kohls zur konkreten, konstruktiven Kunstrichtung.

Er hat sich mit beiden Richtungen beschäftigt und kann als beeinflusst von Josef Albers, das Bauhaus, Kandinsky oder Malewitsch und die theoretischen Schriften von Max Bill oder Theo van Doesburg  gelten.

Seine Bildkonzepte setzen sich mit der geometrischen Anordnung von Linien, Flächen und einer reduzierten Farbpalette auseinander. Er untersucht ein autonomes ungegenständliches Feld, das völlig auf Abbildung von realen Bildinhalten losgelöst ist.

Somit entsprechen seine Werke den Leitlinien der konzeptionellen konstruktiven Kunst, die da lauten:

„Das Kunstwerk muss im Geist vollständig konzipiert und gestaltet sein, bevor es ausgeführt wird. Es darf nichts von den formalen Gegebenheiten der Natur, der Sinne und der Gefühle enthalten. Wir wollen Lyrismus, Dramatik, Symbolik usf. ausschalten. Das Bild muss ausschließlich aus plastischen Elementen konstruiert werden, d. h. aus Flächen und Farben. Ein Bildelement hat keine andere Bedeutung als sich selbst“ schreibt Theo van Doesburg 1930 in einem Manifest bei der Gründung der Gruppe Art concrete.

Diese „Konkrete Kunst“ wurde nicht als "abstrakt" angesehen, da sie nichts in der materiellen Wirklichkeit Vorhandenes abstrahiert, sondern vom unmittelbaren Umgang mit den konkreten Bildmitteln Linie, Farbe, Fläche, Volumen und Raum ausgeht.

Die Werke der Ausstellung „Linie · Farbe · Bewegung“ erweitern diese Ideen und interpretieren sie neu. Für ihn ist die Linie formgebendes Element. Sie verbindet und trennt, sie definiert Zwischenräume, Flächen und Strukturen und kann zum bindenden Element mehrerer Ebenen werden. Seine Bildkompositionen bewegen sich von statisch-meditativen Flächen- und Rastersystemen über tänzelnd nervöse Zackenstrukturen bis hin zu  soundbasierten Patterns, die sich, wie Computercodes, flimmernd über die Leinwand legen. Durch deren Wiederholungen, Verschiebungen und Verdichtungen entsteht ein optischer „Sound“, der die enge Verbundenheit des Künstlers zur elektronischen und zeitgenössischen Musik reflektiert. Z.B. malt er zur Musik von Phillip Glass. Seine Bilder wirken dann wie Bar-Codes. Dem berühmten Konzipient der Computerstrichcodes, Josef Linschinger aus Traunkirchen, steht Kohl auch nahe.

Natürlich verlangt seine Denk- und Arbeitsweise das Konzeptionieren von  Wiederholung und Serie. Da er nicht mit Siebdruck oder anderen Druckverfahren arbeitet, sind seine Werke Unikate und äußerst zeitaufwändig in der Herstellung. Er arbeitet auf roher Leinwand streng geometrisch mittels Abkleben und freihändig mit dem Pinsel.

Christiane Krejs unterstreicht dies:

„Mit fast manischer Präzision und handwerklicher Perfektion setzt er in einem meditativen Akt Linie an Linie, Fläche an Fläche. Durch die scheinbar endlose und gleichförmige Repetition von nebeneinander gesetzten geometrischen Elementarformen, durch Verdichtungen, Dehnungen und Zerrungen entsteht das Gefühl eines Balanceakts zwischen kristalliner Klarheit,  monotoner Strenge, vibrierender Unruhe und dynamischer Veränderung.“

Franz Stefan Kohl, geb. 1959 in Tulln, war jahrelang in der Musikbranche als selbstständiger Unternehmer, Galeriebetreiber und als Gestalter von Radio Ö1-Sendungen tätig. Seit 1980 beschäftigt er sich mit Kunst, gründete 2002 die Galerie „tonArt“ als Schnittstelle zwischen Musik und bildender Kunst, die jungen KünstlerInnen die Begegnungen mit dem Kunstmarkt gab. 2004 wurde sie geschlossen.

Seit 2001 widmet er sich hauptsächlich der eigenen Malerei und stellte seine Werke sowohl in Österreich, als auch in der Schweiz aus.

Ein Katalog und ein Infoblatt liegen in der Artothek Krems/Stein auf. 

HR Giger: Featured Artist Ars Electronica 2013. Die Kunst der Biomechanik. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Unvergessliches

 

Featured Artist Ars Electronica 2013
Die Kunst der Biomechanik
HR Giger
Lentos, Kunstmuseum Linz
Ausstellungseröffnung: 04.09.13, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 05.09.-29.09.2013
Kurator: Andreas J. Hirsch

Ein Projekt von Ars Electronica Festival mit HR Giger, LENTOS Kunstmuseum Linz, Museum HR Giger Gruyères und dem Giger-Sammler Marco Witzig

Die Ars Electronica, das Linzer Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft ist seit seinem Gründungsjahr 1979 zu einem international anerkannten Event geworden. Ihr diesjähriges brisantes Thema „Erinnerung“ steht unter dem Titel „Total recall. The evolution of memory.” Wer kann sich nicht an den herrlichen und zugleich beängstigenden Science-Fiction-Film „Total recall“ des niederländischen Regisseurs Paul Verhoeven aus dem Jahr 1990 mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle erinnern? Wenn eine Macht durch ein Implantat deine ganze Erinnerung nimmt, dich deiner Identität, deines Lebens beraubt?

Als künstlerische Gallionsfigur der Ars Electronica 2013 wurde der 1940 geborene Schweizer Extremkünstler HR Giger gewählt, in Kooperation mit dem Linzer Kunstmuseum Lentos zeigt man bis Ende September im Keller des Museums eine kleine Retrospektive, um dem Ars Electronica interessierten Publikum, einen Einblick in die Kunst der Biomechanik zu ermöglichen.

Internationale Anerkennung bekam Giger nicht zuletzt durch Ridley Scotts Science-Fiction-Horrorklassiker „Alien“ (1979), für den er nicht nur das Gruselwesen Alien, sondern gleich eine ganze Welt schuf. Für die Umsetzung wurde das Team für Spezialeffekte 1980 mit dem Oscar ausgezeichnet. Doch auch in anderen bekannten Filmen wirkte Giger im Filmdesign mit: Poltergeist II; Species; zuletzt Prometheus (2010) u.v.m. und gestaltete weiters Platten- und CD-Covers.

Gigers Werk wird dem Surrealismus und dem Phantastischen Realismus zugeordnet und hat sich im Laufe der Jahre zur Cyborg-Kunst entwickelt. Zunehmend verschmolz Mensch, Insekt und Maschine zu einer biomechanischen Kreatur. Viel Kritik musste der Künstler am Beginn seiner Karriere einstecken wegen seines Erotomechanics-Zyklus und wegen seines an H.P. Lovecraft inspiriertem Necronom-Zyklus. Nach wie vor wird Giger und sein Werk gern und oft als morbide bezeichnet und als satanisch abgewertet.

Giger, der das Studium der Architektur und des Industriedesigns an der Hochschule für Angewandte Kunst in Zürich absolvierte, verdingte sich jahrelang erfolgreich als Innenarchitekt, während er ab 1960 nebenbei künstlerisch tätig war. Es war das Zeitalter des Kalten Krieges, meist brachte Giger seine Ängste über einen bevorstehenden Atomkrieg mit Tusche auf Papier zum Ausdruck. Bereits 1968 war er ausschließlich als Künstler und Filmemacher tätig, später auch als Szenen- und Kostümbildner. Anfang der 1990er legte der Airbrush-Virtuose seinen Luftpinsel beiseite und kümmert sich fortan einzig um die dreidimensionale Umsetzung seiner Werke. Seine ersten Gemälde entstanden 1966. 1972 wechselte er von der Ölmalerei auf Tusche und Acryl mit Spritzpistole, doch bereits Mitte der 60er entstanden die ersten plastischen Arbeiten aus Polyester, Bronze, Aluminium und andere Materialien. Später kamen Möbel dazu. Giger-Bars entstanden, die erste in Tokyo wurde bereits wieder geschlossen, doch die zweite in seiner Geburtsstadt Chur ist seit 1992 geöffnet. 1998 wurde das Museum HR Giger im Schloss St. Germain in Gruyères in der Schweiz, das heuer sein 15-jähriges Jubiläum feiert, errichtet. Hier gibt es Gigers Privatsammlung phantastischer Kunst sowie eigene Werke zu sehen. Das Museum wurde 2003 um eine Giger-Bar erweitert.

Giger wurde in mehreren Museen durch Retrospektiven gewürdigt, besonderes Interesse an seinem Schaffen zeigte man bereits zweimal im Kunsthaus Wien (2006 und 2011).

Für die Schau im Lentos wurden u.a. mit noch nie ausgestellten Werken geworben. Giger bestätigte dies in einem APA-Interview mit Tobias Prietzel im August dieses Jahres: „Kurator Andreas Hirsch hat mich gebeten, für die Ausstellung im Lentos einige Werke auszuleihen, die ich normalerweise nicht aus dem Haus gebe. Er will, dass das Publikum sehen kann, wie sich mein biomechanischer Stil entwickelt hat. Das wurde so noch nie gezeigt.“ [1]

Zu sehen sind acht Skulpturen und über 35 Bilder. Davon sind ein paar Ölbilder auf Holz/ Papier auf Holz, eines aus der Serie „Unter der Erde“ ist unvollendet. Neben den großformatigen Airbrush-Werken (Papier auf Holz) aus der Serie „Necronom“ (1976), „Erotomechanics“ (1979) und „Alienmonster“ (1978) sind auch Werke, die als Entwurf zum Film Alien dienten wie „Pilot im Cockpit“ und „Eiersilo“ (1978) sowie frühere Werke wie „Mutanten“ (1967-75) und „Todgebärmaschinen“ (1977) ausgestellt.

Gezeigt werden viele Giger-typische und detailfreudige Tuschezeichnung auf Papier auf Holz, aber auch wenige tachistische Tuschewerke aus dem Beginn der 60er Jahre, die in ihrem hingeworfenen, abstrakten expressionistischen Schwung eine ungeahnte spontane Leichtigkeit Gigers Künstlerhand vermuten lassen und Anregungen für seine 1968 entstandene Öl-Serie „Hommage à S. Beckett“* gewesen sein könnten.

Interessant ist die Tuschezeichnung „Gebärmaschine. 2. Fassung“ (1965-66), die es auch als Siebdruck mit der Inschrift „Ein Fressen für den Psychiater“* gibt. Die Serie aus Tuschezeichnungen entstand, nachdem Giger monatelang seine Träume aufgeschrieben hatte und sie nach Sigmund Freuds Traumdeutung versucht hatte zu analysieren. Giger war der festen Überzeugung, seine Träume vor dem Einschlafen beeinflussen zu können und, dass jeder Psychiater seine Traumzeichnungen ähnlich wie er interpretieren würde [2]. Oft ist in den Werkbeschreibungen von Transcop-Papier die Rede, dabei dürfte es sich um ein spezielles Papier für Architekten zum Planzeichnen handeln.

Aus der Serie „Biomechanoid“ (1969) sind vier Siebdrucke (Schwarz auf Silber) zu sehen und eine Zink-Lithographie aus dem Jahr 1996 „Alien III Blueprint“.

Abgesehen von der großen Alien-Skulptur, die den zweiten Kellerraum beherrscht sind noch weitere Plastiken exponiert: „Babywall“, ein Relief aus Fiberglas (1998) hängt direkt neben „Landschaft XVIII“ (Acryl auf Papier auf Holz, 1973) und zeigt anschaulich wie Giger aus einer zweidimensionalen Idee eine dreidimensionale entwickelt. „Humanoid“ (1968), eine Skulptur aus Polyester mit einmontierter Kamera und Tonbandgerät sitzt im ersten Raum bequem gegen die Wand gelehnt. „Birth Machine Baby“, zwei Aluminiumskulpturen (1998) und drei weitere Alien Babys sind in einer Vitrine präsentiert. Höhepunkt der Ausstellung ist das noch nie öffentlich ausgestellte Alien-Tagebuch (1978-79), welches nun digitalisiert als Buch im Museumsshop erhältlich ist. Zwei Filme untermauern das Ansinnen des Kurators, u.a. „Gigers Alien“ (34 Min. Regie: Jean-Jacques Wittmer und H.R. Giger. 1979).

Negativ erscheint in dieser an sonst sehr gelungenen, minimalistisch aber umfassenden Ausstellung zum Thema der Ars Electronica, die viel zu klein gestaltete Tafel mit Gigers Biografie in Deutsch und Englisch. Sie ist nicht nur mühsam lesbar wegen der zu klein geratenen Schrift, sondern auch wegen eines Spots, der die Lettern je nach Standpunkt verschluckt.

Info zu einer weiteren Gigerveranstaltung:
Ars Electronica Center, Deep Space Live am Freitag, 06.09., 22:00 Uhr: HR Gigers World

“Im Deep Space des Ars Electronica Center führt eine Serie von Gigapixelbildern in noch nie dagewesener Weise in den abgründigen Kosmos HR Gigers, begleitet von einem Gespräch zwischen Kurator Andreas Hirsch und dem Künstler selbst.“

[1] Link: http://www.aec.at/totalrecall/featured-artist-h-r-giger/

[2] laut H.R. Giger, Katalog: www HR Giger com §§§. Taschen Verlag, S. 32
* Nicht in der Ausstellung zu sehen

LitGes, September 2013

HR Giger: Featured Artist Ars Electronica 2013. Die Kunst der Biomechanik. Rez.: Ingrid Reichel

Lucian Freud: Zweimal Freud in Wien. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Fleischeslust

 

 

Lucian Freud: Reflection
(Self Portrait), 1985. Oil on
canvas. Privat Collection
© The Lucian Freud Archiv /
The Bridgeman Art Library

 

 

Working at Night, 2005
© David Dawson. Courtesy:
Hazlitt Holland-Hibbert

 

Zweimal Freud in Wien!
Lucian Freud
Kunsthistorisches Museum Wien
Ausstellungsdauer: 08.10.13 - 06.01.14
Kurator: Jasper Sharp
Lucian Freud: Privat. Fotografien von David Dawson
Sigmund Freud Museum, Wien
Ausstellungsdauer: 09.10.13 - 06.01.14
Kuratoren: Jasper Sharp, David Dawson

Eine Ausstellung mit Werken des berühmten Malers Lucian Freud in Wien ist zunächst erstmalig, vielleicht auch einmalig, denn Sigmund Freuds berühmter Enkel lehnte es bis knapp vor seinem Tod ab, in Österreich auszustellen. Als 1999 das KunstHaus Wien erstmals jene herausragende Künstlergruppe, die als „School of London“* bezeichnet wird, in Österreich präsentierte und zu der unter anderem Lucian Freud, Francis Bacon, Paula Rego und Ronald B. Kiraj zählen, zog Freud seine angekündigten Werke zur Ausstellung kurzfristig zurück.

Lucian Freuds Vater, Ernst Ludwig Freud, war der jüngste Sohn von Sigmund Freud. Er war Adolf Loos Schüler und etablierte sich als Architekt in Berlin. Hitlers Aufstieg, die nationalsozialistische Propaganda und die Hetzjagd gegen jüdische Bürger bewog ihn mit seiner Familie zur Übersiedlung nach Großbritannien. Da war der 1922 in Berlin geborene Lucian gerade elf Jahre alt. Erst im Juni 1938, nach dem Anschluss Österreichs, folgten ihnen auch Sigmund Freud mit seiner Frau und seiner Tochter Anna nach London.

Für uns Österreicher löst es ein Stück geschichtliche Aufarbeitung aus, dass Lucian Freud 2011 der Ausstellung im KHM (Kunsthistorischen Museum Wien) zustimmte und sie auch mitgestaltete, in dem er die Werke zur Schau gemeinsam mit seinem langjährigen Assistenten David Dawson selbst wählte. Ob dies als Versöhnung seitens Freud oder als eine Form von Altersmilde des betagten Künstlers zu deuten ist, werden wir nie erfahren. Am 20. Juli 2011 verstarb Lucian Freud im 88. Lebensjahr.

Lucian Freud war zeitlebens bemüht, sich vom berühmten Namen seines Großvaters loszulösen, obwohl sie beide eine gute Beziehung zueinander hatten und der Großvater ihn durch Kunstdrucke Alter Meister, die er ihm schenkte, künstlerisch förderte. Lucian Freud studierte von 1938 bis 1943 an diversen Kunsthochschulen Englands. 1939 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft. Internationales Ansehen erlangte er ab den 1950er Jahren mit seiner realistischen aber sehr fleischig anmutenden Aktmalerei, wiewohl er auch als Porträtmaler große Anerkennung genoss und in England als bedeutendster Porträtmaler des 20. Jahrhunderts gilt. Großes Aufsehen erregte das Bildnis der Queen Elisabeth II, welches Freud zwischen 2000 und 2001 am lebenden Modell erarbeitete. Das kleine Werk ist im Privatbesitz der Queen.

Das Kunsthistorische Museum zeigt 43 Ölgemälde, eine kleine aber wichtige Auswahl seiner 70 Jahre währenden Schaffenszeit. Die Schau ist chronologisch aufgebaut, beginnend mit noch surrealistisch geprägten Porträts, später den Bildnissen der Mutter des Künstlers und das Bildnis eines Babys aus den 1950er Jahren. Unter den Porträts ist weiter jenes wunderschöne Abbild des britischen Künstlers und Illustrators Francis John Minton (1952) zu sehen. Dazwischen sind wenige Stilleben wie „Two japanese wrestlers by a sink“ (1983-1987) oder „Still life with book“ (1991-1992), „Wasteground with houses, Paddington“ (1970-1972) als einziges architekturales Bildnis zeigt einen zugemüllten Hinterhof mit roten Backsteinhäusern. Freuds detailreiche und hyperrealistische Pflanzenbilder fehlen in dieser Schau vollkommen, mit Ausnahme des großformatigen Gemäldes „Interior with a plant“ (1973), das ein kleines Selbstporträt hinter einer enormen Topfpflanze im Vordergrund hervorblitzen lässt. Als Leitfaden durch die Ausstellung dient im Übrigen Freuds vielseitige Selbstporträts, das älteste mit 1943 datiert, ein unvollendetes aus dem Jahr 1956 und ein abstrahiertes kleines Selbstporträt (1963).

Ein Meisterwerk des Perspektivenspiels ist „Reflection with two children“ (1965), jene Selbstdarstellung, wo der Künstler im Straßenanzug zentral und überproportional von unten nach oben verzerrt über die im Vordergrund links in Frontalansicht abgebildeten zwei Kinder die Dominanz gewinnt, rechts hinter seiner Schulterhöhe erscheint die prävalente Deckenlampe. „Painter working, reflection“ (1993) ist ein schonungsloses Ganzkörper-Selbstbildnis des alternden Künstlers. Splitterfasernackt steht er wie eine römische Statue inmitten des leergefegten Ateliers, seine Füße mit lächerlichen Altmänner-Hausschuhen bekleidet, sein rechter Arm ist im rechten Winkel angehoben, in der Hand das Malmesser, er zückt es wie zum Kampf, der linke Arm erstreckt sich gerade nach unten und hält die Farbpallette als Kampfschild fest in der Hand. Das jüngstes Selbstporträt in der Schau stammt aus dem Jahr 2002.

Zwei großformatige Bildnisse zeigen wie unerbittlich Freud auch mit seinen Auftragsgebern umging: „Man in a chair“ (1983-85) zeigt den Kunstsammler und Großindustriellen Baron Hans Heinrich von Thyssen-Bornemisza. Das Werk lehnt sich an die Porträtmalerei des Diego Velázquez und erinnert in der Komposition an das Meisterwerk „Papst Innozenz X“ (1650), das Werk, welches schon seinen Malerkollegen und Freund Francis Bacon lange beschäftigte (s. „Schreiender Papst“, 1951). Hier thront der Baron auf einem schmalen Fauteuil, die zwar elegant gemalten Hände münden in überlange Finger, die sich irritierend über die Schenkel des Barons spreizen, seine Füße sind von der unteren Bildkante brutal abgeschnitten. Auf der rechten Seite des Posierenden hat Freud seine dreckigen Malfetzen angehäuft. Der Blick des Abgebildeten ist in sich gesunken und wendet sich nach unten. Wenig schmeichelhaft ist auch das Gemälde „Two irish men in W11“ (1984-85), das Bildnis des Inhabers eines Wettbüros und seines Sohnes. Wieder ist der Mächtige zentral postiert. Seine Beine sind knapp oberhalb des Knies von der unteren Bildkante abgeschnitten. Seine beiden Arme liegen ruhig auf den Armlehnen des weißen schmalen Fauteuils, doch dennoch wirkt er angespannt. Der Blick ist wie schon beim Baron in sich gesunken und nach unten gewandt. Der eher schmächtig wirkende Sohn steht zu seiner linken Seite hinten. Auch hier kommt Freuds tückisches Spiel mit der Perspektive zum Einsatz und erweckt in uns das Gefühl einer distanzierten Vater-Sohn-Beziehung. Obwohl der Sohn sich mit seiner rechten Hand an der Rückenlehne abstützt, erscheint es von der Größenproportion, als ob er einen Meter hinter dem weißen Fauteuil stünde. Und obgleich sein Blick zum Betrachter gerichtet ist, blickt er ins Leere. Ein Werk mit vielen Kontroversen. Der karge Raum, vermutlich das Atelier des Künstlers, wird durch den Blick aus dem Fenster mit Leben erfüllt. Dort erscheinen die Hausdächer der Umgebung mit soviel Detail und Liebe, dass das Fenster als Bild im Bild von der eigentümlichen Beziehung zwischen Vater und Sohn tröstlich wieder abzulenken vermag. Freuds Widersprüchlichkeiten basieren jedoch auf beinahe karikatureskem Humor, auf Detailfreudigkeit, die er dann durch pastosen Farbauftrag partiell wieder aus der Lieblichkeit reißt und zerstört. So gestaltet sich der feine Farbauftrag der stofflichen Motive, wie bei den Anzügen der seidige Glanz ihrer Stoffe auf teure Maßanzüge schließen lässt, als Widerspruch zu den derben fleischigen Teints der abgebildeten Personen.

Ähnlich sind Freuds große Aktgemälde ausgeführt. Höhepunkt ist „Benefits supervisor resting“ (1994), das Gemälde, welches den feisten Körper der Sue Tilleys offenbart, die wie der Titel es verrät zum Zeitpunkt der Erschaffung des Werkes als Sozialbeamtin tätig war. Freud schuf insgesamt vier große Gemälde mit ihr. Trotz ungeschönter Darstellungen der Körper, verströmen Freuds Aktgemälde weder voyeuristische oder erotische noch desavouierende Züge.

Freud malte an seinen Ölbildern meist mehrere Monate, einige sind sogar mit zwei Jahreszahlen datiert. Seine Arbeitsweise gliederte sich in Vormittag-, Mittag- und Abendbilder. Oft lehnte er sich in der Komposition seiner Werke an Alte Meister, die Schau liefert hierzu zwei Beispiele. Freuds einerseits klassische und dennoch sehr moderne Umsetzung der figurativen Malerei fügt sich außerdem hervorragend in die bestehende KHM-Sammlung.

Sein letztes Werk, das er 2011 begann, blieb unvollendet. Es ist ein Aktgemälde von David Dawson mit Freuds Jagdhund an der Seite und trägt den Titel „Portrait of a hound“. Dieses Werk ist im KHM nicht nur ausgestellt, sondern der Besucher der Ausstellung kann sogar an seiner Entstehung beiwohnen. David Dawson, der ihn über 20 Jahre in seinem Schaffen als Assistent und Sekretär begleitete und der Modell für dieses Werk saß, filmte ihn während diverser Séancen. Daraus entstand ein zehnminütiger Film („Film on Lucian Freud on his last day of painting“. 2011) aus dem ersichtlich wird, wie akribisch Freud an einem Werk arbeitete. Doch Dawson fotografierte auch den begnadeten Künstler und schuf damit eine beträchtliche Bilddokumentation. Eine kleine Auswahl kann man bis zum 6. Januar im Museum Freud, der einstigen Wohnung seines Großvaters in der Berggasse 19, wo er auch später seine Psychoanalysen durchführte, sehen. Diese Fotografien wurden noch nie der Öffentlichkeit gezeigt.

Es ist nicht sicher, ob wir zum 100. Geburtstag 2022 Freuds Œuvre nochmals in Österreich sehen werden können. Es ist daher ein absolutes Muss, diese zwei herausragenden Ausstellungen zu besuchen, eine einmalige Chance noch nie gezeigte Fotos von Freud privat und wie er diverse Personen malt sind im Freud Museum und die Meisterwerke des Künstlers im KHM in Wien zu sehen. Diverse Filme über den Künstler in der Kuppelhalle und im Bassano-Saal sowie ein ausführliches Führungsprogramm runden die gelungen Ausstellungen ab.

Zur Ausstellung im KHM erschien ebenfalls ein allumfassender deutsch-englischer Katalog in Hardcover:

Lucian Freud
Hrsg. Sabine Haag, Jasper Sharp, KHM
München: Prestel Verlag, 2013. 264 S.
ISBN 978-3-7913.6503-9
Preis: € 39,95.-

*Ausstellung: „School of London“, 12.05.-29.08.1999 KunstHaus Wien. Die von US-Maler Ronald B. Kitaj bezeichnete Gruppe von vielseitigen Künstlern, die in den 50er Jahren in London lebten und sich - gegen den Strom der abstrakten - der figurativen Malerei verschrieben.

LitGes, Oktober 2013

Lucian Freud: Zweimal Freud in Wien. Rez.: Ingrid Reichel

Michel Nedjar: Galerie Gugging. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Der Puppenmacher und Seelenfänger in Gugging

 

 

 

 

 

 

Michel Nedjar
Galerie Gugging
Vernissage: 05.06.13, 19 Uhr
Ausstellung: 06.06. - 03.11.2013

Nach der Retrospektive „Michel Nedjar - animo.!“ im Museum Gugging 2008 sind nun einige Werke des großen französischen Art Brut Künstlers Michel Nedjar in der Galerie Gugging wiederzusehen und können dort auch erworben werden. Dreißig Arbeiten auf Papier bzw. Karton in diversen Formaten und sieben kleinere Puppen wurden für diese kleine aber ausgezeichnete Schau ausgewählt. Die Bilder sind vorwiegend auf wiederverwertetem Karton entstanden, wie etwa auf der Rückseite einer Cornflakes- oder Reispackung. Schicht um Schicht malt Nedjar in den verschiedensten Materialien, klebt, übergießt mit Wachs, zerknittert und bügelt wieder glatt. In erdig und naturbelassenen Farben sind Tiere, Menschen, Masken und Fetische in ihrer Ursprünglichkeit abgebildet. Die Reichhaltigkeit Nedjars Mixed Media ist kaum zu überbieten, die Werke bleiben jedoch immer im Primitivismus verhaftet, erinnern einerseits an Fels- oder Höhlenmalereien aus dem Paläolithikum, andererseits an mexikanische oder afrikanische Eingeborenen-Kunst. Trotz der erstklassigen Bilder bleiben jedoch Nedjars außergewöhnliche Puppen die Hauptattraktion.

Michel Nedjar wurde 1947 in Soisy-sous-Montmorency (Val-d'Oise/Frankreich) als Sohn jüdischer Immigranten geboren. Sein Vater stammte aus Algerien, seine Mutter aus Polen. Der Großteil der Familienmitglieder wurde jedoch während des Dritten Reichs ermordet. Der Film „Nuit et brouillard“ (Nacht und Nebel) von Alain Resnais aus dem Jahr 1955 verschaffte Nedjar nicht nur Zugang zur eigenen Familiengeschichte, sondern vermittelte ihm das Ausmaß des Genozids. Als Kind nahm er sich der Teile der kaputten Puppen seiner Schwestern an und band sie zu eigenwilligen Gebilden zusammen mit denen er ungestört agieren konnte. Damals war es generell in traditionellen Familien, Buben nicht erlaubt mit Mädchenspielzeugen wie Puppen zu spielen. So entstand bereits im frühen Kindesalter ein sinnlicher Bezug mit symbolischen Charakter zu Stoffen. Mit 15 Jahren trat Michel Nedjar in die Fußstapfen des Vaters und begann eine Schneiderlehre, vermutlich auch, um später den familiären Betrieb zu übernehmen. Nach seinen Lehrjahren arbeitete Nedjar in verschiedenen Modeateliers und trug sich auch mit dem Gedanken Modezeichner zu werden. Eine Lungenkrankheit jedoch gab seinem Leben eine andere Richtung. Zwischen 1970 und 1975 begann er große Reisen zu unternehmen, die ihn von Marokko nach Mexiko und über Asien führten. Die Reisen waren Quelle einer Flut von Inspiration, und Nedjar begann sich mit dem Totenkult verschiedenster Kulturen künstlerisch auseinanderzusetzen. Die ersten „Poupées“ mit künstlerischer Qualität entstanden aus einer Mischung von gesammelten Lumpen und anderem Abfall, die zur Vollendung in Schlamm und Tierblut getränkt wurden und nach dem Austrocknungsprozess eine harte, raue, brüchig erscheinende fragile Konsistenz aufweisen. Nedjars Puppen und Masken besitzen keine Augen, alleine ihre tiefen Augenhöhlen geben Einblick in ihre Seelenwelten. Es war Madeleine Lommel (Gründerin und Direktorin - 1982-2009 - der Art-Brut-Sammlung l’Aracine), die ihn bei seiner ersten Ausstellung in Paris entdeckte und ihn an Jean Dubuffet, den „Erfinder“ der Art-Brut weitervermittelte. Dies war der Beginn einer großen künstlerischen Karriere im Sinne der Art-Brut-Tradition, eine Kunst, die nicht nur Kindern und Menschen mit geistiger Behinderung zugeschrieben wird, sondern auch Autodidakten, die sich wider einer akademischen Ästhetik in einer unkonventionellen aber originären Kunstform künstlerisch betätigen.

Mittlerweile sind Nedjars Puppen luftiger und bunter, man könnte sagen lebensfroher geworden. Als Grund gibt Nedjar die Vorbereitung zu einer Ausstellung im Musée d’Art et d’Histoire du Judaïsme, Museum für jüdische Kunst und Geschichte in Paris anlässlich des jüdischen Festes Purim, das an die Errettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora erinnert, aber laut Nedjar im Katalog Seite 28 als ein Kostümfest vor allem für Kinder beschrieben wird. So fand Nedjar wieder einen Zugang zu den Puppen seiner Kindheit.

Sehr empfehlenswert ist der umfassende zweisprachige (englisch-deutsch) Katalog Animo.! zur Retrospektive im Museum Gugging 2008 mit von Sylvia Kummer zusammengestellten Statements von Michel Nedjar. Markus Landert lieferte eine detaillierte Analyse.

Ein Besuch nach Gugging lohnt sich! Im Foyer wird übrigens der höchst interessante Video-Dokumentarfilm aus dem Identitäts-Projekt der Künstlerin Sylvia Kummer „Michel Nedjar, wer bist du?“ (2007) gezeigt. Dafür sollte man sich Zeit nehmen!

LitGes, Juni 2013

 

Michel Nedjar: Galerie Gugging. Rez.: Ingrid Reichel

Anton Kolig: Ich male in großer Not. Rez.: Gertraud Artner

Gertraud Artner

„Trotzdem Kunst“ im Leopold Museum 8.5.14
ANTON KOLIG:  ICH MALE IN GROSSER NOT

Hundert Jahre nach dem tödlichen Attentat in Sarajevo richtet die Schau „Trotzdem Kunst“ im Leopold Museum den Fokus auf die Weltkriegsjahre 1914 bis 1918. Auch wenn die Sammlung Leopold bislang unter dem eher nostalgischen Label „Kunst um 1900“ wahrgenommen wurde, bestätigt sich, dass kaum ein anderes Museum prädestinierter ist, sich dieser Thematik anzunehmen.Zu sehen sind insgesamt zirka 280 Objekte, 130 Werke davon von öffentlichen und privaten österreichischen und internationalen Leihgebern.

Doch wie soll man einen Krieg ausstellen? Gleich zu Beginn der Pressekonferenz stellte Elisabeth Leopold, Direktorin und zugleich eine der drei Kuratoren der Präsentation, klar: „Es ist eine Antikriegsausstellung.“ Wenn die BesucherInnen in das Untergeschoss des Museums hinabsteigen, finden sie sich quasi zum Auftakt drei monumentalen Werken von Albin Egger-Lienz gegenüber: eine Fassung des „Totentanz“, „Nordfrankreich 1917“ und das dem Grauen des Krieges ein abschließendes Mahnmal setzende „Finale“. Unweit dieser zutiefst verstörenden Bilder zieht das „Selbstbildnis, eine Hand ans Gesicht gelegt“ (1918) von Oskar Kokoschka die Aufmerksamkeit auf sich. Nach schweren Verwundungen des Künstlers entstanden, widerspiegelt kaum ein anderes Gemälde deutlicher die traumatischen Kriegserlebnisse, Angst und Verzweiflung, aber auch Unsicherheit für das zukünftige Geschick. Dabei ist festzuhalten, dass – wie viele der zeitgenössischen Künstler damals- sowohl Egger-Lienz als auch Oskar Kokoschka voll Kriegseuphorie sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatten und erst im Verlauf des Krieges einen drastischen Sinneswandel durchmachten.

 

Der ursprünglichen Kriegsbegeisterung trägt auch das Ausstellungsplakat Rechnung. Das Bild ist dem Umschlag der Zeitschrift „Der Ruf“  entnommen und zeigt ein Selbstporträt Egon Schieles, das durch blutrote Farbe entfremdet wurde. Die Beiträge des Heftes unterstreichen die gewaltverherrlichende Haltung eines Teils der Frühexpressionisten. Kurator Stefan Kutzenberger: „Das Themenheft Krieg vom November 1912 sieht einen potentiellen Krieg deshalb auch nicht als alles vernichtende Katastrophe, sondern als reinigende Möglichkeit eines Neuanfangs.“

 

„Trotzdem Kunst“ fokussiert auf drei Künstlerpersönlichkeiten, zu denen jeweils ein biografischer Auszug der Kriegsjahre geliefert wird:

Albin Egger-Lienz, der sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, aber schon bald wegen Herzbeschwerden entlassen wurde. Als offizielles Mitglied der Kunstgruppe im k.u.k. Kriegspressequartier malte Egger-Lienz 1916 an der Südfront, später nur mehr im Atelier. Der Krieg wurde zu einem einschneidenden Erlebnis für sein künstlerisches Schaffen, er gilt zurecht als der beeindruckendste Kriegsmaler des 20. Jahrhunderts.

Anton Kolig, der sich bei Kriegsausbruch in Südfrankreich befand und auf eigene Faust über Italien zurückschlug. Ab 1916 als Kriegsmaler an der italienischen Front tätig,wurde er 1917 in das Kriegspressequartier nach Wien versetzt. Doch abgeklärt nach Angst und Not musste er erkennen, dass sich das Ergebnis seiner Arbeit nicht als Propagandakunst eignete.

Egon Schiele, dem Fronterlebnisse zwar erspart blieben, der aber trotzdem am Soldatendasein leidete. „Ich bin nun Soldat und habe die 14 schwersten Tage meines Lebens hinter mir“, schrieb er  während der Ausbildung. Im Zuge seines Militärdienstes malte Schiele Porträts russischer Kriegsgefangener ebenso wie Vorgesetzte. Gegen Ende des Krieges sollte er noch seinen bis dahin größten Erfolg, eine Einzelausstellung im großen Mittelsaal der Secession, erleben, bevor ihn ein halbes Jahr später die Spanische Grippe im Herbst 1918 dahinraffte.

 

Der Ausstellungstitel ist zweifelsohne mehrdeutig zu verstehen. Neben einer Fülle von Antikriegsbildern verweist die Schau in einem (zu) knappen Segment auch auf das propagandistische Wirken des Kriegspressequartiers. Kunst als Propaganda also. Grundsätzlich ist aber festzuhalten, dass der Kunstbetrieb auch während des Krieges nie stillstand. Umfangreiche Ausstellungen wurden organisiert, Aufträge vergeben und Bilderkäufe in die Wege geleitet. Nicht zuletzt sollte dadurch wohl auch die Vitalität der zerfallenden Monarchie unter Beweis gestellt werden. In diesem Zusammenhang unterstreicht Elisabeth Leopold die Bedeutung der Kunst für das Leben der Menschen in Kriegszeiten: „Die bildende Kunst blühte während des Krieges weiterhin, es gab Ausstellungen, Theater, Film und gesellschaftliches Leben. Es schien wichtig, dass neben den Schrecken und Grausamkeiten an den Fronten sowie Hunger und Elend im Land, sozusagen „trotzdem“ ein reiches kulturelles Leben bestand.“

Als herausragendes Ereignis, mit dem sich auch die Präsentation im Leopold Museum ausführlich beschäftigt, ist die „Österreichische Kunstausstellung“ in Stockholm 1917 zu nennen. Von Josef Hoffmann organisiert, wurden damals über 600 Objekte von höchster Qualität gezeigt, die einen beeindruckenden Querschnitt durch das österreichische Kunstschaffen jener Zeit darstellten. Gustav Klimts Meisterwerk „Tod und Leben“, das er 1915/16 nochmals überarbeitete, war in Stockholm ebenso zu sehen, wie Egon Schieles thematisch verwandtes Gemälde „Entschwebung“ (1915). Diese Gegenüberstellung wird im Leopold Museum nachvollzogen.

 

Eine zusätzliche Aufwertung und Bereicherung erfährt die Ausstellung durch den lobenswerten Versuch, Bezüge zum Heute herzustellen. KünstlerInnen aus den ehemaligen Frontstaaten Italien, Rumänien, Russland und Serbien wurden eingeladen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Kurator Ivan Ristic: „Die Ausstellung verzichtet auf belehrende Schlussworte. Stattdessen wird der Versuch unternommen, einen diskursiven Konnex zur Gegenwart herzustellen.“ Besonders beeindruckt die vor Ort entstandene Arbeit der aus Rumänien stammenden Künstlerin Racula Popa, die auf Thomas Manns „Zauberberg“ zurückgreift. „Der Kriegsausbruch als böses Erwachen in einem Niemandsland der Gefühle“ wird in eine Wandzeichnung übertragen. Nicht weniger überzeugend die Fotografien der Italienerin Paola de Pietri, in denen sie die Topographie der karstigen Landschaft rund um den Isonzo erkundet, wo einst die blutigen Schlachten tobten. Schützengräben, Krater und Felsverstecke sind hier wie Narben in die malerische Gegend eingebrannt. Der in Moskau lebende Künstler Dmitry Gutov hingegen stellt Lenins Aussage „Die revolutionäre Klasse kann in einem reaktionären Krieg nicht umhin, die Niederlage ihrer eigenen Regierung zu wünschen.“ in den Mittelpunkt seiner Reflexionen. Der Chronologie der Kriegseintritte folgend, zeigt er diesen Satz in den Sprachen all jener Länder, die am Ersten Weltkrieg beteiligt waren.

 

„Trotzdem Kunst“ ist bis 15. September im Wiener Leopold Museum zu sehen. Der Katalog zur Ausstellung (Brandstätter Verlag) kostet 29,90 €.