Bildende

Venedig - Seemacht, Kunst & Karneval. Rez.: Eva Riebler

Eva Riebler
1600 Jahre Venedig

 
Venedig
Seemacht, Kunst & Karneval
Renaissanceschloss Schallaburg, NÖ
Ausstellungseröffnung: 26.03.2011
Ausstellungsdauer: 26.03 - 06.11.2011

Nicht umsonst wurde am 25.03.2011 von Landeshauptmann Erwin Pröll die von Dr. Matthias Pfaffenbichler kuratierte Ausstellung „Venedig – Seemacht, Kunst und Karneval“ eröffnet. Wurde doch am 25. März 411, zu Zeiten der Völkerwanderung also, Venedig als Rückzugspunkt für viele Völker gegründet. Vor allem Juden siedelten auf den über 100 Inseln und ein Fünftel der Bevölkerung waren Griechen. Daher wurden auch vorzugsweise die Bibelübersetzungen vom Hebräischen ins Griechische oder Lateinische in der Lagunenstadt gedruckt. Die Ansiedlung war immer eine Handelsniederlassung und brach mit ihrer Mutterstadt Konstantinopel bis zum vierten Kreuzzug nicht, um die Handelsbeziehungen nicht aufs Spiel zu setzten. 1204 allerdings eroberten die Venetianer Konstantinopel, die Hauptstadt Byzanz, und brachten reiche Beute nach Hause. Viele Wörter, wie Doge oder Groschen, stammen aus dieser Stadt. Das Amt des Dogen war nicht erblich und durch kluge Rätepolitik hielt sich diese Stadt als Festung und Speerschild gegen die Türken, siegte ruhmreich über diese in der Seeschlacht von Lepanto und hielt die Türken durch Scharmützel auf Kreta vom Hl. Römischen Reich fern. 50 Jahre herrschten die Habsburger über Venedig, da diese die Söldner und Arbeiter schlechter als bisher bezahlten, bedeutete das Unruhen und einen gewissen Niedergang der Lagunenstadt.

 
 
Über 350 Exponate sind zu besichtigen, 80 Prozent der Werke stammen aus Österreich.
Vor allem stellte das Kunsthistorische Museum Wien Leihgaben von Tintoretto, Longhi und Canaletto zur Verfügung.
Wärmstens zu empfehlen sind die Führungen der „Kunstvermittler“, die als Pestdoktoren mit Dreispitz, mit dem „Tabarro“, dem schwarzen Umhang, und mit weißer Halbmaske mit langer spitzer Nase leicht erkenntlich sind. Angenehm aufgelockert und versiert erlebten wir am 26. März die Führung von Mag. Johannes Kritzl.

Anlässlich der Eröffnung wie auch im Mai finden zahlreiche Events und Kinderarrangements im Großen Arkadenhof statt. Italienische Musiker spielen Venezianisches und Folkloristisches. Burleskes Theater und Kindermodenschau, italienische Schmankerl, „Kinder-Gondeln“ oder „Venezianischen Märchen“ von Frederik Mellak stehen auf dem Programm Alberto Madricardo und Giovanni Floreani brachten im Großen Festsaal in Form einer Multi-Media-Show audiovisuelle Eindrücke Venedigs. Liebhaber von Literatur über und aus Venedig können im Museums-Shop fündig werden.

Als Literarische Veranstaltungen gilt es Samstag, den 22. Mai 2011, 11.00 Uhr das bewegte Leben des berühmten Venezianers, Schriftstellers, Abenteurers und Frauenliebhabers Giacomo Casanova, der als Einziger den „Bleikammern“ entkam, beleuchtet von Dr. Gertraud Mühlbach zu besuchen.

LitGes, März 2011

Venedig - Seemacht, Kunst & Karneval. Rez.: Eva Riebler

Von Engeln & Bengeln. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
DIE FRAGE NACH DEM KINDSEIN

 
 

VON ENGELN & BENGELN
400 Jahre Kinder im Porträt
Kunsthalle Krems
Ausstellungseröffnung: 05.03.2011, 11 Uhr
Ausstellung: 06.03.2011 – 03.07.2011
Kurator: Hans-Peter Wipplinger, Nicole Fritz

 

 

 

Ausstellungskatalog:
VON ENGELN und BENGELN
400 Jahre Kinder im Porträt
Hrsg. Hans-Peter Wipplinger
Kunsthalle Krems, 2011. 160 S.
ISBN 978-3-901261-48-0
24.- Euro

 


Und wieder sind die Spots auf die Kunsthalle Krems mit einer epochenübergreifenden Ausstellung gerichtet. Hans-Peter Wipplinger, dessen Anliegen es nicht nur ist, Kultur als Enter- und Infotainment zu sehen, sondern deutlich den Aspekt der Bildung durch Sinnesgenuss wahrnimmt, hat zusammen mit Nicole Fritz eine hervorragende Kuratorenleistung erbracht. Bis Anfang Juli beherbergt die Kunsthalle Krems 400 Jahre Kinderportraits. Dass es dazu eines strikten und konsequent durchgeführten Leitfadens und einer starken Logistik bedurfte, liegt klar auf der Hand.

Die Schau umfasst 140 Gemälde, einige Grafiken, Skulpturen, eine Installation und wenige Videos von rund 50 Leihgebern aus europäischen öffentlichen Institutionen sowie Privatbesitz. Schwerpunkt bilden mehr als 30 spanische, flämische, englische und französische Alte Meister, die aus der Fundación Yannick y Ben Jakober aus dem Sa Bassa Blanca Museum auf Mallorca stammen. www.fundacionjakober.org

Die Stiftung Jakober verfolgt das Ziel, das Lebenswerk und die Kunstsammlung des Ehepaars Marie-Claire Yannick und Ben Jakober zu Bildungszwecken der Öffentlichkeit, besonders aber Kindern, zugänglich zu machen. Auf der Homepage der Stiftung erfährt man, dass die Kindergemäldesammlung alleine mehr als 150 Porträts aus dem 16. – 19. Jahrhundert umfasst und zu einem Teil als historisches Kulturerbe deklariert wurde. Für die Besucher sind laufend ca. 50 Werke in einem ehemaligen unterirdischen Wasserreservoir ausgestellt. Die anderen Kinderporträts befinden sich abwechselnd auf Reisen. Erstmals sind im Zuge der über vier Jahrhunderte übergreifenden Ausstellung, Werke dieser Stiftung in Österreich zu sehen. Für das Paar stellte sich zunächst die dringliche Frage, ob denn ihre Kinder auch mit den anderen Kindern spielen wollen? (Zitat: Ben Jakober). Schließlich waren ihre Kinder schon in vielen Ländern, aber blieben immer unter sich. Sie seien mit dem Resultat jedoch sehr zufrieden, beteuerte Ben Jakober bei der Pressekonferenz im Bistro Grasl & Salomon in der Kunsthalle am 03.03.2011, 10.30 Uhr.

Die Ausstellung geht vom Beginn des Kindheitsbegriffs der Renaissance und dem darauf folgenden Zeitalter der Aufklärung aus, sowie sie bereits die Philosophen John Locke (1632-1704), Jean-Jacques Rousseau (1717-1778) und Johann Heinrich Pestallozzi (1746-1827) vertraten. Vorwiegend konzentriert sich das Kinderportrait auf Abbildungen von Kindern bis 14 Jahre. Wichtig war den beiden Kuratoren, dass in diesem Dialog über Kulturgeschichte des Kinderportraits, die des (übermächtigen) Aberglaubens mit eingeflossen ist.

Abgesehen von der Darstellung des kindlichen Jesusknaben und der Puten sowie zu immer weiter zum Realismus tendierenden christlichen Künstlern wie Lucas Cranach, beginnt die Geschichte des Kinderportraits im höfischen Bereich.

Die Schau ist daher in folgende chronologische Aspekte unterteilt: das fürstliche Kinderbildnis, der Einfluss der niederländischen Genremalerei, die Romantik, das Biedermeier und die Moderne. Damit wird gezeigt, dass Kinderbildnisse im historischen Kontext und in Bezug auf politisch-gesellschaftliche und soziale Konstellationen gesehen werden müssen.

 
Francisco Ignacio Ruiz
de la Iglesia zugeschrieben

Spanische Schule:
Portait der Infantin Margarita Theresa von Spanien,
um 1665. Stiftung Jakober
 
 
Sir Thomas Lawrence:
Maria isabella als Kind,
Ende 18 Jh.
Kunsthistorisches
Museum Wien
 
 
Lovis Corinth:
Stehender nackter Knabe,
1905. Privatbesitz
 
War in den fürstlichen Kinderbildnissen das Kind nicht als Kind wahrgenommen, sondern als kleiner Erwachsener bzw. als zukünftiger Repräsentant der Dynastien, so galt das Bildnis ausgestattet mit vielen Symbolen, die die Reinheit, Keuschheit, Tapferkeit etc. nicht zuletzt auch den Reichtum des Adelsgeschlechtes als Werbeträger für zukünftige Heiraten widerspiegelten und damit zur Sicherstellung oder auch Erweiterung der Machtposition dienten. Prägnant sind hier Gemälde, die aus der deutschen und flämischen Schule stammen. Im 17. Jahrhundert änderte sich das Portrait durch das aufstrebende Bürgertum als Auftraggeber, es bekam eine natürlichere Note und fungierte bereits als erste Erinnerungsquelle. Interessant ist, dass sich die Entwicklung geographisch in den Südwesten verlagerte und die französische, spanische und auch venezianische Schule eine Vorreiterrolle spielten. Durch das Zeitalter der Aufklärung wurden Kinder erstmals als selbstständige Individuen wahrgenommen. Die Kindheit als Entwicklungsstufe anzuerkennen, brachte auch eine radikale Änderung im Kinderportrait mit sich, der eine Emotionalisierung und Intimisierung vorausging, wie man sie auch von Kinderbüsten und Grabmälern verstorbener Kinder kennt. Nach und nach breitete sich eine verklärte romantisierte Sicht eines idealisierten Nachwuchses besonders in der britischen Portraittradition aus, die wiederum Vorbild für die österreichischen Biedermeiermaler war. Im 19. Jahrhundert wurde nach der 1774 von Erzherzogin und Königin Maria Theresia eingeführten sechsjährigen Unterrichtspflicht, diese auf acht Jahre gehoben und mit dem Reichsvolksschulgesetz der Kirche die Bildungsaufsicht entzogen und dem Staat übertragen. Die Veränderung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse durch die Industrielle Revolution brachte jedoch eine Verstärkung der Kinderarbeit mit sich. Fortan standen Milieuschilderungen schwacher, armer und verwaister den Darstellungen gut behüteter und gebildeter Kinder gegenüber, wie man es an Leihgaben von Käthe Kollwitz, Johann Gualbert Raffalt, Max Liebermann und Johann Matthias Ranftl beobachten kann (Kat. S. 108-111). Diese waren jedoch nicht Kritik an die Gesellschaft, sondern appellierten an das Mitgefühl. Mit der Erfindung der Fotografie veränderte sich der Anspruch an die Bildende Kunst, naturgetreue Abbildungen zu schaffen. Beispiele hierfür liefert die Ausstellung mit Exemplaren von Paula Modersohn-Becker und einen sehr malerisch aufgelösten „stehenden nackten Knaben (1905) von Lovis Corinth (Kat. S. 114). Auch interessierte man sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts für das Seelenleben, auch für das des Kindes. Hierfür stehen Werke von Oskar Kokoschka (Kat. S. 117), Kees van Dongen, Arnold Schönberg, Max Oppenheimer und Emil Nolde Pate.

Die kindliche schöpferische Fähigkeit wurde von Künstlern wie Picasso wahrgenommen und als authentisch eingestuft, les beaux arts - die Schönen Künste - galten als kraftlos und tot. Die verklärte Verbreitung einer heilen Kindheit wird heute nur mehr in der Medienwelt proklamiert. Die Kunst der Gegenwart durchbricht jedoch dieses Klischee. Teilweise wird auf das kulturelle Gedächtnis verwiesen und feste Strukturen unter deren Kinder beeinflusst werden, hinterfragt.

Das „Kind im Gras (1930) von Christian Schad verdient eine besondere Aufmerksamkeit (Kat. S. 122). Christian Schad, der u.a. mit Otto Dix und George Grosz zu den deutschen Malern der Neuen Sachlichkeit zählte, galt auch als einer der wichtigsten Vertreter des Verismus, eine spartenübergreifenden Strömung, die sich durch exakte Beschreibung der sozialen Kritik widmete. Das Kind sitzt in der natürlicher Haltung eines Kleinkindes mit gespreizten Beinen frontal dem Betrachter zugewandt im hohen Gras. Sein Kopf richtet sich nach rechts oben, sein Blick schweift

 
Christian Schad:
Kind im Gras, 1930.
Privatbesitz
 
außerhalb des Bildes ins Leere. Es trägt ein leichtes, ärmelloses, weißes Hemdchen, welches sich konisch nach unten öffnet. Seine Händchen sind in Bauchhöhe gefaltet und halten eine Margerite. Die unschuldige Scham des Kindes ist von den Gräsern überdeckt. Unwillkürlich schafft es Schad den Betrachter in eine verstrickte Lage zu bringen, denn obwohl das Wichtige an diesem Bild der geradezu liebliche Kopf des Kindleins ist, rutscht unser Blick immer wieder runter zu seiner verborgenen Scham. Unweigerlich wird man sich der Frage gewahr, warum das Geschlecht des Kindes zur wesentlichen Bedeutung wird. Ein höchst unangenehmes Bild und in dieser Schau das brisanteste, es sei denn, man verdrängt es von vornherein. Gleich daneben ein ähnlich unangenehmes Bildnis eines Knaben „Adair (2006) des Briten Richard Wathen (Kat. S. 123). Der Torso des Knaben steht vor dunkelviolettem (?), fast schwarzem Hintergrund. Er ist mozärtlich mit grasgrüner Jacke und zinnoberroter Schleife gekleidet, sein puppenhaftes Gesicht ist so weiß wie sein lockiges Haar, das vermutlich hinten zu einem Zöpfchen zusammengebunden ist, in den Händen trägt er einen knuddeligen Dürerhasen mit grauen Fell. Beide, Hase und Knabe, sehen den Betrachter direkt an. Der Blick des Hasen ist warm, während der des Kindes mit seinen blitzblauen Augen uns kalt durchdringt. Die aalglatte Pinselführung Wathens gibt dem Ganzen die zusätzlich abstoßende Künstlichkeit wieder. Fazit: Ein Kind ist nun mal kein Plüschtier!

Mit dem Aufkommen der Kontextkunst und der Appropriation-Art in der 1980er und 90er Jahren befassten sich Künstler einerseits kritisch mit dem Hintergrund und den Bedingungen des historischen Kinderportraits, oder kopierten andererseits Werke Alter Meister und „legten damit neue Sinnschichten frei. Neue Techniken generieren neue Darstellungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt durch die digitale Technologie werden neue Möglichkeiten frei. Eine spannende kunstgeschichtliche Entwicklung, alleine durch die Gentechnik und Biogenetik, steht uns thematisch bevor.

Wipplinger und Fritz haben sich jedoch in der Aufhängung der Werke nicht alleine auf die Chronologie des Entstehungsjahres der einzelnen Bilder beschränkt. In jedem epochalen Abschnitt bringen die beiden Kuratoren ein Werk der Moderne als Kontrast zu den Alten Meistern ein. So beginnt die Ausstellung gleich im Gangbereich mit der 2:34 Minuten lang dauernden Videoinstallation „Children’s Crusade“ von Markus Schinwald aus dem Jahr 2004. Dabei handelt es sich um die Verfilmung eines Kreuzzugs einer ganzen Kinderschar, die im Stil der 40er Jahre gekleidet sind und durch Wien eine Figur verfolgen, die einer übergroßen erwachsenen männlichen Marionette gleicht. Farblich ist das Video eines ausgebleichten Farbfilms angepasst.

Im Oberlichtraum werden die Besucher mit fürstlichen Kinderportraits konfrontiert. Ihnen steht eine Holzskulptur „Ich, als Kind“ (1997) von Karin Frank gegenüber. Die Künstlerin, die als Kind die Strumpfhose als störendes Kleidungsstück empfand, bringt dieses Gefühl mit ihrer ca. 90 cm hohen und somit lebensgroßen, grob geschnitzten, weiblichen Kleinkindplastik, die eine echte rote Wollstrumpfhose trägt unmissverständlich zum Ausdruck. Auch die „Kindergruppe“ (2008) von Simon Schubert verfehlt ihre Wirkung nicht. Hierbei handelt es sich um drei in weißgekleidete identische Mädchen mit langen schwarzen glatten Haaren im Volksschulalter, die sich die Hand halten und fertig für eine Ringelreihe zueinander stehen. Sie sind etwas über einen Meter groß und aus Mixed Media hergestellt. Erst bei genauer Betrachtung wird man sich der ausgeübten Irritation bewusst: Die Mädchen haben kein Gesicht, die Haare überdecken rundum ihre Köpfe, Kinder als anonyme Wesen ohne Persönlichkeit, so stehen sie da. Fast wäre der Betrachter in die Falle getappt, wäre er an ihnen wie im alltäglichen Leben vorbei gegangen, fast. Von der Wand blickt die fürstliche Brut, eingezwängt in ihren feinen und teuren Brokatgewändern, und obwohl diese Kinder ein Gesicht haben, bleiben sie genauso anonym wie Schuberts Mädchengruppe, erschlagen vom Pomp und dem Schrei nach Macht ihrer Eltern. Zwischen den Kunstwerken lockern Vitrinen, durchgehend mit Spielzeugen und Kinder-Accessoires großteils anonymer Künstler geschmückt, die Schau auf. So werden zwei Radschlossbüchsen für Kinder aus dem 17. Jahrhundert des Büchsenmachers Hans Schmidt das aus Lego nachgebaute Sturmgewehr G11 von Heckler & Koch (2000) des Künstlers Manfred Erjautz gegenüber gestellt. Im ersten Stock findet man in einer Vitrine die extrem beängstigende Stachelkugel. „Sie symbolisierte Gebärmutter, Geburt und Frauenleiden. Es wird angenommen, dass die stachelige Schale der Edelkastanie mit der darin eingebetteten Frucht das Vorbild für die Stachelkugel als Gebildvotiv darstellte.“ (Zitat: www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_8557.html) Das Votiv als Rettung in einer Notlage generell aber besonders dieses gefährlich, stachelige Objekt bezeugt den immensen Aberglauben, dem die Menschen immer wieder anheim fallen. Natürlich fehlt auch die berühmte Fraisenkette nicht, die gegen den spontanen Kindstod in der Wiege helfen sollte. Auch fehlen Antiquitäten wie Kinderrasseln, ein Kinderspielaltar als Vorreiter der Küchenpuppe, ein Puppenwagen, ein Kinderhochsitz und Kindersitzschreibtisch aus dem frühen 20. Jahrhundert nicht. Ein Kindermieder und sogar ein Knaben-Kostümharnisch von Kaiser Karl V (1511/12) zeugen vom Stellenwert des Kindes jener Zeiten.

 
Ged Quinn:
Country Girl, 2010.
Privatbesitz

Foto: http://www.artslant.com/sf/works/show/309034
 
 
Martin Honert: Foto, 1993.
Sammlung Landesbank Baden-Württenberg, Stuttgart.
Foto:
http://en.wikipedia.org/wiki/Martin_Honert
 
 
Einen besonderen Widerpart bildet das Ölgemälde von Ged Quinn mit dem Titel „Country Girl“ (2010). Der 1963 in Liverpool geborene britische Künstler erzielt mittlerweile mit seinen in altmeisterlicher Manier gemalten allegorischen Werken hohe Preise auf dem internationalen Kunstmarkt. Das abgebildete fürstlich gekleidete Mädchen steht in einer Höhle vor einer romantisierten Landschaft à la Caspar David Friedrich und trägt einen wie es auf Werbeplakaten und Streetart üblichen nachträglich aufgemalten Hitlerbart auf der Oberlippe, auf ihrem rechten Unterarm ist ein Wort-Tattoo lesbar: Regicide, welches nichts anderes bedeutet als Königsmord.

Am einprägsamsten ist wohl Martin Honerts Installation aus Holz und Epoxidharz gefasste Figur mit Stuhl und Tisch in Naturgröße mit dem Titel „Foto“ (1993). Maßstabgetreu sitzt ein kleiner Junge verloren auf einem Sessel alleine am nackten Esstisch, der eine für die 60er und 70er Jahre typische gemusterte Plastikdecke vermeintlich übergeworfen hat. Das Werk offenbart nicht nur die Einsamkeit und somit die Trostlosigkeit der Kindheit, sondern schafft es auch aus der Dreidimensionalität eine Zweidimensionalität zu erzeugen, also von einer Installation den Eindruck eines Fotos zu vermitteln. Ein brillantes Werk!

Diese Installation diente auch als Cover des jüngst erschienenen Buches „Auch Deutsche unter den Opfern“ von Benjamin von Stuckrad-Barre (Verlag Kiepenheuer & Witsch), der als deutscher Journalist und Autor der Popliteratur die Medienwirklichkeit und Probleme des jüngeren Publikums zwischen Markenwelt und Selbstfindung thematisiert (Quelle: Wikipedia)

Eine ausgezeichnete durchkomponierte Ausstellung, vieles bleibt in dieser Rezension leider unerwähnt …
Die Neugierde kann nur über einen Besuch gestillt werden!

Noch kurz zum Katalog:

Der Katalog ist eine gute Ergänzung, bietet aber nur einen kleinen Trost, falls man es bis zum 03. Juli in die Kunsthalle Krems nicht geschafft hat. Leider sind nicht alle ausgestellten Exponate abgebildet, wohl aber ist ein komplettes Ausstellungsverzeichnis am Ende des Katalogs zu finden. Einige Werke sind mit Erläuterungen verschiedener Autoren versehen. Aufschlussreich sind die gesamten Beiträge: Hans-Peter Wipplinger führt in „eine kleine Geschichte der Kindheit“ ein, Yannick Vu (von der Stiftung Jakober) erläutert liebevoll die „Kinderbildnisse vom 16. bis zum 19 Jahrhundert“, Susanne Längle geht detailliert auf die „Bildnisse aristokratischer Sprösslinge des 16. und 17. Jahrhunderts“ ein, Nicole Fritz nimmt die „Kinderporträts in der Gegenwart“ ins Visier. Ein netter Einfall ist, dass man zwischen zwei Cover wählen kann: Entscheiden Sie, ob Sie einen Engel oder einen Bengel auf der Vorderseite des Katalogs haben wollen.

LitGes, März 2011

Von Engeln & Bengeln. Rez.: Ingrid Reichel

Der Blaue Reiter. Rez.: Eva Riebler

Eva Riebler
Das Pferd als Akt

 
Der Blaue Reiter
Zeichnungen und Aquarelle aus dem Lenbachhaus und der Albertina
Albertina, Wien
Ausstellungseröffnung: 03.02.2011
Ausstellung: 04.02.2011 – 15.05.2011
19.06.2010 - 26.09. 2010: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Die Albertina zeigt Werke aus der eigenen Sammlung sowie Leihgaben aus dem Lenbachhaus München vor wiegend aus der legendären zweiten Ausstellung des Blauen Reiters von 1912. Präsentiert werden Werke, vor allem Linolschnitte (vorwiegend von August Macke), Holzschnitte (Campendonk, Franz Marc), Zeichnungen, Tusche, Tinte, Tempera- oder Aquarell-Bilder sowie zahlreiche Bleistiftzeichnungen und einige wenige Öl-Bilder oder Kohlezeichnungen in kleinen Formaten. Die 265 Bilder sind individuell gerahmt und nach Künstlerpersönlichkeiten gehängt. Als Plakat diente das bekannte Tier-Bild von Franz Marc: Rotes und Blaues Pferd (1912), das vielleicht fälschlich die Assoziation erweckt, die Farbgebung und der expressionistischer Stil seien repräsentativ für. die Schau. Sie ist mit Werken von Bloch, Campendonk, Delaunay, Jawlensky, Kahler, Kandinsky, Klee, Kubin, Lasker-Schüler, Macke, Marc, Münter, Sacharoff, dem Ehepaar Schiemann, Werefkin so umfangreich und international gut aufgestellt, dass Künstler wie Arp, Malewitsch oder Nolde, die ebenfalls 1912 bei der zweiten Ausstellung Der Blauen Reiter dabei waren, nicht vertreten sind. Die beiden Ausstellungen 1911 und 1912 zeigten damals keinen Zusammenschluss einer festen Gruppe unter einem bestimmten Motto oder Programm, sondern lose zusammengewürfelte Vertreter der repräsentativen Kunst dieser Zeit aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Böhmen und vor allem aus Russland. Der Ausbruch des II. Weltkrieges zerstörte dann weitere gemeinsame Ambitionen und zerriss sogar Künstlerpaare wie Münter und Kandinsky oder die junge Familie Macke durch den Tod von August Macke 1914. Auch Franz Marc, der mit Kandinsky den Almanachen herausgab und Gründungsmitglied des Blauen Reiters war, fiel im Feld.

Besonders interessant an der Albertina-Ausstellung ist die Abfolge der 10 verschiedenen Entwürfe Wassily Kandinskys für den Umschlag des Almanachs Der Blaue Reiter sowie seine frühen Russischen Gouachen von 1901 bis 1907. Kaum bekannt und daher besonders beachtenswert sind die naiven Lithographien der als Literatin berühmten Else Lasker-Schüler, die sie zur Illustration des 1923 erschienenen Buches Theben verwendete, und genauso selten zu sehen, sind die einfachen Aquarelle von Elsa Schiemann und die farbenfrohen Gouachen von Marianne Werefkin.

Katalog anlässlich der Ausstellung:

 
Der Blaue Reiter
Ein Tanz in Farben
Zeichnungen, Aquarelle und Druckgraphiken aus dem Lenbachhaus
Hg. Helmut Friedel, Annegret Hoberg
München: Hirmer Verlag, 2010. 368 S.
277 Abbildungen

ISBN 978-3-7774-2851-2 (dt.)
ISBN 978-3-7774-3271-7 (engl.)
51,30.- Euro

Im Vorwort geben die beiden Kuratoren Helmut Friedel, Direktor des Lenbachhauses, und Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, zu recht die Auffassung kund, dass den graphischen Arbeiten auch heute noch besondere Beachtung zukommt. Durch den Umbau des Lenbachhauses und wegen der Dauerleihgaben der Sammlung Batliner und Forberg an die Albertina wurde diese bedeutende Schau der Werke der Blauen Reiter-Künstler in diesem Umfang erst ermöglicht. Im Gegenzug wird die Albertina Werke Egon Schieles im Herbst 2011 an die Galerie im Lenbachhaus verleihen.

Wie durch die Kooperation von Kandinsky und Marc die Ausstellungen Der Blaue Reiter nach München, in Frankfurt, Mannheim und Köln angeboten wurde, so wurde durch die Kooperation von Friedel und Schröder diese Schau in München und Wien ausgerichtet.

16 Künstler des Blauen Reiters fanden mit ihrer kurz gefassten, jedoch das Wesentliche wie das Aussagekräftigste enthaltenden Biografien und der Präsentation ihrer Werke Eingang in diesen Katalog. Spannend und informativ liest sich die jeweilige biographische Aufbereitung, angereichert um eine Werkinformation oder einen hilfreichen Werkvergleich.

Nicht nur die notwendige Werkliste, die Bibliographien und Abbildungsnachweise sind vollständig angeführt, auch drei Essays bringen Information zur z.B. 2. Ausstellung Der Blaue Reiter. Schwarz-Weiss (Annegret Hoberg). Sehr lebhaft und interessant liest sich die Schilderung des Zusammenfindens der Blauen Reiter-Künstler sowie der Briefwechsel zwischen Wassily Kandinsky und Franz Marc über ihren Disput über die Motive und die Qualität der Berliner-Künstler. Sie wollten eine internationale Ausstellung vorbereiten und waren glücklich, über Kontakte zu Schweizer Künstlern, die nach den französischen, russischen oder deutschen Malern noch in ihrer Sammlung fehlten.

Die weiteren beiden Essays sind von Karin Althaus und sind betitelt: „Die Malerei alleine genügt uns nicht“ und: Druckgraphik, Klischees und Künstlerbücher des Blauern Reiters. Über Ausdrucksmöglichkeiten und Techniken, über den Almanach Der Blaue Reiter und sein Entstehen, über den Galeristen Herwarth Walden als Pionier des Kunstbetriebes, über die europäische Avantgarde und die programmatische Konzeption der Brücke-Künstler oder der Blauen Reiter-Mitglieder, sowie über das naturgemäße Auseinanderdriften der losen Künstlergruppierung durch ihre Herkunft und Nationalität zur Zeit des Ausbruches des II. Weltkrieges geht die Spannbreite dieser informativen Artikel.

Ein umfassender, großartiger Katalog, der nicht nur Faszination und Wissen vermittelt, sondern auch kleinen und kleinsten graphischen Blättern in hervorragender Reproduktion Beachtung gibt.

LitGes, Februar 2011

Der Blaue Reiter. Rez.: Eva Riebler

Any day now: Mathilde ter Heijne. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
SCHEINFEMINISMUS

 
 
ANY DAY NOW
Mathilde ter heijne
Lentos Kunstmuseum Linz
Kuratorin: Harriet Zilch (Kunsthalle Nürnberg, Stella Rollig (Lentos)
Eröffnung: 20.01.2010, 20.00 Uhr
Ausstellung: 21.01.2010 - 27.03.2011

Ausstellungskatalog:
ANY DAY NOW - Mathilde ter Heijne
Hg. Kunsthalle Nürnberg im KunstKulturQuartier und Lentos Kunstmuseum Linz
Nürnberg: Verlag für Moderne Kunst, 2010. 104 S.
Zweisprachig: Englisch/ Deutsch
ISBN 978-3-86984-130-4
24.- Euro

Nach der Kunsthalle Nürnberg im Herbst 2010 zeigt nun das Lentos einen Überblick der Arbeiten der 1969 in Strasbourg geborenen und in Berlin lebenden Niederländerin Mathilde ter Heijne.

Ter Heijne erweist sich als Künstlerin der Moderne, denn um ihr Werk sind viele Menschen beschäftigt: Kameramann, Fotograf, eine Firma, die speziell Crashpuppen erzeugt, Sprecher, Tontechniker und viele mehr. Trotz Aufteilung in zwei Räume vermitteln Skulpturen in Form von Crashpuppen, Videos, Fotografien und Objektkunst den Eindruck einer Gesamtinstallation. Seit mehr als 10 Jahren beschäftigt sich ter Heijne mit den Perspektiven der Frau, recherchiert über Lebensformen außerhalb des Patriarchats. In Südwest-China ist sie fündig geworden und besuchte 2007 die Mosuo, eine ethnische Minderheit mit tibetobirmanischer Sprache, die laut chinesischer Klassifikation dem Volk der Naxi zugerechnet wird, sich jedoch selbst als eigenständige Ethnie sieht.

 
Mathilde ter Heijne: Rekonstruktion Mosuo Haus  
Mosuo kennen kein Privateigentum, sie produzieren als Bauern, das, was sie zum Leben benötigen und betreiben vorwiegend Tauschwirtschaft. Für ter Heijne sind die Mosuo deshalb interessant, weil sie für ihre uterine Deszendenz bekannt sind. Hier ist die Frau Haushaltungsvorstand und bestimmt auch zeitlich ihre Nachfolgerin. Außerdem gibt es keine Ehe zwischen Mann und Frau, das Zusammenleben eines Paares sehen sie prinzipiell als Gefährdung der Familie. Die Mosuo leben freie gegengeschlechtliche Beziehungen in Form einer Besuchsehe, auch walking oder visiting marriage genannt. Die Kinder aus diesen Beziehungen bleiben bei der Mutter. Nur Frauen im gebärfähigen Alter bekommen ein Einzelzimmer, ansonsten schlafen mehrere Generationen mütterlicher Abstammung in einem Gemeinschaftsraum. Dennoch kann nicht von Promiskuität die Rede sein, denn nur wenige Frauen haben zur gleichen Zeit mehrere Geliebte (Blumenfield, Tami. The Na of Southwest China: Debunking the Myths. 2009). Ter Heijne weist wohl auf den eigenartigen Sextourismus, der sich außerhalb der Dörfer in der Region seit einigen Jahren etablierte, hin, der allerdings mit den Mosuo selbst nichts zu tun hat. Es ist das männliche Unverständnis aus anderen Kulturkreisen und die Hoffnung auf freien Sex, der die Männer kommen ließ. Prostituierte haben sich auf Grund der hohen Nachfrage angesiedelt. Die Frage nach den Prostituierten und woher diese kommen, wurde nicht gestellt oder verfolgt.

Mehr geht ter Heijne jedoch nicht auf die sozialpolitische Struktur der Mosuo ein. Für sie ist es ein Modell des Matriarchats, vergisst dabei, den politischen Sachverhalt dieser Ethnie zu berücksichtigen, da die Frauen zwar nach Innen das Sagen haben und eine starke ökonomische Rolle spielen, aber nach Außen die Männer sehr wohl die politische Stellung einnehmen. Ter Heijne bezieht auch nicht den gesellschaftlichen Kontext in ihrer Recherche mit ein, nämlich durch die ständig erweiterte Modernisierung der Infrastruktur, sehr wohl Mosuo nun in Städte arbeiten gehen, Geld verdienen, sich mit anderen Kulturen beginnen zu vermischen und dadurch die Grundlage des Modells gefährdet ist. Aspekte bezüglich des Sextourismus wie die massive Bedrohung durch Geschlechtskrankheiten bis hin zu Aids, der die Gruppe exponiert ist, fehlen. Der dritte Punkt, den Heijne nicht anspricht, ist das fehlende Bildungssystem.

So steht man einer romantisierten Version dieses archaischen Systems gegenüber, das ter Heijne als erfolgreiches Modell friedlicher Koexistenz beider Geschlechter sieht, da es ohne häusliche Gewalt, Neid und Eifersucht auskäme. Das hervorgehobene freie Sexualleben in ter Heijnes Erläuterungen cachiert mitunter die strenge Hierarchie und die strikten Regeln denen dieses matrilineare System obliegt.
Constructing Matriarchy ist ein HD Video von 12 Minuten aus dem Jahr 2007 und zeigt Mosuo Männer und Frauen beim Bau eines Zumu-Hauses.
Mit der Rekonstruktion eines Teils eines Mosuo Hauses, dem Zumu (Gemeinschaftsraum) samt der Feuerstelle, versucht die Künstlerin einen Teil der Lebensform der Familiengemeinschaft Qiau Zi dem Betrachter zu vermitteln. „Die beiden Säulen, die das Dach des Zumu tragen, sind aus einem einzigen Holzstamm angefertigt und versinnbildlichen die Gleichstellung von Männern und Frauen“, steht in der Beschreibung zu Installation.
Im Haus wird das Hörspiel „Further than we’ve gone (2009), welches sich Ausstellungsbesucher über Kopfhörer anhören können, übertragen. Während ihrer Reise zu den Mosuo sieht sich ter Heijne als Zeitreisende und vermengt das Archaische der Mosuo mit vier feministischen Science-Fiction Romanen [1].

Ein Comic-Heft in Englisch liegt zur freien Entnahme auf der Bank vor dem Eingang zum Zumu und trägt den Titel „The empire of women – not a fairy tale” in dem Sitten und Bräuche der Mosuo veranschaulicht dargestellt werden. Dabei erwähnt ter Heijne auf der zweiten Seite des Heftes, dass ihr Projekt lediglich, die Absicht ein matriarchalisches Haus zu kaufen, birgt: „I am anxious to find out what daily life in a matriarchy looks like and whether my project, to buy a matriarchal house, could become reality.“ Dass das Projekt scheitern musste, war alleine schon wegen der strengen Auflagen der Ausfuhrgenehmigung kultureller Güter vorprogrammiert. Ter Heijne zeigt sich hier naiv. Sie vertraute einer ihr zugeteilten Projektleiterin, berichtet sie während der Pressekonferenz. Diese erfüllte auch die Formalitäten, das Haus wurde tatsächlich einer Mosuo Familie abgekauft, dieses abgebaut und abtransportiert, nur verschwand es dann ins Niemandsland und wurde nie wieder gesichtet. Daher haben wir es hier auch mit einer Rekonstruktion und nicht mit einem Original zu tun.

Der Nebenraum des rekonstruierten Mosuo Hauses dient der Verehrung der Vorahnen, speziell hier der Ahnfrau: Foremother Worship, 2007, womit Heijne auf die patriarchalischen Züge in der englischen Sprache verweist, da es den Begriff Foremother nicht wirklich gibt. Die Bezeichnung forefather als Urahn ist jedoch durch das Wort father (Vater) männlich determiniert. Die in Bronze gegossene Ahnfrau sitzt in ihrer Mosuo-Tracht auf einer Bank und singt ein Liebeslied.

Hier sei zu erwähnen, dass Heijnes lebensgroße Puppen alle mit Lautsprecher und Tonspuren versehen sind. Jede trägt Heijnes Gesichtszüge und das Abbild ihrer Hände. Mit Ausnahme der Mosuo-Foremother sind diese Dummys alle aus verschiedenen Materialien zusammengestellt. So sind die Hände und der Kopf wie bei einer Schaufensterpuppe hart, die Beine jedoch aus Stoffmaterial. Die Haare sind alle ausnahmslos echtes Haar. Mit diesen Soundskulpturen schlüpft ter Heijne in verschiedenste Rollen, nach dem Motto: eine für alle, alle für eine. Die stetig wachsende Serie trägt den Titel Fake Female Artist Life, kurz F.F.A.L. (Imitation eines weiblichen Künstlerlebens). Hier im Lentos werden Dummys gezeigt, die Protagonistinnen oder Nebenfiguren verschiedener literarischer Werke darstellen, ihren Namen tragen und dementsprechend gekleidet wurden [2]. Die Figuren interagieren zeitversetzt und geben Bruchstücke von Dialogen wieder, die auch abrupt mitten im Satz abbrechen. Ter Heijne nimmt weder Bezug zu den gewählten Autoren oder zu den Rollen noch zu der Textauswahl. Vielmehr sieht sie die lose aneinander gereihten an der Wand entlang stehenden oder auch im Raum sitzenden Figuren dieser Installation als Soundkomposition. Die Intension der Installation F.F.A.L. ist jedoch nicht nachvollziehbar. Man erwartet sich eine tiefgründigere Auseinandersetzung mit den Werken, dies wiederum würde den Rahmen der Schau sprengen. Ter Heijne initialisiert mit dieser Soundinstallation keine Assoziation beim Betrachter und Zuhörer. Der Aufwand der ausgesuchten Werke, die Autoren, die Textpassagen, die verschobenen Soundinteraktion ergeben schlichtweg keinen Sinn und verursachen eher eine Überforderung derer, die gekommen sind, um ter Heijnes Anliegen zu verstehen und nachzuempfinden.

 
Mathilde ter Heijne:
Unknown Women
 
Die noch neue Fotoinstallation Unknown Women aus dem Jahr 2010 beschäftigt sich mit Frauenportraits von Beginn der Fotografie bis 1920. Ter Heijne sammelte hiefür über Jahre über die ganze Welt verstreut auf Flohmärkten und Antiquariaten. Über die Biografien der einzelnen Frauen ist demzufolge nichts bekannt. Es sind jene Fotografien, die gutbürgerliche Haushalte einem Fotografen in Auftrag gaben und zu gewissen Anlässen sich leisteten, später jedoch in Nachlässen verloren gingen und im Trödelladen, wenn sie Glück hatten, wieder zum Vorschein kamen. Durch diese Arbeit will ter Heijne auf die fehlende individuelle und gesellschaftliche Identität von Frauen hinweisen und diese als Mechanismen einseitiger Geschichtsschreibung thematisieren. Doch auch hier schießt ter Heijne ins Leere. Denn genauso viele Fotos gibt es auch von Männern oder von Paaren, vordergründig Hochzeitspaaren, die anonym blieben. Daher sind dieses Fotografien weder ein Beweis für die mangelnde Identität der Frauen der damaligen Zeit, noch für ihre Unterdrückung.

Im Gegensatz dazu ist im Katalog Mathilde ter Heijne. It’s me, it’s not me. (Hatje Cantz Verlag, 2008) auf S. 71 ff eine Fotoinstallation „Women to go“, 2006-2007 der Künstlerin zu sehen, wo sie Karten mit Fotografien bekannter Frauen, ebenfalls aus der Wende zum 20. Jahrhundert, auf Postkartenständer zusammenstellt und den Besucher auffordert sie mitzunehmen. Zeugnis davon also abgeben, dass Anonymität nicht nur weiblichen Geschlechts ist, auch wenn das Verhältnis zum Bekanntheitsgrad der Männer gering war.

 
Mathilde ter Heijne: Send it back to where it comes from.  
Das nächste Installationsobjekt in der Schau im Lentos ist eine beeindruckende große Metallschale mit großen dunkelroten Kerzen: Send it back to where it came from, 2010. Jede Kerze ist mit einem Schlagwort beschriftet wie misogyn, racism, repression, sexism … die dickste und höchste Kerze in der Mitte ist mit patriarchy gekennzeichnet. Auf der rechten Seite der Schale steht eine Metallbox mit einem Schlitz, ähnlich wie wir es aus der Kirche für Spenden kennen. Für 5.- oder 3.- Euro kann man sich eine Kerze aus dem Behälter daneben nehmen und selbst Begriffe dorthin zurückschicken, wo sie herkamen. Hier muss man kritisieren, ob für Frauen, nicht eher der Rassismus als das Patriarchat das größere Übel für die Menschheit darstellt. Es ist ein kindliches Gemüt, welches ter Heijne hier zur Schau stellt, mit der sich vielleicht viele Frauen identifizieren können, die ihnen jedoch nicht zur Gleichberechtigung verhelfen. Wie sollen wir Abstrakta wie Rassismus zu einem konkreten Ort schicken? Dies geht gefährlich in die Richtung des leider allzu verweiblichten Aber- und Irrglaubens.

 
Mathilde ter Heijne: Small things end, great things endure.  
Letzte Station von any day now ist eine Videoinstallation aus dem Jahr 2001: Small things end, great things endure. Damit möchte die Künstlerin die kollektive Schuld an politischen Verbrechen thematisieren. Auf der Leinwand zu sehen, ist Mathilde ter Heijne, die in Flammen aufgeht. Laut Beschreibung verkörpert sie hier Gesine Cresspahl, Protagonistin des Romans Jahrestage - Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, des vierbändigen Hauptwerkes (1970-1983) des deutschen Autors von Uwe Johnson, die beschließt nach der Selbstverbrennung ihrer Mutter, die dadurch die Reichskristallnacht sühnen wollte, sich gleichfalls derart von dem Gefühl der Mitschuld am Vietnamkrieg zu befreien. In einer Tonspur werden Vergangenheit und Gegenwart - Lisbeth und Gesine – zusammengefügt. Hier gewinnt die Intension der Künstlerin einen magischen rituellen Touch: eine weibliche Opferrolle mit der sich eine moderne Frau heute nicht mehr identifizieren möchte. Auch geht hier nicht hervor, um welche Art der Selbstverbrennung es sich handelt.

Mathilde ter Heijnes Recherchen und künstlerische Ambitionen über die Aussichten der Frauen mögen persönliche Ernsthaftigkeit beinhalten. Sympathisch und voll Leidenschaft berichtet sie in ihrem Rundgang der Schau über ihre Erlebnisse und ihrem Ansinnen. Es ist der kritische und politische Aspekt, der fehlt. Man kann keine Frauenbewegung fördern, ohne politische Statements abzugeben.

Fazit: Eine Ausstellung muss auch für sich stehen, ohne engagierte Präsenz des Künstlers, und sein Anliegen durchbringen können. Dies ist hier leider nicht gelungen. Auch sind die Recherchen nicht wissenschaftlich fundiert. Die Kunst alleine ermächtigt nicht feministisch zu sein, nur weil man das Thema auf irgendeine Weise anschneidet.

Vielleicht hat man auch in any day now, einer durch und durch minimalistischen Darstellung zum Thema der Frau zu viele Aspekte eingeräumt, vergleichbar mit einer vegetarischen Kost, die zehn Rinder in sich verbirgt und daher eine Ausstellung, die ohne Katalog und ohne orale Beigaben der Künstlerin inklusive Frage und Antwort-Spiel, für den Betrachter eine ausschließlich esoterisch angehauchte Emanzipationsgeschichte, die nur an der Oberfläche kratzt, ergibt.

Schade!

LitGes, Januar 2011

[1] The shore of women – Das Ufer der Frauen (Pamela Sargent, 1986), The female man – Planet der Frauen (Joanna Russ, 1970), The left hand of darkness – Die linke Hand der Dunkelheit (Ursula K. LeGuin, 1969) und Herland (Charlotte Perkins Gilman, 1915).

[2] Elvire Goulot aus La femme assise / Die sitzende Frau (1920) von Guillaume Apollinaire, Ealine Risley aus Cat’s Eye / Katzenauge (1988) von Margaret Atwood, Ueno Otoko aus Utusukushisa To Kanashimi To / Schönheit und Trauer (1961) von Yasunari Kawabata, Clare Abshire aus The time traverler’s wife / Die Frau des Zeitreisenden (2004) von Audrey Niffenegger, Carla Vicenzi aus Cream of the crop (2004) von Savannah Smythe und Madonna aus Shanghai Baby (1999) von Wei Hui.

Weiterer empfehlenswerter Katalog:

 
IT’S ME, IT’S NOT ME
Mathilde ter Heijne
Ostfildern: Hatje Cantz Verlag, 2008. 144 S.
Englisch
ISBN 978-3-7757-2250-6
35.- Euro


Any day now: Mathilde ter Heijne. Rez.: Ingrid Reichel

Materialobjekte: Eva Bakalar. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
FRAUENPERSPEKTIVEN

 
MATERIALOBJEKTE
Eva Bakalar
Galerie am Liegleweg
Eröffnung: 12.12.2010, 18.00 Uhr
Ausstellung: 12.12.2010 - 31.01.2011

Anfangs waren es die vielseitigen Werkstoffe aus der Industrie, die es Eva Bakalar angetan haben. Sie verarbeitete Gewebe wie Gitter und Netze aus Industrieabfällen zu eigenwilligen ästhetischen und femininen Gebilden, zum Teil zu lebensgroßen Figuren, zu Skulpturen der zeitgenössischen Art. So brachte sie uns das Industriedesign ins Bewusstsein. Die 1959 in Gmünd (NÖ) geborene und in Wien lebende Eva Bakalar ist seit 1984 künstlerisch tätig. Seither haben sich ihre Materialen verändert. Von der Produktionsschiene fokussiert Bakalar nun auf das Endprodukt. Viele Alltagsgegenstände werden zerpflückt und zu Kunstwerken arrangiert. Teilweise bedient sie sich auch der Verpackunsgsmaterialien wie z.B. den Kunststoffnetzen, in denen Orangen und Zitronen abgefüllt und so in den Supermärkten dem Konsumenten angeboten werden. 2010 entstand „PLOB“, in dem sie verschiedenfarbige Netzschläuche mit Draht umhäkelte und auf einem aufgespannten Polyamidgewebe anordnete. Jeder kennt sie: die kleinen bunten Küchenschwämme in allerlei Formen. In Kunstharz gegossen und quadratische assembliert ergeben sie „Mother’s little helper“. Bakalar beruft sich hierbei auf den 1965 erschienen Schlager der Rolling Stones, die hier auf den Valiumkonsum der 60er Jahre anspielten. Heute gilt der Songtitel noch als Umschreibung von Tranquilizern und Barbituraten. Wie einst unsere Großmütter noch ihren Frust mit Germteigschlagen auslebten, dienen nun die kleinen Küchenschwämme zur Erinnerung der gesellschaftlich noch immer desavouierten geplagten Hausfrau.
Gleichfalls verarbeitet Bakalar kleine Fundstücke auf quadratischen Gießharzplättchen, verbindet diese wieder mit Draht zu einem filigranen Gesamtbild, welche Zeichen wie PAX, LADY, DUFT und AMORE lesbar werden lassen (Titel: Ciao Amica, 2003). Oder sie häkelt einen Vorhang aus Draht, hängt ihn vor ein gemaltes Fenster, auf dem eine Jagdtrophäe eines Rotwildes montiert ist (Hommage à Cézanne, 2008).

Auch wenn Bakalar mit traditionellen objets trouvés arbeitet, und mit der Konzept- und Objektkunst Marcel Duchamps liebäugelt, so vertritt sie doch eine ganz eigene Vorstellung von Ready-mades.
In erster Linie scheint es ihr um Ästhetik zu gehen, die aber in ihrem dekorativen Effekt sehr wohl Inhalte vermittelt und somit einen Dialog transportiert. Ihre „Kommunikationsbedürfnisschachteln“ (2010) weisen darauf hin. Hierfür hat sie „FreeCards“ gesammelt, mit Draht verbunden und zu handlichen Boxen umfunktioniert. Freecard ist bekanntlich ein Unternehmen welches Werbekarten herstellt, die an verschiedenen Freizeit- und Kulturtreffpunkten frei erhältlich sind. Zielgruppe sind 14 bis 35-Jährige, die über klassische Medien nur schwer erreichbar sind. „
Wer mit jungen Zielgruppen kommunizieren will, muss sie überraschen, mit neuen und beliebten Medienformen ansprechen, dort wo sie sich aufhalten.“, so lautet der Werbespruch auf der Homepage des Unternehmens. Der Verwendung der Karten seien keine Grenzen gesetzt, ihre Kunden kommen aus der Industrie, aus Organisationen im künstlerischen und kulturellen Bereich usw., denen sie maßgeschneiderte Kommunikationslösungen für individuelle Kommunikationsbedürfnisse anbieten.

2009 startete Bakalar ein Projekt mit Jugendlichen: „Zeichen setzen!“. Damit hoffte sie einen Prozess in Gang zu setzen, der eine Brücke zwischen Kunst und Internet schlägt. Hierbei ging es um eine Form-Inhalt-Dialektik, die Wort- und Zeichenspenden nachspürte. 15 Objekte hat sie damit umgesetzt. Entstanden sind, wie man aus dem neuen Katalog entnehmen kann, u.a. bis zu drei Meter hohe Säulen: eine Frauensäule, eine Litfasssäule, eine Orakelsäule, die rote Säule, Säulen, die aus Polyamidgewebe mit Zeichenspenden versehen aus Transparentpapier und Schlaufen und Seitentaschen bestehen. Mehr unter: www.zeichensetzen.org

Die neuesten Werke sind Magnetbilder, die ähnlich einem Kaleidoskop individuell verdrehbar sind. Die kleinen quadratischen Holzkästen sind mit „Faden-Spielen“ ähnlich einem Spinnennetz gefüllt und sind zusätzlich unterschiedlich kombinierbar. Kunst zum angreifen, Kunst die veränderte Perspektiven zulässt, den Betrachter zu spielen einlädt.

Die Schau könnte man als eine gelungene Retrospektive der Arbeiten von Eva Bakalar benennen.
Die verspielten Feinarbeiten mit den humorvollen Hintergründen eröffnen den Zugang durchwegs femininer Betrachtungsweisen.

 
Zur Ausstellung erschien ein kleiner schmucker Katalog im Eigenverlag:
EVA BAKALAR MATERIALKÜNSTLERIN
art@bakalar.at, www.bakalar.at

Zu sehen bis 31.01.2011 in der Galerie am Lieglweg, Lieglweg 23, 3040 Neulengbach.
Telefonische oder elektronische Anmeldung ist empfohlen:
Mag. Dr. Ursula Fischer: 02772/ 56363, 0676/ 413 4647
ursula.fischer@utanet.at, www.galerieamlieglweg.at

LitGes, Dezember 2010

Materialobjekte: Eva Bakalar. Rez.: Ingrid Reichel