Buch

Jaroslav Rudiš: Gebrauchsanweisung

Cornelia Stahl

Jaroslav Rudiš :
Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen

München: Piper Verlag.
2021, 256 Seiten
ISBN: 978-3-492-277 49-5

Vom Kinheitswunsch, Eisenbahner zu werden, erzählt uns Jaroslav Rudiš im vorliegenden Band. Es ist keine Gebrauchsanleitung fürs Marmeladeeinkochen oder für für eine Fahrradreparatur, sondern eine Anleitung fürs Bahnfahren. Kann man da überhaupt etwas falsch machen?
Sympathisch steigt Rudiš ein ins Buch und berichtet von seiner ersten Prager Wohnung, die in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof gelegen, ihm das Gefühl suggerierten, Schnellzüge würden direkt durch sein Schlafzimmer fahren. Manchmal beobachtete er, wie sich Gläser in der Vitrine unter der Erschütterung vibrierender Geräusche langsam fortbewegten.
Rudiš ist Lesender (Kafka, Hrabal, Hašek) und Zugreisender aus Leidenschaft: Er stellt uns Strecken wie Amsterdam bis Milano oder Budapet bis Zagreb (u.a.) vor, und erzählt von Bekanntschaften im Speisewagen (nicht ausschließlich), die er öfters auf ein und derselben Strecke im Waggon, (oder im Speisewagen) wieder getroffen hat.
Darüber hinaus liefert der Autor historische Details, zum Beispiel zu den Restaurants auf Schienen. Seine Echtzeitprotokolle sind mit Vorsicht zu lesen, nicht unbedingt nachahmenswert, wie das Experiment „Vierzig Stunden Eisenbahn“, Schlafentzug inbegriffen (S.104).
Die leicht lesbare Gebrauchsanweisung motiviert, umweltfreundlich zu reisen, das Auto in der Garage zu lassen und auf Gleisen durch Landschaften zu ruckeln.
Eine Platzreservierung sei empfohlen, um der Lektüre ungestört nachzugehen.

Jaroslav Rudiš, geboren 1972 in der Tschechoslowakei, lebt in Berlin und in der Tschechischen Republik. Er ist Schriftsteller, Dramatiker und Musiker. „Nationalstraße“, aus dem Tschechischen übersetzt, erschien 2016 bei Luchterhand. Für „Winterbergs letzte Reise“, 2019/2021, erhielt er 2019 den Adelbert von Chamisso-Preis.

Lothar Bruckmeier: Vom Glück, malen zu dürfen

Eva Riebler

Lothar Bruckmeier:
Vom Glück, malen zu dürfen

Weitra, Bibliothek der
Provinz 2022, 224 Seiten
ISBN 978-3-99126-095-0

„Nach dem Tod ist nicht zu leben“ – dieser Spruch ist widerlegt, steht doch durch diese Werkmonographie das Leben und Schaffen des 2016 verstorbenen Grafikers und Malers Bruckmeier wieder lebendig wie in keiner seiner Publikationen vor uns.
Der Titel dieser Retrospektive, wie seine Originalzitate zeugen von seiner Bescheidenheit und seinem Fleiß. Hat er doch erst nach Kriegsdienst und 20 Jahren Arbeit in der gehobenen Gastronomie im Ausland in Neulengbach mit 34 Jahren begonnen Maler zu werden. Ein für ihn harter Weg, der erst später von großen Erfolgen gekrönt wurde. Mit der Gründung des Kunstvereines VKK- Eichgraben im unversehrten Jugendstil-Bahnhof Eichgraben konnte er mit seiner Gattin Elfriede viele Kontakte zu Künstlerkreisen knüpfen. In seiner Galerie
am Bahnhof ist heute noch bei Ausstellungen, Theaterstücken, literarischen oder konzertanten Abenden die Atmosphäre von einst zu erleben.
Die Titeln seiner Bilder aus 1996 „Collage mit Musik” S. 152ff und „Kommunikation” oder „Mauerbild” lassen Anklänge an das alte Gebäude und die Events aufleben.
Seine sensationellen Druckgrafiken und Holzschnitte aus den frühen Jahren werden mit einem Text von 2013 von Peter Zawrel begleite, der anlässlich der Ausstellungseröffnung gehalten worden war.
Seine Radierungen und Farbholzschnitte sind wirklich sehenswert, bringen sie doch die Freiheit eines Künstlers, gepaart mit dem Zeitgeist auf das Papier. Er scheute nie vor einem Neubeginn abseits der Routine und bringt mit seinen nun schon historischen Statements Zeitgeistiges ins Werk.
Das Interview der beiden Initiatoren Elfriede Bruckmeier mit Carl Aigner im Vorspann gibt wertvolle Auskünfte über Gedanken, Engagement, sei es zu Zwentendorf oder Hainburg, und Sensibilität und zur Bildsprache des Künstlers.
Ein wirklich umfassendes, spannendes Werk, das Lothar Bruckmeier zu Recht in Szene setzt!

 

Markus Grundtner: Die Dringlichkeit der Dinge

Eva Riebler

Markus Grundtner:
Die Dringlichkeit der Dinge

edition keiper 2022
230 Seiten
ISBN: 3903322555

Liebe und Recht, Lebenslust und Juristerei – wie geht das Match aus, wenn ER Hardcore Jurist und SIE Liebhaberin des Lebens ist? Jedenfalls zehren Juristenjahre mehr aus als Menschenjahre. So sieht Klaudia, die Lehrerin für Italienisch und Latein in Wien werden will, das Äußere des um 10 Jahre jüngeren Mathias. Er steht am Anfang seiner Karriere als Anwalt. Beim Ablegen der letzten Monsterprüfungen fällt ihm wieder ein, dass er eigentlich wie sein Vater Polizist werden wollte. Doch gerade sein Vater stellt fest: „Entscheide dich, entweder als Polizist das Recht vor dem Menschen zu schützen oder als Anwalt den Menschen vor dem Recht.”
Und genauso inkompatibel wie diese Berufe sind für Mathias Klaudias Muttersprache Italienisch und ihre Hoffnung in Wien etwas zu bekommen, was noch nie existiert hat: einen neuen Job, eine neue Beziehung, eine neue Familie – ein neues Leben. Mathias erklärt in seinem juristischen Deutsch, dass sie einen Hoffnungskauf mit dem Kauf eines erhofften Gutes verwechselt hat! – Das ist wie viele der juristischen Spitzfindigkeiten ein interessanter Ansatz, der das Buch so außergewöhnlich macht!
Unlösbaren Gegensätze lösen sich jedoch am Ende durch eine interessante Wende und dem Aufbruch nach Triest als Wohnsitz steht nichts mehr im Wege.
Eine spannende Handlung jedenfalls, in der der Leser/ die Leserin nicht nur juristisch Verklausuliertes lernt, sondern auch, wie man am effektivsten streitet und daraus den Gewinn der Zufriedenheit zieht – es gibt keine Verlierer, nur noch Gewinner.
Romantik und Recht vertragen sich doch, wenn Liebe mit Ausdauer gepaart ist.
Er zieht anhand der männlichen Hauptfigur die für juristische Laien ungewöhnliche Sprache bis zum Ende durch und zeigt durch juristische Formatierung für Liebes- und Alltagsprobleme einmal einen anderen Blick auf unsere Gesellschaft.

Ein sehr reizvolles Werk, spannend und interessant!

Roswitha Klaushofer: Wild Rosen Gold

Eva Riebler

Roswitha Klaushofer:
Wild Rosen Gold.

Anagramme
Bilder d. Autorin
Szb/Wien Edition Tandem,
2022, 112 Seiten
ISBN 978-3-904068-61-1

Klanguniversum - Schaut man Roswitha Klaushofer zuhause in ihrem Wohnzimmer über die Schulter, blickt man auf einen Buchstabenkasten für Vorschulkinder.
Leise murmelnd werden Buchstaben hin und hergeschoben, bis die Zeile passt. Ein Anagramm ist fertig! Diesmal zu einem rudimentären Satz Thomas Bernhards aus „Der Keller”. Klaushofer liebt diesen originellen wie harschen Dichter und bemüht sich aus Satzteilen ein oft 6-zeiliges Gedicht, das dem Autor entspricht, zu verfertigen.
Lautmalend versteht man den Inhalt und die Stimmung, fast eine Kurzbio Thomas Bernhards, meint sie im Gespräch mit Volker Toth vom Verlag Tandem, ist entstanden. Weitere Sätze von AutorInnen wie Marlene Haushofer, Nikolaus Lenau, Clemens Bretano, Christine Lavant oder Elisabeth Schmeidel und Georg Trakl finden Eingang in Klaushofers Universum. Aus ihren Zeilen werden Klangkörper, wunderschön komponierte Sinngedichte, die doch der strengen Anagramm-Regel unterliegen: Kein Buchstabe des Ausgangssatzes darf zu oft vorkommen oder gar fehlen. Diese strukturierte Form verlangt viel Aufbauzeit und ergibt überraschende Wortzusammensetzungen und wunderbare Bilder.
Um eine kurze Vorstellung zu bekommen eine Miniatur nach dem Gedicht E. Schmeidel: Rote Raben.
Erraten ob / Rabentore / an Rebe Ort / rabenrote /Oberarten / ro beraten. // Aber Toren / Aberorten / orten aber / rare boten. /Rote Narbe / narre – tobe.
So beeindruckend wie ihre sprachlichen Bilder gesellen sich ihre Tusche-Aquarelle dazu. In feinen Grautönen und Schattierungen bieten sie in ihrer Abstraktheit Raum zum Weiterdenken und Assoziieren. Eine wunderbare Ergänzung, die nicht bebildert, sondern gedanklich öffnet.
Auch hier ist die Autorin Althergebrachtem zugeneigt und verwendet 25 uralte Rezeptblöcke, die noch die laufende Nummer tragen, für ihre zarten Tuscheaquarelle.
Ein feines, artifizielles Werk!

Marielis Seyler: Momentum Frau

Eva Riebler

Marielis Seyler:
Momentum Frau

Fotogr. Werke 1987-2021
HG C. Aigner München, Hirmer 2022,
144 Seiten
ISBN 978-3-7774-4024-8

Frau im Universum. Als Herausgeber dieses wertvollen deutschen-englischen Bildbandes firmiert Carl Aigner. Er stellte ein Vorwort von Georg Baselitz zur Künstlerin voran, ließ den Autor Julian Schutting zu ihren Bildern eine Antwort geben und den Kurator Günther Oberhollenzer zu ihren Kohlblatt-Bildern, die 2020 in Wien ausgestellt waren, sprechen (Oberhollenzer kuratierte auch 2022 ihre Ausstellung im Museum Daubiana bei Bratislava). In einem eigenen Interview kam Carl Aigner zu den wesentlichen Punkten, die die Fotokünstlerin bewegen.
Sie ist spontan und ehrlich im Moment verhaftet, sie liebt Serien und weniger die Einzelaufnahmen. Ihre Fotos haben etwas von einer zarten Brise, von einem intensiven Hauch an Erotik und zeigen einerseits die Liebe zum Detail in den Serien „Frucht“, „Zerrissen“ und andererseits die Einfügung der weiblichen Figur in die Weite der Landschaft, wie in der Serie STILLNESS, in der sich das weibliche Modell in einen weißen Schleier ein- oder auswickelt und sich auch als horizontales Landschaftsmoment gestalten lässt...
In den 60er-Jahren war Marielis Seyler nicht nur in Japan, sie lernte auch die Landessprache und erkundete die japanische Kultur. Aus dieser Zeit stammt das Tatamis- Oeuvre. Sie kehrte 1987 nach japan zurück und arbeitete gegen die einseitige Gender geprägte Kultur in Japan. Es geht ihr um das Zeigen der Stärke der japanischen Frau. Ihr typischer Arbeitsansatz ist das Momentum und dieses im Bild auf- und einzufangen. So wie sie Frauen wahrnimmt und so wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen werden ist für sie essentiell. Das Frauenbild sollte nicht von männlicher Imagination überfrachtet sein. Das Selbstbewusstsein der Frauen sollte unabhängig gezeigt werden. Sie sieht sich nicht als Feministin, sondern hat das Ziel ein Bewusstsein zu schaffen, wie oft wir unbewusst destruktiv sind.
Ein tolles opulentes Werk, das Grenzen aufzeigt und kritisch hinterfragt.