Bildende

MUMOK Stiftung Ludwig Wien: Mein Körper ist das Ereignis. Eva Riebler-Übleis

Eva Riebler-ܜbleis
Von grauslich bis grauslich

MUMOK Stiftung Ludwig Wien
Mein Körper ist das Ereignis
Wiener Aktionismus und internationale Performance
06.03. bis 23.08.15

Von Valie Export bis Günter Brus, Yoko Ono bis Ana Mendieta, Otto Muehl, Ion Grigorescu, Anesthis Logothetis  oder Rudolf Schwarzkogler, Hermann Nitsch, Joseph Beuys …

Von den Anfängen des Aktionismus bis zum Ende 1995

Von grauslich bis grauslich, von neuen Erfahrungen und Ritualen (Geburt, Torturen, Marter, Pein, Leiden, Sexualität), Verletzungen des eigenen oder fremden Körpers, des Tieres (Vogels), dem Ende der Schönheit in Bezug auf den weiblichen Körper (Haare auskämmen bis zum Schmerz …) bis zur Konsumkultur, dem Vietnamkrieg und sonstigem Rituellem.

Eine der ersten Aktionen war wohl die im weißen Aktionsraum = das Wohnzimmer mit den weiß eingehüllten Körpern von Günter Brus und seiner Ehefrau, die sich beide befreiten und mit schwarzer Farbe bespritzten; betitelt „Ana“ 1964 sowie der „Wiener Spaziergang“ (erstmals in der Öffentlichkeit) 1965 von Günter Brus und die „Materialaktionen“ 1964 von Otto Muehl, bei denen eine Geburt simuliert wurde, sexuelle Interaktionen zwischen Frauen oder musikalische Aktionen im Sinne von Geräuschcollagen erstellt wurden. Die Partitur hing während der Aktion sichtbar im Raum und umfasste Quietschen, Winseln, Furzen, Grunzen, Knattern oder das Aufblasen eines Ballons etc. – das alles mit den Auftritten in der renommierten Wiener Avantgardegalerie nächst St. Stephan ist uns bekannt und soll wieder einmal der Nachwelt nachhaltig in Erinnerung bleiben.

Weniger bekannt sind die Performance-Filme seit 1964 von Carolee Schneemann aus der USA und Aufführungen z.B. „Interior Scroll – The Cave“, bei der sich die TeilnehmerInnen in deiner Höhle bemalen und ruhig intonierte Texte sprechen, die sie aus ihrer Vagina Stück für Stück herausziehen. Oder der lebende Pinsel 1976 „Up To and Including Her Limits“, wobei die Prinzipien Jackson Pollocks Action Paintings erweitert wurden und eine Person gefesselt, nackt von der Decke hängend Striche an den Wänden zeichnet.

Eher witzig und die Tradition des Theaters überwindend waren die Aktionen der Wiener Gruppe, bei denen Z.B. u. a. die Rolle Publikum und Schauspieler auf der Bühne umgekehrt werden sollte.

Auf alle Fälle gibt es neue Sehweisen und Leidensweisen zu entdecken und den Blick auf die Ereignisse des Vietnamkrieges als realpolitischen Protest zu begreifen. Die Aufmerksamkeit auf die Verbindung von Krieg und Gewalt bzw. Sexualität und Konsumkultur zu lenken ist vielleicht dankenswerter als die Beleuchtung der mythisch-religiösen Thematisierungen eines Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkoglers oder Ana Mendietas.

HR Giger: Featured Artist Ars Electronica 2013. Die Kunst der Biomechanik. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Unvergessliches

 

Featured Artist Ars Electronica 2013
Die Kunst der Biomechanik
HR Giger
Lentos, Kunstmuseum Linz
Ausstellungseröffnung: 04.09.13, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 05.09.-29.09.2013
Kurator: Andreas J. Hirsch

Ein Projekt von Ars Electronica Festival mit HR Giger, LENTOS Kunstmuseum Linz, Museum HR Giger Gruyères und dem Giger-Sammler Marco Witzig

Die Ars Electronica, das Linzer Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft ist seit seinem Gründungsjahr 1979 zu einem international anerkannten Event geworden. Ihr diesjähriges brisantes Thema „Erinnerung“ steht unter dem Titel „Total recall. The evolution of memory.” Wer kann sich nicht an den herrlichen und zugleich beängstigenden Science-Fiction-Film „Total recall“ des niederländischen Regisseurs Paul Verhoeven aus dem Jahr 1990 mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle erinnern? Wenn eine Macht durch ein Implantat deine ganze Erinnerung nimmt, dich deiner Identität, deines Lebens beraubt?

Als künstlerische Gallionsfigur der Ars Electronica 2013 wurde der 1940 geborene Schweizer Extremkünstler HR Giger gewählt, in Kooperation mit dem Linzer Kunstmuseum Lentos zeigt man bis Ende September im Keller des Museums eine kleine Retrospektive, um dem Ars Electronica interessierten Publikum, einen Einblick in die Kunst der Biomechanik zu ermöglichen.

Internationale Anerkennung bekam Giger nicht zuletzt durch Ridley Scotts Science-Fiction-Horrorklassiker „Alien“ (1979), für den er nicht nur das Gruselwesen Alien, sondern gleich eine ganze Welt schuf. Für die Umsetzung wurde das Team für Spezialeffekte 1980 mit dem Oscar ausgezeichnet. Doch auch in anderen bekannten Filmen wirkte Giger im Filmdesign mit: Poltergeist II; Species; zuletzt Prometheus (2010) u.v.m. und gestaltete weiters Platten- und CD-Covers.

Gigers Werk wird dem Surrealismus und dem Phantastischen Realismus zugeordnet und hat sich im Laufe der Jahre zur Cyborg-Kunst entwickelt. Zunehmend verschmolz Mensch, Insekt und Maschine zu einer biomechanischen Kreatur. Viel Kritik musste der Künstler am Beginn seiner Karriere einstecken wegen seines Erotomechanics-Zyklus und wegen seines an H.P. Lovecraft inspiriertem Necronom-Zyklus. Nach wie vor wird Giger und sein Werk gern und oft als morbide bezeichnet und als satanisch abgewertet.

Giger, der das Studium der Architektur und des Industriedesigns an der Hochschule für Angewandte Kunst in Zürich absolvierte, verdingte sich jahrelang erfolgreich als Innenarchitekt, während er ab 1960 nebenbei künstlerisch tätig war. Es war das Zeitalter des Kalten Krieges, meist brachte Giger seine Ängste über einen bevorstehenden Atomkrieg mit Tusche auf Papier zum Ausdruck. Bereits 1968 war er ausschließlich als Künstler und Filmemacher tätig, später auch als Szenen- und Kostümbildner. Anfang der 1990er legte der Airbrush-Virtuose seinen Luftpinsel beiseite und kümmert sich fortan einzig um die dreidimensionale Umsetzung seiner Werke. Seine ersten Gemälde entstanden 1966. 1972 wechselte er von der Ölmalerei auf Tusche und Acryl mit Spritzpistole, doch bereits Mitte der 60er entstanden die ersten plastischen Arbeiten aus Polyester, Bronze, Aluminium und andere Materialien. Später kamen Möbel dazu. Giger-Bars entstanden, die erste in Tokyo wurde bereits wieder geschlossen, doch die zweite in seiner Geburtsstadt Chur ist seit 1992 geöffnet. 1998 wurde das Museum HR Giger im Schloss St. Germain in Gruyères in der Schweiz, das heuer sein 15-jähriges Jubiläum feiert, errichtet. Hier gibt es Gigers Privatsammlung phantastischer Kunst sowie eigene Werke zu sehen. Das Museum wurde 2003 um eine Giger-Bar erweitert.

Giger wurde in mehreren Museen durch Retrospektiven gewürdigt, besonderes Interesse an seinem Schaffen zeigte man bereits zweimal im Kunsthaus Wien (2006 und 2011).

Für die Schau im Lentos wurden u.a. mit noch nie ausgestellten Werken geworben. Giger bestätigte dies in einem APA-Interview mit Tobias Prietzel im August dieses Jahres: „Kurator Andreas Hirsch hat mich gebeten, für die Ausstellung im Lentos einige Werke auszuleihen, die ich normalerweise nicht aus dem Haus gebe. Er will, dass das Publikum sehen kann, wie sich mein biomechanischer Stil entwickelt hat. Das wurde so noch nie gezeigt.“ [1]

Zu sehen sind acht Skulpturen und über 35 Bilder. Davon sind ein paar Ölbilder auf Holz/ Papier auf Holz, eines aus der Serie „Unter der Erde“ ist unvollendet. Neben den großformatigen Airbrush-Werken (Papier auf Holz) aus der Serie „Necronom“ (1976), „Erotomechanics“ (1979) und „Alienmonster“ (1978) sind auch Werke, die als Entwurf zum Film Alien dienten wie „Pilot im Cockpit“ und „Eiersilo“ (1978) sowie frühere Werke wie „Mutanten“ (1967-75) und „Todgebärmaschinen“ (1977) ausgestellt.

Gezeigt werden viele Giger-typische und detailfreudige Tuschezeichnung auf Papier auf Holz, aber auch wenige tachistische Tuschewerke aus dem Beginn der 60er Jahre, die in ihrem hingeworfenen, abstrakten expressionistischen Schwung eine ungeahnte spontane Leichtigkeit Gigers Künstlerhand vermuten lassen und Anregungen für seine 1968 entstandene Öl-Serie „Hommage à S. Beckett“* gewesen sein könnten.

Interessant ist die Tuschezeichnung „Gebärmaschine. 2. Fassung“ (1965-66), die es auch als Siebdruck mit der Inschrift „Ein Fressen für den Psychiater“* gibt. Die Serie aus Tuschezeichnungen entstand, nachdem Giger monatelang seine Träume aufgeschrieben hatte und sie nach Sigmund Freuds Traumdeutung versucht hatte zu analysieren. Giger war der festen Überzeugung, seine Träume vor dem Einschlafen beeinflussen zu können und, dass jeder Psychiater seine Traumzeichnungen ähnlich wie er interpretieren würde [2]. Oft ist in den Werkbeschreibungen von Transcop-Papier die Rede, dabei dürfte es sich um ein spezielles Papier für Architekten zum Planzeichnen handeln.

Aus der Serie „Biomechanoid“ (1969) sind vier Siebdrucke (Schwarz auf Silber) zu sehen und eine Zink-Lithographie aus dem Jahr 1996 „Alien III Blueprint“.

Abgesehen von der großen Alien-Skulptur, die den zweiten Kellerraum beherrscht sind noch weitere Plastiken exponiert: „Babywall“, ein Relief aus Fiberglas (1998) hängt direkt neben „Landschaft XVIII“ (Acryl auf Papier auf Holz, 1973) und zeigt anschaulich wie Giger aus einer zweidimensionalen Idee eine dreidimensionale entwickelt. „Humanoid“ (1968), eine Skulptur aus Polyester mit einmontierter Kamera und Tonbandgerät sitzt im ersten Raum bequem gegen die Wand gelehnt. „Birth Machine Baby“, zwei Aluminiumskulpturen (1998) und drei weitere Alien Babys sind in einer Vitrine präsentiert. Höhepunkt der Ausstellung ist das noch nie öffentlich ausgestellte Alien-Tagebuch (1978-79), welches nun digitalisiert als Buch im Museumsshop erhältlich ist. Zwei Filme untermauern das Ansinnen des Kurators, u.a. „Gigers Alien“ (34 Min. Regie: Jean-Jacques Wittmer und H.R. Giger. 1979).

Negativ erscheint in dieser an sonst sehr gelungenen, minimalistisch aber umfassenden Ausstellung zum Thema der Ars Electronica, die viel zu klein gestaltete Tafel mit Gigers Biografie in Deutsch und Englisch. Sie ist nicht nur mühsam lesbar wegen der zu klein geratenen Schrift, sondern auch wegen eines Spots, der die Lettern je nach Standpunkt verschluckt.

Info zu einer weiteren Gigerveranstaltung:
Ars Electronica Center, Deep Space Live am Freitag, 06.09., 22:00 Uhr: HR Gigers World

“Im Deep Space des Ars Electronica Center führt eine Serie von Gigapixelbildern in noch nie dagewesener Weise in den abgründigen Kosmos HR Gigers, begleitet von einem Gespräch zwischen Kurator Andreas Hirsch und dem Künstler selbst.“

[1] Link: http://www.aec.at/totalrecall/featured-artist-h-r-giger/

[2] laut H.R. Giger, Katalog: www HR Giger com §§§. Taschen Verlag, S. 32
* Nicht in der Ausstellung zu sehen

LitGes, September 2013

HR Giger: Featured Artist Ars Electronica 2013. Die Kunst der Biomechanik. Rez.: Ingrid Reichel

Lucian Freud: Zweimal Freud in Wien. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Fleischeslust

 

 

Lucian Freud: Reflection
(Self Portrait), 1985. Oil on
canvas. Privat Collection
© The Lucian Freud Archiv /
The Bridgeman Art Library

 
 

Working at Night, 2005
© David Dawson. Courtesy:
Hazlitt Holland-Hibbert

 

Zweimal Freud in Wien!
Lucian Freud
Kunsthistorisches Museum Wien
Ausstellungsdauer: 08.10.13 - 06.01.14
Kurator: Jasper Sharp
Lucian Freud: Privat. Fotografien von David Dawson
Sigmund Freud Museum, Wien
Ausstellungsdauer: 09.10.13 - 06.01.14
Kuratoren: Jasper Sharp, David Dawson

Eine Ausstellung mit Werken des berühmten Malers Lucian Freud in Wien ist zunächst erstmalig, vielleicht auch einmalig, denn Sigmund Freuds berühmter Enkel lehnte es bis knapp vor seinem Tod ab, in Österreich auszustellen. Als 1999 das KunstHaus Wien erstmals jene herausragende Künstlergruppe, die als „School of London“* bezeichnet wird, in Österreich präsentierte und zu der unter anderem Lucian Freud, Francis Bacon, Paula Rego und Ronald B. Kiraj zählen, zog Freud seine angekündigten Werke zur Ausstellung kurzfristig zurück.

Lucian Freuds Vater, Ernst Ludwig Freud, war der jüngste Sohn von Sigmund Freud. Er war Adolf Loos Schüler und etablierte sich als Architekt in Berlin. Hitlers Aufstieg, die nationalsozialistische Propaganda und die Hetzjagd gegen jüdische Bürger bewog ihn mit seiner Familie zur Übersiedlung nach Großbritannien. Da war der 1922 in Berlin geborene Lucian gerade elf Jahre alt. Erst im Juni 1938, nach dem Anschluss Österreichs, folgten ihnen auch Sigmund Freud mit seiner Frau und seiner Tochter Anna nach London.

Für uns Österreicher löst es ein Stück geschichtliche Aufarbeitung aus, dass Lucian Freud 2011 der Ausstellung im KHM (Kunsthistorischen Museum Wien) zustimmte und sie auch mitgestaltete, in dem er die Werke zur Schau gemeinsam mit seinem langjährigen Assistenten David Dawson selbst wählte. Ob dies als Versöhnung seitens Freud oder als eine Form von Altersmilde des betagten Künstlers zu deuten ist, werden wir nie erfahren. Am 20. Juli 2011 verstarb Lucian Freud im 88. Lebensjahr.

Lucian Freud war zeitlebens bemüht, sich vom berühmten Namen seines Großvaters loszulösen, obwohl sie beide eine gute Beziehung zueinander hatten und der Großvater ihn durch Kunstdrucke Alter Meister, die er ihm schenkte, künstlerisch förderte. Lucian Freud studierte von 1938 bis 1943 an diversen Kunsthochschulen Englands. 1939 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft. Internationales Ansehen erlangte er ab den 1950er Jahren mit seiner realistischen aber sehr fleischig anmutenden Aktmalerei, wiewohl er auch als Porträtmaler große Anerkennung genoss und in England als bedeutendster Porträtmaler des 20. Jahrhunderts gilt. Großes Aufsehen erregte das Bildnis der Queen Elisabeth II, welches Freud zwischen 2000 und 2001 am lebenden Modell erarbeitete. Das kleine Werk ist im Privatbesitz der Queen.

Das Kunsthistorische Museum zeigt 43 Ölgemälde, eine kleine aber wichtige Auswahl seiner 70 Jahre währenden Schaffenszeit. Die Schau ist chronologisch aufgebaut, beginnend mit noch surrealistisch geprägten Porträts, später den Bildnissen der Mutter des Künstlers und das Bildnis eines Babys aus den 1950er Jahren. Unter den Porträts ist weiter jenes wunderschöne Abbild des britischen Künstlers und Illustrators Francis John Minton (1952) zu sehen. Dazwischen sind wenige Stilleben wie „Two japanese wrestlers by a sink“ (1983-1987) oder „Still life with book“ (1991-1992), „Wasteground with houses, Paddington“ (1970-1972) als einziges architekturales Bildnis zeigt einen zugemüllten Hinterhof mit roten Backsteinhäusern. Freuds detailreiche und hyperrealistische Pflanzenbilder fehlen in dieser Schau vollkommen, mit Ausnahme des großformatigen Gemäldes „Interior with a plant“ (1973), das ein kleines Selbstporträt hinter einer enormen Topfpflanze im Vordergrund hervorblitzen lässt. Als Leitfaden durch die Ausstellung dient im Übrigen Freuds vielseitige Selbstporträts, das älteste mit 1943 datiert, ein unvollendetes aus dem Jahr 1956 und ein abstrahiertes kleines Selbstporträt (1963).

Ein Meisterwerk des Perspektivenspiels ist „Reflection with two children“ (1965), jene Selbstdarstellung, wo der Künstler im Straßenanzug zentral und überproportional von unten nach oben verzerrt über die im Vordergrund links in Frontalansicht abgebildeten zwei Kinder die Dominanz gewinnt, rechts hinter seiner Schulterhöhe erscheint die prävalente Deckenlampe. „Painter working, reflection“ (1993) ist ein schonungsloses Ganzkörper-Selbstbildnis des alternden Künstlers. Splitterfasernackt steht er wie eine römische Statue inmitten des leergefegten Ateliers, seine Füße mit lächerlichen Altmänner-Hausschuhen bekleidet, sein rechter Arm ist im rechten Winkel angehoben, in der Hand das Malmesser, er zückt es wie zum Kampf, der linke Arm erstreckt sich gerade nach unten und hält die Farbpallette als Kampfschild fest in der Hand. Das jüngstes Selbstporträt in der Schau stammt aus dem Jahr 2002.

Zwei großformatige Bildnisse zeigen wie unerbittlich Freud auch mit seinen Auftragsgebern umging: „Man in a chair“ (1983-85) zeigt den Kunstsammler und Großindustriellen Baron Hans Heinrich von Thyssen-Bornemisza. Das Werk lehnt sich an die Porträtmalerei des Diego Velázquez und erinnert in der Komposition an das Meisterwerk „Papst Innozenz X“ (1650), das Werk, welches schon seinen Malerkollegen und Freund Francis Bacon lange beschäftigte (s. „Schreiender Papst“, 1951). Hier thront der Baron auf einem schmalen Fauteuil, die zwar elegant gemalten Hände münden in überlange Finger, die sich irritierend über die Schenkel des Barons spreizen, seine Füße sind von der unteren Bildkante brutal abgeschnitten. Auf der rechten Seite des Posierenden hat Freud seine dreckigen Malfetzen angehäuft. Der Blick des Abgebildeten ist in sich gesunken und wendet sich nach unten. Wenig schmeichelhaft ist auch das Gemälde „Two irish men in W11“ (1984-85), das Bildnis des Inhabers eines Wettbüros und seines Sohnes. Wieder ist der Mächtige zentral postiert. Seine Beine sind knapp oberhalb des Knies von der unteren Bildkante abgeschnitten. Seine beiden Arme liegen ruhig auf den Armlehnen des weißen schmalen Fauteuils, doch dennoch wirkt er angespannt. Der Blick ist wie schon beim Baron in sich gesunken und nach unten gewandt. Der eher schmächtig wirkende Sohn steht zu seiner linken Seite hinten. Auch hier kommt Freuds tückisches Spiel mit der Perspektive zum Einsatz und erweckt in uns das Gefühl einer distanzierten Vater-Sohn-Beziehung. Obwohl der Sohn sich mit seiner rechten Hand an der Rückenlehne abstützt, erscheint es von der Größenproportion, als ob er einen Meter hinter dem weißen Fauteuil stünde. Und obgleich sein Blick zum Betrachter gerichtet ist, blickt er ins Leere. Ein Werk mit vielen Kontroversen. Der karge Raum, vermutlich das Atelier des Künstlers, wird durch den Blick aus dem Fenster mit Leben erfüllt. Dort erscheinen die Hausdächer der Umgebung mit soviel Detail und Liebe, dass das Fenster als Bild im Bild von der eigentümlichen Beziehung zwischen Vater und Sohn tröstlich wieder abzulenken vermag. Freuds Widersprüchlichkeiten basieren jedoch auf beinahe karikatureskem Humor, auf Detailfreudigkeit, die er dann durch pastosen Farbauftrag partiell wieder aus der Lieblichkeit reißt und zerstört. So gestaltet sich der feine Farbauftrag der stofflichen Motive, wie bei den Anzügen der seidige Glanz ihrer Stoffe auf teure Maßanzüge schließen lässt, als Widerspruch zu den derben fleischigen Teints der abgebildeten Personen.

Ähnlich sind Freuds große Aktgemälde ausgeführt. Höhepunkt ist „Benefits supervisor resting“ (1994), das Gemälde, welches den feisten Körper der Sue Tilleys offenbart, die wie der Titel es verrät zum Zeitpunkt der Erschaffung des Werkes als Sozialbeamtin tätig war. Freud schuf insgesamt vier große Gemälde mit ihr. Trotz ungeschönter Darstellungen der Körper, verströmen Freuds Aktgemälde weder voyeuristische oder erotische noch desavouierende Züge.

Freud malte an seinen Ölbildern meist mehrere Monate, einige sind sogar mit zwei Jahreszahlen datiert. Seine Arbeitsweise gliederte sich in Vormittag-, Mittag- und Abendbilder. Oft lehnte er sich in der Komposition seiner Werke an Alte Meister, die Schau liefert hierzu zwei Beispiele. Freuds einerseits klassische und dennoch sehr moderne Umsetzung der figurativen Malerei fügt sich außerdem hervorragend in die bestehende KHM-Sammlung.

Sein letztes Werk, das er 2011 begann, blieb unvollendet. Es ist ein Aktgemälde von David Dawson mit Freuds Jagdhund an der Seite und trägt den Titel „Portrait of a hound“. Dieses Werk ist im KHM nicht nur ausgestellt, sondern der Besucher der Ausstellung kann sogar an seiner Entstehung beiwohnen. David Dawson, der ihn über 20 Jahre in seinem Schaffen als Assistent und Sekretär begleitete und der Modell für dieses Werk saß, filmte ihn während diverser Séancen. Daraus entstand ein zehnminütiger Film („Film on Lucian Freud on his last day of painting“. 2011) aus dem ersichtlich wird, wie akribisch Freud an einem Werk arbeitete. Doch Dawson fotografierte auch den begnadeten Künstler und schuf damit eine beträchtliche Bilddokumentation. Eine kleine Auswahl kann man bis zum 6. Januar im Museum Freud, der einstigen Wohnung seines Großvaters in der Berggasse 19, wo er auch später seine Psychoanalysen durchführte, sehen. Diese Fotografien wurden noch nie der Öffentlichkeit gezeigt.

Es ist nicht sicher, ob wir zum 100. Geburtstag 2022 Freuds Œuvre nochmals in Österreich sehen werden können. Es ist daher ein absolutes Muss, diese zwei herausragenden Ausstellungen zu besuchen, eine einmalige Chance noch nie gezeigte Fotos von Freud privat und wie er diverse Personen malt sind im Freud Museum und die Meisterwerke des Künstlers im KHM in Wien zu sehen. Diverse Filme über den Künstler in der Kuppelhalle und im Bassano-Saal sowie ein ausführliches Führungsprogramm runden die gelungen Ausstellungen ab.

Zur Ausstellung im KHM erschien ebenfalls ein allumfassender deutsch-englischer Katalog in Hardcover:

Lucian Freud
Hrsg. Sabine Haag, Jasper Sharp, KHM
München: Prestel Verlag, 2013. 264 S.
ISBN 978-3-7913.6503-9
Preis: € 39,95.-

*Ausstellung: „School of London“, 12.05.-29.08.1999 KunstHaus Wien. Die von US-Maler Ronald B. Kitaj bezeichnete Gruppe von vielseitigen Künstlern, die in den 50er Jahren in London lebten und sich - gegen den Strom der abstrakten - der figurativen Malerei verschrieben.

LitGes, Oktober 2013

Lucian Freud: Zweimal Freud in Wien. Rez.: Ingrid Reichel

Michel Nedjar: Galerie Gugging. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Der Puppenmacher und Seelenfänger in Gugging

 
   
 

 
 

Michel Nedjar
Galerie Gugging
Vernissage: 05.06.13, 19 Uhr
Ausstellung: 06.06. - 03.11.2013

Nach der Retrospektive „Michel Nedjar - animo.!“ im Museum Gugging 2008 sind nun einige Werke des großen französischen Art Brut Künstlers Michel Nedjar in der Galerie Gugging wiederzusehen und können dort auch erworben werden. Dreißig Arbeiten auf Papier bzw. Karton in diversen Formaten und sieben kleinere Puppen wurden für diese kleine aber ausgezeichnete Schau ausgewählt. Die Bilder sind vorwiegend auf wiederverwertetem Karton entstanden, wie etwa auf der Rückseite einer Cornflakes- oder Reispackung. Schicht um Schicht malt Nedjar in den verschiedensten Materialien, klebt, übergießt mit Wachs, zerknittert und bügelt wieder glatt. In erdig und naturbelassenen Farben sind Tiere, Menschen, Masken und Fetische in ihrer Ursprünglichkeit abgebildet. Die Reichhaltigkeit Nedjars Mixed Media ist kaum zu überbieten, die Werke bleiben jedoch immer im Primitivismus verhaftet, erinnern einerseits an Fels- oder Höhlenmalereien aus dem Paläolithikum, andererseits an mexikanische oder afrikanische Eingeborenen-Kunst. Trotz der erstklassigen Bilder bleiben jedoch Nedjars außergewöhnliche Puppen die Hauptattraktion.

Michel Nedjar wurde 1947 in Soisy-sous-Montmorency (Val-d'Oise/Frankreich) als Sohn jüdischer Immigranten geboren. Sein Vater stammte aus Algerien, seine Mutter aus Polen. Der Großteil der Familienmitglieder wurde jedoch während des Dritten Reichs ermordet. Der Film „Nuit et brouillard“ (Nacht und Nebel) von Alain Resnais aus dem Jahr 1955 verschaffte Nedjar nicht nur Zugang zur eigenen Familiengeschichte, sondern vermittelte ihm das Ausmaß des Genozids. Als Kind nahm er sich der Teile der kaputten Puppen seiner Schwestern an und band sie zu eigenwilligen Gebilden zusammen mit denen er ungestört agieren konnte. Damals war es generell in traditionellen Familien, Buben nicht erlaubt mit Mädchenspielzeugen wie Puppen zu spielen. So entstand bereits im frühen Kindesalter ein sinnlicher Bezug mit symbolischen Charakter zu Stoffen. Mit 15 Jahren trat Michel Nedjar in die Fußstapfen des Vaters und begann eine Schneiderlehre, vermutlich auch, um später den familiären Betrieb zu übernehmen. Nach seinen Lehrjahren arbeitete Nedjar in verschiedenen Modeateliers und trug sich auch mit dem Gedanken Modezeichner zu werden. Eine Lungenkrankheit jedoch gab seinem Leben eine andere Richtung. Zwischen 1970 und 1975 begann er große Reisen zu unternehmen, die ihn von Marokko nach Mexiko und über Asien führten. Die Reisen waren Quelle einer Flut von Inspiration, und Nedjar begann sich mit dem Totenkult verschiedenster Kulturen künstlerisch auseinanderzusetzen. Die ersten „Poupées“ mit künstlerischer Qualität entstanden aus einer Mischung von gesammelten Lumpen und anderem Abfall, die zur Vollendung in Schlamm und Tierblut getränkt wurden und nach dem Austrocknungsprozess eine harte, raue, brüchig erscheinende fragile Konsistenz aufweisen. Nedjars Puppen und Masken besitzen keine Augen, alleine ihre tiefen Augenhöhlen geben Einblick in ihre Seelenwelten. Es war Madeleine Lommel (Gründerin und Direktorin - 1982-2009 - der Art-Brut-Sammlung l’Aracine), die ihn bei seiner ersten Ausstellung in Paris entdeckte und ihn an Jean Dubuffet, den „Erfinder“ der Art-Brut weitervermittelte. Dies war der Beginn einer großen künstlerischen Karriere im Sinne der Art-Brut-Tradition, eine Kunst, die nicht nur Kindern und Menschen mit geistiger Behinderung zugeschrieben wird, sondern auch Autodidakten, die sich wider einer akademischen Ästhetik in einer unkonventionellen aber originären Kunstform künstlerisch betätigen.

Mittlerweile sind Nedjars Puppen luftiger und bunter, man könnte sagen lebensfroher geworden. Als Grund gibt Nedjar die Vorbereitung zu einer Ausstellung im Musée d’Art et d’Histoire du Judaïsme, Museum für jüdische Kunst und Geschichte in Paris anlässlich des jüdischen Festes Purim, das an die Errettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora erinnert, aber laut Nedjar im Katalog Seite 28 als ein Kostümfest vor allem für Kinder beschrieben wird. So fand Nedjar wieder einen Zugang zu den Puppen seiner Kindheit.

Sehr empfehlenswert ist der umfassende zweisprachige (englisch-deutsch) Katalog Animo.! zur Retrospektive im Museum Gugging 2008 mit von Sylvia Kummer zusammengestellten Statements von Michel Nedjar. Markus Landert lieferte eine detaillierte Analyse.

Ein Besuch nach Gugging lohnt sich! Im Foyer wird übrigens der höchst interessante Video-Dokumentarfilm aus dem Identitäts-Projekt der Künstlerin Sylvia Kummer „Michel Nedjar, wer bist du?“ (2007) gezeigt. Dafür sollte man sich Zeit nehmen!

LitGes, Juni 2013

 

Michel Nedjar: Galerie Gugging. Rez.: Ingrid Reichel

Gottfried Helnwein: Retrospektive. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Lebendiges Mahnmal

 
   
 
Gottfried Helnwein:
Selbstporträt (BLACKOUT), 1982.
Aquarell auf Karton
Sammlung Christian Baha,
Zürich © VBK, Wien, 2013

 
 

Gottfried Helnwein
Retrospektive

Albertina, Wien, Kahn Galleries
Pressekonferenz: 24.05.13, 10 Uhr
25.05.-13.10.2013
Kuratorin: Elsy Lahner

Katalog zur Ausstellung:
Zweisprachig Englisch/Deutsch
Gottfried Helnwein
Hg. Klaus Albrecht Schröder/ Elsy Lahner/Albertina

Ostfildern: Hatje Cantz, 2013. 240 S.
ISBN 978-3-7757-3584-1
Albertina Shop: € 25.-

Gottfried Helnwein zählt in unserer so sonnig strahlenden kapitalistisch orientierten Gesellschaft wohl zu den unangenehmsten zeitgenössischen bildenden Künstlern. Seine Bilder befassen sich inhaltlich mit Schmerz, Verletzungen und Gewalt. Dies zeigt er einerseits anhand von Selbstportraits in seinen Frühwerken (Kat. S. 98-99; S. 110-119) - in denen er sich zum Teil selbst als Untermensch betitelt - und andererseits durch Kindsbilder - ausschließlich in Form von Mädchen im Volksschulalter-, die das unschuldige Opfer darstellen. In nuancenreichem Weiß manifestieren sich die bandagierten und durch gefährlich anmutende chirurgische Instrumente in die Mangel genommenen zum Teil verstümmelten Körper und Köpfe aus dem chiaroscuro, werden diese aus einem obskuren Dunkel von dem blutenden Rot aus ihrem Innersten zum Leben erweckt. Die hohe Kunst des Gottfried Helnwein ist nicht seine zur Perfektion ausgeführte hyperrealistische Malerei. Vielmehr liegt sie darin, dass trotz des Realismus, der hundertprozentigen Wiedergabe der Abgebildeten absolut nichts Individuelles übrigbleibt. Wesensmerkmale, Charakterzüge, die ganze Persönlichkeit wird vom Sog der Gewalt nahezu zersetzt bis nur mehr der Schmerz übrigbleibt. Dies ist insofern von entscheidender Bedeutung, weil diese Fähigkeit der Schlüssel dafür ist, dass Helnweins Kunst niemals zum Kitsch abdriftet.

Spätestens mit dem Aquarell „Blackout“ (Kat. S. 69), welches 1982 am Cover des Zeit-Magazins und als Cover der LP „Blackout“ der deutschen Hardrock bzw. Heavy Metal Band Scorpions erschien, schaffte Helnwein seinen internationalen Durchbruch. Auch wenn Helnweins Selbstdarstellungen aus den 80er Jahren einen schreienden gepeinigten Kopf sichtbar machen (siehe Selbstporträt/Blackout), der dem Betrachter innerlich den Urschrei hören lässt, ganz im Gegensatz zu den Mädchendarstellungen, die mit körperlicher Passivität das Unheil über sich ergehen lassen (müssen), verströmen Helnweins Werke eine absolute Stille aus, als ob der Moment der Agonie in Vakuum verpackt sei. Der Direktor der Albertina bezeichnete während der Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung Helnweins Œuvre sogar als „grausame Romantik“.

Helnwein wurde 1948 in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Wien geboren und gilt somit als klassisches österreichisches Nachkriegskind. Die Altnazis sind aus dem Krieg heimgekehrt, besetzten angesehene Positionen, Österreich versuchte sich in der Opferrolle des Dritten Reichs zu präsentieren und kehrte seine schwere Schuld einfach unter den Teppich des Verdrängens. In der Kunst sah Helnwein die einzige Möglichkeit, die von ihm erlebte Situation des Nationalsozialismus nach dem Krieg in Österreich darzustellen. Zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn sind seine Werke wohl als Aufschrei gegen das Schweigen gegenüber der inländischen Naziverbrechen zu bewerten. Auch wenn Helnwein Hand in Hand mit dem Wiener Aktionismus (Brus, Nitsch etc…) agierte, so steht er außerhalb dieser für Österreich wichtigen Gruppierung, da er nicht nur als Aufrührer gegen das aus einem alten neuerwachsenen Establishment auftrat, sondern ihm eine (verhängnisvolle) moralische Rolle zuteil wurde. Obwohl Helnwein mit seiner Malerei rapide für großes Aufsehen sorgte und sich dementsprechend am Kunstmarkt etablieren konnte, wurde ihm die Professur als Nachfolger Rudolf Hausners verwehrt. So zog Helnwein 1985 nach Deutschland, restaurierte Schloss Burgbrohl nahe Köln und machte es zu seinem Wohnheim und Atelier für die nächsten 12 Jahre bis ihm die mediale Hetze in Zusammenhang zu der amerikanischen religiösen Bewegung Scientology einholte. Seit 1997 steht die Church of Scientology mit ihren umstrittenen Methoden in mehreren deutschen Bundesländern aufgrund eines innenministerlichen Beschlusses durch den Verfassungsschutz unter Beobachtung. Im selben Jahr verließ Helnwein Deutschland, kaufte ein Schloss in der Grafschaft Tipperary in Irland und nahm 2004 die irische Staatsbürgerschaft an. Seit 2002 arbeitet er wechselweise in Los Angeles und Irland.
Los Angeles sei für ihn ein Logenplatz, der ihm den Blick auf den letzten Stand der westlichen Zivilisation biete, einer Zivilisation, die sich selbst zugrunde richte, beteuerte er in der Pressekonferenz zur Eröffnung der Retrospektive.

Die Albertina widmet Gottfried Helnwein anlässlich seines 65. Geburtstags mit 150 Werken die erste große Retrospektive im europäischen Raum. Zu sehen sind von seinen frühen Aquarellen unter anderem jenes offiziell älteste Aquarell mit dem Titel „Osterwetter“ aus dem Jahr 1969 mit dem ihm nach seinem Abschluss der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt seine Aufnahme in die Akademie der Bildenden Künste in die Meisterklasse Rudolf Hausner (1914-1995) gelang. Weiters bietet die Albertina Fotografien, zum einen solche, die seinen Aktionismus der frühen 70er beweisen und die als Vorarbeit seiner hyperrealistischen Malerei gelten. Die späteren großformatigen Silbergelatine-Abzüge sind einerseits als eigenständige Kunstwerke zu betrachten, andererseits ebenfalls Vorlage für seine Acryl-Öl-Werke der letzten Jahrzehnte, das jüngste datiert 2013. Die Schau ist durchwegs chronologisch aufgebaut, vereinzelt jedoch wegen der Themenbereiche zeitlich durchbrochen. Auch wurden die fotografischen Werke bewusst nicht von den gemalten Werken getrennt. Eine Herausforderung waren die großformatigen Leinwände, denn mit der Übersiedlung nach Deutschland 1997 wechselte Helnweins Maltechnik vom Aquarell auf großformatige Acryl-Öl-Gemälde, seine Fotografien von S-W auf Farbe. Dementsprechend mussten die überlebensgroßen Leinwände zum Transport ab- und Vorort in der Albertina frisch aufgespannt werden. Die schwierige Aufgabe, Leihgeber der Werke zu dieser erstklassigen und stimmigen Retrospektive aufzutreiben, zeichnete noch zusätzlich die anspruchsvolle Arbeit der Kuratorin Elsy Lahner aus. So gelang es ihr wahre Raritäten, nämlich kubinesk anmutende Tusche- wie Buntstiftzeichnungen der 70er und 80er Jahre, von Privatsammlern für die Retrospektive zu erhalten (Kat. S.74-77). Exemplare aus diversen Serien wie Righteous Man (Acryl-Ölwerke, 1991-1999.Kat. S. 123-127); diverse S-W-Foto-Portraits von Berühmtheiten wie Leni Riefenstahl und Andi Warhol (Kat. S. 214-225); die komplette Serie 48 Portraits in Rottönen aus den Jahren 1991/92, Helnweins Antwort auf Gerhard Richters 48 Portraits 1971/72 in Blautönen (Kat. S. 14); eine Serie von 24 Fotografien betitelt Poems (1996/97, Kat. 140-145), welche ähnlich verschwommene Polizeifotos, Kopfansichten von Opfern eines Gewaltverbrechens darstellen. Helnweins Landschaftsbilder bleiben mit Ausnahme von „Untitled. After Caspar David Friedrich“ (1998, Kat. S 133) in dieser Retrospektive unberücksichtigt.

 
Gottfried Helnwein:
Epiphanie III (Darstellung im Tempel), 1998
Öl/Acryl auf Leinwand
Collection Barry Friedman,
New York © VBK, Wien, 2013
 
 
Gottfried Helnwein:
The Disasters of War 7, 2007
Öl/Acryl auf Leinwand
Sammlung Christian Baha © VBK, Wien, 2013

 
 

Zentrales Thema der Ausstellung bleibt das Kind. Helnwein arbeitet zeitgleich an mehreren Serien, dessen Ende er wohl selbst nicht kennt. Inhalt ist jedoch immer die Unschuld in Form des Kindes, welches zum Zwecke von Machtmissbrauch gedemütigt, verletzt und benutzt wird. Dabei lässt Helnwein sowohl die politische Dominanz als auch die sexuelle Disposition einfließen.

Als Ausnahme gilt die Serie Angel Sleeping (1999, Kat. 146-149), eine Serie, die sich mit von Geburt an missgebildeten Babys bzw. Babyköpfen befasst. Ihr Torso bewegt sich schwebend, ihr Bildnis erinnert an die Flüssigpräparate, in Alkohol oder Formalin konservierten „Objekte“, in Gläsern sichtbar zu Lehrzwecken und zur Veranschaulichung abgefüllt, wie man sie in Naturhistorischen Museen auch heute noch zu sehen bekommt. Eine Serie, die dem Betrachter ermöglicht, die Ästhetik und Schönheit der Missbildung, der Deformation zu erkennen. Der Totgeburt, dem totgeweihten Leben, dem von sich aus nicht lebensfähigem Wesen den Schrecken nehmen kann, wenn es denn der Betrachter auch zulässt.

Auch die Serie Sleep (2008, Kat. S 164-169) zeigt zunächst keine Gewalt am Kinde. Vielmehr heben sich, die im dunkelsten Blau gehaltenen schlafenden Mädchen kaum ab, mit Mühe kann man sie erkennen, sehen. Es ist als ob Helnwein uns verführt, ihnen in ihren traumlosen Schlaf zu folgen, uns ermutigt in ihr Unterbewusstsein zu gelangen. Die Neugierde bringt uns näher, wir erkennen unseren Voyeurismus, unsere Bereitschaft weiterzugehen in diese dunkle undefinierbare Materie der Unschuld einzudringen.

Helnweins subtiles tiefenpsychologisches Spiel um Gewalt und Schmerz drängt mit den Serien wie Disaster of War, Epiphanie (1998-2013) und The Murmur of Innocents an die Oberfläche unseres Bewusstseins. Wie ein roter Leitfaden erscheinen immer wieder Comicfiguren in den großformatigen Gemälden. Mit Vorliebe Donald Duck, der für Helnwein als Kind wie eine farbenfrohe Rettung vor der düsteren Nachkriegszeit wirkte.

In den neuesten Werken jedoch benützt Helnwein typische Manga-Figuren, um unter anderem auf die Brutalität der PC-Spiele, dem Töten per Joystick als täglichen Zeitvertreib unserer Jugendlichen hinzuweisen. Donald Duck erscheint nun auch als bedrohliche Figur wie in „In the Heat of the Night“ (2002, Kat. S. 152) und „Dark Hour (2003, Kat. S. 154) oder die sonst so liebenswerte Mickey Mouse bekommt eine böse Fratze wie in „Pink Mouse“ (2011, Kat. S. 185).

Seit 2005 tragen nun seine jungen Protagonistinnen abwechselnd zu den unschuldigen weißen Kleidchen Uniformen in weiß oder schwarz und halten Waffen in ihren Händen, dies als Hinweis auf die Kinderarmeen im Nahen Osten und den Amokläufen in Amerikas Schulen wie es in „The Desaster of War 7“ (2007) und „Modern Sleep I“ (2005, Kat. S.196) veranschaulicht wird. Mit seinen Werken will Helnwein, wie er selbst immer wieder bekundet, weder Schockieren noch Provozieren. Mit seinen überlebensgroßen Formaten transportiert er das ästhetische Prinzip des Plakats in die Kunst hinein, und möchte damit im Gegensatz zum Spektakulären eines Plakats, im Stillstand eines Moment des Grauens ein größtmögliches Publikum erreichen und bewegen. Zwischen der Zurschaustellung des Schreckens und der Schönheit des inneren Schmerzes drückt Helnwein den Finger auf klaffende Wunden, will den Betrachter aufrütteln.

Laut Helnwein sei die Stilrichtung für eine Aussage in der Kunst völlig irrelevant, vielmehr ginge es um die Wirkung, die die Werke ausströmten. Helnwein wird jedoch seine Werke im Bann des Dritten Reichs obsessiv hyperrealistisch weiterbetreiben. Es stünde ihm fern, antwortete er auf eine Pressefrage, mit Medien zu konkurrieren, deren Aufgabe es schließlich sei, die Gräuel der Gegenwart aufzuzeigen.

Zur Ausstellung erschien im Hatje Cantz Verlag ein ausgezeichneter zweisprachiger (Englisch/Deutsch) Katalog mit einem Beitrag der Kuratorin Elsy Lahner über die Sichtbarmachung des Schreckens in Helweins Œuvre, und über die Ästhetik der Angst von Albertina Direktor Klaus Albrecht Schröder. Siegfried Mattl, wissenschaftlicher Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft schrieb für den Katalog einen aufschlussreichen Essay über die Revolte der Bilder. Ein von Howard N. Fox, dem ehemaligen Kustos für zeitgenössische Kunst am L.A. County Museum of Art, geführtes E-Mail-Interview mit dem Künstler Gottfried Helnwein rundet den Katalog ab.

Fazit: Ausstellung und Katalog geben ein intensives Bild des vielleicht politischsten Künstlers unserer Zeit wieder. Faschistoide Gedankenwelten verschwinden nicht von heute auf morgen, eher pflanzen sie sich seelenruhig quer durch unsere Gesellschaftsstrukturen fort. Es liegt wohl an Künstlern wie Helnwein, unermüdlich und obsessiv dieses Thema immer wieder aufzuwühlen, damit es nicht in Vergessenheit gerät, um uns Betrachtern, trotz vieler gesellschaftlicher Unbequemlichkeiten und negativer Kritiken, ein lebendiges Mahnmal zu bleiben.

LitGes, Mai 2013

Gottfried Helnwein: Retrospektive. Rez.: Ingrid Reichel