63/Alles Theater/Prosa: Markus Köhle: Figurentreue

Das Erzählmuster liegt am Boden, es wird betreten werden von: A (Schuhgröße: 39), B (7. Semester), C (Kontostand: - 1.794,90 €), D (Körpergröße: 1,94 m), E (Alter: 65 Jahre), F (Gewicht: 91 Kilogramm); Die Figur liegt in der Luft. Sie will nur erkannt, gepflückt, geerdet werden. Verorten wir sie also an der Theke einer Bäckerei. Diese befindet sich an einer stark frequentierten Einstiegsstelle der U-Soundso. Linie egal, Hauptsache Großstadt. Es ist Montagmorgen. Die Figur ist dran. Jetzt. Die Figur ist vom Angebot überfordert und kein Kind von Entschlossenheit. Die Figur hadert. Die Backwarenverkäuferin (A) quäkt: „Was darf's sein?“ Die Figur denkt: Einmal Butterbrotseite, bitte. „Zum Hieressen oder Mitnehmen?“, vollstreckt die Backwarenverkäuferin vollautomatisch ihren getakteten Phrasenkatalog. Einpacken und für immer konservieren, denkt die Figur. Denken braucht Zeit. Die Backwarenverkäuferin entlädt die nächste Phrase: „Der Herr haben schon entschieden?“ Die Backwarenverkäuferin hat also entschieden, dass die Figur ein Herr sei. Demzufolge blickt die Figur kurz in die Glasvitrine vor sich und trifft dann eine männliche Entscheidung: „Ein Dreisaatkantwurstweckerl zum Gleichessen, bitte“, sagt's und wird bedient. Die Figur ist also Wurstesser, sogar Vormittagswurstesser. „Darf's sonst noch was...“, die Backwarenverkäuferin kommt kurz ins Stocken, räuspert und findet sich dann wieder in ihrem Text zurecht „...sein?“. Die Figur hält ihrerseits kurz inne, schaut zur Seite und registriert eine Frisur (B) die bei der Kollegin der Backwarenverkäuferin einen Häferlkaffee zum Mitnehmen bestellt. Die Frisur ist aufgebauscht, schaut darunter aber glücklich aus. Die Figur schnuppert Richtung Frisur, nimmt Kaffeefährte auf, der anregende Duft ist schnell im Hirn und der Wunsch sogleich formuliert: „Einen großen Mokka, bitte.“ Die Figur bekennt sich also auch zum Koffeinkonsum. „Zum Hieressen oder, nein, Verzeihung“, die Backwarenverkäuferin scheint von irgendetwas irritiert zu sein, „zum Trinken oder Mitnehmen? Also hier oder nicht?“ Die Figur lernt in der Praxis angewandte Kommunikationsformen kennen und ist um Klärung bemüht: „Ja, ich mein nein, nicht zum Mitnehmen. Ich trinke hier.“ Die Figur versucht, die hochgeschaukelten Dialogwogen zu glätten und in den sicheren Hauptsatzhafen zu führen. Die Backwarenverkäuferin kontert mit Stakkatofragen: „Zucker, Sacharin? Tasse oder Schwappschutzdeckelbecher?“ Die Figur blinzelt, die Backwarenverkäuferin lächelt. Das fragt sie normal nicht. Die Figur sagt: „Nein, danke. Schwarz auf weiß, also schwarzes Gold in weißes Porzellan, bitte.“ Die Figur hat also einen Hang zum Poetischen. Die Backwarenverkäuferin quittiert mit einem weiteren Lächeln und macht sich am Siebträger der Espressomaschine zu schaffen. Es klonkt, dann ratscht es und nach dem Festwürgen des Siebträgers in der wuchtigen Maschine sprudelt braunschwarz- schäumende Soße aus dem Ausflussschnabel. „Das macht dann genau 6 Euro, bitte.“ „Das macht nichts“, schlichtet die Figur, greift in die rechte Gesäßtasche und stellt fest: „Ich habe nämlich Geld, heute.“ Die Figur nimmt's genau mit der Sprache. Die Figur reicht der Backwarenverkäuferin einen grünen Schein, sagt: „6,50, der Rest ist für mich“, und lässt den Schein erst nach merklichem Anziehen der Backwarenverkäuferin los. „Danke sehr!“ Lächeln. Blickkontakt. Frage: „Sammeln der Herr Treuepunkte?“ Die Figur ist überfragt, sucht wieder Antwort in der Glasvitrine, erblickt einen Windbeutel, ist sich unsicher, fragt vorsichtshalber nach: „Was ist Treue?“ Die Figur vernimmt anschwellendes Grummeln vom Hintermann (C), dann die Frage: „Woin'S heiraten?“ Und den Befehl: „Tan'S weida!“ Die Backwarenverkäuferin waltet ihres Amtes, bleibt bei der Geldsache, sagt: „Auf 10 und 20 ist 30, 50 und 50 sind 100.“ Die Treuemarke legt sie oben drauf. „So viel ist Treue wert?“, stutzt die Figur. „Pro 5 Euro 1 Punkt und wenn Sie die Sammelkarte – hier bitte – voll haben ...“ „... bin ich treu“, schlussfolgert die Figur. „...bekommen Sie für Ihre Treue eine Belohnung von uns“, stellt die Backwarenverkäuferin richtig. „In Form von Geld?“, fragt die Figur. Die Backwarenverkäuferin schüttelt schmunzelnd den Kopf: „Nein.“ Sie präzisiert: „Etwas Süßes.“ „Zucker, Sacharin, Windbeutel oder Ribiselspitz?“, bohrt die Figur nach. „Eine Überraschung“, klärt die Backwarenverkäuferin. Der Grummler drängt sich vor mit: „Ich bitt' Sie gar schön, andere müssen zur Arbeit. Ham Sie's bald?“ „Ja, bald“, beantwortet die Figur, „andere außer uns sind nicht da und sammeln Sie auch Treuepunkte hier?“ Nun platzt des Grummlers angestochene Mitteilungsblase: „Hean'S, ich will nur was für die Brotzeit und kommen'S mir nicht mit Treue. Treue ist so zuverlässig wie eine private Pensionsvorsorge. Treue ist so transparent wie die österreichische Parteienfinanzierung. Treue ist ...“ „... offenbar ein weites Feld“, rundet die Figur vorbildlich ab. Die Figur ist also höflich und geduldig mit Maß, packt das Geld in die Hosentasche, krallt sich Tablett und Teller, schenkt der Backwarenverkäuferin ein Nicken samt beidäugigem Blinzeln und manövriert sich vorbei am treueversehrten Grummler zur Thekeneckbank. Dort sitzt ein Halter (D), vor dem ein Bier steht. Ungewöhnlich genug. Gibt ja normal kein Bier beim Bäcker. Ist aber hier so eine Bäcker-Fleischer-Insel, eine Brot-Fleisch-Kooperation und Fleischer dürfen Bier verkaufen. „Ja, da ist noch ein Platz frei“, sagt der Bierhalter ungefragt. Die Figur dankt, hebt an, sich über Mokka und Dreisaatkantwurstweckerl her zu machen, der Sitznachbar indes fährt fort: „Diese Eckbank ist ja der einzig geschützte Bereich hier. Ist ja sonst allesoffen.“ Griffintensivierung. Schluckbewegung. Absetzen. Aah! Wischen mit dem Handrücken über die Oberlippe. „Nicht dass Sie glauben, ich tränke schon am Montagmorgen. Es ist vielmehr so, dass für mich jetzt Wochenende und Feierabend ist.“ „Ich versteh“, gibt die Figur vor, zu verstehen, und ruckelt sich auf der Sitzbank zurecht. „Eng, gell“, kommentiert der Stammsitzer und erläutert: „Der Beinraum ist immer zu knapp bemessen. Als Langbeiner ist man da stets gezwungen breitbeinig zu sitzen, was dann ja doch gleich bäuerlich und vulgär aufgenommen wird, hier aber reiner Sitzzwang ist. Nicht wahr? Nichtsdestotrotz bleib ich meinem Platz und auch meiner Bedienung treu. Wir haben einander ja schon lange. Das schafft natürlich Vertrauen und Verbindungen.“ „Na- tür-lich“, kaut die Figur, lässt die Zähne ihren Dienst tun, schluckt ins Teller, schaut dann auf zum Halter und bleibt seiner Frage treu: „Was ist Treue?“ Der Halter ist ein geübter Thekenwortführer und um keine Antwort verlegen: „Für mich ein dehnbarer Begriff; genau genommen anstrengend; relativ betrachtet sinnlos. Treue ist abstrakt, ich bin fürs Konkrete. Nehmen wir zum Beispiel dieses Bier. Das gibt mir was, das weiß ich zu behandeln, das weiß ich zu verdauen. Mit Bier kenn' ich mich aus. Bier tut mir nichts an. Bier tut mir gut. Bier ist mir ein treuer Gefährte.“ Die Figur addiert Gehörtes und summiert: Treue ist viel wert, unzuverlässig und mitunter flüssig. Die Widersprüchlichkeit der Aussagen liegt auf der Hand. Die Figur nimmt vorerst alles auf. Die Figur weiß nicht, dass Eindeutigkeit von Literatur ebensowenig zu erwarten ist wie Wahrheit. Überraschungen schon eher. Eine Dackelmischung mit Frauchen (E) an der Leine watschelt vorbei. „Gutes Hundi, braves Hundi, treues Hundi, gleich gibt’s Leckerli.“ Die Figur lernt: Treue ist also auch ein Hundi. Die Dackelmischung sorgt für die in Aussicht gestellte Überraschung und bellt: „Geh scheißen, Oide!“ Oder kam das woanders her? Im Augenblick werden im Umkreis von 25 Metern verbal folgende Aussagen getätigt (Stimmen aus diversen Lautsprechern nicht berücksichtigt, Stimmen in den Köpfen auch nicht): „Nein, ohne.“ „Tschuldigung!“ „Stimmt schon.“ „Was er sich bloß dabei denkt, frag ich mich.“ „Bitte sehr.“ „Wir kriegen das heute noch flott, ganz bestimmt.“ „Parteitreue ist oberstes Gebot, wir sind in Österreich!“ „Na, servas.“ „In der U-Bahn, aber ich komm gleich.“ „Sie hören heute noch von mir.“ „Das ist in der Sache an sich richtig, nur verstehe ich die Aufregung drum rum nicht.“ „Ja.“ „Nein.“ „Doch.“ und die bereits erwähnte Verunglimpfung des Dackelmischung- frauchens. Da plötzlicht etwas ins Sichtfeld. Da poltert jemand die Rolltreppe runter. Das ist der Treue (F). Der Treue ist verlassen worden, verlassen von der Rücksicht. Die Rücksicht war ja schon immer mit Vorsicht zu genießen; eine Vergangenheitsverklärerin und eine ganz und gar gegenwartsabgewandte Person diese Rücksicht. Keinerlei Zukunft möglich, allerlei Vorkehrungen zu treffen, einerlei wen's trifft. Die Figur ist zufrieden mit dieser spontanen Personenzuschreibung und nippt den Gedanken wieder weg. Die Figur ist gern in Gedanken und leicht zufrieden zu stellen. Mit so vielen günstigen Eigenschaften müsste doch was zu machen sein? Für so eine Figur muss doch eine Rolle zu finden sein in Leben (1), Liebe (2) oder Literatur (3)? Möchte man meinen. Aber: Fürs Theater (3) braucht's einen Konflikt. Da müsste die Figur jetzt gleich losheulen, der Backwaren- verkäuferin oder dem Bierhalter ihr verkorkstes Leben auftischen, das freilich ein Produkt der sozialen und lokalökonomischen Umstände wäre. Als Repräsentant der althergebrachten Herrschaftsordnung würde dann ein Paradebeispielbonze die Szene betreten und derart unverschämt und anzüglich seine Schinken-Käse-Baguette-Bestellung bei der Backwarenverkäuferin aufgeben, dass die Figur die Fassung verlöre und dem Feindbild an die Gurgel spränge. Worauf die bis dato unbescholtene Figur sich vor Gericht zu verantworten hätte und die Spirale abwärts begänne. Abwechselnd mit widerlichen Gefängnisszenen könnten weitere Ungerechtigkeiten aus dem Leben der Figur (Schule, Lehre, Militär,...) aufgezeigt und schließlich die Backwarenverkäuferin als gute Fee und Retterin der Figur inszeniert werden. Womit wir bei Punkt zwei – der Liebe – angelangt wären. Der Liebesacker ist für die Figur ein karger. Die Figur ist nicht entscheidungskräftig, gern in Gedanken und höflich; ein zurückhaltender Grübler also, womöglich auch noch ehrlich und somit ein prädestinierter Ladenhüter bei partnership.at, von anderen Foren ganz zu schweigen. Das schreit nach Scheitern. Wenn die Figur nicht zufällig in einem der wenigen Kaffeehäuser, in denen derartige Gestalten nicht unangenehm auffallen und sich selbst zwar nicht wohl, aber wenigstens nicht deplaziert fühlen, missgeschicklichkeitsbedingt Figur aufläuft, läuft da sicher niemals was. Eine Kontaktannonce mit dem Wortlaut: „Grübler sucht Grüblerin zum gemeinsamen Vergrübeln“, würde ein wirklicher Grübler ja nie aufgeben. Der Sprachwitz und der Hang zum Poetischen, kombiniert mit dem charmanten Verschrobenheitsappeal der Figur könnte vielleicht kurzzeitig auf einer Poetry Slam Bühne funktionieren, fünf Minuten lang. Aber was dann? Außerdem spekulieren bei derartigen öffentlichen Individualpoesie- demonstrationen ja immer auch gut zehn andere Nischennerds damit, wenn schon nicht zu zweit, so doch mindestens besoffen für zwei, heim zu gehen. Wie lernt man sonst noch potenziell Gleichgesinnte kennen in der Großstadt? Auf Flohmärkten, in VHS-Kursen, im Fußballstadion oder etwa im Freibad? Mehrmaliges Nein. Auf Flohmärkten ist jeder eventuell Gleichgewellenlängte auch Schnäppchenakquisekonkurrent, VHS-Kurse werden affäretechnisch von semi-professionellen Kreativ-Gockeln abgedeckt, im Stadion wird immer wer lauter, betrunkener oder hilfsbedürftiger, und somit im Moment attraktiver sein und im Freibad liegen Grüblerfiguren ja demonstrativ in den abgelegensten, dunkelsten Ecken und ihre noble Blässe blendet ohne Sonnenbrille, mit wiederum sind die Schattengestalten erst gar nicht wahrzunehmen. Das lässt sich generell auf Punkt eins – das Leben – übertragen. Das heißt: Derartige Figuren fallen nicht – oder aufgrund ihrer Qualitäten – unangenehm auf. Im Leben ist das definitiv kein Spaß, in der Literatur kann eine derartige Romanfigur sogar funktionieren, sofern man gewillt ist, die Witze immer auf Kosten der Figur zu machen. Das wollen wir hier aber dezidiert nicht. Wir bleiben der Figur treu, behandeln sie mit Respekt und lassen die Geschichte an dieser Stelle happy enden. Denn während sich die Frisur darüber freut, die Literaturtheorie- Prüfung bestanden zu haben, entwischt der Grummler ohne Fahrschein den Schwarzkapplern, bejubelt das Dackelmischungsfrauchen einen fünfzig Euro Brieflosgewinn, verspricht der Treue, dass er sich bessern will und bewegt sich die Backwarenverkäuferin mit einem frischen Bier für den Halter und einem Fitnessweckerl Richtung Thekeneckbank und spricht: „Bitte sehr, geht aufs Haus und ist gut für die Figur.“

Markus Köhle
Sprachinstallateur, Literaturzeitschriftenaktivist und Poetry Slammer. Er schreibt, um gehört zu werden. Zuletzt erschienen: Kuhu, Löwels, Mangoldhamster. Die vier Jahreszeiten der Wolpertinger (Sonderzahl 2015). www.autohr.at