Der Wettbewerb

69/LitArenaVIII/Siegertext 1. Platz: Zarah Weiss : Spot On A Long Road

Niemand ist auf der breiten, erdigen Straße, die Wiesen neben uns verdorrt und gelb, nur einzelne Vorgärten gepflegt; ein Surren liegt in der Luft.

Ich habe Gänsehaut an den nackten Beinen, die Klimaanlage des Campervans läuft auf Hochtouren; ich ziehe die Beine an und schlinge meine Arme um sie, blicke aus dem Fenster, „So verrückt, dass Du hier schon mal warst, vor acht Jahren“, sage ich noch einmal zu Alex, weiß nicht, wie oft ich es schon zu ihm gesagt habe, seitdem wir in den kleinen australischen Ort eingefahren sind; dieser Ort inmitten der Steppe. Einmal ganz herumgefahren sind wir in Schrittgeschwindigkeit, am Ortsausgang markiert ein Schild die nächste Stadt: noch 70 km.

Wenn wir später weiterfahren, wird da erst einmal 70 km nur Steppe sein, immer tiefer ins Land hinein, so kommt es mir vor, dabei ist es nur ein winziges Stück. Alice Springs ist immer noch eine Tagesreise vom Ayers Rock entfernt, hat Alex erzählt, und diese unendliche Weite, die sich da auftut, lässt mich ganz erhaben fühlen; wir fahren und fahren und sehen niemanden, nur Weite. Dafür bin ich doch hergekommen, für diese Erfahrung, nicht für die Städte, sondern, um die Größe und Weite zu spüren.

Im Radio laufen irgendwelche Dance-Charts, Alex hat sein Handy angeschlossen und ich habe nicht protestiert; ich kurbele das Fenster etwas herunter, es ist mir doch zu kalt. Langsam strecke ich einzelne Finger aus dem Fenster, dann schließlich die ganze Hand, den ganzen Arm. Alex schaltet die Klimaanlage aus und starrt geradeaus, sieht nicht auf die Häuser, die langsam an uns vorbeiziehen, die leere Straße.

„Wovor hast Du am meisten Angst?“, fragt er mich.

Ich drehe ruckartig den Kopf herum, starre ihn an, er wirft mir nur einen flüchtigen Blick zu, fährt weiter, ganz langsam. Noch nicht einmal aus dem Fenster schauen die Leute, um zu sehen, wer hier so elendig langsam durch ihren Ort fährt.

Wovor habe ich am meisten Angst? Davor, allein zu sein im Leben vielleicht? Davor, eine wichtige Person zu verlieren? Vor Kriegen, Hass, dem Wandel der Welt? Davor, eigentlich nicht gut in dem zu sein, was ich liebe, wodurch ich mich definiere, eigentlich gar nicht zu meinem eigenen Lebensplan zu passen? Davor, unglücklich zu sein, für immer, passiv, im Stillstand? Ich ringe nach Worten, um das ihm zu erklären und eigentlich denke ich, ist es wieder nur eins von seinen Spielen, seine Art, die eigene beste Freundin näher kennenzulernen.

„Ja, ich weiß nicht“, sage ich leise. Wir fahren an einem Springbrunnen vorbei. Eine grüne Rasenfläche, die einzige, die nicht vertrocknet scheint.

Vielleicht eine Minute, ist es mehr, ist es weniger, sagen wir nichts, biegen wir in eine neue Straße ein; schon längst geht es nicht mehr um den Weg zur Touristeninformation, der Handybildschirm mit dem Navi in meiner Hand ist schwarz geworden. Ohne Ziel fahren wir durch die Straßen, als könnten wir den Ort vom Auto aus ganz erkunden, ganz in uns aufnehmen, als müsste Alex sich vom Auto aus überzeugen, dass er genau hier vor acht Jahren schon einmal war, an der Grenze zwischen den Blue Mountains und dem Outback, eine gute Tagesreise von Sydney entfernt. Eine Fliege kommt laut surrend hereingeflogen, schwirrt ums Lenkrad, knallt immer wieder gegen die Frontscheibe. Ich versuche sie mit der Hand hinauszuscheuchen.„Ich hab am meisten Angst davor, nichts zu hinterlassen“, sagt Alex plötzlich in die Stille. Die Fliege setzt sich auf das Armaturenbrett, ich fixiere sie mit meinen Augen, atme schwer. Ich sollte jetzt das Fenster schließen wieder, sollte einen geschützten Raum schaffen für dieses kommende ernste Gespräch – hier geht es überhaupt nicht darum, spielerisch mehr von mir zu erfahren, sondern um etwas Grundsätzliches, das ihm auf dem Herzen liegt – aber ich lasse es offen, lege die Hand auf das heiße Blech der Türe.

„Weißt Du“, fängt er jetzt plötzlich ganz schnell an zu reden und irgendwie nervt mich plötzlich die Art, wie er das sagt, ich weiß auch nicht, warum, mir wird warm, „weißt Du, ich will nicht vergessen werden. Ich hab Angst, dass ich nur mein Leben lebe und dann ist alles vorbei und ein paar erinnern sich vielleicht noch, aber die werden auch irgendwann sterben und dann bleibt nichts mehr von mir übrig. Ich möchte etwas beitragen zu dieser Welt, ich möchte etwas schaffen. Ich möchte sie vorwärts bringen, so richtig weit! Eigentlich –“, er blickt mich an – „eigentlich möchte ich berühmt sein!“

Ha, will ich machen, will lachen, kann es gerade noch herunterschlucken.

„Ja!“, er schaut wieder nach vorne, „Ich will berühmt sein, weil ich etwas geleistet habe; naja, halt auf jeden Fall nicht vergessen werde! Hast Du Dir mal überlegt, wie viele mehr tote als lebendige Menschen es gibt?“

Ich überlege ernsthaft. Wie lange gibt es die Menschheit schon, wie viele sind seitdem gestorben, wie viele mehr Menschen liegen unter der Erde als auf ihr zu laufen? Meine Finger krallen sich um das Handy.

„Aber“, sage ich, „ist es nicht schön, wenn Deine Familie und Freunde sich an Dich erinnern, wenn Du ihr Leben bereicherst, wenn sie sich ihr Leben ohne Dich nicht vorstellen können – Hey, Du bist doch wichtig für mich!“ Ich streichle einmal fest, beinahe scherzhaft über seinen Arm. „Reicht es Dir nicht, für diese Leute was zu bedeuten?“

„Ja ja. Aber ich will für alle was bedeuten“, knurrt er und drückt aufs Gas, fährt mit Vollkaracho auf einen ungeteerten Parkplatz an einem Teich. „Hier dran erinnere ich mich noch!“, ruft er. „Lass uns hier mal aussteigen und rumlaufen!“ – und er hat sich schon abgeschnallt, die Türe schon aufgerissen. Er dreht sich noch einmal um: „Im Grunde habe ich Angst vor Bedeutungslosigkeit. Jaja.“ Er nickt, zufrieden mit der eigenen Antwort, die er für sich gefunden hat. „Angst vor einem bedeutungslosen Leben.“ Und raus springt er, weg ist er, läuft auf den Teich zu. Ich schnalle mich langsam ab.

Später, wir haben in einer kleinen Seitenstraße heimlich geparkt, sparen uns die Kosten für einen Campingplatz. Überall zirpen Grillen und es ist stockdunkel. Wir liegen sporadisch zugedeckt unter den Schlafsäcken, es ist zum Glück etwas abgekühlt. Ich sehe nicht einmal die eigene Hand vor Augen, hoffe, dass ich in der Nacht nicht aufs Klo muss.

Aufgeregt und entspannt zugleich, was für ein Erlebnis, hier zu liegen, am anderen Ende der Welt. Ich lüfte ein bisschen den Vorhang neben mir. Durch das Moskitonetz: der australische Himmel noch voll von den Sternen, die wir vorhin bestaunt haben. Alex raschelt in seinem Schlafsack. „Ich glaube, Noa, ich hab echt einfach richtig Angst vor dem Tod“, sagt er plötzlich.

Ich öffne den Mund, weiß nicht, was sagen. „Aber... das brauchst Du doch nicht“, sage ich ganz platt und dumm. „Ist aber so. Ich wünschte, es wär nicht so.“

Unser Atmen, ganz leise; Stille, Dunkelheit. „Darf ich Dich küssen?“, fragt er plötzlich. Und er weiß schon, ich sage nein, „Nein“, sage ich. Gegenseitiges Grenzen austesten. Es ist nicht einmal aufregend. Es ist ganz selbstverständlich. Aber wir geben einander so viel preis. Ich ringe immer noch nach Worten, die ihm deutlich machen, dass ich das ernst nehme, was er sagt. Vielleicht müssten es mehr Fragen sein. Aber da streichelt er mir schon einmal kurz übers Haar, gähnt tief und dreht sich dann um, mit dem Rücken zu mir: „Morgen musst Du mal sagen, wovor Du Angst hast.“ „Ja“, nicke ich eifrig. Und ganz leise: „Danke.“

Eine Minute später ist er eingeschlafen.

 

 

Zarah Weiss

Geb. 1992 in Düsseldorf; 2004 Preisträgerin Nachwuchspreis Grüner Lorbeer®, seit 2015 zertifizierte Schreibtrainerin. 2011-2015 Doppelbachelor Sozialwissenschaften, Philosophie und Kulturwissenschaften, Universität Leipzig. 2014-2015 Auslandssemester University of Copenhagen, Filmwissenschaften. Seit WS 2015 Masterstudium Vergleichende Literaturwissenschaft, Universität Wien; wiss. Mitarbeiterin im FWF-Projekt „Ludwig Tiecks Bibliothek. Mitglied des Autorenteams August Autoren.

69/LitArenaVIII/Siegertext 2. Platz: Katharina J. Ferner : Neulich im Café

Im Café Jelinek, das heißt kleiner Hirsch. Jelen der Hirsch und so weiter. Irgendwann einmal nehme ich dich mit, wenn du groß bist, du grinst. Ich verschütte Tee auf meinem Kleid, das macht nichts. Sei nicht so frech, pass nur auf. Du greifst nach meiner Hand, ziehst an den Fingern dass es knackt in den Knochen. Ich kann gerade noch den Aufschrei unterdrücken. Große Mädchen schreien nicht. Öffentlich. Erst später, am Abend, zwischen den Laken vergraben. Ich schäme mich.

Werde nicht die Lider niederschlagen und die Wangen bleiben kalt, aber die Hand verrät mich. Ich will die Finger lösen, doch sie kleben fest, an der Hand, der weichen. Ich verschütte noch einmal Tee, er ist lauwarm und ich nass bis auf die Strumpfhose, vielleicht auch darunter. Mein Herz klopft sich in den Herzinfarkt. Atmen nicht vergessen. Ich schlucke. Die Augen perlen Tränen vom Rauch. Reiß dich zusammen, Mädchen. Ich blinzle heftig. Er wischt die Spuren achtlos von den Wangen mit der einen Hand, die andere mich immer noch fest im Griff. Wischt die Zigarettenschachtel vom Tisch. Ich denke, dass meine Finger langsam blau werden, vielleicht bleiben sie auf der Tischkante liegen, werden so zum Inventar. Wenn ich wieder hierher kommen sollte, könnte ich sagen: Das ist mein Tisch. Da sind schließlich meine Finger auf der Platte. Ja, so war das damals. Da musste man sich die Sitzplätze noch hart erkämpfen. Und dann würde ich in Gelächter ausbrechen, so wie in einem dieser Filme, in denen eine Person über ihren eigenen Witz lacht und niemand sonst. Und meine Begleitung würde nur aus Höflichkeit die Mundwinkel nach oben ziehen, sich aber denken, dass ich nun vollkommen irre geworden sei und dann sobald wie möglich das Weite suchen. Ich würde mich an den Tisch setzen und nach einer Zeitung verlangen. Und dann kämst du. Wärst doch schließlich auch ein Teil des Ganzen geworden. Nicht ganz unschuldig daran, dass meine Finger am Tisch, um nicht zu sagen: schuldig. Du würdest an meiner Stelle in der Zeitung blättern, mir manches vorlesen, anderes nur kommentieren, meine Fragen übergehen, mich manchmal zurechtweisen. Also alles wie gehabt. Ich seufze.

Erst jetzt bemerke ich, dass du meine Hand losgelassen, wie ein toter Fisch liegt sie da. Ich lasse sie liegen, die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Dass du mir einmal entgegen kommen könntest, hinterher. Sie noch einmal hochheben, sanft dieses mal. Mir einen Ring anstecken vielleicht. Du schüttelst den Kopf. Man wird doch wohl noch träumen dürfen!

Du sagst: Werd endlich erwachsen. Und dass ich gar nicht weiß wie sehr. Und das Begehren brennt mir unter der eingerissenen Nagelhaut. Du sagst: Blümchen. Und ich hasse dass du das so sagst, beiläufig, hingeworfen wie ein schlechter Kosename. Denk mich grau statt bunt. In der Menge verschwunden. Bin ich. Dass mir das alles zu lange dauert und dir immer noch zu schnell. Dass ich vielleicht gierig bin. Sachte, sachte sagst du. Bremst die Lippen, legst mir die Finger so fest an den Mund, dass ich den Geschmack erahnen kann, ziehst sie schneller weg, als meine Zungenspitze. Die Zähne beginnen an der Haut zu ziehen, mich zittert. Bekomme deine Jacke, nur geliehen, betonst das extra, dass ich mich bloß nicht daran gewöhne, deinen Geruch auf meiner Haut zu tragen, nicht länger notwendig. Bietest mir den Arm an, ein echterGentleman, würde man sagen, doch ich weiß es sind nur noch wenige Schritte bis zudeiner Haustür. Ich kenne den Klingelknopf und das Treppenhaus, die Wohnungstürsogar, hast mich einmal beim Spionieren erwischt, mich auf Entzug gesetzt eine ganzeWoche lang. Ich ziehe die Schritte in die Länge, meine Finger beben zur Klingel hin,fängst sie gerade noch ein, die Knöchel knirschen, während du meine Hand nach unten drückst. Zärtlich aber bestimmt. Hauchst mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange, als wäre ich eine Bekannte, die du zufällig in der Straßenbahn. Nimmst mir den Mantel ab und ich sehe zu wie die Tür sich hinter dir schließt, warte noch ein bisschen vorm Haus herum, bis ich dich oben am Fenster winken sehe. Mein Handy vibriert und alles was du schreibst ist: Verkühl dich nicht, Liebes. Und ich weiß es ist an der Zeit in meine eigenen vier Wände, wo es nur mich gibt und ganz selten dich.

Ich trödle den Nachhauseweg, bis mir wieder kalt wird und ich hoffe dass ich krank werde, die Nase zugeht. Aber selbst wenn es so wäre, wenn es noch viel schlimmer, ich eine Lungenentzündung oder etwas anderes lebensbedrohliches. Du würdest nicht kommen und mich pflegen, vielleicht würde ich es gar nicht wollen, dass du mich siehst in so einem Zustand, die Haare zerrauft von der eigenen Misere. Frage mich manchmal ob es noch Zustände gibt mit denen ich dich überraschen kann. Ob du einer, der für Überraschungen zu haben? Wohl kaum. In Gedanken erzähle ich dir, dass ich gerne Salz in Narben streue, obwohl das nicht stimmt. Zeige stolz die Unterarme, deute auf die verkrusteten Stellen, sage: hier und hier, und: hat gar nicht weh getan. Die Narben zur Schau getragen vor dir. Verhüllt vor fremden Blicken, nur

manchmal schimmert es rot durch den Stoff. Dass ich immer helle Kleidung trage, fragst warum ich das tue, ob ich noch daran glaube, die jugendliche Unschuld, Reinheit nicht längst flöten gegangen. Ob ich jemals etwas darauf gehalten hätte, die Schmutzränder an meinen Hosenbeinen, ließen nämlich andere Schlüsse zu. Du lachst dreckig.

Ich folge der Spur unserer verschlungenen Schritte im Schneegestöber. Deine Fußabdrücke liegen deutlich tiefer als meine, schlagen weiße Kerben. Das Profil eines Autoreifens kreuzt unseren Weg, unterbindet das Geräusch meiner Schritte, der sichtbare Atem, ich hauche deinen Namen in die Luft, beim i-Punkt, werfe ich einen Kussmund. Stelle mir vor, wie deine Zunge noch einmal in mich drängt. Die Augen stets wachsam. Das Atmen schmerzt in der kalten Luft, spüre die Lippen springen, die Haare nass, voller Schneekristalle. Die Lungen brennen. Ich schließe kurz Mund und Augen. In Gedanken formst du einen Schneeball und drückst ihn an meine Stirn. Wach auf, Prinzessin! Ich versuche ein Lächeln.

In meinem Kopf steckt ein Satz fest: Du bist kein Kind mehr. Und ich weiß, dass es nicht ausreicht, sich die Lippen rot zu malen und an den passenden Stellen zu Lachen. Dass es das ist, was dich anzieht. Dass du es magst, wenn ich die Stimme erhebe, wenn ich getrunken habe, dir unter dem Tisch in den Schritt greife. Dass du mich dennoch zurechtweist. Selten gibst du nach und wir lieben uns in einem Lift oder einem Hofeingang. Später spiele ich gegen mich selbst Schiffe versenken, kaum zu glauben, aber es hilft gegen die Sehnsucht. Ich denke mir Geschichten aus zu den einzelnen Schiffen, manche sind von der Armee, andere werden von Piraten gekapert. Irgendwo dazwischen ein Segelboot, das vom Kurs abgekommen ist.

Das Café Jelinek hat schon geschlossen. Ich mache mich dennoch auf, schaue die grünen Bänke an, die ausgemachten Luster. Jemand bleibt stehen, um mir eine Zigarette abzuschwatzen, die ich nicht habe. Bleibt noch ein bisschen länger. Sieht mich weiter stehen. Ich stecke die Hände in die Manteltaschen bevor sie ganz einfrieren, trage Handschuhe ohne Finger Du würdest sagen, wie ein dummer Bankräuber und ganz heftig Lachen über deinen eigenen Witz, während ich die Augen verdrehen würde. Der Wind frischt auf und ich weiß es ist Zeit, die Schuhe aus zu ziehen und die Kleidung abzulegen, meine Lust für dich auf meine Hände abzulenken. Es würde dir gefallen, wenn ich dir davon erzählte, wie ich an dich denke, während ich mastubiere. Tatsächlich ist es eine traurige Angelegenheit. Ich bin ungeduldig und wenn es mir zu lange dauert, nehme ich den Vibrator zu Hilfe. Neulich waren die Batterien alle. Es war wirklich nicht mein Tag gewesen.

Ich nehme eine heiße Dusche, habe das erste Mal seit Stunden das Gefühl wieder aufzuleben. Das Stechen in den Fingern bringt mich auf andere Gedanken. Ich schaffe es den Abend ohne Nutella zu verbringen und schaue nur eine einzige Serie an, bevor ich mich dem Schlaf übergebe. Und ich träume nicht. Und am Morgen ist ein neuer Tag an dem ich dich nicht sehe, aber ich beschwere mich nicht. Ich gehe keinen unserer Wege. Ich stehe auf und gehe einfach irgendwo anders hin, vielleicht kaufe ich sogar ein und koche etwas, beginne auf mich zu achten. Dass du mir nicht vom Fleisch fällst, Mädchen! Ich telefoniere mit Mutter und lasse mir von der Arbeit im Krankenhaus erzählen und bin froh, dass ich selbst nichts sagen muss, nicht mehr von mir verlangt wird, als ab und zu ein hm von mir zu geben. Als ich mich verabschiede, habe ich dennoch einen trockenen Hals. Ist es die Heizungsluft, habe ich zu wenig getrunken.

In der Küche am Tisch steht eine Rose. Sie ist eingetrocknet und eigentlich stinkt sie schon ein wenig, aber noch habe ich es nicht übers Herz gebracht sie zu entsorgen. Auszumisten. Irgendwo muss man schließlich beginnen. Ich verbanne die Rose auf’s Klo. Schrittweise Abschied nehmen. Es wird so lange funktionieren, bis du unangekündigt vor meiner Tür stehst. Und ich denke, dass ich vielleicht nicht zuhause bin, vielleicht schon Besuch habe. Dass ich dir ein einziges Mal, eins auswischen kann.

 

Katharina J. Ferner 

Geb. 1991 in Salzburg. Seit 2009 lebt und schreibt sie vorwiegend in Wien. Studien der Slawistik, Skandinavistik, Deutsch als Fremdsprache. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. 2015 Nominierung im Rahmen des Literaturwettbewerbs Wartholz. 2015 Debütroman „Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste“, Verlag Wortreich. Redakteurin der Literaturzeitschrift &Radieschen. Mitarbeiterin der Ö.D.A. (Österreichische DialektautorInnen und –archive). Juli- September 2017 Stadtschreiberin in Hausach/Deutschland.

69/LitArenaVIII/Siegertext 3. Platz: Anna Stern (Bischofberger) : Karte und Gebiet

Sie kartiert das Land ihrer Träume.

Sie beginnt im Nordwesten, zeichnet die Küste, an der sie die – die vielleicht wichtigste Woche ihres Lebens verbringt, im Auto, auf Strassen, draussen, die Sonne scheint, es regnet. Sie denkt an die Feldstation, an Tapka und Mad Maddie.

An das heilende Wasser von Loch Maree und an das Zittern nach den Schwimmzügen auf die Insel zu. Wenig Schlaf, dafür tentative steps.

Ein ganzes Stück davon entfernt dann das schwarze Loch für die Wunden, die nur langsam heilen. If ever.

Sie zeichnet Linien zwischen drei Punkten, zwischen V. und P. und B. Ein Dreieck, Descartes’ Dreieck. Und mittendrin ihr Zuhause.

Ohne weiter darüber nachzudenken fügt sie den See hinzu. Weil er schon immer da war; weil er nicht verschwinden wird.

Dann die Risse und Gräben, die Verwerfungen, die nach dem Erdbeben zurückbleiben. Teile der Küste plötzlich vom Festland abgetrennt, Flussläufe verändert, ein Stück Vergangenheit dem Erdboden gleichgemacht.

Ihr Herz klopft schneller, als sie das nächste Zeichen einträgt: Für die Stadt, das Haus, den Raum, in dem ihr das Geheimnis der schwarzen Bücher geschenkt wird.

Sie hört die Stimme, die sagt: I will give you a secret, I will give you the secret of the black books.

Sie setzt den Punkt, an dem sie versteht, wie Verstehen funktioniert.

Ein Ein □ als Symbol der Wahl für das Haus an der Nordsee. Das Haus auf den Stelzen, in Hörweite des Wellengangs. Schilfgras wiegt im kühlen Wind, auf den trockenen Lippen schmeckt die Zunge Salz. Ein niedriger Zaun aus Schwemmholz umgibt einen kleinen Garten. Die Weite des Himmels hier, die Möwen weiß gegen das Blau; sie singen. Und der Sand ist warm und weich.

Sie zögert, macht dann aber doch ein Zeichen, um nicht zu vergessen, was in Bologna geschieht. Ihr ist zudem bewusst, dass sie die Avenue of Mysteries nicht weglassen darf. Für die verpasste Gelegenheit.

Keine Straßen, keine Wege darüber hinaus. Sie will sich nicht vorschreiben lassen, wie sie sich zwischen ihren Träumen bewegt.

Unverzichtbar aber Chaser Point und Nine Oat Wood. Weil … Schlicht weil.

Sie zeichnet ein Kreuz: en mémoire de tous qui étaient et ne sont plus.

Das in der Mathematik für den Kontravalentor stehende Symbol markiert die Stadt der Lichter und darin die Suche nach dem verlorenen Glück. Die Unsicherheit, das Schweigen. Und was ihnen abgesehen davon bleibt.

Sie fügt die Grenzen hinzu, die längst überschritten sind.

Etwas zaghaft geraten die Umrisse der Wüste der Anderen, fast als zitterte sie.

Es ist ein Ort, den sie nicht kennt, von dem sie zwar gehört, den sie jedoch nie gesehen hat. Man erzählt sich Dinge, man macht sich Gedanken. Eine Vorstellung, nicht mehr als ein Schatten eigentlich. Ein Schatten von erstaunlichem Gewicht. Sie glaubt, dass das Gebiet irgendwo im Süden liegt, weiß es aber nicht mit Sicherheit.

Unweit davon vermutet sie auch die Grube. Die Grube mit dem Blut und den Tränen.

Ohne Mühe findet sie hingegen den Hügel, die Wiese, auf der das Zelt stand, damals. Das Zelt der vier. Eine alte Fotografie erinnert daran.

A second □ stands for Franz Wright’s Progress.

Kafka schrieb: „Stummheit gehört zu den Attributen der Vollkommenheit.“ Und: „Von einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“ Sie fügt ein Symbol für Kafka in ihre Karte ein.

Zuletzt markiert sie Darlace, wo nachts mehr Sterne sichtbar sind als überall sonst. Sie sieht den Ort klar vor sich, die zwei Gebäude in der zum Meer hin sanft abfallenden Wiese, das Gras trocken, strohig zum Sommerende, und die großen Fenster spiegeln das Licht der knapp über dem Horizont stehenden Sonne feuerrot.

Einst ein Bauernhof, Wohnhaus plus Scheune aus grauem Stein. Niedrig, einstöckig ursprünglich nur und dunkel. Ein ungeschliffener Diamant, der nun ... Nachts ist Orion sichtbar, ein neues Leben.

Éloigné, cet abri, dans la campagne; ihr persönliches Finistère.

Sie weiß, es ist der Ort, auf den alles hinausläuft. An dem sein wird, was sie sich nicht vorstellen kann.

Ein Ende.

Ein Anfang.

 

Anna Stern (Bischofberger)

Geb. 1990 in Rorschach (CH), Abschluss: Umweltnaturwissenschaften MSc, ETH Zürich. Veröffentl. unter Anna Stern: 2014 'Schneestill', 2016 'Der Gutachter', Roman, beide im Salis Verlag, Zürich. 2017 erschien 'Beim Auftauchen der Himmel', Erzählungen, lectorbooks, Zürich.