Buch

Sofia Andruchowytsch: Die Geschichte von Romana

Florian Müller

Sofia Andruchowytsch:
Die Geschichte von Romana

Aus dem Ukrainischen von
A.Kratochvil u. M.Weissenböck
Salzbg.- Wien: Residenz Verlag
2023, 303 Seiten
ISBN 978-3-7017-1763-7

Der Kampf gegen den Ges(ch)ichtsverlust. „Sie zittert, während sie ihn betrachtet. Das ist ihr Mann. Das ist ihr persönliches Monster.“ Wir schreiben das Jahr 2015. Die Ukraine ist im Krieg mit Russland. Vom Schlachtfeld aus dem Donbas kehrt ein Archäologe zurück, dessen Vergangenheit komplett verschüttet ist: Sein Gesicht ist so verstümmelt, dass es nicht mehr zu erkennen ist. Sein Gedächtnis hat er verloren. Die Archivarin Romana erkennt in ihm ihren Mann Bohdan Krywodjak wieder. Aber es ist nicht die Geschichte von Bohdan. Es ist die Geschichte von Romana, die es zu ihrer Obsession macht, Bohdans Erinnerung wiederzugewinnen. Denn ist dieser Mann wirklich Bohdan? Kann er sich tatsächlich nicht erinnern? Will er sich vielleicht nicht an das Leben erinnern, das er hinter sich gelassen hat?
Oder ist er nach dem, was er erlebt hat, nicht mehr Bohdan? Neben dem Kunstgriff, einen Archäologen und eine Archivarin nach der Vergangenheit suchen zu lassen, stattet die Autorin ihre Protagonistin mit ihrem Talent aus, Menschen zu begegnen und sie zu beschrieben.
Die Übersetzer:innen Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck verorten diese Erinnerung einfühlsam in Kyjiw, nicht in Kiew.
Sofia Andruchowytsch, die Tochter des nicht unbekannten Jurij Andruchowytsch, machte das erste Mal mit dem Roman „Der Papierjunge“ auf sich aufmerksam, den bereits Maria Weissenböck ins Deutsche übersetzt hat und der auch verfilmt wurde. Mit ihrer Roman-Trilogie „Amadoka“ erzählt sie mit drei starken Frauen
ein Jahrhundert ukrainischer Geschichte von einem Vielvölkerstaat über Faschismus und Stalinismus bis hin zur Orangenen Revolution, zur Krim-Anexion und zum russischen Angriffskrieg. Die Geschichte von Romana ist nun der Auftakt dieser Trilogie. Wir dürfen uns auf die Übersetzungen der „Geschichte von Uljana“ und „Der Geschichte von Sofia“ im Herbst 2023 und Herbst 2024 in Residenz-Verlag freuen.

Egyd Gstättner: Ich bin Kaiser

Eva Riebler

Egyd Gstättner:
Ich bin Kaiser

Österreichische Erzählungen
Picus Wien, 2022
308 Seiten
ISBN 978-3-7117-2126-6

Wenn sich Egyd Gstättner zum 60er ein Werk schreibt, dann muss alles vorkommen, was absurd, kaiserlichköniglich, korrupt und abstrus österreichisch ist.
Gstättner hat immer schon „dem intellektuellen Establishment mit höchster Eleganz mitgeteilt, was für ein Trottelhaufen es ist“ S. 268. Vor allem ist er Beobachter in seiner Heimat Klagenfurt. Er ist sozusagen der Stadtschreiber Klagenfurts, der g`scheite Kasperl, der dem Krokodil, - sprich. Lindwurm – mit dem Kochlöffel eins auf`s Häupl haut. Leider nutz es nichts – oder gottseidank, denn sonst müsst er aufhören die Kasperliade zu beobachten und trefflich zu benennen!
Er liebt es mit scharfem Blick die Karrierelinge und Mächtigen des Staates als Marionetten und verängstigte Weicheier vorzuführen. Als Kaiser ist es ihm gestattet die Wahrheit zu sagen. Eigentlich ist er der historische barocke Hofnarr, der nun Kaiser spielen darf, denn den alten, papierenen Präsidenten der Republik hat der Tod ereilt.
Gstättner liebt fiktive Experimente wie dieses, da kann man ihm nichts anhaben, wenn er klar die Wahrheit sagt und Österreich im 21. Jahrhundert durch die monarchische Brille sieht. Schönbrunn hat ja noch alle monarchistischen Ingredienzen und die sind stabiler als die wechselnden Bundeskanzler und sonstigen demokratischen Politiker hierzulande.
Das Ränkespiel gepaart mit Unwissenheit und Dummheit zu Zeiten von Corona bietet ja ebenso guten satirischen Stoff und der Autor hat hier, wie er sagt, Stoff untergebracht, den er in keiner Kolummne untergebracht hätte. Übrigens sieht er sein Werk„ als satirische Rache am Geisteswissenschaftlsgeschwätz, das bis heute in höchsten gesellschaftlichen Ehren steht… S. 268: Eine furiose Abrechnung! Mit dem Finger auf der blutenden Wunde bleibt dem Leser das Lachen im Halse stecken. So zackig wie die Krone ist sein gnadenloses Mundwerk!

Thomas Sautner: Nur zwei alte Männer

Eva Riebler

Thomas Sautner:
Nur zwei alte Männer

Roman
Picus Wien, 2023
174 Seiten
ISBN 978-3-7117-2132-7

Liebevoll wie immer zeichnet Thomas Sautner seine Figuren. In seinen vorangegangenen Romanen waren Männer Nebenfiguren, daher wurde es an der Zeit auch sie in die Gefühlswelt zu heben. Zwei Herren möchten noch präsent sein. Hakim ist ein fernöstlicher Tänzer, der nur so vor Bewegungslust und Altersweisheit sprüht und sein Gegenpart, Joseph Wasserstein, ist grantig und fahl, einer der nur mehr sein Herz und Gemüt selten aufmacht. Er war als Fotograf berühmt, nun jedoch gewöhnungsbedürftig und knorrig verschlossen. Verstockt sozusagen hockt er auf seiner Terrasse am Rande Wiens und hat vom Leben nichts mehr zu erwarten. Glaubt er! Es kommt jedoch anders als Julia Stern mit einem Vorwand in deren Leben tritt. Für ganz Österreich kommt es anders, als ein bemanntes/befrautes Ufo erscheint und mitgeteilt wird: „Ihr seid alle unsere Kinder“.
Warum Sautner zu solch handlungsstörenden Unterbrechungen greift, ist unerklärlich. Jedoch kann man sein verschmitztes Lächeln zwischen den Zeilen erkennen. Was wird jetzt wohl in den Kritiken geschrieben? Hat er doch schon in seinem letzten Roman „Die Erfindung der Welt“ ein literarisches Projekt gestartet, das Literatur die Daseinsberechtigung der Menschen auf diesem Planeten hinterfragt. Wozu sind wir gut, wenn wir den Planeten und uns so zerstören? Was ist der Lebenssinn? Größere Fragen gibt es wohl kaum! Sich mit einfachen narrativen Mitteln diesen Kernfragen zu nähern ist eine große Aufgabe, die Sautner von mehreren Seiten nun angeht. Lebensphilosophie war ja von seinen ersten Romanen „Milchblume“ oder „Fuchserde“ Thema. Damals war er vielleicht noch ein bisschen als Mystiker unterwegs. Nun kommen immer mehr der Humor und das Augenzwinkern zum Vorschein. Jedenfalls wird das Besondere in einfachen Dingen wie auch die Absurdität der Reaktion der unverbesserlichen Menschen auf Nachrichten aus dem All gezeigt. Wiederum ist ihm ein lebensbejahender Roman mit feiner, liebevoller Zeichnung der Charaktere gelungen!

Bettina Wilpert: Herumtreiberinnen

Cornelia Stahl

Bettina Wilpert:
Herumtreiberinnen

Roman
Berlin: Verbrecher Verlag
2022, 266 Seiten
ISBN: 978-3-957325-136

Widerständige Frauen- und Stadtgeschichte.
Drei Frauen mit unbeugsamem Willen. Die Geschichten um Manja, Robin und Lilo spielen in einem fiktiven Leipziger Gebäude, in der Lerchenstraße. Sie verlaufen an drei unterschiedlichen Zeitebenen entlang. Was die drei Frauen miteinander verbindet, ist ihr unbeugsamer Wille zum Widerstand gegen das herrschende System. Sie leisten Widerstand gegen Normierung, Anpassung und Ausgrenzung.
Im ersten Romanabschnitt befinden wir uns in Leipzig, in den1980er Jahren, lernen Manja und Maxi kennen, die sich um alles kümmern und dabei jeglichen Schulbesuch vernachlässigen. Ihr nonkonformes Verhalten wird von der örtlichen Volkspolizei beendet und Manja wird in die Venerologische Abteilung des Krankenhauses eingewiesen, wo sie Gewalt durch medizinisches Personal erfährt und den gewalttätigen Insassinnen ausgeliefert ist. Repressionen als Spiegel des autoritären Staates – innen wie außen.
Säter, 2015, arbeitet Robin als Sozialarbeiterin für Geflüchtete im Gebäude in der Lerchenstraße. Das Haus nimmt Flüchtlinge auf, scheint erneut die repressive Form zu absorbieren, kaserniert und kategorisiert. Wiederholt geht es um konformes, nonkonformes Verhalten der Bewohner*innen in der Lerchenstraße.
In einer Rückblende versetzen wir uns ins Jahr 1940. Lilo, Tochter eines Kommunisten im Widerstand, wird nach der Verhaftung durch die Gestapo in der Lerchenstraße interniert und beinahe von der Putzfrau beim Schreiben eines Flugblatts erwischt: Nieder mit der 72-Stunden-Woche! Gegen den totalen Krieg! Für den totalen Frieden! (S.169).
Wilperts Roman erzählt von (begrenzten) Handlungsspielräumen von Frauen und repressiven Formen der Gewalt gegen sie in unterschiedlichen Zeiträumen. Er verfasst fiktive und recherchierte (Stadt)Frauengeschichte, die in ihrer Form einzigartig ist.
Wir freuen uns auf weitere Romane!

Jelena Semjonowa-Herzog: Die Tropfen des Lichts

Cornelia Stahl

Jelena Semjonowa-Herzog:
Die Tropfen des Lichts.

Lyrik, Wien:
PEN Austria. Korrektur-Verlag
94 Seiten
ISBN: 978-3-9505129-8-4

Licht und Schatten – Liebe im Wandel der Jahreszeiten. Die Lyrik muss aufrichtig sein, bekräftigte die Autorin in einem Interview. Dieser Maxime und in diesem Sprachduktus folgt Semjonowa-Herzog im vorliegenden Gedichtband. Von Liebe, Licht und Schatten ist da die Rede, von Träumen und von Sehnsucht, vom Begehren und von unerfüllten Hoffnungen:
Du warst mein Traum, mein Labsal,
Gabst Licht, als Finsternis herrschte.
Du warst mein Glück, das was ich brauchte
(S.15).
Die Gedichte der Autorin erlauben eine Mehrfachdeutung. Sie beziehen sich auf ein (menschliches) Gegenüber, lassen sich ebenso als Zwiegespräch mit einer göttlichen Figur deuten. Als Anrufung eines höheren Wesens, vom dem man Hoffnung ersehnt. Jahreszeiten und Naturerscheinungen tauchen wiederholt im vorliegenden Lyrikband auf:
Ein Tag im Herbst, etwas düster, / Die Sonne scheint von Zeit zu Zeit auf. / Die Welt ist bereit einzuschlafen, um jung Im frühen Lenz aufzuwachen (S.45).
Im Nachwort appelliert die Autorin an die Kraft der Liebe: Liebt! Die Liebe vollbringt Wunder! (S.91). Im Sinne von John Lennons Song: Make Love, Not War! - eine Botschaft die jeder/jede versteht und gegenwärtig aktueller denn je erscheint! Eine unbedingte Leseempfehlung!
Jelena Semjonowa-Herzog, in Minsk geboren, ist Lyrikerin, Schriftstellerin, Übersetzerin, Literaturwissenschaftlerin und Lehrerin. Sie studierte Übersetzen und Dolmetschen in Minsk und promovierte an der Universität Wien. Sie schreibt auf Russisch, Belarussisch und Deutsch. In Minsk erschien ihr Lyrikband „Die Tropfen des Lichtes“ (2005), der nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Sie übersetzt Lyrik und Prosa. 2020 erschien in Minsk ihre russische Übersetzung des Jugendromans „Hanniel. Ein Engel auf Erden“ von Lene Mayer-Skumanz. Sie lebt und arbeitet seit 2006 in Wien.