69/LitArenaVIII/Heftkünsterlin: Linda Partaj

Anlässlich der gemeinsamen Ausstellung „Frauen, die auf Männer schauen“ im Juni im DOK Stadtmuseum St.P. kam Eva Riebler ins Gespräch mit Linda Partaj aus St.Pölten.

 

Dein Vater unterrichtete Bildnerische Erziehung im BORG, in der Schule, in der Du maturiertest. Inwieweit hatte er Einfluss auf Deinen künstlerischen Lebensweg?

Die Begeisterung für Kunst wurde natürlich durch meinen Papa sehr früh geweckt. ... mehr...

61/LitArena VII/Heftkünstler:Bogdan Pascu

Bogdan Pascu

Bogdan Pascu ist als Akademischer Maler und Mal-Pädagoge (gebürtig aus Rumänien, wohnhaft seit 30 Jahren in Wien) der  geeignete Heftkünstler und Interviewpartner in einem Jugendheft wie LitArena VII. Eva Riebler-Übleis kennt ihn seit 15 Jahren und in seinem alljährlichen Kursraum auf der ART-Didakta in Innsbruck entspannte sich folgender Dialog. 

Du meinst: „Du lernst ständig VON den Kursteilnehmern“. Inwieweit ist das höfliches Formulieren?
Ich beziehe das nicht auf meine Lehrtätigkeit, sondern auf das ganze Leben. Ich lerne andauernd von meinen Kindern. Da brauch ich nicht höflich zu sein.

Wie wichtig ist Dir Dein Bauchgefühl, nicht nur in der Malerei?
Bauchgefühl ist ein Ziel!

Formal zu handeln ist ja kein Thema für Dich.
Form und Technik sind Selbstverständlichkeiten und dadurch nebensächlich!

Deine Aussage: „Kinder mit 5, 6 Jahren beginnen verbildet zu sein“, ist wahr, wie kannst Du dem entgegenwirken?
Die erste Verbildung ist bereits mit 3 Jahren! Meine Töchter bekamen Mandalas zum Ausmalen, anstatt ihnen nur die Werkzeuge zur Verfügung zu stellen. Das täte ausreichen! Entgegenwirken durch Vorbildwirkung, indem man selbst interessiert arbeitet, seinen Leidenschaften nachgeht. Das bekommen die Kinder mit und finden selber ihren Weg.

LitArena ist ein Platz, ein Heft für Literaten unter 27 Jahren. Du widmest als Pädagoge Dich natürlich vermehrt dieser Altersgruppe und forderst und förderst diese. Deine zielgerichteten Fragen punkto ihrer Malintentionen, Farbwahl etc. lassen die Teilnehmer reflektieren und ….
Ich bin bestimmt motivierter bei jungen Menschen, weil sie ja noch alles vor sich haben und ich Interessen wecken kann – im Glücksfall.

Bei sogenannten „schönen“ Bildern gibst Du den Tipp – einmal ein sogen. „hässliches“ Bild zu malen.
Dabei meine ich eher, dass man bei der Wahl der Motive weniger gebunden ist, dies ist vergleichbar mit den Übungen, bei denen man das Motiv auf den Kopf sieht, damit man abstrakt sehen lernt. Wichtig ist, das Motiv nicht auf ein Podest zu stellen!

Ist wirklich „Malerei ist nichts anderes als Farbe und Staub“, wie Du sagst?
„The Medium is the Message“, ein Zitat von Marshall McLuhan. In meinem Fall hat die Malerei meine Inhalte geprägt.

Du führst persönliche Malstile in den historischen Kontext ein und stellst so vom Individuellen zum Großen den Bezug her ….
Ja.

Du bist für den Eklektizismus. Nur in der Malerei?
In allen Kunstsparten!

Wichtig ist für Dich Vielfalt, Veränderung …
Ja, ja, ja, klar!

Kann man es auf die Literatur umlegen, wenn Du meinst „der Zustand eines Bildes soll so sein, dass das Ende des Bildes wie Weitermalen gleichwohl möglich ist?“ Untermauert das die Aussage: Prozess statt Planung?
Der Prozess ist immer wichtig, unabhängig von einer Überarbeitung und Korrektur. Prozess findet immer statt und steht im Vordergrund!

Du malst ein Bild, ein Motiv ständig wieder neu. Die Übermalung ist ein wesentlicher Bestandteil. Ja!

Zu Deiner Arbeitshaltung: Möchtest Du eigentlich den flotten Zustand der ersten 10 Minuten stets wieder herstellen? Geht es Dir um Lockerheit? (Du behauptest Dich eine halbe Stunde zu konzentrieren, sind es nicht bloß 10 Minuten?)
Es geht mir um das Unvorbelastete und durchs Denken Unfiltrierte, ums reine Schauen und Handeln! Wie integrierst Du Dich in Deine Bilder? Durch Selbstprotraits! – grins, grins- Deine Positionierung in der Kunst? Prozess = Inhalt.

Und am Kunstmarkt? Durch die Ausschaltung der Mittelmänner und -frauen (Galeristen).

Dein Lieblingsmaler? Gibst nicht. Es gibt zu viele gute! Vielleicht, die Maler der Maler – Cezanne und Velazques und Vermeer - .

Was wolltest Du noch als Interviewfrage gestellt bekommen? Ich möchte wissen, was dein Lieblingsmaler ist.

Chagall!
Was! Das bin nicht ich??

 
Lebenslauf
Bogdan Pascu, Mag.art. 
1969 geboren in Bukarest, Rumänien 
seit 1985 lebt und arbeitet in Wien 
1991 - 1996 Studium der Malerei und Graphik 
an der Akademie der Bildenden Künste in Wien 
1996 Diplom für Malerei mit Auszeichnung 
seit 1992 Kinderbuchillustrationen, Storyboards, Bühnen- und Kostümbild für Film und Broadway-Musical, 
Musik-CD-Booklet-Gestaltung, Portraitaufträge 
seit 1996 Freischaffender Künstler, Schulprojekte (im Bereich Malerei), Schülerveranstaltungen, Lehrtätigkeit in 
privaten Kunstakademien (alle Altersgruppen) im In- und Ausland 
seit 1996 Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland 
 
Ausstellungen / Beteiligungen 
2014 „tools & coordinates“, Dunkle Kammer, Porgy&Bess, Wien 
2013 „Freiräume“, Yppenplatz 9, Wien 
2012 Aspöck/Pascu/Strobl, Rechtsanwalt Pajek, Wien 
2010 „Wien-München“, Galerie Fuhrmann, München 
2004 „künstler agieren“(anl. Fall Seibane Wague), mit W. Strobl, WUK, Wien 
2003 „Art-Innsbruck 7“, Kunstmesse, Galerie Unart, Innsbruck 
 
„pink gun“, mit Nina Maron, Galerie Unart, Villach 
„noch schöner“, Schloss Goldegg am See 
„South Korea – Austria“, im Palais Palffy, Wien, Beteiligung 
„puntea“, Rumänisches Kulturzentrum, Wien, Beteiligung 
 
2002 „Art-Innsbruck 6“, Kunstmesse, Galerie Unart, Innsbruck 
 
„romanian doing a stranger”, WUK, Wien, Beteiligung 
2001 „X3“, mit Gernot Grosz und Walter Strobl, WUK, Wien 
2000 „moving target“, Galerie Unart, Villach 
1998 „Kunst-Wien” - Kunstmesse, MAK, GaleriePlank, Wien 
 
Pascu / Hilger, GaleriePlank, Wien 
1997 “Go West”, WUK, Wien 
1996 „alle für alle & jeder gegen jeden”, Semperdepot, Wien 
 
„Offenes Atelier”, Semperdepot, Wien  mehr...

54/blind/Portrait: Gottfried Helnwein, das Phänomen

Gertraud Artner

Gottfried Helnwein, das Phänomen

Gottfried Helnwein ist ein äußerst populärer Maler, hierzulande vielleicht der populärste. Allein der enorme Besucherandrang bei der heurigen Retrospektive, die ihm von der Albertina anlässlich seines 65. Geburtstages in seiner Heimatstadt Wien ausgerichtet wurde, stellte seine hohe Bekanntheit/Beliebtheit unter Beweis. Das Echo in den Printmedien und im Fernsehen war gewaltig. Die Ausstellung selbst wurde in den höchsten Tönen gelobt, einfach überwältigend. 1)
Was für ein krasser Gegensatz zu den Anfängen in den frühen 70er Jahren mussten noch seine Präsentationen wegen heftiger Proteste abgebrochen werden. Unbekannte klebten Etiketten mit der Aufschrift „entartete Kunst“ auf Helnweins Bilder, einige Werke wurden sogar aufgrund ihres angeblich pornografischen Inhalts von der Gendarmerie beschlagnahmt. Helnwein war d e r Aufreger, der Schockmaler schlechthin. Als Rudolf Hausner seinen Lieblingsschüler an der Akademie für Bildende Künste als seinen Nachfolger für die Leitung der Meisterklasse für Malerei vorschlug, wurde dieses Ansinnen vom Rektor und einem großen Teil der Professorenschaft zurückgewiesen.


Gottfried Helnwein Selbstporträt ( BLACKOUT ), 1982 Christian Baha, Zürich © VBK, Wien, 2013

 


Zu dieser Zeit (1985) lief übrigens bereits die zweite Einzelausstellung des Künstlers in der Albertina.
Rückblickend stellt sich die Frage, was war das Besondere an Helnweins Bilder, das eine derart aggressive Empörung in der Öffentlichkeit auslöste, das „Volksempfinden“ so abgrundtief verletzte. Natürlich liegt es auch an seinem Grundthema Gewalt, noch dazu Gewalt (und das ist immer auch Missbrauch) an Kindern. Mit wenigen Ausnahmen sind es kleine Mädchen, die hier verletzt, verstümmelt, mit irgendwelchen Geräten malträtiert werden. Was das Schreckliche allerdings zur monströsen Bedrohung wachsen lässt, ist Helnweins handwerkliche Perfektion. Da gibt es für den Betrachter keine Ausflüchte in Richtung „Das ist mir zu abstrakt.“ oder „Der kann ja nix.“. Seine akribische Malweise, der fotografische Realismus fasziniert, zieht den Blick wie ein Magnet nahe ans Bild, um ihn dann umso härter und verstörender mit den Inhalten zu konfrontieren. Dieser Hyperrealismus ist unmissverständlich und hält den Generationen, die sich in die Verdrängung flüchten wollten, gnadenlos den Spiegel vor. Die mühsam aufgebaute Idylle von der heilen Familie, vom makellosen Schoß der Kirche bis hin zur Opferrolle Österreichs in der Nazidiktatur fällt angesichts Helnweins Bilder wie ein Kartenhaus zusammen. Es ist absolut bemerkenswert, dass der Künstler mit seinen erschütternden Kinderdarstellungen quasi intuitiv die heute geführte Debatte um Misshandlungen in Kinderheimen bereits vor vier Jahrzehnten thematisiert und vorwegnahm.

Dabei ging es Helnwein nie allein um Provokation, er wollte – wie er sagt – mit den Leuten in Dialog treten. Seine Bilder sollten nicht in exklusiven und musealen Galerien behütet werden, er suchte den Weg in die Massenmedien, die Zusammenarbeit mit Zeitungen und Magazinen. In seinen performativen Selbstinszenierungen ging Helnwein buchstäblich auf die Straße. Erste Aktionen im öffentlichen Raum Wiens fallen in die 70er Jahre. Mit bandagiertem Kopf, verbundenen Augen stellte/legte er sich auf den Asphalt („Hallo Dulder“ 1973, „Allzeit bereit“ 1976) – ein Versehrter, Kriegsversehrter, der die Reaktion der Passanten herausfordert. Die Selbstinszenierungen des gepeinigten Körpers rücken ihn scheinbar in die Nähe des Wiener Aktionismus, doch blieb Helnwein ein Einzelgänger, seinem spezifischen Anliegen verpflichtet.

Als Initialzündung seiner gesellschaftlichen Politisierung nennt er selbst den Holocaust und dessen jahrzehntelange Verdrängung. Als der renommierte österreichische Gerichtspsychiater Dr. Heinrich Gross über seine Tätigkeit in der Kinderklinik Am Spiegelgrund während der NS-Zeit in einem Interview 1979 meinte, die Kinder seien nicht durch Injektionen umgebracht worden, es sei ihnen lediglich Gift ins Essen gemischt worden, reagierte Helnwein umgehend. Er malte das Aquarell „Unwertes Leben“, brachte es im „profil“ zur Veröffentlichung und initiierte damit eine breite Diskussion über die Vergangenheit des NS-Arztes Dr. Gross.

Großes Aufsehen erregte Helnwein auch mit seiner Plakatinstallation „Neunter November Nacht“ 1988 in Köln. Zum 50jährigen Gedenken der Reichskristallnacht waren auf einer 100 Meter langen Bilderwand unter der Ankündigung „Selektion“ 17 Portraits von in Deutschland lebenden Kindern zu sehen. Entsetzen und Empörung unter der Bevölkerung waren die Folge, Vandalen schlitzten den Kinderportraits die Kehle durch.
Die Auseinandersetzung mit der NS-Ideologie zieht sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk. Wie Untote tauchen sie immer wieder auf, die Gespenster der Vergangenheit. Zuletzt 2013 in „Epiphanie (Anbetung der Könige 3)“, wo die christliche Ikonografie in einen nationalsozialistischen Kontext gestellt wird. Auch der Führer selbst kommt immer wieder ins Bild: Hitler mit kleinen Mädchen an der Hand (Ohne Titel,1988), Hitler mit Micky Mouse (Ohne Titel,2012). Der surrealistische Zugang Helnweins – die Verbindung von Gegensätzlichem- ist offensichtlich, wie auch später etwa in der Verbindung von Manga-Figuren und Kriegsfotografie.

Helnweins Malerei ist ohne Portraits undenkbar. Da gibt es die vielen Abbildungen seiner Kinder, meist Anna in der Opferrolle, die zahlreichen Selbstportraits mit bandagiertem Kopf und durch chirurgische Instrumente entstellt. Zum internationalen Durchbruch verhalf ihm das „Selbstprotrait als Schreiender, Geblendeter“, das 1982 als Titelbild des Zeit Magazins und im selben Jahr als Cover der LP „Blackout“ der deutschen Rockband Scorpions veröffentlicht wurde. Oft werden die Grenzen von Malerei und Fotografie überschritten/aufgelöst. Eine Fotoserie über Ikonen der Pop-Kultur manifestiert seine tiefe Affinität zur kulturellen Revolution der 60er Jahre. Demgegenüber sind die „48 Portraits“ als singuläres Ereignis einzustufen, zugleich aber ein faszinierendes Beispiel für Helnweins Begabung, Gesellschaftskritik und Marketing synergetisch zu verbinden.


© Foto: Gerhard Axmann


In einem Radiointerview hatte Alice Schwarzer die „48 Portraits“ (1971/72) von Gerhard Richter, überragende Gestalt und teuerster Maler der gegenwärtigen Kunstszene, kritisiert. Richter zeigte in der in Grautönen gehaltenen Bildergruppe 48 berühmte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kunst – ausschließlich Männer. Genau 20 Jahre später stellte Helnwein den Arbeiten von Richter seine eigenen „48 Portraits“ gegenüber. Es war eine reine Frauengruppe, in Rottönen gemalt. Die spannende Konfrontation von Richters und Helnweins Werk in der Galerie Rudolfinum in Prag kann als ein weiterer, kräftiger Karriereschub in Helnweins künstlerischer Laufbahn gewertet werden.

Nach Wien, Deutschland und Irland siedelt sich Helnwein 2002 samt Familie in Los Angeles an, wo er sich ein Atelier einrichtet. Er, der die Begegnung mit den Micky Maus-Comics als Kind wie eine Offenbarung gleich einem religiösem Erlebnis empfand und zum „Donaldisten“ wurde, lässt sich in der Heimat Carl Barks, dem genialen Zeichner und Erfinder der Donald Duck-Geschichten nieder. Zwar bleibt Helnwein bei seinem Grundthema der Gewalt, doch seine Bilder werden größer, wachsen durchdrungen von innerer Schönheit zu einer filmischen Monumentalität. Die Welthauptstadt des Films hinterlässt ihre Spuren, doch ändert die neue Umgebung nichts an Helnweins gesellschaftskritischen Anliegen. Seinen Wohnsitz in L.A. beschreibt der Künstler gern als einen Logenplatz, von dem er aus nächster Nähe die Destruktion, den Zerfall des herrschenden Systems verfolgen kann.
In „The Murmur of the Innocents“(2011) stattet er seine kindlichen Opfer mit miliärischen Uniformen und Waffen aus. Sie erinnern an jugendliche Amokläufer in US-amerikanischen Schulen und die maßlose Freizügigkeit amerikanischer Waffengesetze, aber auch an junge Selbstmord-Attentäter im Nahen Osten. In „The Disasters of War“ aus dem selben Jahr steht die Obszönität moderner Kriegsführung am Pranger, die – per Joystick ausgeführt - die Grenzen von Realität und Computerspielen auflöst.
Schon vor der Übersiedlung nach Amerika begann Helnwein sein Äußeres zu „verkleiden“, sich sozusagen als eigener Werbeträger seiner Bilder und seiner Botschaften zu präsentieren. Der verbundene Kopf und die sehbehinderten Augen wurden zu seinem Markenzeichen und sind mittlerweile fixer Bestandteil seines Auftretens in der Öffentlichkeit. Das weiße Verbandsmaterial von früher ersetzt er durch dunkelgraue Tücher, gebunden auf Piraten- oder Bikerart, dunkelgraue Brillen verhindern den Augenkontakt. Schwere Bikerringe und Kette in Silber zu ebenfalls grauschwarzem Anzug und Hemd komplettieren die Darstellung.
Es ist ein Rocker-Outfit, das an Helnweins jugendliches Ideal künstlerischer Existenz als „Mitglied der Rolling Stones“ erinnert. Die Ähnlichkeit zu Keith Richards ist wirklich frappant.
Fragen nach der Bedeutung seines Outfits wiegelt der sonst so eloquente Künstler mit einem lapidaren „Es gefällt mir einfach.“ ab. Umso lieber und mit großer Begeisterung spricht er über die kulturelle Revolution in den 60er Jahren, einer Eruption des Freiheitswillens, die sich in allem manifestiert und das Establishment in Panik versetzt habe. Dagegen führte der Weg neomarxistischer Ideologien dieser Zeit seiner Meinung nach in die Irre. „Aber im kulturellen Bereich war die Power, die wirklich etwas verändert hat..... Deshalb fürchten Diktatoren in erster Linie die Künstler und ihre revolutionäre Ästhetik, die alles penetrieren kann.“ 2) Die beispiellose, ja geradezu beängstigend erfolgreiche Vermarktung der Pop-Kultur scheint ihm nicht erwähnenswert.

So dezidiert Helnwein jegliche Gewalt ablehnt, so wenig kann er auch mit dem Begriff Macht etwas anfangen.Ihm geht es immer nur um Freiheit, das ist das höchste Gut. Auf die Niederungen der Politik will er sich eigentlich gar nicht einlassen. Dass er 2006 zum Ehrenbotschafter Niederösterreichs ernannt wurde und sogar im Personenkomitee für Erwin Pröll zu finden war, bereitet ihm aber keine Schwierigkeiten. Der Landeshauptmann sei ein großer Förderer der Künste, weiß er sich mit seinem Jugendfreund Manfred Deix, der ihn im lokalen Rahmen an Popularität noch übertrifft, einig.
Die schockierenden Bilder Helnweins haben nichts von ihrem Schrecken verloren. Dass sie heute anders aufgenommen werden als vor 40 Jahren, begründet sich in einer gesellschaftlichen Entwicklung, die gegenüber Machtmissbrauch sensibler geworden ist und dessen Verdrängung nicht mehr zulassen will. Eine Entwicklung, zu der der Maler einen eindrucksvollen Beitrag geleistet hat. Auch die begeisterte, teilweise enthusiastische Resonanz auf die große Helnwein-Retrospektive der Albertina weist in diese Richtung. Nach guter österreichischer Sitte könnte man den Künstler schon einmal als Anwärter für einen Orden vormerken. Vielleicht zum 70. Geburtstag?

1) Katalog zur Austellung: Gottfried Helnwein, Hg. Klaus Albrecht Schröder und Elsy Lahner, Albertina 2013
2) Gottfried Helnwein, Interview von David Bogner, Vice, Volume 7, Number 4


Gertraud Artner
Geb. 1948 in St. Pölten, Dr. phil., Akademie der Bildenden Künste (Meisterklasse Rudolf Hausner) und Soziologie an der Universität in Wien, Ausbildung zur Maltherapeutin, lebt in Wien und St.Pölten, in der Kunstvermittlung tätig.

Erschienen im etcetera Nr. 54 / blind / Dezember 2013 mehr...

54/blind/Portrait: Gottfried Helnwein, das Phänomen